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Erweiterungsbau, schnelle Rotation und andere frische Konzepte: Das New Yorker Museum of Modern Art erfindet sich ab Oktober neu. MoMA-Direktor Glenn D. Lowry und sein Team stellten jetzt in Berlin die Planungen für die Zukunft vor

Den weißen Kerlen etwas Ruhe gönnen



Das sanierte Treppenhaus des Museum of Modern Art mit Oskar Schlemmers „Bauhaustreppe“ von 1932

Das sanierte Treppenhaus des Museum of Modern Art mit Oskar Schlemmers „Bauhaustreppe“ von 1932

Wer das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) vor seiner temporären Auszeit noch einmal im alten Zustand besuchen möchte, der muss sich beeilen. Am 15. Juni schließt die 1929 von Alfred H. Barr Jr. gegründete Mutter aller Museen mit zeitgenössischer Kunst für 116 Tage, um dann am 21. Oktober mit rund 3.700 Quadratmeter zusätzlicher Ausstellungsfläche und einem runderneuerten Ausstellungs- und Vermittlungskonzept wiederzueröffnen. MoMA-Direktor Glenn D. Lowry, Chef-Kurator Christophe Cherix und Wendy Woon, die stellvertretende Leiterin der an diesem Haus besonders wichtigen Museumspädagogik, stellten jetzt in Berlin die Pläne für den Neubau und die zukünftige Ausrichtung des Hauses vor. Und die ist durchaus revolutionär.


Lowry und sein Team haben fünf Jahre intensiver Planungen und Diskussionen hinter sich. Was sie jetzt der Öffentlichkeit vorgelegt haben, dürfte richtungweisend für andere Häuser rund um den Globus sein. Das MoMA hat den Mut, seine bisherige Ausstellungspraxis, die weitgehend einer Kanonisierung bestimmter Provenienzen, Medien und Künstlerbewegungen gleichkommt, radikal in Frage zu stellen. Über die Jahre habe man den Anschluss an aktuelle Entwicklungen verloren. Die Präsentation der Sammlung sei zu linear und eindimensional geworden, so Lowry und Cherix. Eine rigorose Aufteilung nur nach einzelnen Medien wie Malerei oder Skulptur entspreche eher dem Zeitgeist der 1970er und 1980er Jahre.

In Zukunft wird es also verstärkt multidisziplinäre und medienübergreifende Ausstellungen geben. Gemälde, Fotografien, Filme, Objekte, Design, Architekturmodelle und Sounds einer Epoche sollen stärker kontextualisiert, Querverbindungen etwa zwischen Film und Architektur präziser kuratorisch herausgearbeitet werden. Experimentellere Kunstformen wie Performance und sogar die Ästhetik von Computerspielen wollen die Verantwortlichen ebenfalls vermehrt berücksichtigen. Zudem soll im Sinne einer sogenannten „Quick Rotation“ jedes halbe Jahr ein Drittel der Exponate ausgetauscht werden, so dass es alle anderthalb Jahre zu einer vollkommen neuen Sammlungspräsentation kommt. Lediglich 15 bis 20 Hauptwerke aus der Sammlung, darunter etwa der Publikumsliebling, „Sternennacht“ von Vincent van Gogh, aber sicherlich auch Werke von Pablo Picasso, Paul Gauguin, Henri Matisse, Andy Warhol oder Roy Lichtenstein werden permanent zu sehen sein.

Mit dieser beschleunigten Rotation, die auch dafür sorgen soll, dass mehr Werke von Künstlerinnen, Farbigen, Latinos und Künstlern mit asiatischem Background in den Vordergrund rücken, reagiert das Museum allerdings auch auf externe Kritik an seiner über viele Jahrzehnte eurozentrisch ausgerichteten Auffassung von Kunstgeschichte. Holland Cotter, Pulitzer-Preisträger und einflussreicher Kunstkritiker der New York Times, schrieb im April 2017 in einer Besprechung der Ausstellung „Making Space: Women Artists and Postwar Abstraction“: „Es ist an der Zeit, den weißen Kerlen etwas Ruhe zu gönnen. Sie sehen müde aus. Und der Zeitpunkt dafür ist jetzt sehr günstig. Das MoMA erweitert sich; und die einzige moralische Rechtfertigung dafür besteht für mich darin, endlich einmal Kunst zu zeigen, die vorher nicht zu sehen war, und auf diese Weise an einer breiter aufgestellten, wahrhaftigeren Erzählung mitzuschreiben, die es dann vielleicht wirklich verdient, als ‚großartig‘ bezeichnet zu werden.“

Was die inhaltliche Ausrichtung angeht, scheint man Holland Cotters Kritik ernst zu nehmen. Doch wie sieht das neue architektonische Konzept aus? Das MoMA öffnet sich gegenüber seiner städtischen Umgebung in Midtown Manhattan. Viele Räume, darunter der bei New Yorkern und bei Besuchern so beliebte MoMA-Shop, werden in Zukunft vom Bürgersteig aus einsehbar sein. Aber auch die neuen Museumsräume lassen Blicke nach draußen zu. Diese sogenannten „City Windows“ sind allerdings nur eines der zahlreichen neuen Features, die die Pläne des auf Kulturbauten in aller Welt spezialisierten New Yorker Architekturbüros Diller Scofidio + Renfro kennzeichnen. Das Büro realisierte in den letzten Jahren unter anderem die New Yorker „High Line“, eine Parkanlage auf einer ehemaligen Güterzug-Trasse im Westen Manhattans, und „The Broad“, ein privates Sammlermuseum in Los Angeles. Der jüngste Coup des Architektentrios ist aber „The Shed“, das erst im April eröffnete, spektakuläre neue New Yorker Kulturzentrum direkt am Hudson.

Doch zurück zum MoMA: Mehr Sitzmöglichkeiten in der Lobby sollen dort die Aufenthaltsqualität entscheidend erhöhen und auch Nachbarn und Passanten zum Verweilen und Reden über Kunst einladen. Mit dem neuen „Marie-Josée and Henry Kravis Studio“, einem der Performance und verwandten Kunstformen gewidmeten Raum mit doppelter Deckenhöhe, trägt das MoMA in Zukunft auch der Entwicklung Rechnung, dass das Medium Performance aus dem Ausstellungsbetrieb nicht mehr wegzudenken ist. Mit der ebenfalls neu geschaffenen „Paula and James Crown Platform“ auf der vom Foyer einsehbaren zweiten Etage will das MoMA einen neuen Ort für Austausch und experimentelle Vermittlungsformen schaffen. Hier sollen Museumsbesucher zum Beispiel unter Anleitung Zeichnen üben können und damit zu einer heruntergebremsten Wahrnehmung ihrer Umwelt angeregt werden. Darüberhinaus sollen Gesprächspartner aus den verschiedenen Abteilungen des Hauses, aber auch Künstler, Experten oder Aktivisten von außerhalb ihren Auftritt haben und das Publikum zum Mitmachen, Experimentieren und Debattieren anregen.

Drei bis vier besondere Angebote pro Tag sind neben dem regulären Programm geplant. Klassische Ausstellungsführungen und Audiotouren werde es zwar weiterhin geben, so Wendy Woon. Aber: „Das Leben ist so vielfältig. Es gefällt den Leuten, wenn sie sich auf ganz verschiedene Art und Weise ausdrücken können.“ Doch „Education at MoMA“ findet nicht nur direkt vor Ort statt. Mehr als 630.000 Menschen rund um den Globus nehmen jedes Jahr an den vom MoMA kostenlos angebotenen Online-Kursen teil. Besonderen Wert legt das Haus auch auf integrative Programme für Kinder und Jugendliche, Senioren, Blinde, anderweitig körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen oder Alzheimer-Patienten. Gefördert werden all diese Aktivitäten übrigens von Volkswagen of America.

Eine schnelle Rotation der Sammlungsbestände, mehr Kunst von Frauen, eine stärkere ethnische Diversität der vorgestellten Künstler und ein exzellentes museumspädagogisches Programm, dazu mehr Transparenz und weniger Abschottung nach draußen. Es tut sich also einiges am MoMA, was durchaus auch Vorbildcharakter für die deutsche Museumslandschaft haben könnte. Der innovationsfreudige Glenn D. Lowry, Jahrgang 1952, der seinen Vertrag gerade bis 2025 verlängert hat, ist aber Realist genug, um die aktuellen Erneuerungspläne nicht absolut zu setzen: „Eines ist uns aber klar: Was wir heute machen, wird sicherlich von anderen Kuratoren in zehn Jahren wieder ganz anders gehandhabt werden.“

Eröffnungsausstellungen ab 21. Oktober:

„Sur moderno: Journeys of Abstraction – The Patricia Phelps de Cisneros Gift“ Ausstellung mit lateinamerikanischer Kunst aus Brasilien, Venezuela, Argentinien und Uruguay

„member: Pope.L, 1978-2001“ – Performances, Videos, Objekte und Installationen des multidisziplinär arbeitenden afro-amerikanischen Künstlers William Pope.L, Jahrgang 1955

„Betye Saar: The Legends of Black Girls Window“ – Arbeiten der Assemblage-Künstlerin, Feministin und Black Power-Aktivistin Betye Saar, Jahrgang 1926

Kontakt:

Museum of Modern Art

11 West 53rd Street

US-10019 New York

Telefon:+1 (212) 708 94 00

E-Mail: info@moma.org



29.05.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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