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Lenbachhaus restituiert Zeichnungen von Alfred Kubin

Alfred Kubin, Die Todesstunde, 1900

Gestern hat das Lenbachhaus in München 16 Zeichnungen Alfred Kubins an die Erben von Maximilian und Hertha Morgenstern zurückgegeben. Bei der eigenen Provenienzforschung stellte sich heraus, dass die Blätter dem jüdischen, in Wien lebenden Ehepaar wegen der Verfolgung durch die Nazis entzogen worden waren. Maximilian Morgenstern war ein der wichtigsten Sammler von Alfred Kubin. Beide kannten sich seit circa 1911/14 und waren bis zu Morgensterns Tod 1946 freundschaftlich verbunden. Ins Lenbachhaus kamen die Blätter über den 1983 verstorbenen Hamburger Apotheker und Sammler Kurt Otte.

Im Juni 1938, drei Monate nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich, erklärte Hertha Morgenstern in ihrem Brief an Otte, dass sie Zeichnungen von Kubin verkaufen wolle. Ihr Mann war zu diesem Zeitpunkt nicht in Wien. Otte hatte früher bereits Interesse an den Blättern bekundet. Der Besitzerwechsel geschah nur wenige Wochen vor dem Inkrafttreten der zwangsweisen „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ und sollte wohl eine spätere Beschlagnahmung verhindern. Das Paar Morgenstern musste bereits die drückend hohe „Reichsfluchtsteuer“ zahlen, die den zur Emigration gezwungenen Personen auferlegt wurde.

Otte erhielt im Juni 44 Zeichnungen Kubins zur Ansicht per Post zugeschickt und wählte 20 davon aus. Der Apotheker bot Hertha Morgenstern 30 Reichsmark pro Blatt an. In Hertha Morgensterns „Vermögensanmeldung“ vom 14. Juli 1938 wurden andere, nicht näher bezeichnete Zeichnungen von Kubin allerdings mit je 75 Reichsmark bewertet. Generell erfolgte der Verkauf zu einem Zeitpunkt, als eine freie Verfügung über den Kaufpreis nahezu ausgeschlossen war. Wenige Wochen später schrieb Maximilian Morgenstern an Kurt Otte, dass er die Blätter gar nicht hatte veräußern wollen und dass er bedauere, dass seine Sammlung nun zerrissen sei. Unklar bleibt, was mit den restlichen 24 Zeichnungen geschah. Dem Ehepaar Morgenstern gelang 1939 die Flucht nach Großbritannien.

Von 1971 an hatte das Lenbachhaus Ottes Kubin-Archiv erworben. Kurt Otte hatte das Archiv seit den frühen 1920er Jahren in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler aufgebaut. Es enthält neben Arbeiten auf Papier auch Tagebücher, Briefe, Fotografien und Tonbänder von und über Alfred Kubin sowie Grafiken anderer Künstler. Teil dieser Sammlung waren auch die 16 restituierten Zeichnungen. Der Verbleib der vier weiteren von Kurt Otte aus der Sammlung Morgenstern ausgewählten Zeichnungen Kubins ist unbekannt. Sie wurden nicht an das Lenbachhaus weitergegeben. Insgesamt galt die Provenienz der Objekte des Kubin-Archivs zum Zeitpunkt des Erwerbs als unbedenklich. Mit den Nachkommen des Ehepaars Morgenstern konnte nun eine faire und gerechte Lösung im Sinne der Washingtoner Prinzipien gefunden und die 16 Kunstwerke restituiert werden.


16.05.2019

Quelle: Kunstmarkt.com/S. Hoffmann

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