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Das Diözesanmuseum Paderborn zeigt eine Gotik-Ausstellung mit herausragenden Leihgaben und macht auf die theologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge bei der Herausbildung der neuen Epoche aufmerksam

Panorama europäischer Baukultur



Werkstatt des Naumburger Meisters, Baldachin mit Turmaufsatz vom Dorsale des Westchors im Mainzer Dom, Mainz um 1239

Werkstatt des Naumburger Meisters, Baldachin mit Turmaufsatz vom Dorsale des Westchors im Mainzer Dom, Mainz um 1239

Von Licht und Farbe durchflutete Räume, himmelwärts gelenkter Blick, filigrane, schwerelose Architektur: Die gotische Kathedrale fasziniert bis heute Betrachter und Besucher; die Interpretation dieses so revolutionär scheinenden Baustils füllt Bände. Die Gotik, deren Entwicklung Ende des 12. Jahrhunderts begann, ist zum Inbegriff „mittelalterlicher“ Architektur geworden und hat in der Kulturgeschichte vielfältige Deutungen erfahren. Eine große Ausstellung widmet sich nun in Paderborn einem markanten Beispiel für diese Epoche: Das Erzbischöfliche Diözesanmuseum stellt den Paderborner Dom in den Zusammenhang der Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa. 170 Leihgaben aus 80 renommierten europäischen Museen knüpfen Verbindungen zwischen der gotischen Baukunst Frankreichs und Westfalens ebenso wie zwischen dem Paderborner Bau und den geistig-theologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufbrüchen im „Jahrhundert der Kathedralen“.


Anlass für die Ausstellung ist das Jubiläum der Weihe des hochromanischen Doms, den Bischof Imad vor 950 Jahren errichten ließ. Dessen Nachfolgerbau, der heute zu sehen ist, bezieht sich in seinen Dimensionen auf den Imad-Dom und betont damit die Kontinuität, obwohl der gotische Bau, so das Vorwort des voluminösen Ausstellungskatalogs, der erste Dom war, der nicht „aus Anlass der Zerstörung des Vorgängers erfolgte, sondern aus einem bewusst gefassten Entschluss, eine größere und modernere, d.h. gotische Kathedrale zu errichten“.

Zentrales „Ausstellungsstück“ ist der heutige Dom selbst. An ihm lassen sich die innovative Architektur- und Formensprache ablesen, die um 1215 unter direktem französischem Einfluss in Paderborn zu einem modernen Bau führte, der regionale spätromanische Traditionen selbstbewusst mit der neuen Formensprache verbunden hat. Dies sei, wie Museumsdirektor Christoph Stiegemann betont, kein Zeichen von Provinzialität. Heute sehe die Forschung das Eigenständige der westfälischen Gotik nicht als Mangel, sondern als bewusste Entscheidung, gotische Formen in spätromanische Architekturkonzepte umzuschmelzen.

Wie war es möglich, Formen der französischen Gotik aufzugreifen und der heimischen Bautradition anzupassen? Darauf antwortet eines der herausragenden Exponate: Die Reimser Palimpseste stehen als älteste erhaltene Architekturzeichnungen für ein Medium, das in wenigen Jahrzehnten sämtliche Bau- und Planungsverfahren revolutionierte. Nun konnten die Bauleute komplexe geometrische Architekturformen konzipieren und weiträumig kommunizieren. Die Zeichnungen machten die Formen skalierbar: Es entstand Architektur en miniature; gotische Formelemente ließen sich auf kunstvolle Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzereien oder Reliquiare anwenden. In der Schau steht für solche gestalterische Möglichkeiten das einzigartige Heiliggrabreliquiar aus dem Schatz der Kathedrale von Pamplona, das bisher noch nie in Deutschland gezeigt wurde; ebenso die originalen Fragmente des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schreins der heiligen Gertrud von Nivelles.

Die Präsentation verdeutlicht auch, dass die Gotik laut Stiegemann „mit einer völlig neuen Wirklichkeitserfahrung“ einhergeht. Sehen und Schauen als wesentliche Träger von Erfahrung spielen dabei ebenso eine Rolle wie die beginnende Individualisierung des Menschen, die sich in der Konzeption etwa von Heiligenfiguren ablesen lässt. Der berühmte „Kopf mit der Binde“ des Naumburger Meisters, eine der 15 herausragenden Leihgaben aus dem Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Mainz, zeigt lebensnahe Mimik: Das um 1240 entstandene steinerne Antlitz lässt sich als verhaltenes Lächeln, aber auch als wehmütiger Blick deuten und gibt der Bedeutungsforschung bis heute Rätsel auf.

Anders der Ausdruck des Engels aus dem Pariser Louvre: Sein entspanntes Lächeln vermittelt einen Eindruck von ruhevoller Heiterkeit, ohne einen Zug ins jenseitig Verklärte anzunehmen. Auch die monumentalen Apostel am Hauptportal des Paderborner Doms nehmen die Züge der neuen Individualität und einen emotionalen Ausdruck an. Sie treten dem Betrachter überlebensgroß als Person, nicht mehr nur als Repräsentanten einer Idee entgegen, wurzeln aber in ihrer Gestaltung aus der Fläche noch in älteren Traditionen: auch sie sind ein Beispiel selbstbewusster Eigenständigkeit. Stein und Holz werden nebeneinander verwendet, da die Farbfassung das Material der Skulpturen verborgen hat. Eine jüngst durchgeführte dendrochronologische Untersuchung hat ergeben, dass die Eiche, aus der die beiden Figuren der Bistumspatrone Kilian und Liborius über den Portaltüren geschnitzt wurden, zwischen 1212 und 1224 gefällt wurde – ein wichtiges Datum für die ansonsten quellenmäßig nur dürftig abgedeckte Baugeschichte des gotischen Doms.

Projektleiterin Petra Koch-Lütke Westhues hat die Ausstellung in sechs Stationen aufgeteilt. Sie beginnt mit dem Vorgängerbau, dem 1068 fertiggestellten romanischen Dom von Bischof Imad. Die Wandlungen von der ältesten Paderborner Bistumskirche aus der Zeit Karls des Großen bis hin zum heutigen Dombau veranschaulichen dreidimensionale Animationen. In den Blick rücken die baufreudigen Oberhirten aus der einflussreichen Familie Bernhards II. zur Lippe. Hervorgehoben werden zudem die technischen Innovationen, die den Bau der Kathedralen erst ermöglichten, und die rationalisierten Abläufe an der Großbaustelle mit der Organisation der verschiedenen Gewerke.

Für die Liturgie der Zeit und die Funktion der Kathedrale als Haus Gottes, für das Wechselspiel zwischen öffentlich-repräsentativer Feier der Eucharistie und privater Frömmigkeit stehen exemplarische Leihgaben, aber auch die digitale Rekonstruktion des im 17. Jahrhundert abgebrochenen gotischen Lettners des Paderborner Doms. Eines der Kunstwerke ist ein um 1250 entstandenes Elfenbeindiptychon aus dem Museum für byzantinische Kunst in Berlin mit Szenen aus Passion und Auferstehung Jesu Christi; ein anderes ist die erlesene Goldschmiedearbeit aus der Domschatzkammer Essen, das Armreliquiar des heiligen Cosmas. Dieses Stück in Form eines silbernen Arms trägt auf den Spitzen der Finger einer eleganten Hand ein Türmchen mit gotischen Zierformen. Die um 1300 entstandene Kostbarkeit belegt, wie gotische Architekturelemente als Dekor in zum Teil winzigen Maßstäben in die Kunst übertragen wurden.

Doch die gotische Kathedrale war nicht nur steingewordenes Zeugnis des Glaubens und Abbild des himmlischen Jerusalem. Ein pointierter Katalogbeitrag von Bruno Klein verdeutlicht, in welch komplexe Deutungszusammenhänge die gotische Kathedrale im Lauf der Jahrhunderte eingebunden war. Er geht auch auf ihre Funktion im Rahmen der erblühenden städtischen Gesellschaften ein, in der sie eine dynamische Rolle als „Projektionsfläche besonders vieler und keineswegs einheitlicher Erwartungen“ fungierte. Darin sieht Klein den eigentlichen Grund für die Entwicklung dieses markanten Bautyps.

Die Dombauten als große Gemeinschaftsleistungen erfüllten eine aktive Funktion in religiösen, sozialen, politischen und künstlerischen Aushandlungsprozessen – und ihre Zeit ging, so die These, zu Ende, als sich die Gesellschaften zu weit ausdifferenzierten und „ein einzelnes Bauwerk nicht mehr die Interessen aller zum Ausdruck zu bringen vermochte“. Ein Aspekt, den eine Ausstellung nur sehr abstrakt darstellen kann, der aber in der Betrachtung der gezeigten Kunstwerke nicht aus dem Blick geraten sollte.

Die Ausstellung „Gotik. Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa“ ist bis zum 13. Januar 2019 zu sehen. Das Erzbischöfliche Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Geschlossen bliebt an Heiligabend, 1. Weihnachtstag und Silvester. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 6 Euro. Die Präsentation wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Der Katalog mit 800 Seiten und 740 Abbildungen ist im Michael Imhof Verlag erschienen und kostet in der Ausstellung 39,95 Euro.

Kontakt:

Erzbischöfliches Diözesanmuseum und Domschatzkammer

Markt 17

DE-33098 Paderborn

Telefon:+49 (05251) 125 14 00

Telefax:+49 (05251) 125 14 95

E-Mail: museum@erzbistum-paderborn.de



12.10.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Werner Häußner

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Veranstaltung vom:


21.09.2018, Gotik. Der Paderborner Dom und die Baukultur des 13. Jahrhunderts in Europa

Bei:


Erzbischöfliches Diözesanmuseum und Domschatzkammer

Kunstsparte:


Architektur

Stilrichtung:


Gotik

Variabilder:

Lippische Rose, Schlussstein im Gewölbe des Paderborner Doms,
 1245-1260
Lippische Rose, Schlussstein im Gewölbe des Paderborner Doms, 1245-1260

Variabilder:

Reimser Palimpseste, Frankreich, um 1230
Reimser Palimpseste, Frankreich, um 1230

Variabilder:

Schlussstein mit Blattmaske, Paris, letztes Viertel 13. Jahrhundert
Schlussstein mit Blattmaske, Paris, letztes Viertel 13. Jahrhundert

Variabilder:

Sogenanntes Kirchenschaubild,
 vermutlich von einem Baldachin des Straßburger Münsters
Sogenanntes Kirchenschaubild, vermutlich von einem Baldachin des Straßburger Münsters

Variabilder:

Werkstatt des Naumburger Meister, Kopf mit der Binde, Mainz um 1239
Werkstatt des Naumburger Meister, Kopf mit der Binde, Mainz um 1239







Lippische Rose, Schlussstein im Gewölbe des Paderborner Doms, 1245-1260

Lippische Rose, Schlussstein im Gewölbe des Paderborner Doms, 1245-1260

Reimser Palimpseste, Frankreich, um 1230

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Schlussstein mit Blattmaske, Paris, letztes Viertel 13. Jahrhundert

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Sogenanntes Kirchenschaubild, vermutlich von einem Baldachin des Straßburger Münsters

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Werkstatt des Naumburger Meister, Kopf mit der Binde, Mainz um 1239

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Turmbau zu Babel, Weltchronik des Rudolf von Ems, 1383

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Virtuelle Rekonstruktion des gotischen Lettners im Paderborner Dom

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Heiliggrabreliquiar, Paris, um 1255/58

Heiliggrabreliquiar, Paris, um 1255/58

Jacques d’Anchin, Nicolas de Douai und Jacquemon de Nivelle, Fragmente des Schreins der hl. Gertrud von Nivelles, 1272-1298

Jacques d’Anchin, Nicolas de Douai und Jacquemon de Nivelle, Fragmente des Schreins der hl. Gertrud von Nivelles, 1272-1298

Diptychon mit Szenen aus der Passion Christi, Paris, um 1250

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Deckel eines Buchkastens aus St. Blasien, Straßburg, um 1270

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Bischof mit Engel, Dom zu Paderborn, Standbild an der Südfassade des Ostquerhauses

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