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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Die Auswahl an Arbeiten auf Papier beim Berliner Versteigerer Bassenge ist wieder ansprechend und listet neben bekannten Namen attraktive Entdeckungen

Italienisches Gruseln



Théodore Géricault, Studie für „La Course des chevaux libres“, 1817

Théodore Géricault, Studie für „La Course des chevaux libres“, 1817

Théodore Géricault war ein Pferdenarr. Immer wieder hat er Rösser als Motive in seinen Bildern verarbeitet oder sie als Zeichen von ungebändigter Emotion und Stärke gar zum Thema gemacht. Als Géricault sich 1816/17 in Italien aufhielt und mehrere Monate davon in Rom weilte, zog ihn das traditionelle, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts nachweisbare Pferderennen während der Karnevalszeit magisch an. Bei „La Mossa“ wurden Dutzende ungestüme Araberhengste von ihren Stallknechten auf der Piazza del Popolo vorgeführt, bevor sie entlang der Via del Corso, der Hauptschlagader der Stadt, davonjagten – für den pferdebegeisterten Géricault eine einzigartige Quelle der Inspiration. Mehr als zwanzig Ölskizzen und etliche Zeichnungen fertigte er von dem reiterlosen Rennen an. Dazu gehört auch seine Kreidestudie mit einem energisch sich aufbäumenden Hengst und einem Knecht kurz vor dem Start, die Géricaults Geschick in der Ausarbeitung der Pferdeanatomie unterstreicht. Sie ist nun im Auktionshaus Bassenge für 35.000 Euro zu haben. Das Projekt für ein rund zehn Meter breites Ölgemälde zu „La Mossa“ konnte Géricault nicht vollenden; denn er starb schon 1824 in Paris jung an den Folgen eines Reitunfalls.


Über 300 Arbeiten auf Papier vom 16. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert hat der Berliner Versteigerer für seine Herbstrunde zusammengetragen. Bekannte Namen, wie François Boucher mit seiner Rötelzeichnung einer in den Wolken sitzenden, nach oben blickenden Frau (Taxe 12.000 EUR) oder Giovanni Battista Tiepolo mit seinem stehenden, an einen Felsblock gelehnten männlichen Akt um 1720 (Taxe 18.000 EUR), bereichern das Angebot, genauso wie qualitätvolle No Names, etwa der fantasievolle italienische Bühnenentwurf mit antiken Ruinen und einem Feldlager um 1700 (Taxe 1.200 EUR). Wer sich nicht an renommierten Künstlern orientiert, sondern auf der Suche nach dem Besonderen ist, wird etwa mit der feinen Federzeichnung einer Groteske aus Tieren, Vasen, Fackeln, Satyrn und anderen Fantasiewesen belohnt, die die Experten in den italienischen oder nordalpinen Kunstraum des 16. Jahrhunderts einordnen (Taxe 1.200 EUR).

Teurer wird es meist bei den Blättern, bei denen sich ein Urheber greifen lässt. So soll Giovanni Battista Bertanis Zwickelmotiv mit Weinstock, Bacchus und zwei Putten, das ihm um 1560 als Vorlage für die Ausmalung der Galleria dei Mesi im Palazzo Ducale in Mantua gedient hat, 8.000 Euro kosten. Noch etwas höher rangieren mit jeweils 12.000 Euro ein liegender männlicher Akt in Rückenansicht, den Lodovico Carracci um 1592 in seine „Geißelung Christi“ einbaute, oder Salvator Rosas ebenfalls mit Rötel gezeichnete Auffindung von Romulus und Remus um 1666. Mit Pietro Antonio Novellis charmantem kleinem Dudelsackpfeifer vor armseliger Holzhütte in virtuoser Schraffier- und Laviertechnik ist dann schon das italienische Rokoko erreicht (Taxe 3.000 EUR).

Auch bei der niederländischen Kunst ist die preisliche Spannbreite groß. Da gibt es zum einen den liebenswürdigen kleinen Jungen mit breitkrempigem Hut und einem Löffel im Topf, die auf die Person konzentrierte Genredarstellung eines Utrechter Meisters um 1620 in Rötel für 400 Euro, zum anderen Gerrit Battems detailreich ausformulierte Gouache einer Fels- und Flusslandschaft mit rauschendem Gebirgsbach, Burg und Mühle. Bei der im Vordergrund angesiedelten Wildschweinjagd hat es allerdings einen der Treiber schon erwischt (Taxe 15.000 EUR). Ein Vorbild hatte Battem in dem eine Generation älteren Kollegen Herman Saftleven, der eine seiner typischen imaginären Rheinlandschaften, diesmal bezeichnet „bei Boppard“ (Taxe 2.400 EUR), und eine noch erfindungsreichere felsige Flusslandschaft mit Anglern und einer Stadt auf der Anhöhe beisteuert (Taxe 5.000 EUR). Südlich inspiriert ist dagegen Nicolaes Berchems fein ausgeführte Campagna-Landschaft mit Schäferin und einem reitenden Hirten samt Herde (Taxe 6.000 EUR).

Gut bestückt ist die Auktion diesmal mit französischer Kunst des 18. Jahrhunderts, etwa mit einer zarten weiblichen Allegorie auf die Poesie von Charles-Joseph Natoire für 9.000 Euro oder Gabriel Jacques de Saint-Aubins Bildnis von Ludwig XVI. als Dauphin mit Reiterkleidung im Oval samt Herrschaftsinsignien und Kriegstrophäen um 1770 für 7.500 Euro. Ein weiterer Höhepunkt ist Jean-Antoine Watteaus Zeichnung eines jungen, nach unten blickenden Mannes in seiner bevorzugten trois crayons-Technik. Das wohl um 1715 in schwarzer, roter und weißer Kreide angelegte Brustbild, das Watteau in mehreren Gemälden übernommen hat, ist mit 35.000 Euro beziffert. Mit seinem eigenen Leben als Künstler beschäftigte sich Jean-Baptiste Siméon Chardin auf seinem lavierten Federblatt „Le dessinateur“, wobei der Zeichner in einem bescheiden ausgestatteten Zimmer arbeitet (Taxe 6.000 EUR).

Fast eine eigene Gruppe der Versteigerung stellen die Entwürfe zu Altargemälden vor allem süddeutscher Künstler dar. Johann Georg Bergmüllers Beitrag ist eine virtuos in rotbrauner Feder und grauer Lavierung angelegte Auferstehung Christi als Sieg über Hölle und Tod (Taxe 2.400 EUR). Die Hälfte sollen die noch suchende Studie mit der heiligen Sippe von Joseph Mages für den rechten Seitenaltar in der Zisterzienserinnenklosterkirche Oberschönenfeld von 1767, Johann Thomas Christian Wincks schnell schraffierte Verehrung Gottvaters durch Engel und Heilige oder Gottfried Bernhard Göz’ malerisch ausgeführter heiliger Franz Xaver beim Taufen einspielen. Johann Baptist Enderle wird die barock bewegte Apotheose eines Bischofs zugeschrieben, die mit ihrer kleinen Nebenszene einer Enthauptung auf den heiligen Dionysius hindeutet (Taxe 1.200 EUR).

Schon klassizistisch beruhigt und klar gegliedert ist die exakt gezeichnete und lavierte Darstellung der vielfigurigen Himmelfahrt und Krönung Mariens von Franz Caucig. Die treffsichere Linienführung hat der 1755 geborene Maler überzeugend auf monumentalem Format niedergelegt, ist die wohl zu Präsentationszecken gefertigte Zeichnung doch über 180 Zentimeter hoch (Taxe 6.000 EUR). Friedrich Heinrich Füger entführt derweil auf seinem Rötelblatt „Alexander und sein Arzt Philippus“ hochdramatisch in die Welt der griechischen Antike (Taxe 4.500 EUR), während Johann Christian Reinhart 1801 ganz unprätentiös eine umgestürzte Steineiche und Farnkraut im verwilderten Park der Villa Chigi in Ariccia sah (Taxe 9.000 EUR). Jeweils 4.000 Euro sind für Jakob Matthias Schmutzers typisch in Nahaufnahme gezeichnete Rötelbildnisse eines Mädchens mit offenem Haar und eines jungen Mannes mit breitkrempigem Hut vorgesehen.

Auch die Neueren Meister halten ausdrucksvolle Portraits bereit. Der Wiener Nazarener Josef von Führich verewigte um 1825/27 linienbetont das Antlitz seiner Mutter unter einer Spitzenhaube mit feinem Strich (Taxe 4.500 EUR). Eher mit einer atmosphärischen Note kopierte Ferdinand Piloty d.Ä. um 1813 für eine lithografische Adaption Josef Karl Stielers anmutiges Portrait der Prinzessin Amalie Auguste von Bayern (Taxe 8.000 EUR). Für Carl Blechens Radierung „Kloster im Wald“ liegt bei Bassenge ebenfalls die Entwurfszeichnung von 1823 vor, auf der sich die gotischen Klostergebäude majestätisch erheben und sich mit der Waldnatur einträchtig verbinden – ein Paradebeispiel der deutschen Romantik (Taxe 15.000 EUR). Einen realistischeren Zugriff verfolgt der Architekturmaler Friedrich Eibner auf seinem Aquarell mit dem Portal der gotischen Backsteinkirche S. Anastasia in Verona und dem vorgelagerten Grab des Guglielmo da Castelbarco.

Nach Italien zog es gleichfalls Carl Maria Nicolaus Hummel, der Mitte der 1840er Jahre seinen Blick über die Bucht von Marina Piccola auf Capri zum Monte Castiglione und Monte Solaro an einem diesigen Sommertag schweifen ließ (Taxe 2.800 EUR), ebenso Antonietta Brandeis, die auf ihrem Aquarell präzise die architektonischen Details im Innenhof des Palazzo del Bargello in Florenz beobachtete (Taxe 2.400 EUR). Für seine heute in der Münchner Pinakothek hängende „Prozession in Hofgastein“ legte Adolph von Menzel um 1879 die Kreidestudie des Priesters an, der am Fronleichnamstag die Monstranz unter dem Baldachin trägt (Taxe 9.000 EUR). Wenige Jahre jünger ist eine von antiker Kleidung angeregte Kostümstudie, die Gustave Moreau für die Figur des schönen Phaon aus Charles Gounods Oper „Sapho“ entwarf (Taxe 6.000 EUR). Noch einmal in die Fünfstelligkeit dringt mit 18.000 Euro Gustav Klimts flotte Skizze zu nackten, erlöst „Schwebenden“ für das Fakultätsbild der „Medizin“ vor (Taxe 18.000 EUR). Den Abschluss der Auktion bilden einige symbolistische Arbeiten, darunter ein dicht mit schwarzer Tusche gefülltes Blatt einer Traumlandschaft von Bethlehem des inzwischen zum Hauskünstler avancierten Hermann Wöhler (Taxe 1.800 EUR) und Ubaldo Cosimo Venezianis gruselige Allegorie des Todes von 1921 (Taxe 2.400 EUR).

Die Auktion „Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts“ beginnt am 27. November um 11 Uhr. Die Vorbesichtigung läuft bis zum 23. November täglich von 10 bis 18 Uhr, am 24. November von 10 bis 17 Uhr. Das Auktionshaus bittet wegen der Corona-Lage und den damit verbundenen Einschränkungen um vorherige Anmeldung. Der Internetkatalog ist unter www.bassenge.com abrufbar.

Kontakt:

Galerie Bassenge

Erdener Straße 5a

DE-14193 Berlin

Telefon:+49 (030) 893 80 290

Telefax:+49 (030) 891 80 25

E-Mail: info@bassenge.com



20.11.2020

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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