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Knieende(r), 1907/1908 / Ernst Barlach

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Merseburg zeigt modernes Bauen von Friedrich Zollinger

Friedrich Zollinger, Wohlfahrts- und Arbeitsamt der Stadt Merseburg, 1927

Frei von Traditionellem beginnen Avantgardisten unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg mit gewagten Experimenten und revolutionären Entwicklungen. Dabei bildete das Bauhaus den Nukleus im heutigen Sachsen-Anhalt. Doch dessen Prinzipien fanden im gesamten Land Verbreitung. Merseburg, die ehemalige Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen, kann mit außergewöhnlichen Varianten moderner Gestaltungsformen aufwarten. Im Mittelpunkt steht hier der Architekt Friedrich Zollinger. Der 1880 in Wiesbaden geborene Zollinger amtierte von 1918 bis 1930 als Stadtbaurat in Merseburg. In dieser Zeit sorgte er mit seinen progressiven Erfindungen überregional für Aufsehen. Noch heute ist Merseburg von dessen Wirken geprägt. Besonders das von ihm erfundene Bogendach bestimmt die Silhouette ganzer Stadtteile. Das Kulturhistorische Museum Schloss Merseburg widmet diesen Aspekten nun eine aufschlussreiche Doppelschau.

Mit der Erschließung der Braunkohlereviere ab 1908 und dem Aufbau chemischer Industrien im nahen Leuna ab 1916 ziehen zehntausende Berg- und Industriebarbeiter in die Gegend. Wohnraummangel beherrscht die beschauliche Verwaltungs- und Beamtenstadt mit ihrem seit dem Mittelalter historisch gewachsenen Stadtkern. Friedrich Zollinger entwarf einen Bebauungsplan, modernisierte die städtische Infrastruktur, gründete eine gemeinnützige Baugesellschaft und legte zehn Siedlungen an, so dass sich der Wohnungsbestand verdoppelte. Das von ihm entwickelte Schlackenbeton-Schüttverfahren aus einheitlichen Bauelementen mit wieder verwertbaren Schalungen und preiswerten Materialien wie Sand und Kies ermöglichte Fließbandfertigungen.

Auch die von ihm erfundene holzsparende Version des Zollinger-Lamellendachs hatte maßgeblichen Anteil an der Umsetzung seiner Pläne. Nur zwei Zentimeter starke, maschinell vorproduzierte Bretter könnten dabei ohne Gerüst auch im Selbstbau rautenförmig zu einer netzartigen Dachfläche aneinandergesetzt und verschraubt werden. Die wie ein umgekehrter Schiffsrumpf aussehenden, spitz-, rund- oder segmentförmigen Dachgewölbe verleihen bis heute nicht nur vielen Merseburger Wohnvierteln ihr Aussehen, sondern prägen auch das Erscheinungsbild vieler öffentlicher Bauten, Hallen und Kirchen.

Zollingers Gebäude wie etwa die 1929 entstandene Oberrealschule sind symmetrisch, ohne Dekor, schlicht und klar in der Form. Aber das Lamellendach verbindet einen eher traditionellen Duktus mit der Sprache des „Neuen Bauens“. Die Entwicklung des Holzleimbaus verdrängte doch schon bald Zollingers 1921 patentierte Dachkonstruktion. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte sie ein Comeback. Nach Ablehnung einer Vertragsverlängerung schied Friedrich Zollinger 1930 aus den Diensten der Stadt Merseburg aus und verunglückte 1945 während eines Luftangriffs bei Rosenheim tödlich.

Die Ausstellung „Das Dach der Moderne. Zollbau Merseburg“ ist bis zum 27. Oktober zu sehen, „Merseburg in der Weimarer Republik (1919-1933)“ bis zum 9. Februar 2020. Das Kulturhistorische Museum Schloss Merseburg hat täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet, ab 1. November täglich von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt beträgt 3,50 Euro, ermäßigt 2 Euro. Zur Dachausstellung wird ein Begleitband erscheinen, der die Ergebnisse einer Tagung dokumentiert.

Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg
Domplatz 9
D-06217 Merseburg

Telefon: +49 (0)3461 – 401 318
Telefax: +49 (0)3461 – 402 006

Quelle: Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Zollinger-Dächer in
 Merseburg: Wohnbauten und ehemaliges Arbeits- und Wohlfahrtsamt
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Modell eines rundbogigen Zollbau-Lamellendachs, 1925
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