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Magdeburg thematisiert die Entfaltung von Städten im Mittelalter. Mit der Errichtung rechtlicher, gewerblicher, religiöser oder politisch-institutioneller Strukturen blühten auch die Künste auf

Die Stadt als Keim autonomer Kunst



Thorner Passionstafel, Nördliche Niederlande, um 1480/90

Thorner Passionstafel, Nördliche Niederlande, um 1480/90

Was ist eine Stadt? Knapp auf den Punkt gebracht, lässt sie sich als Vielfalt in einer Einheit definieren. Innerhalb ummauerter Grenzen ballen sich zahllose Interessen, Regeln und Vorstellungen zusammen. Städte sind Bühnen der Gesellschaft, Schauplätze öffentlicher wie wirtschaftlicher Vorgänge, Orte einer Verdichtung von politisch-gesellschaftlichen Vorgängen und Konflikten. Als Motor von Entwicklungen erweisen sie sich bis in die Gegenwart als faszinierendes Erfolgsmodell: Bei steigender Tendenz lebt heute bereits mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten. Denn sie verkörpern Unabhängigkeit, Aufstiegsmöglichkeiten und das Versprechen eines Lebens in Frieden und Freiheit. Hinzu kommt die Funktion eines Katalysators für innovative und auch für künstlerische Entwicklungen.


Autonome Normensetzungen beförderten seit jeher das Siedlungsmodell Stadt. Weltweit brechen heute hier tagtäglich Veränderungen und Freiheitsbestrebungen auf. Auf all diese Vorstellungen stützt sich nun das Kunsthistorische Museum in Magdeburg und präsentiert in der breit aufgefächerten Ausstellung „Faszination Stadt. Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht“ die Entwicklungskraft von mittelalterlichen Gemeinwesen als Zentren von Handel, Gewerbe, Wissenschaft, Kunst und gesellschaftlichen Formungen.

Die ersten Städte entstanden im fünften Jahrtausend im Vorderen Orient. Zu Beginn des in zehn Abschnitten untergliederten Rundgangs mit 408 kunst- und kulturgeschichtlichen Objekten verweist darauf ein erstes Highlight: Die um 1.400 vor Christus entstandene Karte des antiken Nippur gilt als ältester erhaltener Stadtplan der Welt. Die Tontafel der sumerischen Stadt im heutigen Irak mit Beifügungen in Keilschrift verzeichnet erstaunlich genau den Verlauf der Mauern oder den Standort der Heiligtümer. Ab dem 3. Jahrhundert nach Christus geriet der Städtebau in eine Krise. Aber durch die Zunahme der Bevölkerung in Europa seit dem Mittelalter eroberte sich die urbane Lebensweise ihren Stellenwert zurück, Städte erlebten einen neuen Boom. Unabdingbar für das Zusammenleben waren Regeln und Rechte. Ihnen widmen sich die nachfolgenden Kapitel.

Rechte beruhten auf Gewohnheiten und mündlicher Überlieferung und waren bis zur Wende des 12. zum 13. Jahrhundert nicht schriftlich fixiert. Erstmals hielt der „Sachsenspiegel“ die Gewohnheitsrechte fest. Zwischen 1220 und 1235 schrieb im Harzvorland Eike von Repgow in lateinischer, dann in mitteldeutscher Sprache das Gewohnheitsrecht nieder. Heute sind vier Bilderhandschriften des berühmtesten und ältesten deutschen Rechtsbuchs erhalten. Nach über 25 Jahren vereint die Ausstellung alle wieder an einem Ort. Die um 1300 entstandene Heidelberger Abschrift gilt als älteste, die um 1370 geschriebene Wolfenbütteler als jüngste. Prachtvoll und hochwertig ausgestattet, kommentieren farbig illustrierte Bildleisten mit teils mehreren tausend Figuren die daneben schriftlich fixierten Regeln.

Im 805 erstmals erwähnten Handelsplatz Magdeburg an der Elbe entwickelte sich eine spezielle, die Macht sehr ausgewogen verteilende Stadtverfassung. Im östlichen Siedlungsraum wurde sie von über 1.000 Städten – von Leipzig bis Kiew, von Vilnius bis Hermannstadt – als Vorbild übernommen. Wie sehr sich die mittelalterliche Stadtgemeinde auch als Sakralgemeinde verstand, demonstriert eindrucksvoll die um 1485 in den Niederlanden entstandene großformatige „Thorner Passionstafel“, die die Leidens- und Auferstehungsgeschichte Jesu in ein städtisches Ambiente einbettet. Unter den zahlreichen Artefakten, die die Gerichtsbarkeit und Rechtsprechung illustrieren, verdient die um 1264 als Erstausstattung für die Gerichtslaube des Berliner Rathauses gefertigte Schöffenbank Beachtung. Mit ihren gedrechselten Lehnen und Pfosten gehört sie zu den wenigen erhaltenen hochmittelalterlichen Möbeln.

Ende des 12. Jahrhunderts etablierten sich im deutschsprachigen Raum die ersten städtischen Ratsversammlungen, an deren Spitze ein Bürgermeister stand. Zahlreiche Objekte machen auch in diesem Kapitel das Wechselspiel zwischen Entfaltung der Stadtpolitik und -verwaltung sowie der Künste deutlich. Unter den Möbeln brillieren vor allem ein thronartiger Kastenstuhl aus dem Rathaus im oberschlesischen Neisse mit prachtvoll verzierter Rückenlehne sowie spätgotischem Faltwerk, ein aus der selben Zeit stammender Kastentisch mit üppigen, farbig gefassten Schnitzereien aus dem Rathaus zu Bartfeld in der Slowakei oder die mit schweren Eisengurten gesicherte Stadtkasse aus dem ebenfalls slowakischen Sillein von 1495. Bei ihrer Vereidigung mussten im Rathaus von Tangermünde angehende Ratsherren drei Finger auf ein vergoldetes Schwurkästchen legen, was auf die sakrale Verankerung der Stadtherrschaft hinweist. Der Reliquienschrein von 1461 ist eine gotische Miniaturarchitektur mit Zinnenkranz und umseitig in Nischen stehenden Apostelfiguren. Nicht unerwähnt bleiben soll der silberne Hahn der Krakauer Schützenbruderschaft, eine vom Stadtrat gespendete Trophäe und Goldschmiedearbeit des Italieners Jacopo Caraglio.

Sakrale Werke legen dann die einst bestimmende Rolle von Religion und Kirche in Bildung, Pfarrzwang und Grundversorgung von der Taufe bis zum Begräbnis dar, bevor Handel und Wirtschaft in den Fokus rücken. Die immense Bedeutung des Bergbaus hinsichtlich der Verfügbarkeit von Edelmetallen, darauf fußend der Geldwirtschaft und der städtischen Warenproduktion führt eindrucksvoll die prachtvoll gestaltete Kette eines Bergrichters aus den Jahren um 1480 vor Augen.

Mit dem Wachstum der Städte entwickelten diese einen neues Standesbewusstsein. Sichtbarstes Zeichen sind noch heute die vorwiegend auf Marktplätzen östlicher Städte stehenden Rolandsfiguren als Symbole der Gerichtsbarkeit, Selbstverwaltung und Freiheit. Neben Adel und Geistlichkeit etablierte sich zunehmend der Bürger als starker Akteur, was sich in der Kunst in der neuen Gattung des bürgerlichen Porträts niederschlug. Dazu zählen die in Buchsbaum geschnitzten Reliefs des Krakauer Goldschmieds Grzegorz Przybylo und seiner Frau Katarzyna aus dem Jahr 1534, deren kostbare Gewandung mit Pelzbesatz ihren Aufstieg verkörpert. Auch die Möbel aus repräsentativen Wohnausstattungen demonstrieren den Stolz des gehobenen Bürgertums. Zum Schluss veranschaulichen Exponate die enge Vernetzung von Städten. Letzter Höhepunkt ist die teilvergoldete Goslarer Bergkanne aus dem Jahr 1477. Mit ihrem reichen Figurenschmuck gehört die von einem filigranen Baldachin bekrönte Kanne zu den bedeutendsten Werken mittelalterlicher Goldschmiedekunst. Sie macht noch einmal eindrucksvoll auf das enge Zusammenwirken von städtisch-gesellschaftlichen Entwicklungen und den Künsten aufmerksam.

Die Ausstellung „Faszination Stadt. Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht“ ist bis zum 2. Februar 2020 zu sehen. Das Kulturhistorische Museum Magdeburg hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Geschlossen bliebt an Heiligabend, 1. Weihnachtstag und Silvester. Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt 12 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er kostenlos. Zur Ausstellung ist ein opulenter, 808 Seiten starker Katalog im Sandstein Verlag erschienen, der im Museum 28 Euro kostet. Ein Kurzführer ist für 8 Euro erhältlich, ein wissenschaftlicher Begleitband für 28 Euro.

Kontakt:

Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Otto-von-Guericke-Straße 68-73

DE-39104 Magdeburg

Telefon:+49 (0391) 540 35 30

Telefax:+49 (0391) 540 35 10

E-Mail: museen@magdeburg.de



02.09.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


01.09.2019, Faszination Stadt. Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht

Bei:


Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Stilrichtung:


Gotik

Stilrichtung:


Renaissance

Stilrichtung:


Romanik

Bericht:


Im Schnittpunkt deutscher Geschichte

Bericht:


Im Strudel der Bauhaus-Zeit

Variabilder:

Stadtkasse von Sillein, Sillein, 15. Jahrhundert
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Variabilder:

Johannes von Bartfeld, Kastentisch aus dem Rathaus zu Bartfeld, um
 1511
Johannes von Bartfeld, Kastentisch aus dem Rathaus zu Bartfeld, um 1511







Stadtkasse von Sillein, Sillein, 15. Jahrhundert

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Johannes von Bartfeld, Kastentisch aus dem Rathaus zu Bartfeld, um 1511

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Spätgotischer Holzsessel aus dem Rathaus in Neisse, Neisse/Nysa, 15. oder 16. Jahrhundert

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Reliefs des Krakauer Goldschmieds Grzegorz Przybylo und seiner Frau Katarzyna, 1534

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Amtskette eines Bergrichters, wohl Böhmen, um 1480

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Wolfenbütteler Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, Obersachsen/Raum Meißen, drittes Viertel 14. Jahrhundert

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Schwurkästchen, Tangermünde, 1461

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Schöffenbank, Berlin, um 1264/70

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Oldenburger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, Kloster Rastede, 1336

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Plan des antiken Nippur, Nippur (Südirak), um 1400 v. Chr.

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Heidelberger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, Ostmitteldeutschland, frühes 14. Jahrhundert

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Hahn der Krakauer Schützenbruderschaft, 1564/1565

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