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Im Clemens-Sels-Museum deckt eine vergleichend angelegte Schau den Einfluss der Fotografie auf die künstlerische Entwicklung der Portraitmalerei im 19. und 20. Jahrhundert auf

Vom doppelbödigen Lügen



Franz von Stuck, Bildnis der Tochter Mary mit Hut, um 1916

Franz von Stuck, Bildnis der Tochter Mary mit Hut, um 1916

Begrüßt wird der Besucher des Clemens-Sels-Museums in Neuss derzeit von einer adretten jungen Dame. Geschickt wird die erotisch-mystisch anmutende Halbfigur vor dunkelgrünem Grund durch eine von rotem Samt beschlagene Brüstung auf Distanz gehalten. Bei der anmutigen Person mit ausdrucksstarken Gesichtszügen und verlockendem Augenpaar, in das sich der Betrachter verliert, handelt es sich um Mary, die uneheliche Tochter des Malers Franz von Stuck. Dem in den Jahren um 1916 in Öl auf Karton gemalten Bildnis „Tochter Mary Stuck mit Hut“ liegt unzweifelhaft eine Fotografie zugrunde. Das Portraitfoto von 1915 nimmt schon die Gestik und Mimik des Gemäldes vorweg. Doch Franz von Stuck überhöht in der Malerei sein geliebtes Modell. Er verleiht seiner Tochter ebenmäßigere Gesichtszüge und einen anziehenderen Blick, der aber zugleich eine räumliche Distanz erzeugt. Auch mit dem im Vergleich zum Foto höher geschlossenen Dekolleté strebt Stuck eine Idealisierung seiner Tochter an.


Die junge Kunstgeschichtsforschung belegt die Zahl von über 1000 Fotografien, die dem Münchner Malerfürsten Franz von Stuck als Vorlage dienten, die er aber in seinen Bildnissen nach seinen Vorstellungen abwandelte. Gleichermaßen ausgeprägt wie eindrucksvoll verfuhr der Maler Fernand Khnopff. Zu Lebzeiten verneinte er vehement die Beschäftigung mit der Kamera und sprach der Fotografie jedweden Kunstwert ab. Umso erstaunlicher war es, als nach dem Tod des Belgiers zahlreiche Fotoabzüge nebst Kameraausrüstung in seinem Atelier gefunden wurden. Der Vergleich des Fotos seiner Schwester Marguerite mit dem Ölbild „L’Encens (Weihrauch)“ um 1917 beweist, wie genau Khnopff den Gesichtsausdruck, Pose und Kostümierung bis ins Detail vorbereitet hat. In einer grauen Kirchenhalle wie eine starre Statue platziert, zeigt sich die aufwendig gewandete Dame mit einem Weihrauchgefäß in der Hand in der Rolle einer Priesterin. Die mystische Aura und der entrückte Gesamteindruck des Bildes spiegeln die unrealistische Vorstellung des Bruders nach einem enthaltsamen und tugendhaften Leben für die Schwester, die verheiratet und Mutter war.

Der Wunsch nach idealisierter Wiedergabe von Personen ist so alt wie die Malerei selbst. Mit dem Emporkommen des neuen Mediums der Fotografie vor fast 200 Jahren entwickelte sich eine Konkurrenz zum Jahrtausende alten Medium der Malerei. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts übernahm die Fotografie vermehrt die Abbildungsfunktion von Personen. Auftragsarbeiten zur Erstellung individueller Porträts wurden seltener. Folglich entfaltete sich nun die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Modell deutlich freier. Im Zuge einer individuelleren Illustration anstatt eines akademischen Naturalismus kam eine abstraktere, expressionistische Malweise auf. Bei der nunmehr freien, subjektiven Interpretation des Modells ging es nicht mehr um formales Aufblähen einer Person, sondern um die Fassung in modernen, zeitaktuellen Stilformen. Die Porträtmalerei war nun von der Realität befreit. Die Fotografie hingegen war unmittelbarer, realitätsnäher und wurde als mechanisch-technisches Handeln aufgefasst. Daher befürchteten nicht wenige Maler eine Herabwürdigung und Schmähung ihrer künstlerischen Leistungen, würden sie den Gebrauch der Fotografie zugeben. Doch diese Haltung änderte sich. Die technischen Möglichkeiten entwickelten sich immer weiter. Heute sind Bildbearbeitungen und Manipulationen technisch bis zur Unkenntlichkeit ausgereift.

Diesem Themenbereich widmet sich nun das Clemens-Sels-Museum und präsentiert in der Schau rund 100 exemplarische Bildnisse in einem dialogischen Nebeneinander gemalter und technisch reproduzierter Menschenbilder. So will Kuratorin Romina Friedemann Abstraktionen, Verfremdungen, Transformationen und Interpretationen offenlegen. Die Gemälde, Grafiken und Plastiken sind aus dem eigenen Fundus zusammengestellt, der damit auch seinen großen Stellenwert ins Rampenlicht rückt. Das Porträt ist ein aktuelles Thema. Von den über 100 Millionen täglich in den sozialen Netzwerken geposteten Fotos sind ein Großteil Selbstbildnisse. An der Spitze des Drangs nach Selbstinszenierung, Aufmerksamkeit und Erinnerung an freudige Momente steht heute das Selfie, wobei dies weniger als Porträt denn mehr als Ausdrucksmöglichkeit einer kurzen gegenwärtigen Sichtweise und Situation aufzufassen ist.

Der Parcours in Neuss geleitet den Besucher durch fünf Kategorien. Der klassische Typus ist das vom Künstler ausgeführte Selbstporträt. Selbstbetrachtung und Selbstdarstellung sind seine Funktionen. Mit wenigen Strichen und großer Realitätsnähe gelang es Max Liebermann, die Charakteristika seiner Physiognomie einzufangen. Bis ins hohe Alter stellte sich immer wieder Otto Dix dar. Ein strenger kritischer Blick, straff frisiertes Haar sowie markante Kinn- und Stirnformen verleihen seinen Abbildern eine bestechende Prägnanz. Max Clarenbach präsentierte sich gerne gut gekleidet und rauchend, während sich Paul Cézanne mit der typischen Baskenmütze gleichsam als gesetzter Bürger dem Betrachter empfahl.

Viele Porträts schufen Künstler für Kollegen. Meist sind es Freundschaftsbilder von hohem Wiedererkennungswert. So porträtierte Franz von Stuck den ihm persönlich nicht bekannten Düsseldorfer Historienmaler Franz Gerhard Cremer lediglich anhand einer Schwarz-Weiß-Fotografie und hielt sich sichtbar exakt an das Vorbild. Dagegen überziehen gezackte Linienführungen wie Blitze das Gesicht von Jan Thorn Prikker, dem Erich Heckel 1923 in einem Holzschnitt eine betont expressionistische Note verlieh.

Kreativitätsfördernde Begeisterung mit der Folge stark verklärter Wahrnehmungen liegt den Bildern im Abschnitt „Musen und Modelle“ zugrunde. Die Dominanz des inneren Verhältnisses zum Dargestellten lässt das Bildnis mehr zu einer Sicht des Künstlers, als ein Porträt der Person werden. Zu den bemerkenswerten Beispielen dieses Kapitels zählt das 1908 von Félix Vallotton geschaffene Abbild seiner Ehefrau Gabrielle. Ein grellgelbes Kleid, ein reserviert verstimmter Gesichtsausdruck, die wie abgestorben dargestellte linke Hand oder die Distanz signalisierende hohe Armlehne im Vordergrund fußen offensichtlich auf dem Entfremdungsprozess des Paares und signalisieren den bitteren Verlust einer Zweisamkeit.

Eine Auswahl von Rollenbildern deutet die malerisch übergestülpte Selbstklassifizierung von Künstlern an, die sich zumeist zwischen Kult, Opfer der Gesellschaft und Außenseitertum bewegt. James Ensor gehört zu jenen, die dies auf die Spitze trieben. Der für seine nach fotografischen Vorlagen gefertigten Konterfeis bekannte Belgier malte sich allein 112 Mal in diversen Rollen. Seine Masken stehen für die Täuschungen, Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit in der modernen Gesellschaft. Emil Orlik gehörte zu den begehrten Porträtisten in Berlin. Begeistert hielt er in schnellen flüchtigen Farbstiftzeichnungen die Volkssängerin und Kabarettistin Claire Waldoff fest und spiegelte in der wirren, lebhaften Miene und Frisur ihre vielen facettenreichen Rollen.

Prominente Köpfe stehen am Ende der Schau. Edouard Manet hielt sich bei einem Porträt von Charles Baudelaire nahezu kongruent an ein Lichtbild des Fotografen Nadar, während Otto Dix den freundschaftlich verbundenen Galeristen Paul Westheim in dessen bulliger Strenge abmilderte. In selbstbewusster Pose und eleganter Kleidung präsentiert sich Peter Behrens sowohl auf einem Foto als auch auf einer Skizze von Max Liebermann, der 1913 beides als Vorlage für ein Ölporträt nutzte. Vergleiche machen abschließend deutlich, wie der Bildhauer Elmar Hillebrand historisches Fotomaterial für die Schaffung einer Skulptur des Kölner Kardinals Josef Frings heranzog und dabei die spitzen Züge des Kirchenfürsten zugunsten von mehr Milde und Gütigkeit veränderte.

Treffend hat man dem Katalog ein Zitat Pablo Picassos vorangestellt, der in seinen Werken selbst in viele Rollen schlüpfte und andere nach seiner Sicht gestaltete: „Wir wissen alle, dass Kunst nicht Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Mensch begreifen können. Der Künstler muss wissen, auf welche Art er die andern von der Wahrhaftigkeit seiner Lügen überzeugen kann.“ Die sorgfältig recherchierte und mustergültig ausgearbeitete Präsentation erweist sich in mehrfacher Hinsicht als ideale Ergänzung und Fundament zu einer Reihe weiterer aktueller Einzelausstellungen berühmter Künstler wie Manet, Behrens oder Cézanne. Auch für viele derzeit laufende große Ausstellungen zur Fotografie kann die Neusser Auswahl gewissermaßen als elementarer Ausgangspunkt gelten.

Die Ausstellung „Wunsch & Wirklichkeit. Der Einfluss der Fotografie auf das Porträt“ ist noch bis zum 18. Februar zu sehen. Das Clemens-Sels-Museum hat täglich außer montags von 11 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museum 19,95 Euro.

Kontakt:

Clemens-Sels-Museum

Am Obertor

DE-41460 Neuss

Telefon:+49 (02131) 90 41 41

Telefax:+49 (02131) 90 24 72

E-Mail: info@clemens-sels-museum.de



24.01.2018

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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15.10.2017, Wunsch & Wirklichkeit. Der Einfluss der Fotografie auf das Porträt

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Clemens-Sels-Museum

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Emil Orlik, Bildnis Claire Waldoff, um 1920
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Max Liebermann, Selbstbildnis (mit Hut), 1917
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Gabrielle Vallotton, um 1911
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Paul Cézanne, Selbstbildnis, um 1898
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Mary mit dunklem Hut, 1915
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Marguerite Khnopff, um 1898
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Fernand Khnopff, L’Encens (Weihrauch), um 1917
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Mary mit dunklem Hut, 1915

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Fernand Khnopff, L’Encens (Weihrauch), um 1917

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Marguerite Khnopff, um 1898

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Max Liebermann, Selbstbildnis (mit Hut), 1917

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Paul Cézanne, Selbstbildnis, um 1898

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Félix Vallotton, Gabrielle Vallotton en robe jaune, 1908

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Gabrielle Vallotton, um 1911

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Emil Orlik, Bildnis Claire Waldoff, um 1920

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