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Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Ein Sammlerleben für ein neues Museum: Bernd Schultz, der ehemalige Chef von Grisebach in Berlin, veräußert seine umfangreiche Grafiksammlung zugunsten eines Exilmuseums

Abschied und Neuanfang



Martin Drolling, Der Sohn des Künstlers, lesend, um 1800

Martin Drolling, Der Sohn des Künstlers, lesend, um 1800

Als Bernd Schultz im November 2016 ankündigte, sich aus dem aktiven Arbeitsleben beim Berliner Auktionshaus Grisebach zurückzuziehen, hatte er schon gut 50 Jahre den deutschen Kunsthandel entscheidend geprägt. Nach einer Banklehre und dem Studium der Betriebswirtschaft, Kunstgeschichte und Germanistik trat er 1965 in die renommierte Berliner Galerie Pels-Leusden ein, gründete 1986 von hier aus die Villa Grisebach und führte sie an die Spitze der Auktionslandschaft in Deutschland. Dass die Arbeit mit der Kunst auch in eine Liebe zur Kunst mündet, ja sogar die Voraussetzung ist, zeigt heute die umfangreiche Kunstsammlung des 76jährigen. 1958 erwarb Bernd Schultz sein erstes Blatt, ein Portrait von Thomas Mann aus der Hand Marino Marinis, das er sich von seinem Taschengeld abstotterte. Nun hat der rastlose Auktionator ein neues Herzensanliegen. Er will in Berlin ein Exilmuseum gründen, um an die Geschichte der 500.000 Menschen zu erinnern, die die Nazi-Herrschaft aus dem deutschsprachigen Kulturkreis vertrieben hat.


Dafür muss nun seine 60 Jahre lange Leidenschaft als Kunstsammler herhalten. Bernd Schultz verkauft den Löwenanteil seiner Arbeiten auf Papier, um damit die ersten sieben Jahre des Exilmuseums zu finanzieren. Der Bogen der gut 300 Handzeichnungen und Druckgrafiken, die mindestens fünf Millionen Euro einspielen sollen, reicht von der Gotik bis in die unmittelbare Gegenwart. In den drei Katalogen, die mit „Abschied und Neuanfang“ überschrieben sind, zieht Schultz ein Fazit und will sie als Abschluss und Chronik seiner Sammlertätigkeit verstanden wissen. Zum Leitstern hinter seiner erlesenen Kollektion hat er das menschliche Antlitz erkören. Es seien die Persönlichkeiten hinter den Bildern, ihre Gedanken, Erfahrungen und intimsten Leidenschaften, die ihn seit jeher faszinierten. Vor allem im ersten Katalog mit den Alten Meistern und dem „langen 19. Jahrhunderts“ nehmen diese Ideen Gestalt an. Schon das erste Los, die Jungfrau Maria, die mit entblößter Brust auf einer Steinbank sitzt, das Jesuskind in Händen hält und von einem Engel umsorgt wird, zeugt in hohem Maß von Innigkeit und Zuneigung. Auf dieser Tuschfederzeichnung des Meisters der Coburger Rundblätter vom Ende des 15. Jahrhunderts stehen 20.000 bis 30.000 Euro.

Mit Watteau und Warhol, Menzel und Baselitz, Corinth und Picasso finden sich große Namen im Angebot, das am 25. und 26. Oktober selbstredend in Schultz’ eigenem Auktionshaus Grisebach über die Bühne geht, aber auch Künstler, die am Markt nicht so gängig sind. Gerade hier sind die Kennerschaft und das geschulte Auge des erfahrenen Kunsthändlers spürbar. Ausdrucksintensiv sind etwa die feine Rötelzeichnung „Der Sohn des Künstlers, lesend“ samt weiteren Handstudien von Martin Drolling um 1800 (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR), Jakob Götzenbergers Bleistiftportrait einer etwas wehmütigen Frau mit Spitzenhaube um 1820/25 (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR) oder der intensiv blickenden Junge mit Kappe, den Johann Conrad Zeller um 1820 mit Tusche in Frontalansicht und unglaublicher Präsenz gestaltete (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR).

Spitzenstück im ersten Abschnitt ist Henri de Toulouse-Lautrecs mit wenigen energischen Strichen in Öl gezeichneter „Snobisme ou Chez Larue“. Das Larue war ein Edelrestaurant in Paris, und der Mann mit dem auffälligen weißen Kragen liest seiner Begleiterin wohl das Menu vor. Dass sich Bernd Schultz nicht scheute, auch bei der Konkurrenz einzukaufen, macht dieses charakteristische Blatt von 1897 deutlich. Im Juni 2015 entdeckte er es bei Koller in Zürich und griff im Nachverkauf zu. Jetzt stehen 250.000 bis 350.000 Euro auf dem Etikett. Zu den Fundgruben von Schultz zählten weitere Auktionshäuser, renommierte Kunsthändler und bis in die jüngste Vergangenheit auch immer wieder Grisebach selbst. 2009 legte er sich hier eine nach links gewandte Kopfstudie Bismarcks zu, die Franz von Lenbach nach 1890 mit eingefallen Wangen und ermattetem Ausdruck zeichnete (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR), oder 2015 Adolph von Menzels dichtes Bildnis einer „Frau mit Mantille im Profil nach rechts“ von 1894 (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Dass sich Schultz für den Berliner Realisten begeistern konnte, machen weitere Werke Menzels deutlich, darunter das frühe Konterfei Friedrichs des Großen als junger König in einem nuancierten Brustbild mit weichen individuellen Zügen von etwa 1840 (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Der Tod der Malerei

Mit Rudolf Meyer geht es zu den Alten Meistern zurück. In Tusche, weißen Schraffuren und Bleistift verbildlichte der Schweizer 1627 die drei göttlichen Tugenden: Fides, der Glaube, mit dem Attributen des Kreuzes und des Kelchs, Spes, die Hoffnung, mit einem Anker und schließlich Caritas, die mitfühlende Liebe, durch ein brennendes Herz. Mit 2.000 bis 3.000 Euro orientiert sich die Schätzung an dem Einkaufpreis, den Schultz 2012 bei Bassenge mit netto 2.600 Euro zahlte. Innerhalb der symbolischen Verkörperungen bewegt sich auch ein Nachfolger Jacques de Gheyns III mit seiner eigenwilligen „Allegorie auf den Untergang der Malerei“ aus dem frühen 17. Jahrhundert. Die Malerei in Gestalt einer jungen Frau hat sich an einem Baum erhängt. Auf dem Boden liegen Palette, Pinsel und ihr unfertiges Konterfei (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR).

Deutlich weniger alptraumhaft, wenn auch etwas melancholisch, wirkt Rembrandts Radierung „Bärtiger Greis, seitwärts niederblickend“ von 1631. Ein Schlaglicht beleuchtet das Haupt und wirft zur linken Seite am Rauschebart tiefere Schatten (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Die bewegte rasche Studie einer Frau mit Turban, die sich mit ihrem linken Arm abstützt und mit ihrem tiefen Dekolleté leicht nach vorne beugt, fertigte Giovanni Francesco Barbieri wohl 1621/23 an (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Als eine Art „Hauch von Nichts“ kann Giovanni Battista Piazzettas kunstvolle „Kopfstudie eines Geistlichen im Profil nach links“ gelten. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts formte der Venezianer mit zarten schwarzen Schatten und weiße Höhungen das Antlitz des glatzköpfigen Mannes (Taxe 7.000 bis 9.000 EUR). Die Leichtigkeit des französischen Rokoko, gepaart mit großer Eleganz, gelang Jean-Antoine Watteau in seiner Rötelstudie eines auf einer Mauer sitzenden, gut gekleideten jungen Mannes (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR).

Die schöne Vittoria Caldoni

Die Portraitkunst herrscht auch im 19. Jahrhundert vor. Während Peter Rittig sich bei einer jungen Frau mit geflochtenem Haar um 1830 an den Profilbildnissen der Florentiner Frührenaissance orientierte (Taxe 1.500 bis 2.000 EUR), huldigte er 1820 mit der Bleistiftzeichnung von Vittoria Caldoni einer klassisch römischen Schönheit, die im Kreis der Nazarener geradezu kultische Verehrung genoss (Taxe 6.000 bis 8.000 EUR). Eindrücklich blickt Giacomo Orlandi aus einem Portrait, das Johannes Niessen 1847 in Rom schuf. Eine dunkle wirre Haarpracht rahmt das ebenmäßige Antlitz des jungen Mannes aus Subiaco, der ein beliebtes Model bei ausländischen Künstlern war (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR).

Einer der Meister der Portraitkunst war Jean-Auguste-Dominique Ingres. In einer feinen Bleistiftzeichnung hielt er 1828 Madame Joseph Balze fest. Kunstvoll gelegte Locken umspielen gemeinsam mit einer Haube samt Rüschen das zarte Gesicht der freundlich lächelnden Marie-Anne-Adélaide. Sie war mit Joseph Balze, einem Freund des Künstlers verheiratet (Taxe 70.000 bis 90.000 EUR). Edgar Degas, der Pferderennen liebte, widmete sich um 1866/73 in „Cavalier“ einem Reiter in Rückenansicht. Die gekonnte Bleistiftzeichnung steht in Verbindung mit Degas’ einzigem Jagdbild, dem im Privatbesitz befindlichen „Le Départ pour la chasse“ (Taxe 90.000 bis 120.000 EUR). Eine Art innere Anspannung durchströmt Lovis Corinths Bildnis seiner Frau aus dem Jahr 1906. Charlotte Berend-Corinths Aufmerksamkeit gilt etwas oder jemandem außerhalb des Bildes, vielleicht ihrem Sohn. Als Entstehungsort kommt Lychen in der Uckermark in Frage, wo die Familie die Sommermonate verbrachte. Corinth konzentrierte sich auf das Antlitz seiner in einer Gartenlaube sitzenden Frau, die eine breitkrempige Haube trägt (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR).

Auch an der Landschaft und Vedute fand Bernd Schultz Gefallen, etwa an dem farbfreudigen Aquarell einer wunderbar unvollendeten Ansicht des Kolosseums in Rom von Norden, die um 1785 Abraham Louis Rodolphe Ducros gemalt haben soll (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Eine dramatische Berglandschaft mit Wasserfall und Felsentor bannte dagegen Franz Kobell detailreich mit Tusche auf das Büttenpapier (Taxe 2.500 bis 3.500 EUR). August Leopold Venus wartet mit einer charmanten und partiell aquarellierten Studie eines entlaubten Baumes auf (Taxe 2.000 bis 2.500 EUR). Die wechselhafte Atmosphäre des Gebirges mit rasch ziehenden Wolken thematisierte 1866 Victor Paul Mohn im Aquarell des von Deutschrömern gern aufgesuchten „Eichenhains in der Serpentara bei Olevano“. Den Hang mit Gras, Bäumen und herausragenden Felsen laufen zwei Hirtinnen und ein Mann mit ihren Ziegen hinab (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR).

Unsichere Künstler der Moderne

Lovis Corinth kommt im dicken Katalog mit der Kunst des 20. Jahrhunderts weitere Male zum Zug. Hier stellt er unter anderem sein Aquarell „Vase mit Blumen“ von 1925, das kunstvoll die flüssige diaphane Farbe in Schwarz, Blau, Grün und Rot zu einem Blumenstillleben vereint (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR), oder sein in schwarzer Kreide entwickeltes Selbstbildnis von 1921 mit unsicherem fragendem Ausdruck zur Verfügung (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Teurer wird es bei Henri Matisse. Hinter seiner sinnlich-exotischen „Persane“ von 1929, die in ihrem offenherzigen orientalischen Gewand mit Pluderhosen lässig die Beine übereinander geschlagen hat, steht wohl sein Modell Henriette Darricarrère. Sie will mit 200.000 bis 300.000 Euro umworben werden.

Mit dieser Preisvorstellung treten drei weitere Werke an. Das nächste im Bunde ist ein Selbstbildnis von Oskar Kokoschka aus dem Jahr 1920. Mit schnellem Zug verewigte sich der Künstler nach dem Trauma des Krieges in dieser Kreidezeichnung. Die Inschrift erklärt, dass das Werk ein Zeichen der Versöhnung ist. Dennoch schaut er mit großen schwarzen Augen etwas zweifelnd den Betrachter an. Mit einem verlorenen Blick ins Weite portraitierte Egon Schiele in seinem Todesjahr 1918 seine Gattin Edith Harms, deren Körper nur angedeutet ist. Die Trias vervollständigt Käthe Kollwitz mit ihrer gefühlvollen und von tiefer Traurigkeit geprägten Arbeit „Abschied“ aus dem Jahr 1910. In stillem Apell umarmt die sich hoch reckende Künstlerin in einer komplexen Pose das Antlitz ihres Kindes und muss sich doch von ihm trennen. Eine heitere Note bringt Paul Klee in die Auktion und stellt ein breit lächelndes Fantasiegeschöpf von 1933 unter dem Titel „Dein Ahn?“ vor. Er mag ein Affe sein, wie Daniel Kehlmann im Katalog vermutet. Die Farben der Deutschlandfahne und das Jahr könnten auch ein Zeichen des Spotts auf die vermeintlichen blonden Ahnen der Deutschen sein, die bei Klee haarige Wesen fernab allen „Arischen“ sind (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).

Ein Fest des Menschenbilds

Pablo Picassos Studienblatt entstand am Beginn seiner Rosa Periode im Jahr 1904. Zu sehen sind mehrere Hand- und Kopfzeichnungen einer Frau. Zentral ist ihr Haupt, das an antike Statuen erinnert (Taxe 90.000 bis 120.000 EUR). Weiter in die Welt der Abstraktion tauchte Picasso dann 1953 mit der „Égyptienne“ ab, einem der letzten Bildnisse von Françoise Gilot. Picasso dekonstruiert ihr Gesicht in miteinander ringenden und gebrochenen Formen, die eine Tendenz zu Ecken, Kanten und sogar Haken besitzen. Ebenfalls in Aquatinta setzte Picasso schon ein Jahr zuvor Gilot mit „La femme à la fenêtre“ ein Denkmal (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR). Für 100.000 bis 150.000 Euro tritt dann Alberto Giacomettis Bleistiftzeichnung einer frontalen „Nu“ von 1959 hinzu. Die geometrische Abstraktion Fernand Légers nimmt in einem Entwurf für die Bühnendekoration zum Ballett „Créature du monde“ aus der Zeit um 1922/23 in einem Totem-Gesicht Gestalt an (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR).

Wallendes schwarzes Haar, das in den Hintergrund übergeht, rahmt das schöne blasse Gesicht einer Frau. Edvard Munch schuf 1903 die Lithografie „Die Brosche“ mit einem Bildnis der Konzertgeigerin Eva Mudocci, die mit leicht gesenkten Augen nachdenklich träumt (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). In ihrem Selbstbildnis fixiert Paula Modersohn-Becker 1904/05 eindringlich, wenn nicht gar streng den Betrachter (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Der Expressionist Erich Heckel verdichtet im Druck „Mädchen“ von 1913 atmosphärisch schwarze Farbwolken und Linien zum Portrait seiner damals kranken Frau Sidi. Weiche Konturlinien arbeitete Otto Dix 1922 zu einem Portrait Israel Ber Neumanns aus. Er modellierte effektvoll das Gesicht des Kunsthändlers mit den vollen Lippen, der gebogenen Nase und den großen traurigen Augen (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR).

Ein intimes Bildnis der „Schlafenden Turu“, der in eine weiß-rote Decke eingewickelten Künstlergattin Gertrud, bannte Max Kaus 1933 auf Papier. Ihm gelang es, das Sanfte des Moments einzufangen (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR). Unerwartet verspielt erscheint Max Beckmanns Tuschezeichnung des Schoßhundes „Butchy“ von 1945. Hier steht dem Maler das schwarzhaarige Tier mit weißen Pfoten auf einem Tisch neben einer Blumenvase Modell (Taxe 60.000 bis 80.000 EUR). Beinahe minimalistisch beschrieb Hans Theo Richter 1963 einzig mit einer Kontur den stilisierten stillen Kopf Maria Schades vor fleckig grauem Grund (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Ganz anders die flüssigen, runden und vereinfachten Formen in Karl Hofers bunt-freundlichem „Mädchen“ von etwa 1947/48 (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

30 Zeichnungen eines Autodidakten

Zu Paul Holz hegte Bernd Schultz eine besondere Affinität. Es war sein Mentor Hans Pels-Leusden, der ihn auf den 1883 in Vorpommern geborenen Autodidakten aufmerksam machte. So sind in Laufe der Jahre 30 Blätter zusammengekommen, die nun in einem eigenen Katalog zusammengefasst und mit bis zu 3.000 Euro veranschlagt sind. Holz stammte aus einfachen Verhältnisse und lehrte als Zeichner an diversen Schulen. Sein Werk besteht aus Lithografien, Radierungen und Tuschezeichnungen, die zwischen 1914 und seinem frühen Todesjahr 1938 entstanden. Ab 1924 arbeitete er als Zeichenlehrer an einem Gymnasium in Breslau, kurz darauf auch an der dortigen legendären Kunstakademie, was auch zu einer Schaffenshochphase führte: Hier konzentrierte sich Paul Holz meist ganz auf die Figur, verzichtete auf Beiwerk und integrierte Schriftzüge in seine Werke. Meist waren es Menschen am Rande der Gesellschaft, die er in den Blick nahm.

Ein energisches Liniengerüst verdichtete Paul Holz um 1937 zum „Holzhof“ mit Karren vor einem vereinfachten Wald (Taxe 1.800 bis 2.400 EUR). Eine dichte Natur aus Baumstämmen mit dem Titel „Herbstwald. Der Nebel regnet in die Wipfel“ beherbergt beinahe versteckt eine einsame Figur mit Hund, die von Martin Greifs melancholischem Gedicht „Herbstgefühl“ inspiriert sind (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Beunruhigend aufgrund des schwarz ausgemalten Gesichtes wirkt das Blatt der eleganten „Dame mit Fuchskragen“ (Taxe 1.800 bis 2.400 EUR). Zerbrechlich und leidend zeichnete Holz 1936 einsam auf dem Papier seine Mutter mit Haube, die umzufallen droht (Taxe 1.200 bis 1.500 EUR). Sich selbst begegnete er ebenso nervös in einem schraffierten Bildnis, das Paul Holz mit ausladenden Durchstreichungen vielleicht wieder auslöschen wollte.

Der Weg in die Abstraktion

In einer Mappe mit neun Holzschnitten entwarf Karl Schmidt-Rottluff 1918 einen aufwühlenden „Kristus-Zyklus“ und konzentrierte sich dabei auf Jesus als „Revolutionär der Liebe“ (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR). Eine Zick-Zack-Komposition mit aufeinander zustürmenden Gebäuden konzentrierte Ludwig Meidner zu der dynamischen Tuschezeichnung „Straße bei Nacht II“ von 1913 (Taxe 60.000 bis 90.000 EUR). Ebenso bewegt und beinahe explosiv fliegen die Figuren und ein Stuhl auf George Grosz’ gleichaltrigem Blatt „Schlägerei“ (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR). Nur aus schwingenden ineinander verschränkten Bögen und Kreisfragmenten besteht William Wauers schlichte Tuschezeichnung „Zwei Körper“ um 1918/19 (Taxe 1.000 bis 1.500 EUR).

Ungleich massiger wirkt hierzu Hermann Glöckners Dreieckpaar „Schwarzer Keil über weißem vor dunklem Graublau mit Konstruktionslinien“ von circa 1936 (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Auf die Spannung einzelner bunter Farbflächen setzte Otto Freundlich in seiner „Petite Composition“ um 1937 (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR). Bei Fritz Winter blieb es um 1935 in seiner ungegenständlichen Öl- und Collagearbeit eckiger Formen monochrom braun (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Plastisch herausgearbeitete spitze Kegel und ineinander verschränkte Formen zeichnete Karl Hartung 1944 in einer beklemmenden Arbeit (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Auch in der Nachkriegskunst gibt es zunächst etliche abstrakte Arbeiten. Dazu gehören etwa Ernst Wilhelm Nays Gouache „Scheiben“ von 1955, die durch schwarze Linien rhythmisiert sind (Taxe 40.000 bis 60.000 EUR), K.R.H. Sonderborgs ebenfalls informelle rotierende Tuschpinselzeichnung von 1958 (Taxe 8.000 bis 12.000 EUR) oder Richard Oelzes schwebende Kleinstrukturen in der schwarzen Kreidezeichnung „Z 140“ von 1962 (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR).

Bei Karl Bohrmanns Zeichnung „Gespinst, schwarzrot“ von 1962 lässt sich gerade noch eine Kopfform ausmachen (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR). Mit Schriftzeichen hat Carlfriedrich Claus 1965 seinen „Allegorischen Essay für Werner Schmidt“ erstellt. Das Werk aus der Serie der Sprachblätter bezieht sich auf den Direktor des Kupferstich-Kabinetts in Dresden, der ein Förderer des Künstlers war (Taxe 10.000 bis 15.000 EUR). Bei Eugen Schönebeck ballte sich 1963 die schwarze Tusche wieder zu einer amorphen Fleischform zusammen (Taxe 20.000 bis 30.000 EUR), bei Georg Baselitz’ zerfranstem Aquarell von 2007 lässt sich dann die Gestalt „Der Hirte“ ausmachen (Taxe 30.000 bis 40.000 EUR). Wie ein zufälliges Motiv legte Andy Warhol auf einem abgerissenen Blatt Papier eine einfach gezeichnete linke Hand nieder, die eine Feder führt (Taxe 15.000 bis 20.000 EUR).

Die surreale Welt des Zirkus präsentiert Jorge Castillo in „Gran Caballo Artista“ von 1971 mit einem Pferd und clownartigen Begleiter vor einem schlanken hohen Pfahl (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Als Ideenskizze formulierte Konrad Klapheck 1974 eine ansteigende Treppenform mit einer absteigenden Ziffernfolge für sein Gemälde „Läuterung“ aus (Taxe 25.000 bis 35.000 EUR). Wie einer Untoten begegnet man der Frau mit aufgestütztem Kopf und leeren Augen auf einer Bleistiftzeichnung Joachim Schmettaus aus dem Jahr 1973 (Taxe 500 bis 700 EUR). In die Dingwelt entführt Andreas Schulze mit der Kohlezeichnung einer reduzierten Fernseherfront mit wurstartiger Einrahmung von 2001 (Taxe 2.000 bis 3.000 EUR). Und Robert Wilson spricht Bernd Schultz gewiss aus der Seele, wenn er 1991 auf einen Karton in großen bunten Lettern energisch schrieb: „Sehen wollen, wo Zukunft entsteht“ (Taxe 4.000 bis 6.000 EUR).

Die Auktion „Sammlung Bernd Schultz. Abschied und Neuanfang“ beginnt am 25. Oktober um 14 Uhr mit der alten Kunst, um 16 Uhr steht der Katalog mit den Arbeiten von Paul Holz als Intermezzo auf dem Programm. Am 26. Oktober folgt um 14 Uhr die moderne und zeitgenössische Kunst. Die Vorbesichtigung aller Lose ist bis zum 23. Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr, am 24. Oktober von 10 bis 15 Uhr möglich. Die Bestände sind online unter www.grisebach.com abrufbar.

Kontakt:

Grisebach

Fasanenstraße 25

DE-10719 Berlin

Telefon:+49 (030) 885 91 50

Telefax:+49 (030) 882 41 45

E-Mail: auktionen@grisebach.com



23.10.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/S. Hoffmann

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