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Amsterdam besitzt eine lange Tradition von Kunst im öffentlichen Raum. Auch beim Bau der gerade eingeweihten U-Bahn wurde gezielt Kunst installiert

Minutenkünste mit Ortsbezug



Gerald van der Kaap, I want a permanent wave, 2018

Gerald van der Kaap, I want a permanent wave, 2018

Dynamisch schweben die Passanten über 47 Meter lange Rolltreppen geräuschlos in die Tiefe. Fast könnte man meinen, der Weg führe in ein unterirdisches Museum. Denn auf den normalerweise öden Streifen zwischen den Rolltreppen liegen gleißend hell erleuchtete Vitrinen, in denen archäologische Artefakte zur Schau gestellt werden. Hier unter der Station Rokin, wo einst das Bett der Amstel verlief, fanden Archäologen all das, was über Jahrhunderte Menschen in den Fluss warfen. Vom eisernen Schiffsanker über Tierkadaver, Tonkrüge, Pfeifen, Dolche, Scherben, Kämme, Bestecke bis hin zu Fliesen oder Münzen reicht das Spektrum. Aus den rund 700.000 Funden wählten die Experten 1.000 Stücke für die Vitrinen aus. Sozialökonomisch verweisen sie darauf, dass um 1170 die ersten Siedler Amsterdams schon Händler und Handwerker waren. 33 Funden begegnet der Reisende ein weiteres Mal, wenn er beim Warten auf die U-Bahn die 120 Meter lange Plattform abläuft. Das Künstlerduo Daniel Dewar und Grégory Gicquel hat die Sujets vergrößert und in verschiedenfarbigen Natursteinsorten als Intarsien auf die Wände aufgebracht, unhierarchisch, direkt, vielleicht etwas zu affektiert, aber doch einprägsam.


Über fast zehn Kilometer Länge verteilen sich acht Stationen der neuen Noord-Zuidlijn-Strecke der Amsterdamer U-Bahn. Sieben zeichnen sich durch künstlerische Interventionen aus. In der Centraal Station finden sich zwei der insgesamt acht Kunstwerke. Die 1973 in Arnheim geborene Jennifer Tee mit chinesisch-indonesischen Wurzeln verschmolz auf der Verteilerebene unterschiedliche Kulturen, genau dort, wo sich die Welt zur Weiterreise begegnet. Ihre rückseitig auf Glaspanelen befestigten Collagen aus 100.000 getrockneten Tulpenblättern orientieren sich an Motiven gezimmerter Schiffe, wie sie auf Sumatra heimisch sind. Zu menschlichen Figuren und Lebewesen geformt, spielen sie auf Leben und Nachleben an. Die Tulpe als internationales Aushängeschild der Niederlande dient als Brücke von Handelsbeziehungen. 15 Meter unter dem Wasserlevel befindet sich die kathedralartig anmutende Stationshalle, in der der Belgier David Claerbout eine lang gestreckte Videowand über den Gleisen installierte. Die digital komponierte Kanallandschaft zeigt sich stets in der für den nächsten Tag erwarteten Wetterstimmung. Leider wird die „Wettervorhersage“ durch die langen schräg gestellten Pfeiler zerteilt.

Hier wartete auf die U-Bahnbauer die größte Herausforderung. Direkt unter dem 1889 vom Architekten Pierre Cuypers auf 9000 Holzpfählen gegründeten Hauptbahnhof liegt die Station, für die die Pfähle erst aus dem morastigen Grund gezogen werden mussten, was allein ein Jahr in Anspruch nahm. Überhaupt war der U-Bahnbau ein Vorhaben der Superlative. Nach mehreren Anläufen und Fortschritten bei der Weiterentwicklung der Tunnelbohrtechnik konnte das Projekt unter dem Welterbe der Grachtenstadt 1996 vom Stadtrat beschlossen und mit dem ersten Spatenstich im April 2002 begonnen werden. Nachdem sich zunächst 65 Prozent der Amsterdamer in einer Befragung gegen die Nord-Süd-Bahn ausgesprochen haben, erfreut sie sich heute aber ungeteilter Zustimmung. Denn die neuen Stadtviertel in den alten Industriearealen im Norden jenseits des IJ-Gewässers werden durch sie an das Zentrum angebunden. Technische Schwierigkeiten sowie Veränderungswünsche seitens der Politik sorgten immer wieder für Verzögerungen, so dass die Bauzeit sich um sieben auf rund sechzehn Jahre verlängerte. Auch die Kosten explodierten: Aus den 1,4 Milliarden Euro wurden schließlich 3,1 Milliarden. Für die Kunst wurde gerade einmal 0,18 Prozent des Budgets ausgegeben. Von diesen 5,5 Millionen Euro standen für die reinen Kunstwerke selbst 4,6 Millionen Euro bereit.

In wenigen Minuten unterqueren die Waggons den ursprünglichen Meeresarm IJ und erreichen die zwei oberirdischen Haltestellen in den jungen nördlichen Vierteln. In der Station Noorderpark ruhen am Bahnsteigende sieben Rundbogenportale in unterschiedlichen Baustadien. Die romantische Backsteinruine kann als Verweis auf die einst hier vorhandenen Industriehallen gedeutet werden, in deren Restbeständen heute Kreativfirmen arbeiten. Die Entwerfer der nachts angestrahlten künstlichen Ruine, das niederländische Duo Persijn Broersen und Margit Lukács, nehmen auch Bezug auf die Backsteinornamentik der Amsterdamer Schule und der nach Norden verlagerten Torfunktion des Hauptbahnhofs von Pierre Cuypers. Die Linie endet in der Station Noord, wo die Blicke auf dem Bahnsteigboden verharren. In den grauen Granit hat der niederländische Künstler Harmen Liemburg weiße Umrisse von Zugvögeln eingelassen. Angeregt von ornithologischen Studien, folgen Liemburgs Motive dem Vogelzug vom Nordpol über die Reetlandschaft des Polders mit ihren Wasservögeln bis hin in den Süden Afrikas.

Um keine Häuser abreißen zu müssen, ließ das renommierte Architekturbüro Benthem Crouwel die neue M52 in Tunnelbauweise ausführen. Weitgehend dem ehemaligen Verlauf des Flusses Amstel folgend, mussten unter der schmalen Bolstraat und den Pfahlgründen der historischen Häuser zwei Röhren der Station De Pijp übereinander gelegt werden. Für die Wände der grauen, 190 Meter langen Korridore drängte sich eine künstlerische Intervention auf, für die man eine Idee der Argentinierin Amalia Pica aufnahm. Inspiriert von rhythmisch bewegten Flaggen im Vergnügungsviertel über der Station ließ Pica das Kolorit des Nachtbebens in zerfließenden, schmelzenden, wallenden Farbbahnen in die Station laufen, wobei Bewegungen und Abtönungen Heiterkeit symbolisieren sollen.

Um der grauen funktionalen Sprache der Architektur einen Konterpart zu bieten, wurden auch ungewöhnliche Stellen von einer unabhängigen Kommission für die Kunst auserkoren. Der in die Haltestelle Vijzelgracht über die längste Rolltreppe der Beneluxstatten abwärts schwebende Fahrgast schaut direkt gegen eine schräge, 24 mal 13 Meter messende Glaswand, auf der sich kräftig farbige Linien aus LED-Lichtern wie auf einer Metrokarte entfalten. Ausgangspunkt von Marjan Laapers Überlegungen waren die vielen unterschiedlichen Personen, die in der U-Bahn verkehren, und der Sänger und Schauspieler Ramses Shaffy, der in den turbulenten 1960er und 1970er Jahren hier zu den schillerndsten Personen gehörte. Jede der 28 Linien repräsentiert einen Menschen, der in Shaffys Leben von Bedeutung war, und jeder Knotenpunkt markiert ein Ereignis in seinem Leben.

In der Station Europaplein stehen die europäische Perspektive sowie die Beziehung zum oberirdisch gelegenen Handelskomplex mit seinen quirligen, schnelllebigen Businessaktivitäten im Fokus. Gerald van der Kaap mixte beidseitig der Bahnsteige auf langen gewellten Wänden ein komplexes Motivkonstrukt. Hellviolette, silberne und graue Streifen sind nichts anderes als eingefrorene Buchstaben flirrender Texte, wie man sie aus Filmen kennt. „I want a permanent wave“, ein Satz aus einem alten Taschenlexikon, transformierte der Niederländer in grafische Schichtungen. Unterbrochen wird die Typografie von Stills eines romantischen Videoclips mit der unerwarteten Begegnung eines Mannes und einer Frau, Szenarien, wie sie sich in U-Bahnen, bei Handelstreffen oder auch auf den Plattformen der Metro ereignen. Zudem ließ Kaap in den Boden des westlichen Bahnsteigs eine griechische Zweieuromünze mit der Darstellung Europas ein.

Der Realisierung des Projektes ging die Ausrichtung beschränkter Wettbewerbe voraus, als deren Ergebnis eine unabhängige Kunstkommission eine Shortlist aus 50 Künstlern erstellte. Für jede Station wurden dann drei Ideen bestimmt und der Bevölkerung zur Diskussion präsentiert. Mit deren Meinung trafen die Verantwortlichen dann die letztendliche Entscheidung. Der über fünf Jahre dauernde Prozess führte ein Tableau aus einheimischen und ausländischen Künstlern herbei. Intendiert war von den Initiatoren ein Museum auf Zeit für 30 Jahre. Um die Haltbarkeit über einen so langen Zeitraum zu gewährleisten, wurden die Werke weitgehend in der Form mehrschichtiger Glasmodule an die Betonwände genoppt, um Graffitisprayern das Handwerk zu legen. Da sämtliche Motive zudem digital abgespeichert sind, ist ein Ersatz sämtlicher Teile in wenigen Stunden durchführbar.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die lange Tradition von Public Art in der niederländischen Hauptstadt. Rund 1500 Kunstwerke finden sich auf öffentlichen Plätzen, in Grünanlagen oder Straßenkreuzungen. Bis zum 30. September sind unter dem Motto „Pay Attention Please“ zahlreiche Werke an teils ungewohnten Orten zu sehen. In der denkmalgeschützten Oude Kerk erinnert der Künstler Giorgio Andreotta Calò an die Transformation des römisch-katholischen Gotteshauses in eine protestantische Kirche ab 1578. Sämtliche Glasfenster versah er mit roten Filtern, die das Innere in einem entfremdenden Effekt komplett einfärben und in Erinnerung an den hier stattgefundenen Bildersturm im Jahr 1566 neutralisieren.

Sensationell war vor wenigen Wochen die Wiederentdeckung eines riesigen Graffitis von Keith Haring an der Wand eines Kühlhauses. Über Jahre hinter einer aufgenagelten Panelverkleidung verborgen, harrt das 1986 geschaffene Sujet nun der Restaurierung. Um übrigens auch den Graffitikünstlern eine Heimstatt zu geben, ist zur Zeit im ehemaligen nördlichen Industrieareal der NDSM-Werft in einer riesigen, 7.000 Quadratmeter großen alten Fabrikhalle ein Street Art Museum im Aufbau, das 2019 eröffnet werden soll.



22.08.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Daniel Dewar und
 Grégory Gicquel, The crocodile, the melodica, the pike fish, the high heel pump..., 2017
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Gerald van der Kaap, I want a permanent wave, 2018
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Giorgio Andreotta Calò, Anastasis, 2018
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David Claerbout, Weather Engine, 2018
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Graffiti-Wand in der NDSM-Werft
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Persijn Broersen und Margit Lukács, De 7 Poorten, 2018
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Persijn Broersen und Margit Lukács, De 7 Poorten, 2018
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Amalia Pica, Sipping colors, 2017

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Persijn Broersen und Margit Lukács, De 7 Poorten, 2018

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Gerald van der Kaap, I want a permanent wave, 2018

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Jennifer Tee, Tulip Palepai. Navigating the river of the world, 2017

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Das wiederentdeckte Graffiti von Keith Haring in Amsterdam

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Daniel Dewar und Grégory Gicquel, The crocodile, the melodica, the pike fish, the high heel pump..., 2017

Daniel Dewar und Grégory Gicquel, The crocodile, the melodica, the pike fish, the high heel pump..., 2017

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Harmen Liemburg, Flyways, 2018

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Daniel Dewar und Grégory Gicquel, The crocodile, the melodica, the pike fish, the high heel pump..., 2017

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Harmen Liemburg, Flyways, 2018

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Marjan Laaper, Ramses Shaffy. Levenslijnen, 2016

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