Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 21.06.2019 Auktion 126: Moderne und zeitgenössische Kunst - Moderne Photographie

© Jeschke, van Vliet Kunstauktionen

Anzeige

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874 / Hans Thoma
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Joannis Avramidis und die Idee gelungenen menschlichen Zusammenlebens im Wiener Leopold Museum

Humanismus zwischen Agora und Polis



Einen Tempel wollte er bauen, einen Ort der Versammlung. Mit seinen visionären Konzepten von Skulptur schuf Joannis Avramidis in seinem Spätwerk ein Utopiekonzept menschlicher Gemeinschaft. Der Sohn von Schwarzmeergriechen, der 1922 im georgischen Batumi, damals Teil der UdSSR, geboren wurde und nach der Verfolgung und dem Tod des Vaters 1939 mit seiner Familie nach Griechenland flüchten musste, kam unter nazideutscher Besatzung 1943 als Zwangsarbeiter über Nordgriechenland nach Wien. Die erzwungene Entwurzelung prägte seine frühen Lebensjahre und führte Avramidis zu einer besonders starken Verbindung mit dem Kulturerbe seiner Heimat. Ganz bewusst bezeichnete sich der Künstler, der im vergangenen Jahr verstarb und dem nun das Leopold Museum eine große Ausstellung ausrichtet, als Hellene.


Die Tempelanlage wurde nicht gebaut. Jedoch schuf Avramidis zahlreiche Werke, die über die Darstellung des Menschen in der Einzelfigur hinausgehen und die die Gemeinschaft und das Zusammenleben zum Thema haben. In seinen „Humanitätssäulen“ schloss Avramidis einachsig konstruierte, aneinandergereihte menschliche Abstraktionen zu Rundfigurationen zusammen. Eine dieser Arbeiten, eine 13 Meter hohe, aus mehreren Einzelsegmenten entworfene und ursprünglich für die geplante Tempelanlage konzipierte Säule, wurde nun erstmals aufgestellt und ist für die Dauer der Ausstellung vor dem Museum im Hof des Museumsquartiers zu sehen.

Ihren Ursprung haben die Kollektivkörper, mit denen Joannis Avramidis die Idee der Verständigung als zentrales Motiv formulierte, in den Bronzearbeiten, die ab Mitte der 1960er Jahre entstanden. „Polis“ von 1965/68, eine große Bronzeskulptur, die viele Jahre auf der zugigen Terrasse vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin stand, ist als Metapher von Platons Utopie des Stadtstaates als Einheit freier und gleichberechtigter Individuen zu sehen. Hier brachte Avramidis jene Prinzipien, die auch schon in früheren Arbeiten angelegt waren – die Betonung der vertikalen Mittelachse, die horizontale Gliederung in einzelne Körpersegmente, sowie die Fokussierung auf die Grenze, auf die die Figur definierende Kontur –, in ein konstruktives System.

Mit seinen formal strengen Werken zählt Joannis Avramidis zu den wichtigsten Vertretern der österreichischen Bildhauerei nach 1945. Bereits 1962 repräsentierte er gemeinsam mit Friedensreich Hundertwasser Österreich auf der 32. Biennale in Venedig, 1964 und 1977 stellte er auf der Documenta III und VI in Kassel aus. Umso erstaunlicher ist, dass das Ausstellungsverzeichnis nur einige wenige große Museumsausstellungen auflistet: einer ersten größeren Schau 1965 in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais folgten 1967 Präsentationen in der Städtischen Galerie Bochum und der Kestnergesellschaft in Hannover. 1967 zeigten das Wiener Künstlerhaus und das Joanneum in Graz Arbeiten von Avramidis, 1979/80 die Kunsthallen in Bremen, Mannheim und Nürnberg.

Erst im Jahr 1997 und damit 13 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur wurde der Exilgrieche in Griechenland mit zwei Ausstellungen in Thessaloniki und in Athen gewürdigt. Seit Beginn des neuen Jahrtausends gab es neben kleineren Präsentationen größere Werkschauen in Magdeburger Kloster unserer Lieben Frauen (2002) und in Münchner Pinakothek (2005). Im Jahr 2012 entschied sich mit dem Kunsthistorischen Museum eine Wiener Institution für eine Ausstellung und richtete dem Avramidis eine Werkschau aus, die in der Antikensammlung in einen unmittelbaren Dialog mit den Originalen des griechischen und römischen Altertums trat.

So ist die Ausstellung im Leopold Museum als eine längst überfällige Würdigung des charismatischen Einzelgängers der österreichischen Kunstgeschichte zu verstehen, der mit seiner strengen Auffassung von der präzisen Konstruktion der menschlichen Figur einen einflussreichen Gegenpol zur auf Intuition beruhenden Herangehensweise seines Mentors Fritz Wotruba darstellte. Anders auch als bei anderen Bildhauerkollegen, etwa dem einstigen Ateliernachbar Alfred Hrdlicka, fanden die Brüche und Schrecken der Geschichte kaum direkten Eingang in Avramidis’ Werk.

Der hohe Abstraktionsgrad seiner Arbeiten folgte stets der Suche nach der Darstellung der absoluten Figur. Der Mensch stand als Maß aller Dinge im Mittelpunkt von Avramidis’ Arbeiten, eingedenk des künstlerischen Erbes seiner Heimat, das an sämtlichen Stationen seines Werdegangs als zentrale Inspirationsquelle wie Kontrollinstanz fungierte. Weitere wichtige Referenzen sind die anatomischen Traktate der Frührenaissance sowie das Schaffen Hans von Marées’, Constantin Brancusis oder Wilhelm Lehmbrucks.

Gegliedert in vier Themenblöcke, präsentiert die Ausstellung rund 100 Exponate, darunter 50 Plastiken, aus allen Schaffensphasen. Im Entree versammeln sich rund um einen zentral im Raum positionierten, halbkreisförmigen Sockel, auf dem mehrere Variationen des Kopfmotivs versammelt sind, zahlreiche bemerkenswerte Beispiele aus Avramidis’ zeichnerischem Œuvre sowie stelenförmige Einzelfiguren und Figurengruppen. Die „Große Dreifigurengruppe“ aus dem Jahr 1961 ist ein eindrucksvolles Beispiele für Avramidis’ signifikante Formensprache und sein Bestreben, die Körpervolumina ausgehend über die Arbeit mit Kugelschnitten zu formen.

Ebenso wichtig wie die nach mathematischen Regeln entwickelten Figuren war für Avramidis das Studium der Natur. In zahlreichen Studien widmete er sich dem Motiv des Baumes, den er über das gemeinsame Prinzip der Säulenhaftigkeit direkt mit der menschlichen Figur verbunden sah. Ausdruck dieser Analogie ist das Thema des großen Wandreliefs „Metamorphose“ aus dem Jahr 1960, das mit seinen Zwitterwesen von Baum und Mensch sowohl eine antike Thematik, als auch die uralte Idee des Baumes in seiner anthropomorphen Gestalt anspricht und bereits ein Sujet vorbereitet, das Joannis Avramidis in den folgenden Jahren beschäftigt hat.

Die Suche nach künstlerischen Formulierungen für aktives Wachstum, organische Entfaltung, aber vor allem die Bewegung werden ab Ende der 1960er Jahre immer wichtiger. Die sogenannten „Bandfiguren“ stehen für diesen Werkkomplex. In diesen neuen Arbeiten verselbstständigt sich das Aluminiumgerüst, das zuvor als Trägerskelett für das Gipsmodell diente. Der Aufbau der Skulpturen von unten nach oben lässt Avramidis an die antike Skulptur anknüpfen, aber auch, wie Robert Fleck in seinem Katalogbeitrag schreibt, „ein plastisches Äquivalent der amerikanischen Wolkenkratzerkonstruktion finden, das in seiner Radikalität kein anderer Bildhauer der 1950er Jahre teilt und das viele seiner Arbeiten, besonders im ungegossenen Zustand, in eine überraschende Nähe zur Zero-Bewegung rückt“. Während der Beschäftigung mit den „Bandfiguren“ verabschiedet sich Avramidis von dem isolierten, statischen Figurentypus hin zu bewegten, dynamisierten Kollektivkörpern, in denen die Idee der menschlichen Verständigung als zentrales Movens wirksam wird.

In zahlreichen Skizzen und Modellen ging Joannis Avramidis vor allem in seinem Spätwerk die Ideen zu einem Rundtempel an, die im letzten Ausstellungsraum präsentiert werden und der wie die „Humanitätssäulen“ aus übereinandergesetzten Figuren bestehen sollte. Mit seiner Idee des Tempels ebenso wie in dem gleichermaßen unrealisiert gebliebenen Projekt einer Platzgestaltung – der „Agora“ – erarbeitete sich Avramidis auf der Grundlage seiner skulpturalen Methodik einen Weg zur Architektur als Konzept menschlichen Zusammenlebens. Mit seinem Blick auf die Vorstellungen der Antike und Renaissance und der Beschäftigung mit ihrem Gestalterbe sah Avramidis eine Möglichkeit, zeitlos gültige Kunst zu schaffen, ein Anspruch, der ebenso wie seine Konzentration auf die platonische Idee des Schönen bereits zu Lebzeiten des Künstlers als unzeitgemäß verstanden wurde. Wie Joannis Avramidis jedoch aufgrund seiner zutiefst humanen Haltung und auf der Grundlage seiner skulpturalen Methodik ein Utopiekonzept menschlicher Gemeinschaft entwarf, das heute und angesichts gegenwärtiger Ereignisse und Herausforderungen noch aktueller und gesellschaftlich relevanter ist als zu Lebezeiten des Künstlers, führt die Schau im Leopold Museum eindrucksvoll vor.

Die Ausstellung „Joannis Avramidis“ ist bis zum 4. September zu sehen. Das Leopold Museum hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr und ab Juni an jedem Wochentag geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 13 Euro, es gibt mehrere Ermäßigungsstufen. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

Kontakt:

Leopold Museum

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 700

Telefax:+43 (01) 525 701 500

E-Mail: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org



16.08.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


19.05.2017, Joannis Avramidis

Bei:


Leopold Museum

Künstler:

Joannis Avramidis










Copyright © '99-'2019
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce