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Charakterköpfe erobern Konstanz

Theo Glinz, Selbstbildnis mit Modell und drei Malerkollegen, 1913

Aus dem lateinischen Wort „protrahere“, was sich in etwa übersetzen lässt mit „Herausziehen des Wesens“, leitet sich der Begriff Porträt ab. Dies signalisiert den künstlerischen Balanceakt, eigentlich Unsichtbares zu erfassen und mit Anschaulichkeit und zeitgemäßen Formfindungen zu vereinen. Kaum ein anderes Genre der Kunstgeschichte erfreute sich aufgrund der ertragreichen Situation für beide Seiten so großer Beliebtheit: Die gemalte Person wird verewigt, der Künstler verdient. Heute vermitteln Porträts vor allem die Geschichte regionaler Herrschafts-, Gesellschafts- und Familienzusammenhänge. Das Rosgartenmuseum in Konstanz bietet in der Schau „Charakterköpfe. Bodenseegeschichte in Porträts, Miniaturen und frühen Fotografien“ derzeit einen Gang durch die mediale Entwicklung der Porträtgattung vom frühen Gemälde bis zum Selfie.

Die 150 Werke aus vier Jahrhunderten ermöglichen eine Sicht auf standesbewusste Akteure und Moden im Bodenseerum. Betont offensiv demonstrieren zahlreiche kirchliche Würdenträger aus dem 1821 aufgelösten Bistum Konstanz ihr Standesbewusstsein in Perfektion und Strenge ausstrahlenden Bildnissen. So hielt auch der französische Porträt- und Historienmaler Robert Lefèvre den letzten Konstanzer Bischof Karl Theodor von Dalberg fest. Adelige wollten dem nicht nachstehen. Flure von Schlössern zierten lange Reihen würdiger Ahnen. Ein Spezialist des Fachs war Franz Xaver Winterhalter, der schmeichelhaft-sinnlich die auf dem nahen Schloss Arenenberg lebende Kaiserin Eugénie interpretierte.

Zur Zeit des Biedermeier demonstrierten Familienporträts den Rückzug ins Private, wie etwa jenes von Gottlob Gutekunst aus dem Jahr 1845 für die Adelsfamilie von Bodman. Die Revolution führte dann auch in der Porträtmalerei zu einer Zensur. Der Adel als Auftraggeber fiel weg. Bilder von Juristen, Staatsbeamten oder wohlhabenden Kaufleuten zierten verstärkt die Wohnstuben von Bürgern. Die Beweggründe, weshalb sich jemand porträtieren lässt, sind je nach Epoche stark verschieden. In Behörden, Familienunternehmen oder traditionsbewussten Familien wird bis heute der Brauch des Porträts gepflegt. Bis zu seinem Ableben 1992 war der deutsche Maler Oswald Petersen ein gefragter Spezialist auf diesem Gebiet. So porträtierte er bedeutende Persönlichkeiten wie Willy Brandt, aber auch Mitglieder der auf der Insel Mainau ansässigen Grafenfamilie Bernadotte von Wisborg.

Nicht fehlen darf der sozialkritische Maler Otto Dix. Vom ihm bereichert ein Konterfei des Dramatikers und Hitler-Bewunderers Wilhelm von Scholz die Auswahl, den Dix im Jahr 1953 selbstgerecht auf einem Sessel thronend illustrierte. Bereits im 15. Jahrhundert etablierte sich die Porträtmalerei en miniature. Die Ausstellung beleuchtet die Funktion der Miniaturbildnisse als Geschenk, Andenken, für Ahnengalerien oder ihre Rolle bei der Partnervermittlung. Der letzte Raum widmet sich der Porträtfotografie, die ab 1860 alle Volksschichten erreichte und als Erinnerungsstück in der Tourismusfotografie an Bedeutung gewann.

Die Ausstellung „Charakterköpfe. Bodenseegeschichte in Porträts, Miniaturen und frühen Fotografien“ ist bis zum 30. Dezember zu sehen. Das Rosgartenmuseum hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, samstags, sonn- und feiertags bis 17 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt an Heiligabend und 1. Weihnachtstag. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum 12,50 Euro kostet.

Rosgartenmuseum
Rosgartenstraße 3-5
D-78462 Konstanz

Telefon: +49 (0)7531 – 900 245
Telefax: +49 (0)7531 – 900 608

Quelle: Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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28.06.2018, Charakterköpfe – Bodenseegeschichte in Porträts, Miniaturen und frühen Fotografien

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Theo Glinz, Selbstbildnis mit Modell und drei Malerkollegen, 1913
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 Anfang 19. Jahrhundert
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