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Stilleben mit Äpfeln in weißer Schale mit blauem Glas, 1925 / Otto  Modersohn

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Ohne Titel, 2012 / Heinz Mack

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Die Städtische Galerie Villingen-Schwenningen zeigt erstmals seit 25 Jahren in Deutschland eine große Retrospektive zu Giorgio Morandi

Eine Faszination des Unaufgeregten



„Das einzige Interesse, das die sichtbare Welt in mir erregt, betrifft den Raum, das Licht, die Farbe und die Formen.“ Das bekannte der Italiener Giorgio Morandi. Despektierlich oft als „Flaschenmaler“ tituliert, besteht sein Hauptwerk aus penibel arrangierten Gefäßen wie Flaschen, Vasen, Kannen und Dosen auf einem knapp bemessenen Tisch vor hell schimmerndem Hintergrund. Aus dem Zusammenhang gerissen, werden die stummen Objekte in imaginären Räumen neuen Analysen zugeführt. In stunden-, teils tagelangen „Versuchsanordnungen“ dokumentierte Morandi zeichnerisch jede noch so kleine Veränderung der Arrangements, Lichteffekte oder Farbwirkungen, nicht zuletzt um sie wieder in vorherige Zustände zurückversetzten zu können. Dies geschah in seinem kleinen, rund 15 Quadratmeter messenden Wohnzimmer in Bologna, das ihm auch als Atelier diente. Der Blick hinaus führte in einen düsteren Hinterhof, der nur einen schwachen Lichteinfall ins Zimmer zuließ. Erst wenn er den bis ins Äußerste getriebenen Vollendungsanspruch als erfüllt ansah, begann Morandi, das Sujet in Öl zu illustrieren.


Die mit wenigen Gegenständen erwirkte tiefe, geistig-meditative Auseinandersetzung ist in der Kunstgeschichte ohne Beispiel. Morandi lehnte sich nicht an modische Ausdrucksarten an und stieß zu keiner der vielen Avantgardegruppen hinzu. Neutral und eigenständig sind seine Stillleben wie separierte Inseln im Strom künstlerischer Epochen des 20. Jahrhunderts. Wer war dieser Mann und wie gelangte er zu diesen eigentümlichen künstlerischen Setzungen? Als erstes von fünf Kindern erblickte Giorgio Morandi am 20. Juli 1890 in Bologna das Licht der Welt. 1907 nahm er dort an Accademia di belle Arti sein Studium auf, das er 1913 mit dem Diplom als Zeichenlehrer abschloss. Nachdem er ab 1914 in dieser Funktion an der Volkshochschule in Bologna und in den angrenzenden Provinzen gearbeitet hatte, kehrte er 1930 als Professor für die Technik der Radierung an seine Ausbildungsstätte zurück und ging dieser Tätigkeit bis 1956 nach.

Neben der Wohnung in der Via Fondazza in Bologna, wo er am 18. Juni 1964 verstarb, hielt er sich ab 1960 zumeist in seinem Landhaus in Grizzana auf. Zurückgezogen im Haus der Familie lebend und umsorgt von seinen Schwestern, verließ er seine Heimatstadt nur selten, etwa um die Alten Meister in Florenz oder Rom zu studieren, die Biennale in Venedig zu besuchen oder zu einer Ausstellung mit seinen Arbeiten im schweizerischen Winterthur im Jahr 1956 zu fahren, seiner einzigen Auslandsreise. Während er italienische Meisterwerke der Renaissance aus eigener Anschauung kannte, informierte er sich über Arbeiten von Paul Cézanne oder Henri Rousseau mittels Reproduktionen. Schon 1912 schuf er erste Radierungen auf Kupfer- und Zinkplatten. Schwer fassbar ist sein vernichtetes Frühwerk, das sich in aufgelockertem kubistischem Formenvokabular und pastellhafter Farbigkeit bis 1918 hinzog. Ab 1920 wurden seine Motive subtiler, meditativer und gingen in eine strenge Tektonik fast fleckig aufgelöster Strukturen über. In seinem Schaffen konzentrierte sich Morandi auf wenige Motive: Landschaften, die er beim Ausblick aus seinem Arbeitszimmer in Bologna oder Grizzana erspähte, auf Blumenstillleben sowie die berühmten Arrangements von Gefäßen auf seinem Ateliertisch.

Trotz seiner singulären Stellung und extravaganten asketischen Arbeitshaltung erweisen sich Morandis Werke keineswegs völlig losgelöst vom allgemeinen Strom künstlerischer Entwicklungen und Vorbilder. Die Pittura metafisica mit ihren Licht- und Schattenwirkungen, magischen Poesien und stillen statischen Realitäten der Dingwelt ist ebenso zu spüren wie die gedämpfte, leichte Palette bei kontrollierter heller Beleuchtung oder geometrischer Formvereinfachung, die Morandi bei Piero della Francesca, Masaccio, Paolo Uccello und anderen Meistern der italienischen Renaissance beobachtet hatte.

Die Schwenninger Ausstellung setzt 1923 ein und versammelt insgesamt rund 60 Arbeiten, neben 23 Gemälden die Gattungen Aquarell, Zeichnung und Radierung. In der Schau begegnen die Besucher zunächst weniger im Fokus der Morandi-Rezeption stehenden Landschaften, deren Sujets der Künstler aus dem Zimmerfenster anvisierte, mittels eines Feldstechers selektierte und somit der Realität entrückte. Zumeist perspektivisch von unten wahrgenommen, bieten sich dem Betrachter fast fensterlose Kuben inmitten von amorphem Baumbestand, einsam, fast schon unheimlich, stark im Vagen verhaftet. Bis zu Beginn der 1940er Jahre tönt Giorgio Morandi seine Gemälde noch stark erdfarben ab, ab 1942 hellt er die Palette sichtbar auf bis hin zu hellgrünem, gelbem und rosafarbenem Kolorit um 1960. Auch zwei 1942 gemalte Blumenstillleben enthält die Auswahl, die irgendwie unklar, in fahler matt-beiger Farbgebung der Zeit völlig entrückt erscheinen und vielleicht etwas vom gedämpften Frohsinn dieser Zeit vermitteln.

Spannender geht es bei den Gefäßarrangements zu. Durchweg ganz einfach mit „Natura morta“ betitelt, entfalten die Stillleben besonders in den 1950er Jahren nuancenreiche Spannungsverhältnisse. Dies gelingt Morandi durch eigenwillige farbliche Akzentuierungen, wobei das frontal oder seitlich einstrahlende Licht einzelne Formen betont oder glatte, partiell dezent hervorgehobene Wandflächen die Gewichte der Gesamtkomposition pointieren. Während noch in den 1940er Jahren ausgesprochen dunkle Farbwerte düstere Stimmungen signalisieren, entfaltet Morandi im Folgejahrzehnt durch eine leuchtende Transparenz vor hell schimmernden Raumtiefen eine fast schon heitere Freudigkeit.

Doch die subtilen, nuancenreichen Farbkontraste lösen in seiner Tonmalerei keinerlei Bewegung aus. Der zum genauen Hinschauen gezwungene Betrachter verharrt in der Statik unverrückbarer, dennoch ungemein reizvoller Geometrien, die stumm, aber einprägsam Gemütszustände eines introvertierten Künstlers verkörpern. Auch heute noch können die zeitlosen, morbiden, in ihrer Schweigsamkeit für sich sprechenden Bilder als Besinnung und Antwort auf Entwicklungen der Gegenwart verstanden werden. In einer effekthascherischen, von permanent wechselnden Trugbildern angefüllten Jetztzeit bietet Giorgio Morandi mit seiner Kunst eine erfüllte Stetigkeit von Harmonie statt eines Überdrusses kurzer Augenblicke.

Nach drei Jahrzehnten verabschiedet sich Wendelin Renn, der Galerieleiter und Kurator der Ausstellung, mit dieser Schau aus Villingen-Schwenningen und geht in den Ruhestand. Seine Nachfolgerin steht schon fest: Die 30jährige Kunsthistorikerin Vanessa Charlotte Heitland kommt vom Museum Bad Pyrmont und hat zum 1. Juni ihre neue Stelle übernommen. Renn ist es zu verdanken, dass die beschauliche, als ehemalige Welthauptstadt der Uhrenproduktion bekannte Schwarzwaldstadt mit einem fulminanten, mit einem zweistelligen Millionenbetrag versicherten Ausstellungshighlight aufwarten kann, das viele Besucher verdient.

Die Schau „Giorgio Morandi – Licht und Farbe“ ist noch bis zum 15. Juli zu sehen. Die Städtische Galerie Villingen-Schwenningen hat täglich außer montags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 2 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der an der Museumskasse 18 Euro kostet.

Kontakt:

Städtische Galerie Villingen-Schwenningen

Friedrich-Ebert-Straße 35

DE-78054 Villingen-Schwenningen

Telefon:+49 (07720) 82 10 98

Telefax:+49 (07720) 82 10 97

E-Mail: galerie@villingen-schwenningen.de



28.06.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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