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Wilhelm Laage in Reutlingen

Wilhelm Laage, Sommers Abschied von der Heide, 1908

Das Spendhaus in Reutlingen hat den 150. Geburtstag von Wilhelm Laage zum Anlass für seine aktuelle Ausstellung genommen. In der Retrospektive „… seine Zeit wird kommen“ sind der umfangreiche Sammlungsbestand des Hauses sowie zahlreiche Leihgaben des an 16. Mai 1868 geborenen Malers und Holzschneiders zu sehen. Laage ist besonders bekannt für seine zwischen den 1890er und 1920er Jahren geschaffenen, expressionistischen Holzschnitte. Er gilt als einer der ersten deutschen Künstler, der das Hochdruckverfahren nicht als bloßes Reproduktionsmittel angesehen, sondern dessen künstlerischen Wert wiederbelebt hat.

Ab 1898 kreierte Laage parallel zu Edvard Munch ausdrucksstarke kraftvolle Werke, wobei der Druckträger Holz sich als ideal herausstellte. Die Holzmaserung der Platte und aufgerissenen, rauen Strukturen verliehen der Darstellung zusätzliche Spannung. Diese Technik eigneten sich später auch die Künstler der Brücke an. „Der Dorfbrand“ ist beispielhaft für die symbolisch aufgeladenen Szenen in Laages Frühwerk. Der 1898 entstandene Holzschnitt zeigt wirbelnde Fratzen mit aufgerissenen Augen und spitzen Zähnen. Aufgebauscht schweben sie in der Luft und spucken ihre Feuerstrahlen auf die Bevölkerung nieder. Abgeschuftet und geplagt kämpfen die Arbeiter gegen die lodernden Flammen an, um das kaum mehr sichtbare Dorf vom Brand zu retten. Die Personifizierung der Flammen, die alles verschlingen, vermittelt dem Betrachter ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Wilhelm Laage experimentierte auch mit anderen Darstellungsformen. Sein „Steg am Meer“ von 1901 erinnert an einen japanischen Holzschnitt. Im Querformat und in Farbe ausgeführt, stehen auf einer Brücke oberhalb des Meeres kleine Figürchen. Ihre Angelleinen halten sie ins Wasser, über ihnen fliegen zwei Möwen. Während Laage das Meer im Vordergrund plastisch und detailliert ausgearbeitet hat, verschmilzt es im Hintergrund mit dem Himmel zu einer einheitlichen blauen Fläche, was typisch für den japanischen Holzschnitt ist. Nur durch ein Schiff, das sich vom Steg entfernt, kann man den Horizont erahnen.

Wilhelm Laage, geboren in Stellingen bei Hamburg als Sohn eines Friedhofgärtners, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Beharrlichkeit und Förderer ermöglichten den Besuch der Gewerbeschule in Hamburg während der frühen 1890er Jahre. Anschließend studierte er von 1893 bis 1899 an der Kunstakademie in Karlsruhe unter anderem bei Leopold von Kalckreuth, danach in Stuttgart an der Königlichen Kunsthochschule. 1900 lebte Laage für ein Jahr in Paris, wo ihn die Werke Vincent van Goghs prägten, die er in einer Ausstellung in der Galerie Bernheim sah. Nach seiner Rückkehr heiratete er seine Kommilitonin, die Reutlinger Fabrikantentochter Hedwig Kurtz. 1907 zog das Paar zog nach Betzingen bei Reutlingen. Wilhelm Laage stellte gemeinsam mit Wassily Kandinsky in der ersten Grafik-Ausstellung der Künstlergruppe Brücke 1906 in Dresden aus. 1914 erhielt er den Villa Romana-Preis und die Staatsmedaille auf der Internationalen Graphik-Ausstellung in Leipzig. Ab 1924 fokussierte er sich aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nur noch auf die Malerei. Sechs Jahre später starb Laage bei den Vorbereitungen einer Ausstellung in Ulm.

Die Ausstellung „… seine Zeit wird kommen – Wilhelm Laage. Retrospektive“ läuft bis zum 6. Januar 2019. Das Spendhaus hat täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr sowie sonn- und feiertags bis 18 Uhr geöffnet. An Heiligabend und Silvester bleibt das Haus geschlossen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 200 Farbabbildungen für 28 Euro.

Kunstmuseum Reutlingen – Spendhaus
Spendhausstraße 4
D-72764 Reutlingen

Telefon: +49 (0)7121 – 303 23 22
Telefax: +49 (0)7121 – 303 27 06

Quelle: Kunstmarkt.com/Katja Hock

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