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Jeanne Mammen in Berlin

Jeanne Mammen, Kaschemme (Fasching Berlin N III), um 1930

Jeanne Mammen wird heute als Chronistin des Berliner Lebens zur Zeit der Weimarer Republik wahrgenommen. Ausstellungen in Albstadt oder Bremen haben in den vergangenen Jahren diesen Aspekt ihres Schaffens beleuchtet. Nun stellt die Berlinische Galerie erstmals das Gesamtwerk der 1890 geborenen Malerin und Zeichnerin von den symbolistischen Anfängen bis zum abstrakten Spätwerk vor. Die bisher umfangreichste Mammen-Retrospektive widmet sich ab heute mit rund 170 Arbeiten aus über 60 Schaffensjahren ihren ikonischen Arbeiten aus den 1920er Jahren, ihren „entarteten“ Experimenten oder den magisch-poetischen Abstraktionen. Neben Aquarellen, Zeichnungen, Illustrationen, Karikaturen, Filmplakaten und Skulpturen setzen rund 50 Gemälde einen besonderen Schwerpunkt. In die Ausstellung hat Kuratorin Annelie Lütgens auch Zeitdokumente wie Fotos, Magazine, Filme, Briefe und Publikationen integriert.

Mammens Œuvre spiegelt in seinen heftigen Brüchen mit unterhaltsamen wie kritisch kommentierenden Bildern die politischen und ästhetischen Erschütterungen des letzten Jahrhunderts. Jeanne Mammen kam 1890 als Kind einer vermögenden Unternehmerfamilie in Berlin zur Welt. 1901 zog die Familie aus geschäftlichen Gründen nach Paris, wo sie mit drei Geschwistern behütet aufwuchs. Mit 16 Jahren begann Mammen eine Kunstausbildung an der Pariser Académie Julian; es folgten Studienaufenthalte in Brüssel und Rom. Für die frühe Schaffensphase steht in der Ausstellung etwa ihre Tuschezeichnung „Der goldene Topf“ nach E.T.A. Hoffmanns gleichnamiger Erzählung. Hier lässt Mammen eine junge und eine ältere Frau um einen Kessel sitzen, aus dem Geister und Dämonen im magischen Strahlenkranz aufsteigen.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 erfuhr Jeanne Mammen einen jähen Angriff auf ihre Existenz: In Frankreich lebende Deutsche wurden enteignet und ausgewiesen. Mittellos begann Mammen einen Neustart in ihrer alten Heimatstadt. Ihr Talent und ihre Vielseitigkeit bescherten ihr nach entbehrungsreicher Zeit ab etwa 1925 künstlerischen Erfolg und Wohlstand. In Berlin belieferte sie den boomenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt der Goldenen Zwanziger erfolgreich mit eleganten Modeillustrationen und geistreichen Karikaturen, mit Großstadtszenen und Porträts im Stil der Neuen Sachlichkeit, später im Stil eines schroffen Realismus. Mammen scheute kein Milieu und keine Erfahrung. Sie suchte geradezu die Begegnung mit urbaner Frivolität oder krasser Armut, mit glamourösen Zeitgenossen oder Figuren am Rand der Gesellschaft. Oft lag ihr schöpferischer Fokus auf der Darstellung des damals revolutionären Typus der unabhängigen „Neuen Frau“. Mit all dem schuf Mammen einen wichtigen Beitrag zur Ikonografie der 1920er Jahre und einer von Gegensätzen zerrissenen Metropole zwischen Lebenslust, Luxus, Inflation und Weltwirtschaftskrise.

1933 kam es dann zur zweiten existenziellen Katastrophe in Mammens Biografie: Naziherrschaft und Weltkrieg beendeten ihre Karriere, drängten sie zum Rückzug und brachten sie in große finanzielle Nöte. Diktatur und Krieg überstand sie zurückgezogen und bescheiden mit Hilfe von Freunden und Kleinstaufträgen. Trotz der Möglichkeit zu Flucht und Exil wollte sie keinen zweiten Neubeginn in der Fremde und lebte weiterhin in ihrem Berliner Wohnatelier. Damit begann für sie die zunächst heimliche Phase futuristisch-abstrakter Bildexperimente im Zeichen eines inneren Widerstands, die sie nach 1945 weiterführte. Die letzten 30 Jahre ihres Lebens widmete sie sich fast ausschließlich der Malerei. Das Alter, zahlreiche ästhetische Versuche, herbe Lebenserfahrungen und Isolation hatten ihre Abkehr von realistischen Darstellungen verstärkt. Stattdessen dominierten meist Masken und Marionetten, Flächen, Symbole und Rätsel ihre Gemälde. Am 22. April 1976 starb Jeanne Mammen in Berlin.

Die Ausstellung „Jeanne Mammen. Die Beobachterin – Retrospektive 1910-1975“ läuft vom 6. Oktober bis zum 15. Januar 2018. Die Berlinische Galerie hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 7 Euro. Bis 18 Jahre ist er kostenlos. Der Ausstellungskatalog aus dem Hirmer Verlag kostet im Museum 34,80 Euro, im Buchhandel 45 Euro.

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128
D-10969 Berlin

Telefon: +49 (0)30 – 78 902 600
Telefax: +49 (0)30 – 78 902 700

Quelle: Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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06.10.2017, Jeanne Mammen – Die Beobachterin. Retrospektive 1910-1975

Bei:


Berlinische Galerie

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Jeanne Mammen, Zwei Frauen, tanzend, um 1928
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Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926)
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Jeanne Mammen, Photogene Monarchen, um 1967
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Jeanne Mammen, Mädchen mit Katze, 1943
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Jeanne Mammen, Die Großstadt, um 1927
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Gerd Ladewig, Jeanne Mammen in ihrem Atelier in Berlin, um
 1974/75
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Jeanne Mammen, Kaschemme (Fasching Berlin N III), um 1930
Jeanne Mammen, Kaschemme (Fasching Berlin N III), um 1930









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