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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Mit dem Museum Folkwang in Essen widmet sich erstmals ein deutsches Haus dem Magischen Realismus der 1920er Jahre in Italien

Trügerische Glätte



Ubaldo Oppi, Ritratto della moglie sullo sfondo di Venezia, 1921

Ubaldo Oppi, Ritratto della moglie sullo sfondo di Venezia, 1921

Als im Jahr 1921 Ubaldo Oppi seine gerade geehelichte Frau Adele Leone, genannt „Dehly“, porträtierte, war ihm sicherlich nicht bewusst, dass er eine der Ikonen des Magischen Realismus schuf. Wie eine byzantinische Königin im petrolblauen Samt des Abendkleides gewandet, blickt die aufrecht vor einer Brüstung stehende Dame mit beherrschendem Augenspiel den Betrachter an. Hinter ihr eröffnet sich die Perspektive auf die venezianische Klosterinsel San Giorgio Maggiore. Einerseits hebt sich das Kleid von den hellen Konventsbauten ab, andererseits scheint es fast mit dem dunklen blaugrünen Wasser und dem blaugrauen Himmel eins zu werden. Der monochromen Farbstimmung steht die chirurgische Präzision der in eisiges Licht getauchten Details der alles in den Bann ziehenden Figur gegenüber, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Wie ein Schleier legt sich Unruhe über die Komposition. Großartig und zugleich distanziert gemalt, gibt sie Rätsel auf. Eine neue Zeit ist angebrochen, doch die Nachwehen des Vorangegangenen wirken subtil hinein. Gelängte Formen von Hals, Gesicht und Händen deuten letzte Zuckungen des Expressionismus an, der von einer diffusen, unaufgelösten Melancholie überstimmt wird.


Nach dem Ersten Weltkrieg etablieren sich in Deutschland und Italien, inspiriert von dem Werk Henri Rousseaus, künstlerische Bestrebungen, das Essentielle in die Malerei zurückzubringen. Der deutsche Kunsthistoriker Franz Roh führte um 1923 den Begriff des „Magischen Realismus“ in den Fachdiskurs ein und untermauerte ihn 1925 durch eine theoretische Schrift. Da Magie nie zugleich realistisch sein kann, ist die Wendung eigentlich ein Widerspruch in sich. Mit dem Begriff versuchte er, eine rätselhafte Atmosphäre zu beschreiben, in der die Dinge in der Schwebe bleiben: „Mit ‚magisch‘ im Gegensatz zu ‚mystisch‘ sollte angedeutet sein, dass das Geheimnis nicht in die dargestellte Welt eingeht, sondern sich hinter ihr zurückhält.“

In Deutschland festigte sich zeitgleich in Anlehnung an eine Ausstellung in Mannheim die Bezeichnung „Neue Sachlichkeit“. Im Gegensatz zur italienischen Variante wurden hier Technik, Industrialisierung und Großstädte thematisiert, verbunden mit offener, teils bissiger Kritik, die in Italien völlig fehlte. Als dritte große Strömung zwischen Neuer Sachlichkeit und Magischem Realismus bildete sich in Frankreich der Surrealismus aus.

Erstmals widmet sich mit dem Essener Museum Folkwang ein deutsches Institut dem Magischen Realismus in einer großen Übersichtsschau aus 83 Gemälden von 34 Künstlern. Dabei versinnbildlicht Ubaldo Oppis „Ritratto della moglie sullo sfondo di Venezia“ emblematisch die herausragenden Charakteristika der von individuellen Wegen geprägten Bewegung. Abgesehen von einigen Blumen-, Architektur- und Landschaftsgemälden, trifft man in der Ausstellung vor allem auf Menschen. Kühl, starr, geheimnisvoll, ohne Erzähldrang und teils mit Anklängen an Alte Meister verschmelzen Kleidungen mit dem Hintergrund wie beim virtuosen Selbstporträt von Mario Lannes aus den beginnenden 1930er Jahren. Der graue Kittel des mit eindringlichem Blick schauenden Malers geht in das Kolorit der Wand über und entfaltet ein merkwürdiges Spiel. Ein Gemälde mit einer leeren See und dessen Rahmen fassen den Maler gleich zweifach ein.

Hier wie auch auf dem eingangs erwähnten Bild wird ein weiteres Hauptmotiv der Ausstellung präsentiert: die Draperie. Stoffe betonen das Kulissenhafte und überführen das Reale in das Artifizielle. Verhüllte Körper werden meist selbst zur Draperie. Wiederkehrende Merkmale sind zudem verschlossene Augenlieder oder nach unten gerichtete Blicke wie bei Cagnaccio di San Pietros „Frau mit Kind“. Gerade die Mutterschaft ist ein fortwährendes Thema bei den Italienern, genauso wie die Familie oder das einfache Leben. Andere Figuren sehen mit traurigen leeren Augen aus dem Bild heraus. Geradezu archaisch muten in Antonio Donghis „Wäscherinnen“ um 1922/23 die beiden statischen, im rechten Winkel zueinander stehenden Frauen an. In dem frühen Meisterwerk des Malers erscheint die Alltagssituation wie ein erstarrtes, in jedem Detail ausformuliertes Geschehen.

Regungslos sitzen die beiden Alten in Cagnaccio di San Pietros Glanzstück „Der Abend (Der Rosenkranz)“ von 1932 beim Gebet. Hier wie auch in Achille Funis Porträt des Architekten Mario Chiattone aus dem Jahr 1924 kommt das atmosphärische Vakuum hinzu. Vor einer weit nach hinten gerückten Baustelle hantiert der Baumeister mit Zirkel und Bleistift auf einem leeren Blatt Papier, rätselhaft zwischen Vordergründigkeit und Abgründigkeit pendelnd. Zu den ausdrucksvollsten Motiven gehört das großformatige, um 1927/28 von Felice Casorati geschaffene Werk „Die Schüler“. Mit befremdlichem Gesichtsausdruck stehen fünf wie Erwachsene wirkende Kinder vereinzelt vor einem Tisch neben ihrer fast ängstlichen Lehrerin. Die Unheimlichkeit der Szenerie verstärken die dem Betrachter entgegenkippende Tischplatte und der abfallende Fußboden. Dagegen betonen mathematische Formeln auf der Tafel und im aufgeschlagenen Lehrbuch das Rationale. Bücher im Allgemeinen sind ein beliebtes Sujet, zumeist in geheimnisvoll geschlossem Zustand. Auch stumme Musikinstrumente unterstreichen oft das Rätselhafte.

Giorgio de Chirico bereichert mit stiller, aber absurder Eleganz die Auswahl der Architekturbilder. Zusammen mit Carlo Carrà begründete er 1917 die „Pittura metafisica“. Schon ab 1910 entsteht seine Serie der „Piazze d’Italia“. Menschenleere Plätze rahmt Giorgio de Chirico mit zentralperspektivisch organisierten Arkadengängen samt eingestellten Statuen. Mit seinem „Oktoberfest“, das auf ein fernes klassisches Zeitalter anspielt und mystische Assoziationen weckt, trat er 1924 erstmals auf der Biennale von Venedig auf. Harlekine treiben das Spiel zwischen unheimlichen Masken und Verkleidungen, zwischen Ver- und Enthüllung weiter bis hin zu den fleischigen, teils an Gliederpuppen angelehnten Aktdarstellungen.

Zum Schluss treibt es Cagnaccio di San Pietro auf die Spitze. Schmerzhaft verdrehte Frauenkörper strecken sich dem Publikum entgegen. Mattes Inkarnat, hyperrealistische Linienführung, kaltes Licht setzen die verstörenden Akte verdeckter käuflicher Liebe und damit den Sittenverfall unter dem faschistischen Regime in Szene. Fast schon brutal illustriert er 1928 im Gemälde „Zoologie“ die erotische Beziehung zwischen Mann und Frau. Neben dem Paar liegt das Buch „Zoologia“, Verfasser sind Adam und Eva. Das Manifest faschistischer Wandmalerei, das Margherita Sarfatti, Mussolinis Geliebte, im Jahr 1933 veröffentlichte, und die allgemeine Verbreitung des Surrealismus in Europa setzten dem Magischen Realismus in Italien ein Ende.

Die Ausstellung „Unheimlich Real. Italienische Malerei der 1920er Jahre“ ist noch bis zum 13. Januar 2019 zu besichtigen. Das Museum Folkwang hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags und freitags bis 20 Uhr geöffnet. Geschlossen bliebt an Heiligabend, am 1. Weihnachtsfeiertag und an Silvester. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 32 Euro, im Buchhandel 39,99 Euro.

Kontakt:

Museum Folkwang

Museumsplatz 1

DE-45128 Essen

Telefon:+49 (0201) 88 45 444

Telefax:+49 (0201) 88 45 330



31.12.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


28.09.2018, Unheimlich Real. Italienische Malerei der 1920er Jahre

Bei:


Museum Folkwang

Stilrichtung:


Magischer Realismus

Variabilder:

Cagnaccio di San Pietro, Donna con bambino (Materintà I), 1927/29
Cagnaccio di San Pietro, Donna con bambino (Materintà I), 1927/29

Variabilder:

Cagnaccio di San Pietro, La sera (Il rosario), 1932
Cagnaccio di San Pietro, La sera (Il rosario), 1932

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Cagnaccio di San Pietro, Primo denaro (Erster Verdienst), 1928
Cagnaccio di San Pietro, Primo denaro (Erster Verdienst), 1928

Variabilder:

Cagnaccio di San Pietro, Zoologia, 1928
Cagnaccio di San Pietro, Zoologia, 1928

Variabilder:

Ubaldo Oppi, Ritratto della moglie sullo sfondo di Venezia, 1921
Ubaldo Oppi, Ritratto della moglie sullo sfondo di Venezia, 1921

Künstler:

Carlo Carrà







Cagnaccio di San Pietro, Donna con bambino (Materintà I), 1927/29

Cagnaccio di San Pietro, Donna con bambino (Materintà I), 1927/29

Cagnaccio di San Pietro, La sera (Il rosario), 1932

Cagnaccio di San Pietro, La sera (Il rosario), 1932

Cagnaccio di San Pietro, Primo denaro (Erster Verdienst), 1928

Cagnaccio di San Pietro, Primo denaro (Erster Verdienst), 1928

Cagnaccio di San Pietro, Zoologia, 1928

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