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Mit seinen Bugholzstühlen revolutionierte Michael Thonet die Möbelherstellung

Gebogen und zerlegt in die ganze Welt verschickt



„Noch nie wurde Eleganteres und Besseres in der Konzeption, Exakteres in der Ausführung und Gebrauchstüchtigeres geschaffen“, lobte der Designer und Architekt Le Corbusier einst den bis heute über eine Million Mal verkauften Thonet-Stuhl Nr. 14, der als Inbegriff des Bugholzstuhls und als Prototyp moderner Massenmöbel gilt.


Er ist die Erfindung Michael Thonets (1796-1871), dem es gelang, in einer noch handwerklich geprägten Zeit produktionstechnische Verfahren zu entwickeln, mit deren Hilfe neue und einfache Möbelformen in hohen Stückzahlen realisiert werden konnten. Statt die industrielle Herstellung der Stühle zu kaschieren, machte er sie zum Prinzip der Formgebung und entwickelte das Bugholzverfahren, mit dessen Hilfe es möglich wurde, Buchenholzstäbe unter Dampfeinwirkung in geschwungene Formen zu biegen. In Dampfkammern mit mehr als 100 Grad Celsius Dampf behandelt, wurden die Stäbe mit der Hand in gusseiserne Biegeformen gelegt und anschließend bei etwa 70 Grad Celsius gut 20 Stunden getrocknet. Der Erfolg der Thonetstühle gründete auf mehreren Faktoren: Sie waren preisgünstig in der Herstellung, zweckmäßig im Gebrauch und konnten zerlegt in die ganze Welt verschickt werden.

Die Anfänge

Nach einer Schreinerlehre in seinem Geburtsort Boppard machte sich Michael Thonet 1819 mit einer eigenen Möbelschreinerei selbstständig. Gut zehn Jahre sollten vergehen, bis ihn der Wunsch, handwerkliche Sorgfalt mit neuen industriellen Möglichkeiten zu verbinden und neue, schlichte Möbel herzustellen, zum Experimentieren mit schichtverleimten Holz trieb. Die Versuche wurde 1836 mit dem Gelingen des ersten Thonet-Stuhls gekrönt. Ihm folgten in der Zeit bis 1840 zahlreiche Varianten mit und ohne Armlehnen. Zwischen 1840 und 1842 schaffte es Thonet, die bis dahin zehn Einzelteile des Sitzmöbels auf fünf zu reduzieren.

Auf Empfehlung des Fürsten Metternich kam Michael Thonet 1842 an den Hof nach Wien, wo er für das Palais Liechtenstein die dem Biedermeier zugerechneten „Liechtensteiner Stühle“ fertigte, denen dann der Sessel No. 1 für das Palais Schwarzenberg und der legendäre Sessel No. 4 für das Café Daum am Wiener Kohlmarkt folgte. Er bestimmt seither das Interieur der Kaffeehäuser weltweit.

1849 gründete Michael Thonet zusammen mit seinen fünf Söhnen eine eigene Bugholzmöbelfabrikation, die aufgrund des überwältigenden Erfolges, der unter anderem in der Kombinierbarkeit verschiedener Stuhlmodelle gründete, recht schnell wuchs. So konnten die Thonets 1853 bereits 42 Mitarbeiter beschäftigen. 1856 folgte die Firmengründung der Gebrüder Thonet in Koritschan, einer waldreichen Gegend Mährens im heutigen Tschechien, 1862 die Filiale in London, der weitere folgten. 1889 schließlich wurde mit der Fabrikgründung in Frankenberg der Firmenhauptsitz nach Hessen verlegt. Um die Jahrhundertwende beschäftigte Thonet 6000 Arbeiter, die mit 20 Dampfmaschinen jährlich 865.000 Stühle produzierten. Ein Viertel der Produktion machte allein das legendäre Modell „Nr. 14“ aus. Die gesamte Stuhlpalette umfasst mittlerweile 300 Stuhltypen.

Das 20. Jahrhundert

Neben den eigenen Modellen wurden in den folgenden Jahrzehnten Bugholzmöbel nach den Entwürfen Wiener Architekten wie Josef Hoffmann, Alfred Loos oder Marcel Kammerer hergestellt. Erweitert wurde die Produktpalette mit Stahlrohrmöbeln, die in Zusammenarbeit mit Walter Gropius, Marcel Breuer, Mart Stam und Mies van der Rohe entstanden.

Nach der Zerstörung der Produktionsstätten im Westen während des 2. Weltkriegs fiel in die 50er, 60er und 70er Jahre die Herstellung von Varianten älterer Modelle und die Zusammenarbeit mit Designern wie Joe Atkinson, Hanno von Gustedt und Pierre Paulin. Mit seinen Modellen „271“ und „276“ gelang Thonet mit Verner Panton die Auflage zweier moderner Klassiker. Die Designer Ulrich Böhme und Wulf Schneider kreierten mit dem modernen Klassiker „S 320“ 1984 eine Verbindung aus Bugholz und Stahlrohr, dem 1986 das „Programm 6000“ mit Sitzelementen aus quadratischen und rhombischen Grundformen folgte.

Zu den jüngeren Kreationen aus dem Hause Thonet zählt das „Sesselprogramm 3000“, das Christof Knierim 1990 aus gebogenem Stahlrohr, gebogenem Schichtholz und einem Latexpolster schuf. Darüber hinaus erlebten die Bugholzstühle „214“ und „215“, der Armlehnstuhl „247 P“ von Otto Wagner aus dem Jahre 1904, der Jugendstilstuhl „225 P“ und einige Bauhausklassiker in größtmöglicher Originaltreue Mitte der 90er Jahre eine Renaissance. Im Rahmen der Internationalen Kölner Möbelmesse Anfang diesen Jahres stellte Thonet erstmals die von Stararchitekt Norman Foster und seinen Partnern entworfene Produktfamilie „S 900“ vor. Sie baut auf der Basisversion eines Stuhles und eines Armlehnstuhles in den Materialien Kunststoff und Sperrholz in gepolsterter und ungepolsterter Variante auf und wird um Tische, Sessel und Sitzbänke ergänzt.

Das Museum Thonet

Einen guten Überblick über die Geschichte der Thonet-Möbel gibt das Museum Thonet. Viele Stücke konnten am Ort erworben oder eingetauscht werden, da die Fabrik seit 1889 in Frankenberg produziert. Georg Thonet, ein Urenkel des Gründers Michael Thonet, verschaffte der Sammlung den entscheidenden Aufschwung durch seine Leidenschaft, auch in entlegensten Ecken der Erde ein Thonet-Möbel zu finden und anzukaufen. Die Wiedereröffnung des Museum Thonet im Jahre 1989 erfolgte genau hundert Jahre nach der Gründung des Thonet-Werkes in Frankenberg.

Kontakt:

Museum Thonet

Michael-Thonet-Strasse 1

DE-35059 Frankenberg

Telefax:+49 (06451) 50 81 08

Telefon:+49 (06451) 50 80

E-Mail: rosita.meyer@thonet.de



16.08.2000

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Petra Jendryssek

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