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Stilleben mit Äpfeln in weißer Schale mit blauem Glas, 1925 / Otto  Modersohn

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Ohne Titel, 2012 / Heinz Mack

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Das Kunstforum in Wien stellt Man Ray vielfältiges Schaffen und seine Auswirkung auf die populäre Kultur bis heute vor

Bewusst stillos



Um 1920 erfanden Marcel Duchamp und Man Ray das Kunstgeschöpf „Rrose Sélavy“. Der Name war ein Wortspiel aus „Eros c’est la vie“ – Eros ist das Leben. Rrose Sélavy war der als Frau verkleidete Duchamp, der unter diesem Namen Werke signierte, während ihn Man Ray dabei fotografierte. Kennengelernt hatten sich die beiden Männer 1915, als der 28jährige Duchamp, der im selben Jahr von Paris nach New York übergesiedelt war, seinen drei Jahre jüngeren Kollegen während dessen Aufenthalts in einer Künstlerkolonie in Ridgefield in New Jersey besuchte. Wie Duchamp untersuchte auch Man Ray jenes Phänomen der subtilen Trennung, für die der Künstlerfreund ein überaus treffendes Adjektiv gefunden hatte: „inframince“. In diesem kunsttheoretischen Begriff sah Duchamp sowohl die Bedeutung des Phänomens eines Intervalls, als auch jenes der Spaltung miteinander vereinigt. Im erotischen Motiv solch einer Indifferenzerfahrung erkannten die beiden Künstlerkollegen jene Chance, die sie zu Kunstwerken führten, die heute zu den Inkunabeln der Kunst des 20. Jahrhunderts gehören.


Das Bildnis des verkleideten Duchamps ist eines von insgesamt 200 Werken, die in der aktuellen Ausstellung des Wiener Kunstforums mit dem Titel „Man Ray“ zu sehen sind. Die Ausstellung reflektiert auf Man Rays ständiges Switchen zwischen den Kunstgattungen. Mit Malerei, Zeichnung und Assemblagen beschäftigte sich der Künstler mit ebensolcher Leidenschaft, wie er fotografierte, filmte und seine Buch- und Objektkunst betrieb. Für Ray, der mit bürgerlichem Namen Emmanuel Radnitzky hieß und 1890 in Philadelphia geboren wurde, gab es, wie er bekannte, „zwei Beweggründe für das, was ich tue: die Freiheit und die Freude.“ Und die Frauen, könnte man hinzufügen. Das Motiv des weiblichen Körpers – vor allem die Portraits seiner Partnerinnen, aber auch die Bildnisse von Schauspielerinnen und Künstlerkollegen machten ihn weltberühmt. Sie verengten aber auch den Blick auf einen Künstler, der zeitlebens auf der Suche nach der ihm adäquaten Ausdrucksform war.

Am Beginn der Ausstellung steht Man Rays in Europa kaum bekanntes Frühwerk, das neben abstrakt-technischen Studien auch jene Gemälde umfasst, die während seines Aufenthalts in der Künstlerkolonie in Ridgefield von 1913 bis 1915 entstanden und stark vom Fauvismus und Kubismus geprägt sind. In dieser Zeit kaufte Man Ray seinen ersten Fotoapparat, um eigene Werke zu reproduzieren. Am 31. März 1915 veröffentlicht er eine Ausgabe von „The Ridgefield Gazook“, einem von ihm selbst entworfenen anarchisch-satirischen Pamphlet, das bereits Grundzüge der späteren Dada-Zeitschriften aufwies, sowie „A Book of Diverse Writings“ mit Texten seiner ersten Frau Donna Lecoeur und eigenen Illustrationen.

Wenig später und zurück in New York plante Man Ray „etwas Neues“, für das er „Staffelei, Pinsel und die anderen traditionellen Malerutensilien nicht brauchte“. Zunehmend interessierte er sich für das Unbewusste, Scheinbare und Mystische. Im Verlauf des Jahres 1917 machte Ray sich mit verschieden fotografischen Techniken vertraut und experimentierte mit unterschiedlichen Materialien und Techniken. Er entdeckte für sich den Glasklischeedruck (Cliché verre), die „Aerographie“, eine Airbrushtechnik, und es entstanden die ersten Fotogramme. Unter dem Einfluss von Marcel Duchamp und Francis Picabia begann Man Ray gleichzeitig mit Alltagsgegenständen zu experimentieren. Er arrangierte und dearrangierte Gegenstände und Fundstücke. Das Ergebnis waren Assemblagen wie „New York 17“ von 1917/66, ein Objekt, für das Ray schmale, silberne Metallplatten mithilfe einer einfachen Schraubzwinge zusammenfasste und diese als wolkenkratzerähnliche Konstruktion auf einer Sockelplatte arrangierte, oder das geheimnisvolle Objekt „L’Enigme d’Isidore Ducasse / Das Rätsel von Isidore Ducasse“ von 1920/71, das aus einer Nähmaschine bestehen könnte, die in eine Decke eingewickelt und mit einem Seil verschnürt ist.

Im Juli 1921 folgte Man Ray Duchamp nach Paris. Hier wurde er von seinem Künstlerfreund empfangen und binnen kurzem Mitglied der Dadaisten-Szene. Bereits im Dezember hatte der damals 31jährige seinen ersten großen Auftritt und stellte dadaistische Gemälde und Objekte aus, die er noch in Amerika gefertigt hatte. Doch der erhoffte finanzielle Erfolg bleibt aus, und Man Ray fasste einen zukunftsweisenden Entschluss. „Meine ganze Aufmerksamkeit“, schrieb er in seiner Autobiografie, „richtete ich jetzt darauf, mich als Berufsfotograf zu etablieren, ein Studio zu finden und es einzurichten, um effektiver arbeiten zu können. Ich wollte Geld verdienen – nicht länger auf eine Anerkennung warten, die sich vielleicht nie einstellen würde.“ Die Anerkennung als Fotograf erfuhr er unverzüglich. Man Ray revolutionierte mit seinen Aufnahmen die Ästhetik der Fotografie – und schrieb Geschichte.

In der Wiener Ausstellung dokumentieren Stillleben, Akte und Portraits, kameralose Experimente und Tricks aus der Dunkelkammer Rays produktive Pariser Zeit der 1920er und 1930er Jahre. Erstaunlich ist, wie oft ihm bei der Entwicklung seiner Bildideen angeblich der Zufall zu Hilfe kam: ob er durch gefleckte Glasplatten hindurch fotografierte und so die Portraits verfremdete Effekte erreichte, ob er ein Bildnis der langen Belichtungszeit wegen verwackelte, wodurch die wilde Marquise Casati den Betrachter noch dämonischer anstarrt, ob Ray Gegenstände auf Fotopapiere abstellte, die ihre verzerrten Schatten darauf hinterließen oder ob Ende der 1920er Jahre Lee Miller, seine Assistentin und Geliebte, in der Dunkelkammer irrtümlich das Licht anknipste, wodurch sich bei der sogenannten Solarisation die Hell- und Dunkel-Farbstufen auf den belichteten Fotopapieren umkehrten. Getrieben von dem Wunsch die Motive zu verrätseln dienten Man Ray die Negative häufig nur als Ausgangsmaterial für weitere Bearbeitungen: Auf den Rückenakt seiner Partnerin der ersten Pariser Jahre Alice Prin alias Kiki de Montparnasse malte er um 1924 die Schalllöcher eines Violoncellos – in der Ausstellung hängt ein späterer Abzug aus dem Jahr 1990 – , für „Anatomies“ von 1930, „La Prière“ um 1930 und „Lee Millers Eye“ von 1932 wählte er extreme Bildausschnitte oder stellte seine Motive auf den Kopf.

Während seines gesamten Schaffens legte sich Man Ray nie auf ein bestimmtes Medium fest: „Ich fotografiere, was ich nicht malen möchte, und ich male, was ich nicht fotografieren kann“, sagte er einmal. Malerische und zeichnerische Experimente begleiten die fotografisch produktive Phase der 1920er und 1930er Jahre und geben Zeugnis von Rays unermüdlichem Versuch, sich in möglichst vielen künstlerischen Techniken auszudrücken. Dass sich der Künstler allerdings mit Gemälden wie „La Fortune“ oder „Portrait imaginaire de D.A.F. de Sade“, beide von 1938, zuweilen den Vorwurf gefallen lassen musste, er bereichere sich an den Bildfindungen seiner Kollegen wie René Magritte oder Salvador Dalí, dokumentiert die Ausstellung ebenso, wenngleich sie Rays Stilpluralismus als ein bewusstes Mittel interpretiert, die Avantgarden und Nachavantgarden zu unterlaufen. Auch wenn Man Rays Gemälde und Zeichnungen häufig weit weniger überzeugen als die fotografischen Arbeiten, so ist doch sein Versuch des Einverleibens der Ästhetik eines Mediums in ein anderes für das Verständnis seiner intermedialen Herangehensweise von zentraler Bedeutung.

Während Man Rays Zeit in Paris wurden seine Fotografien ebenso in Kunstzeitschriften und den Pamphleten der Surrealisten wie in den Magazinen „Vogue“, „Vu“ und „Harper’s Bazaar“ veröffentlicht und machten ihn berühmt. Sein Atelier wurde zum Treffpunkt der Künstler. Pablo Picasso, Georges Braque, Salvador Dalí, Jean Cocteau und André Breton porträtierte er ebenso wie Ava Gardner, Arnold Schönberg und Virginia Woolf – zahlreiche dieser Bildnisse sind in der Ausstellung zu sehen. Dass Ray in seinem Atelier auch eine Unzahl von Menschen in deren Auftrag porträtierte, ganz gewöhnliche Kunden und immerhin gut zwölftausend Negative hinterließ, spart die Schau jedoch aus.

1940 flüchtete Man Ray über Lissabon nach New York. Ein Jahr darauf bezog er mit seiner neuen Frau Juliet Browner ein Atelier in Los Angeles und versuchte, wieder als Maler Fuß zu fassen. Nur gelegentlich griff er noch zum Fotoapparat und wenn, dann war Juliet sein Hauptmotiv. Den immerhin zehn Jahre währenden Aufenthalt in Hollywood dokumentiert die Ausstellung im Kunstforum nur mit wenigen Werken: die Assemblage „Mr. Knife and Miss Fork“ von 1944/73 stammt aus dieser Zeit ebenso wie das hölzerne Schauspiel aus dem Jahr 1946, eine Leihgabe aus dem Pariser Centre Pompidou.

1950 beschloss Man Ray abermals und damit endgültig, nach Paris zu gehen. Mit Juliet bezog er eine Pariser Studiowohnung in der Rue Férou, die er bis zu seinem Lebensende 1976 bewohnte. In den Folgejahren wurde es trotz intensiver Ausstellungsbeteiligungen in Europa und Amerika ruhiger um den Künstler. Vergleicht man die Arbeiten dieser Jahre, so ist man allerdings sprachlos, angesichts der malerischen Bandbreite, mit der Ray einerseits frühere surreale Sujets aufgriff, etwa 1952 in „La rue Férou“, und gleichzeitig an abstrakten Kompositionen wie „Mon prémier amour“ arbeitete. Es verwundert ein wenig, dass Ingried Brugger, Direktorin des Kunstforums, in ihrem Textbeitrag Man Rays bewusste Stillosigkeit zwar betont, der zeitlich nicht chronologisch geordnete Abbildungsteil des Kataloges und die Präsentation der Ausstellung diesen Pluralismus jedoch eher zu kaschieren suchen.

Davon abgesehen bietet die Schau jedoch einen breiten Einblick in Man Rays vielfältiges Schaffen. Bei den präsentierten Fotografien handelt es sich erfreulicher Weise meist um Vintage Prints, selten um spätere Abzüge. Die plastischen Objekte sind im Hauptraum auf zwei winkelförmigen Sockelbändern aufgebaut, die Ansichten von allen Seiten erlauben, und in einem kleinen Kino-Séparée laufen Rays Experimentalfilme. Zudem wird im letzten Raum der bis heute andauernden Rezeption Man Rays Beachtung geschenkt: exemplarisch wird dokumentiert, dass seine emblematischen Motive von Modedesignern wie Gaultier und Castelbajac oder von Musikgruppen wie den Beatles oder Depeche Mode aufgegriffen wurden. Auf eine unlängst produzierte Reminiszenz, einen Schminktisch mit farblich passenden Hocker namens „Rose Sélavy“ aus dem Hause „Maison Dada“, wurde wohlweislich verzichtet. Gegen dieses Missverständnis konnte sich Man Ray selbst nicht mehr wehren.

Die Ausstellung „Man Ray“ ist bis zum 24. Juni zu sehen. Das Kunstforum der Bank Austria Wien hat täglich von 10 Uhr bis 19 Uhr, freitags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 11 Euro, für Senioren 8,50 Euro und für 17- bis 27jährige 6 Euro, darunter 4 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet 32 Euro.

Kontakt:

Bank Austria Kunstforum

Freyung 8

AT-1010 Wien

Telefon:+43 (01) 557 33 26

Telefax:+43 (01) 557 33 27

E-Mail: office@kunstforumwien.at



22.02.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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