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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Bei der Silberauktion zum Jahresabschluss des Dorotheums in Wien wählten die Sammler genau aus. Nicht nur die russischen Offerten punkteten häufig und sorgten für Überraschungen

Sinnlich dekadent



Junges Paar, Frankreich, um 1910

Junges Paar, Frankreich, um 1910

Wie im Schweben ist das „Junge Paar“ in einer mit „Moreau“ beschrifteten vollplastischen Silberskulptur begriffen. Die Körper der beiden Figuren biegen sich durch ihren bewegten Schwung nach vorn, während das Kleid der Schönheit in weitem Bogen nach hinten fliegt und die Köpfe der Liebenden rahmt. Nackt hält der junge Mann seine davonstrebende Angebetete im Arm und blickt zaghaft zu ihr hoch, während sie sich ihm selbstbewusst zuwendet. Immerhin 20,5 Kilogramm Silber bringt die sinnliche Skulptur auf die Waage und besticht nicht nur durch ihre Dynamik, sondern ebenso durch ihren Glanz. Für diese Arbeit des französischen Art Nouveau auf einem Marmorsockel sollten laut den Experten des Dorotheums 18.000 bis 24.000 Euro fällig werden. Das Publikum erlag jedoch schnell den Reizen der Liebenden und schoss im Bietergefecht 12.000 Euro über diese Schätzung hinaus. Letztlich konnte der Wiener Versteigerer nicht nur durch dieses Werk das vergangene Jahr mit seiner Silberauktion zufrieden ausklingen lassen. Insgesamt fast 1,2 Millionen Euro Bruttoumsatz spülten die zu 55,5 Prozent abgegebenen Offerten in die Kassen des Dorotheums. Anteil daran hatte die breit gefächerte Auswahl an qualitätvollen Objekten verschiedener Länder, Stile sowie Epochen, die wenige Sammlerwünsche offen ließ, wodurch kaum höherpreisige Hauptstücke liegenblieben.


Europäische Handwerkstradition

Aus Frankreich stammte nicht nur die Skulptur, sondern ebenfalls einiges an Tafelware. Ein zehnteiliges neobarockes Pariser Service mit Platten, Terrinen und Saucieren zwischen 1838 und 1919, dessen profilierte Ränder ein Hauptelement derer Dekoration bilden, fand für 7.000 Euro einen neuen Besitzer (Taxe 7.000 bis 10.000 EUR). Figürlich gestaltet sind zwei Etageren der Maison Odiot aus derselben Zeit. Die zwei übereinanderliegenden Glasschalen trägt je eine antikisierende Frau, die zwischen vom Fuß zum Schaft verlaufenden Ranken sitzt. Taxkonforme 8.000 Euro waren auch dafür fällig. Kleinteiliger präsentierte sich eine Pariser Toilettengarnitur des Empire mit insgesamt über fünfzig Teilen von Pierre-Noël Blaquière. In einer edlen Holzkassette lassen sich unter anderem eine Schokoladenkanne, ein Handkerzenleuchter, Becken und diverse Flakons von 1809/19 verstauen, die es zusammen letztlich auf 12.000 Euro brachten (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Das benachbarte England steuerte ein Paar vierflammige Kandelaber für 12.000 Euro bei, das die Londoner Firma Edward Barnard & Sons um 1880 neoklassizistisch mit klaren Linien sowie je einem Jüngling, der das Leuchterteil trägt, formte (Taxe 12.000 bis 15.000 EUR).

Im für seine Silberschmiedetradition bekannten Augsburg schuf Christoph Friedrich Winter 1751/53 eine Toilettengarnitur, die er jedoch weniger praktisch verstaubar und mobil als die spätere französische Version plante. Prunkvoll fein getriebener Rocaillendekor überzieht die 15 Teile mit Innenvergoldung, die schon bei 22.000 Euro abwanderten (Taxe 24.000 bis 28.000 EUR). Schlichter ist das Paar Augsburger Deckelterrinen von Johann Jakob Hermann Grabe für Karl I. Graf Zichy-Vásonykeö von 1793/95. Wappen an den bauchigen Gefäße mit umlaufenden Lorbeerband zeugen vom Auftraggeber, der unter anderem als Förderer Mozarts und Innenminister Ungarns bekannt war. Das geschichtsträchtige Los kam auf die unteren anvisierten 12.000 Euro. Die lange und frühe Meisterschaft der bayerischen Stadt bewies der Augsburger Deckelpokal von Hans Weienmayr II. um 1610/12, den ein Holzfäller über den Schaft eines plastischen Baumstamms zu besteigen versucht. Ein Sammler war bereit, dafür 8.000 Euro zu zahlen (Taxe 8.000 bis 14.000 EUR). Eines der ältesten Offerten war der schlichte spätgotische Kelch mit Patene aus Österreich oder Süddeutschland um 1500 mit einem dem Zeitstil entsprechendem Rankenband am Fuß und Schmucksteinen am Nodus, der auf den gleichen Preis anzog (Taxe 5.000 bis 7.000 EUR).

Sprunghaftes südländisches Silber

Zwei Malteser Stücke interessierten das Publikum besonders. Unbekannte Wappengravuren zieren eine teils vergoldete Ecuelle mit zwei Rocaillehenkeln und Zapfenknauf am Deckel. Während die Experten für die kleine Schale von 1741/73, die mit ihrer Ausgeglichenheit zwischen reichem Ornament und glatter Silberfläche überzeugte, mit 4.000 bis 6.000 Euro rechneten, schoss sie im Bietergefecht auf hohe 16.000 Euro. Im Zentrum der noch älteren Malteser Kredenz um 1721/36 prangt ein fein graviertes Wappen. Marcello Madiona stattete die feine Platte mit einem grodroniertem Rand aus, der sich am Fuß wieder findet. Die Offerte kletterte auf ungeahnte 15.000 Euro (Taxe 3.000 bis 6.000 EUR). Dass sich die südländische Silberschmiedekunst eine lange Tradition hat, legt eine italienische Tafelaufsatzgarnitur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahe. Wohl der Neapolitaner Luigi Avolio lässt die Schalen von detailreich vollplastisch ausgearbeiteten Meereswesen tragen. Die fünf Teile spielten ihrer Kunstfertigkeit gemäße 18.000 Euro ein (Taxe 18.000 bis 28.000 EUR).

Das Mailänder Haus Buccellati vertrieb im Italien Werke, die häufig in der Tierwelt und der Natur ihre Inspiration fanden. 1919 gründete Mario Buccellati sein Unternehmen, das zunächst Niederlassungen in Mailand, Rom und Florenz unterhielt, bevor es nach dem Zweiten Weltkrieg schnell bis nach Amerika expandierte. Im Dorotheum bekam die Traditionsmarke nun besondere Aufmerksamkeit. Ein Schimpanse, der auf einem Amethystsockel sitzt und nachdenklich den Kopf aufstützt, bestach durch seinen Naturalismus: Das Fell des Primaten ist aus feinen Silberdrähten geformt und verlockte einen Sammler, das Doppelte der höheren erhofften 5.000 Euro auszugeben. Ein Serviettenhalter, dessen muschelförmige Schale zwei Delphine mit verschlungenen Flossen halten, löste noch größere Begeisterung aus und schaffte den Sprung von 2.000 Euro auf überraschende 7.500 Euro. Kaum enden wollte das Bietgefecht um ein Paar zweiflammige Kerzenleuchter, die in gleicher Art aus den Meerwesen aufgebaut sind. Geschwungen erheben die zwei getrennt voneinander auf einer Sockelplatte angebrachten Delphine synchron ihre Flossen und tragen die Vasentüllen. Erst bei 6.500 Euro fiel der Hammer (Taxe 600 bis 1.000 EUR).

Große Namen aus St. Petersburg

Mit einem Bruttoumsatz von 482.000 Euro der insgesamt 1,2 Millionen Euro bewies die Rubrik „Russisches Silber, Ikonen und Kunsthandwerk“ am 13. Dezember ihre Stärke innerhalb der Silberauktion. Prominente Hersteller aus St. Petersburg wie beispielsweise Fabergé erfreuten sich dabei großer Beliebtheit. Für die Fürsten Naryshkin fertigten Stephen Wäkevä und Julius Rappoport zwischen 1899 und 1909 in dieser Manufaktur ein Teeservice aus elf Teilen inklusive Heißwasserkessel und Brenner. Die adelswürdige Offerte mit ihren neoklassizistischen Blattwerk- und Bänderornamenten brachte 40.000 Euro ein (Taxe 28.000 bis 38.000 EUR). Etwa zur gleichen Zeit entstanden bei Andrej Bragin zwei vierflammige Kandelaber aus weit geschwungenen und ausgreifenden vegetabilen Ornamenten, die mit ihrer luxuriösen Neorokoko-Pracht 19.000 Euro rechtfertigten (Taxe 16.000 bis 24.000 EUR). Zwei Gläserkühler, die ebenfalls mit Blattwerk verziert sind und einen tief geschweiften Rand haben, entwarf Carl Johann Tegelsten 1840/43 für das Tafelservice der Großfürstin Olga Nikolajewna von Russland, Königin von Württemberg. Mit 24.000 Euro trafen sie die Mitte ihrer Erwartung. Für zwei mit mehr Dekor ausgestattete Deckelkassetten Tegelstens aus dem Jahr 1849 auf gleicher Stilhöhe endeten die Gebote bei 14.000 Euro (Taxe 12.000 bis 18.000 EUR).

Ein von Alexander Tillander ausgeführter kleiner Porträtrahmen, der geschmackvoll mit einer Goldmontierung über dunkelrotem Email aufwartet, beinhaltet das Miniaturbildnis Königs George V. von Großbritannien. Das kleine Prunkstück von 1910 stieg schnell auf 26.000 Euro (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Ein vergoldeter Deckelhumpen der Firma Pawel Fedorowitsch Sasikow aus dem Jahr 1870, den ein plastisches Eichhörnchen bekrönt, begeisterte ähnlich stark. 20.000 Euro forderte der glänzende Prunkbecher mit teils zum Ornament stilisierten Blattdekor (Taxe 5.000 bis 8.000 EUR). Günstiger lag ein etwas jüngerer historistischer St. Petersburger Deckelhumpen von 1895 mit dem Meisterzeichen IM. Seine reliefierte Landsknechtsszene im Zusammenspiel mit einer Gussmedaille Zar Peters des Großen auf dem Deckel war trotzdem für ungeahnte 11.000 Euro zu haben (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Genauso tief mussten die Sammler für ein viel kleineres Objekt in die Tasche greifen. Eine goldene, mit Diamanten besetzte Brosche der Jahre 1899/1908 in Gestalt des kaiserlich russischen Doppeladlers samt Miniaturei aus Jaspis mit einem Monogramm und Großfürstenkrone erregte diesen Kaufwillen der Anwesenden (Taxe 1.000 bis 2.000 EUR). Die feingliedrige kaiserlich russische Gedenknadel von Alfred Thielemann oder Alexander Tillander führte dieselbe Motivik für hohe 10.000 Euro fort (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR).

Moskauer Ikonen

Schnell überzeugte eine charmante kleine Ikone mit der Gottesmutter „Unerwartete Freude“, für die der Moskauer Hoflieferanten Pawel Owtschinnikow 1891 das Cloisonné-Email-Oklad schuf. Das beinahe quadratische Bildwerk im Taschenformat forderte das Doppelte der gewünschten 4.000 Euro. Der gleiche Preis kam auch für eine Darstellung des heiligen Alexander Newski von 1894 zusammen, der fast vollständig hinter dem Oklad des Meisters AMM verschwindet (Taxe 8.000 bis 10.000 EUR). Genauso taxkonform honorierten die Sammler die Ikone des heiligen Johannes des Täufers, deren Oklad einer stilisierten Landschaft Dimitrij Orlow 1862 fertigte. In Moskau fanden sich religiöse Thematiken auch im profanen Umfeld, wie ein Deckelhumpen mit dem Meisterzeichen FI von 1769 für letztlich 11.000 Euro beweist. Dieser ist rundum mit Szenen aus der Jakobslegende fein graviert und an der um die Bildfelder liegenden Wandung vergoldet (Taxe 9.000 bis 12.000 EUR). Biblische Bezüge griff zudem der dortige Meister WSS 1747 bei seinem Deckelhumpen mit der Darstellung des Verlorenen Sohns für 7.500 Euro auf (Taxe 6.000 bis 9.000 EUR).

Alle Preise verstehen sich als Zuschläge ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Dorotheum

Dorotheergasse 17

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 515 60 0

Telefax:+43 (01) 515 60 443

E-Mail: client.services@dorotheum.at



01.03.2019

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jan Soldin

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