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Das MUMOK in Wien zeigt die amalgamisierten Plastiken und das grafische Werk des Eigenbrötlers Bruno Gironcoli

Menschheit zwischen Kitsch und Technisierung



Aufmerksamen Biennale-BesucherInnen sind die beiden silbernen Plastiken sicher noch in Erinnerung: 2003 bespielte Bruno Gironcoli den österreichischen Pavillon in Venedig, und zwei seiner futuristisch anmutenden Metallobjekte, die er damals vor dem Entree als Auftakt positionierte, übernehmen nun abermals die Rolle von Galionsfiguren, um im Wiener Museumsquartier auf die große Personale aufmerksam machen, die das Museum moderner Kunst dem eigenwilligen Künstler ausrichtet. Die beiden monumentalen Aluminiumgüsse sind Stellvertreter für eine Serie von Großplastiken, die Bruno Gironcoli ab Anfang der 1980er Jahr schuf. Wenige Jahre zuvor hatte der 1936 in Villach geborene Bildhauer an der Akademie der Künste in Wien die Nachfolge von Fritz Wotruba angetreten. Die mit dieser Position verbundenen Annehmlichkeiten wie ein großzügiges Atelier samt Garten im Prater ermöglichten Gironcoli auch für seine eigene künstlerische Arbeit erheblich verbesserte Konditionen. Hatte er nach Lehrjahren in einem metallverarbeitenden Kärntner Kleinbetrieb, in dem er Kupfer und Messing bearbeiten musste, und Anfang der 1960er Jahre nach der prägenden Begegnung mit Alberto Giacomettis Werken in Paris Drahtskulpturen und kompakte Gussarbeiten im kleinerem Maßstab hergestellt, entwickelte Gironcoli fortan seine unverwechselbaren Großplastiken, in denen er archetypische Figuren und triviale Gegenstände zu riesigen metallenen Konglomeraten verschmolz.


Gironcoli taufte sein neues Gestaltungsprinzip des aus dem Raumganzen der Umwelt ausgegrenzten Einzelkörpers nach einer Romangestalt Samuel Becketts auf den Namen „Murphy“. Er fand in ihr, wie es der unlängst verstorbene Peter Gorsen in seinem Katalogbeitrag für die Wiener Ausstellung treffend formulierte, „ein stringentes symbolisches Äquivalent für die hochaktuelle, aus der alltäglichen Lebenswelt und ihren sinnentstellten, politisch unsolidarischen wie asozialen Inhalten sich herausreißende, auf ein nichtiges Leben hin orientierte Existenzform“. Erstmals allegorisierte Gironcoli seine Ideen in dem 1968 entstandenen bildhauerischen „Modell in Vitrine. Entwurf für eine Figur (Murphy)“, später in Polyester- und Aluminiumgüssen und schließlich auch in der nun vor dem Museum moderner Kunst (MUMOK) präsentierten Großplastik: Hier mutiert „Murphy“ zu einer auf dem Rücken liegenden Figur, die sich wie Kafkas Tuchhändler Gregor Samsa nicht aus ihrer vertrackten Lage befreien kann. Aufgebahrt auf einer kantigen Winkelkonstruktion steckt der Körper, der mit seinen kurzen Armstümpfen einem missgebildeten Embryo gleicht, in einem mit Edelweißblüten dekorierten Kokon. Ein überdimensionierter Rosenkranz mit angehängten Kreuz umgürtet die Lenden der einbandagierten Gestalt, ein Motiv, das Gironcoli neben Edelweißblüten, Kornähren, Glühbirnen, Stöckelschuhen, Madonnen und Hakenkreuzen immer wieder neu kombinierte.

Das Fetischieren von Gegenständen, sexuelle, ideologische und religiöse Zwänge, das Verhältnis von Natur und Technik und die Verführung durch manipulierte Oberflächen sind die Themen, die Bruno Gironcoli über Jahre hinweg beschäftigten. Vor diesem Hintergrund ist sein Interesse an spießbürgerlichem Kitsch und Dekor als kollektiver Formensprache zu verstehen, seine Verwendung religiöser und politischer Symbole und seine Faszination für technische Apparaturen. Sakrales und Vegetabiles paarte Gironcoli mit derselben Nonchalance, wie er Körper und Maschinen miteinander verschmolz. Modulartig kombinierte er die Versatzstücke, multiplizierte seine Motive, und erst durch die Wiederholung, die in den Werken eine entscheidende Rolle spielt, kommt eine Bewegung in Gironcolis eigenwilliges Figuren- und Dingrepertoire.

Das Verbinden und Verschmelzen dem Alltag entnommener Versatzstücke und das Kombinieren von bekannten Konstellationen ist eine Strategie, die Bruno Gironcoli auch in seiner beachtlichen grafischen Produktion beschäftigte. Von Beginn an sind diese meist großformatigen Blätter, die über die Jahre immer malerischer werden, mehr als Entwürfe für die Bildhauerei, obwohl Gironcoli sich konstruktiver Hilfsmittel wie Rastervorlagen und Linienspiegel bediente. Auf Papier enthob er seine Figuren und Gegenstände realer Größenverhältnisse und physikalischer Gesetze. Schablonenhafte Gestalten – oft eine männliche Rückenfigur als sein Alter Ego – sowie Tiere, Symbole und Apparaturen gehen hypothetische Verbindungen ein und fügen sich zu fantastisch-surrealen Szenen. Gironcoli selbst beschrieb seine Papierarbeiten als „im Raum ausgebreitete Flächen von Überlegungen“, und in der Tat werden hier bildhauerische Möglichkeiten durchgespielt, die ihm der reale Raum versagte.

Mit der Konzentration auf die Papierarbeiten und in der Zusammenschau mit einer Vielzahl von plastischen Werken ermöglicht die Ausstellung nun acht Jahre nach Gironcolis Tod einen ausgesprochen erhellenden Blick auf dessen Werk. Rund 150 Arbeiten von den 1960er bis in die 1990er Jahre stehen auf zwei Ebenen des MUMOK etwa 25 Skulpturen gegenüber. In der Konfrontation von grafischem und plastischem Werk zeigt sich, dass Bruno Gironcoli seine Konzeption von Bildhauerei, von Dinglichkeit und Materialität, entscheidend auf Papier konzipiert hat. Schon früh experimentierte er mit unterschiedlichen Werkstoffen, beispielsweise mit Metallfarben in Gold, Silber und Bronze, unterschiedlichen Aggregatzuständen, untersuchte das Verhältnis von gleichen und ungleichen Körpern zueinander sowie zum umgebenden Raum. Systematisch folgt die Ausstellung Gironcolis zeichnerischen Experimenten, angefangen von den frühen Akt- und Portraitstudien seiner Frau Christine, die noch unter dem Einfluss von Giacometti entstanden, über die betont geschlossenen und stereometrisch einfachen Objektdarstellungen der 1960er Jahre, in denen Gironcoli erstmals mit Metallfarben experimentiert. Zeichnungen dieser Jahre dokumentieren sein aufkommendes Interesse für neue, „billige“ Werkstoffe, wie für Polyester, von dem Gironcoli – ganz Kind seiner Zeit – fasziniert war. Wie die Künstlerinnen und Künstler der Pop Art interessierten ihn die Täuschungs- und Verführungsmanöver der Warenwelt: massenproduzierte Dinge, die sich den Anschein von Kostbarkeiten geben.

Neben dem Motiv des Kopfes und der wackelnden Phallusfiguren, etwa in der „Figur, auf einem Punkt stehend/Stimmungsmacher“ von 1965/69, schwingen immer wieder Vorstellungen von Möbelstücken in den Objekten mit. Das keilförmige Werk „Ohne Titel“ von 1966 lässt an einen abstrahierten Kinderwagen denken, eine Form, die in Gironcolis Ausführung fremd und gleichzeitig vertraut ist. Die Idee von Benutzbarkeit, von einem körperlichen Dialog mit einem „Ding“ war für Gironcoli von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig interessierten ihn verführerische Oberflächen und dekorative Effekte wie Pinseltupfer und Marmorierungen, gelackte oder glänzende Farbaufträge. Im Zusammenhang mit seinen Rauminstallationen entwickelt er Anfang der 1970er Jahre zeichnerische Bühnen, in denen vermehrt Referenzen auf die eigene bildhauerische Praxis auftauchen: Mobiliar, Gebrauchsgegenstände, elektrisches Gerät. Neu hinzu kommt ein menschlicher Protagonist, eine meist kauernde, männliche Figur. Gironcoli nennt diese Figur den „Lehrling“ oder „Robert“, dann immer wieder „Murphy“. Ebenfalls zum Ensemble der Bühnen gehören mumienhaft Bandagierte, kopulierende Hunde und Affen. Hakenkreuze, Davidsterne, Sensen und Panzer rufen Assoziationen an eine Kindheit im Krieg wach.

In den ab 1970 entstandenen Papierarbeiten umkreist Bruno Gironcoli vielfach das Motiv der Kreuzigung: er entwirft Kreaturen auf streckbankähnlichen Podesten, die gefangen sind in Metamorphosen zwischen menschlicher Gestalt, formbarer Masse und metallischen Auswüchsen. In den späten Grafiken verdichtet Gironcoli zunehmend seine Motive und bildnerischen Mittel: Grafische Elemente werden von Gouache, Tempera und Metallpulverfarben akzentuiert und überlagert, so dass sich plastische Oberflächeneffekte ergeben und die Motive eine flüssig oder nass anmutende Oberfläche erhalten. Den Wachstums- und Fortpflanzungsmetaphern der Skulpturen entsprechend löst Gironcoli seine Motive auch in den Papierarbeiten aus den Verstrebungen der Raumbühnen. „Das Groteske, Übersteigerte erscheint mir heute näher meinem Wirklichkeitsempfinden“, erklärte er sein verändertes Raumverständnis.

Bruno Gironcoli hat ein allemal bemerkenswertes Œuvre erarbeitet, voll verstörender Hinweise und Zeichen auf individuelle und kollektive Zwänge und Beschädigungen. Er hat das heikle Kunststück geschafft, die eigenen inneren Konflikte und die Bedrängungen, die aus der Technisierung und Industrialisierung des Lebens entstehen, in hermetische Formen zu fassen. Aufzuzeigen, dass Gironcoli den Dämon der Entfremdung, den er konsequent in den grafischen Arbeiten reifen ließ, auch in seinen späten Werken versteckte, ist ein besonderer Verdienst der Wiener Ausstellung.

Die Schau „Bruno Gironcoli. In der Arbeit schüchtern bleiben“ ist bis zum 27. Mai zu besichtigen. Das Museum Moderner Kunst hat montags von 14 bis 19 Uhr, dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 9 bzw. 8 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er frei. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 38 Euro.

Kontakt:

Museum Moderner Kunst - Stiftung Ludwig Wien

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 00

Telefax:+43 (01) 525 00 13 00

E-Mail: info@mumok.at



12.04.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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