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Ohne Titel, 1993 / Fred Thieler

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Aktuellzum Archiv:Museumsportrait

In seiner umfassenden Neupräsentation der Bestände verfolgt das Wiener Leopold Museum den künstlerischen Weg in die Moderne und ihr Umfeld von 1870 bis 1930

Zwischen imperialem Salon und modernem Sozialstaat



in der neuen Dauerpräsentation „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“

in der neuen Dauerpräsentation „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“

Von inbrünstiger Würde beseelt blickt der Malerfürst hoch über den Eintretenden hinweg. Der Bildhauer Viktor Tilgner interpretierte 1885 den Malerkollegen Hans Makart mit wallender Haarpracht, Rauschebart und ausgreifend drapiertem Gewand. Vorbei am strengen Blick des Kaisers Franz Joseph I., illustriert 1908 von Koloman Moser für eine Jubiläumsbriefmarke, führt der Parcours in einen Salon mit dunkelroten Samtvorhängen und flauschigem Teppich. Die Gründerzeit entfaltet sich mit voller Wucht. Anselm Feuerbach, der Neuromantiker und Opponent Makarts an der Wiener Akademie, lässt hier in einem großformatigen Gemälde die Sagengestalt Medea im düsteren Ambiente aufleben.


Nach dem effektvollen Auftakt erschüttern Risse die schwere Gesetztheit und das Pathos. Medardo Rossos sockellose Plastik „Dame mit Schleier“ wächst seltsam flüchtig, fließend und ohne Konturen heran. Dann hellt sich plötzlich die Kunst auf. In verschwenderischer Farbenpracht erstrahlen Sträuße eines Blumenmarktes, festgehalten durch Theodor von Hörmann im Jahr 1889. Gustave Courbet oder Max Liebermann widmen sich Landschaften mit stillen Gewässern, Wäldern oder Gehöften in realistischer Manier. Die Schwere heroischer Kulissen und die akademische Düsternis scheinen wie weggeblasen zugunsten realitätsnaher lebensbejahender Sujets. Und schon findet man sich unmerklich im Sog der folgenschweren Umbruchzeit zwischen 1870 und 1930 wieder.

So beginnt die neue Dauerpräsentation im Wiener Leopold Museum. Überschrieben ist sie mit „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“ und will einen Einblick in die enorme Fülle und Vielfalt künstlerischer wie geistiger Errungenschaften dieser Epoche mit all ihren kulturellen, sozialen, politischen und wissenschaftlichen Implikationen geben. Im Nukleus steht die zentraleuropäische Gründerzeitmetropole Wien. Immense Neubauvorhaben bildeten damals die Kulisse für das Historienspektakel eines erstarrten Systems. Gewaltige Interessenskonflikte in dem national aufgesplitterten, multireligiösen Kaiserreich paarten sich mit steigender Armut, miserablen Arbeitsverhältnissen, Antisemitismus oder anwachsender Migration. Zugleich entstand eine erregte Phase künstlerischer und geistiger Hochblüte. In einer isolierten Subkultur lösten sich Intellektuelle von vorherrschenden moralischen, politischen und künstlerischen Vorstellungen. Der Zusammenhalt der „Geistesmenschen“ bewirkte einen Energieschub hin zu neuen Konzepten in allen Disziplinen. Seismografisch reagierten so die Künste auf politische und soziologische Befindlichkeiten der Zeit.

Dazu hat das Leopold Museum nun die stolze Anzahl von 1300 Exponaten versammelt. 80 Prozent stammen aus der Sammlung des Ehepaares Leopold, was ihren einzigartigen Rang verdeutlicht. Dem Fluidum in Wien um 1900 wird besonders der interdisziplinäre Ansatz gerecht: Neben Hunderten von Bildern und Skulpturen bereichern Artefakte aus der Musik, dem Tanz, dem Theater, dem Kunstgewerbe, der Architektur, der Fotografie sowie Hunderte Archivalien die Auswahl, die teils weit über die Kunst hinausgeht und das Lebensgefühl der Epoche einfängt.

Der Kurator und Museumsdirektor Hans-Peter Wipplinger bändigte findig die Wucht der vielen Exponate mit einer Gestaltung, die inhaltliche Substanz und formales Erleben in eine mustergültige Balance gebracht hat. Abwechselnd Themen und Personen gewidmete, von einprägsamen Inszenierungen durchzogene Säle rufen einzelne Etappen der Epoche auf. Hervorzuheben ist der dialektische Kniff, Objekte vor perspektivisch genau austarierten Großfotos zu platzieren, so dass der Betrachter meint, er stünde mitten im Geschehen.

Stimmig mit Architekturmodellen arrangiert, überführt die Auswahl weg vom Schnörkel des Historismus hin zum glatten, feinsinnigen Schliff. Zeitgenössische Fotos und originale Möbel – etwa aus dem legendären Cabaret Fledermaus von Josef Hoffmann, Adolf Loos’ Café Museum, dem von Koloman Moser entworfenen Sanatorium Purkersdorf, Otto Wagners Stadtbahnensembles samt Mobiliar seines Chefzeichners Joseph Maria Olbrich – verdeutlichen den Weg hin zur reduzierten Formensprache im Geist eines Gesamtkunstwerks, dessen Ursprung hier und nicht erst im Bauhaus zu suchen ist. Viele Disziplinen greifen hier ineinander: Dialogisch eingesetzte Gemälde unterstreichen die Entwicklung weg von der Gegenständlichkeit. Selbst die Musik verließ das Korsett der Harmonie, wie Koloman Moser schon 1902 in dem Holzschnitt „Tanz“ mit einem von Walzerrhythmen befreiten Ausdruckshopser offenlegte.

Speziell die Gründung der Secession im Jahr 1897 markierte eine kulturpolitische Zäsur. Das Leben vollends mit der Kunst zu durchdringen, stand im Zentrum ihres gesellschaftsbildenden Modells. Für ihre Ausstellungen im rasch errichteten eigenen Haus warb die Secession mit selbst gestalteten, Empörung weckenden Plakaten. Straßen wurden so zu Galerien des kleinen Mannes. Oft gab es gravierende Verwerfungen, wie im Falle der vom Hauptprovokateur Gustav Klimt um 1900 konzipierten Bilder für die Aula der Universität, denen Wipplinger ein separates Kabinett gewidmet hat. Um Teile seines Ateliers versammeln sich viele seiner Gemälde, darunter die Allegorie „Tod und Leben“ als eines seiner Hauptwerke. Extravagante kräftige Farbklänge durchziehen seine Landschaften und Frauenporträts, bevor sich ab 1915 eine blockhafte Reduzierung bei Klimts Naturschilderungen abzeichnet.

Beiseite gestellt sind Varianten von Reformkleidern, entworfen von seiner Muse Emilie Flöge. Sie fußen ebenso auf den Bestrebungen, alle Lebensbereiche auszugestalten, wie die 1903 nach Vorbildern der englischen Arts & Crafts-Bewegung initiierte Gründung der Wiener Werkstätte. Deren Erzeugnisse aus Gebrauchsgrafiken, Glasvasen, Gold-, Silber- oder Metallprodukten umgeben in einem Themensaal den Besucher in geballter Formation. Leuchtendes Kolorit und die von geometrischen Mustern bestimmten Varianten lassen die vielen grazilen Objekte mit ihren kantigen Formen zu einem Fest für das Auge werden.

Analog dem Fundus der Sammlung Leopold schließen sich Werke maßgeblicher Protagonisten der Malerei an. Lange unentdeckt blieb der Wiener Richard Gerstl. Unter seinen ausdrucksstarken, pointillistisch und zunehmend expressiv gehaltenen Gemälden besticht die 1908 entstandene Selbstinszenierung als Akt, was seinerzeit ein absoluter Tabubruch war. Gerstl gehörte zum Kreis um den Komponisten Arnold Schönberg, dessen bildkünstlerisches Schaffen in der neuen Präsentation entdeckt werden kann. Dann entfaltet sich das besonders poetische Œuvre Egon Schieles. Seine schmerzenden gestischen Verrenkungen wie beim 1910 gemalten sitzenden Männerakt führen die Torsi von Auguste Rodin weiter. Im Gegensatz zum übrigen Europa besticht die Wiener Malerei kompositorisch durch eine gefühlsbetonte, zu Verzerrungen neigende Bildsprache, um, fußend auf dem Barock, dem Jugendstil und dem Prager Kubismus, die körperliche und seelische Verletztheit des Menschen ins Visier zu nehmen.

1918 bricht das Reich zusammen. Klimt, Schiele, Moser und Wagner sterben. Krieg wird zum Thema der Kunst. Symptomatisch beherrscht Anton Hanaks wie eine Flammensäule konzipierter „Brennender Mensch“ mittig einen der letzten Säle. Mit angespannten Muskeln und erhobenen Armen sinkt er in die Knie und wird kongenial von Bronzen Ernst Barlachs begleitet. In der problembelasteten Zwischenkriegszeit flüchteten Künstler oft in märchenhafte, verspielte Sujets – zeitlos, traumhaft, melancholisch. Einen erheiternden Blick auf die dominierende Rolle der 1932 liquidierten Wiener Werkstätte werfen glasierte Keramikbüsten von Vally Wieselthier und Gudrun Baudisch aus den 1920er Jahren, bevor die Schau zur Neuen Sachlichkeit, zum Magischen Realismus und Kinetismus übergeht. Exemplarisch stehen Gemälde von Rudolf Wacker mit ihrem scharfkantig-linearen Duktus sowie puristischer, phantastisch-surrealer Grundstimmung für die Sehnsucht nach Ordnung und Ruhe.

Die Präsentation endet mit Peter Weibels Videoinstallation „Die Vertreibung der Vernunft“ von 1993, einer Chronik von 2500 Vertriebenen und Geflüchteten. Im Faschismus wurde die Moderne verdrängt. Zu Zeiten des Eisernen Vorhanges war Wien an den Rand gerückt. Nach dessen Fall bietet sich für die Stadt die Chance, erneut vorbildhaft in Europa zu wirken und Unterschiede und wechselseitige Anerkennung zu würdigen. Das sind eben jene Elemente, die Europa generell ausmachen. Mögen die um 1900 in Wien entfachten Funken ins Heute überspringen.

Das Leopold Museum hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 10 Euro. Ende Juni wird ein umfangreicher Katalog zur neuen Dauerausstellung „Wien 1900. Aufbruch in die Moderne“ erscheinen, der im Museumsshop 49,90 Euro kostet.

Kontakt:

Leopold Museum

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 700

Telefax:+43 (01) 525 701 500

E-Mail: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org



05.04.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Gustav Klimt, Ver Sacrum. Theseus und Minotaurus, 1898

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