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Eine Ausnahmeschau widmet sich zu den Reformationsfeierlichkeiten in Wittenberg dem aktuellen Kunstschaffen. Internationale Spitzenkünstler schufen dafür Werke, die sich mit Luthers Bekenntnissen auseinandersetzen

Wie frei ist die Kunst?



Jeder muss sich durchboxen. Dies gilt für Gefängnisinsassen ebenso wie für Martin Luther. Haltung zeigen, fair bleiben, auch dafür steht ein Boxhandschuh. Überdimensioniert auf einem Sockel platziert und in beißend leuchtendes Rot getaucht weckt Erwin Wurm mitten auf dem Hof des alten Wittenberger Gefängnisses vielfältige Assoziationen. Mut, Widerstand und unbeugsamer Wille sind Eigenschaften, die für Querdenker religiöser wie künstlerischer Profession gleichermaßen gelten. Direkt am Gebäudeeingang nimmt das Eckrelief des Düsseldorfers Manuel Graf Bezug auf die 1305 an der Stadtkirche angebrachte „Judensau“, ein im allgemeinen Bilderkanon des Hochmittelalters populäres diffamierendes Sujet. Indem Graf vermeintlich unreine Tiere mit zeichenhaften Gesten lenkender menschlicher Hände verbindet, möchte er die bösartige Sichtweise ins Positive wenden. Nahebei an der Straßenfront hat der Berliner Michael Sailstorfer einen auskragenden Peitschenmast mit großem Lampenschirm in der Form eines Modellhauses installiert. Nachts innen beleuchtet, fliegen hier Insekten hinein – in eine Falle? Gedankliche Verknüpfungen zu Erleuchtung, Freiheit, Reformen und nicht zuletzt über den 1906 entstandenen düsteren Gefängnisbau stellen sich ein.


Gefängnisse sind unwirtliche, beklemmende Orte, fern des Alltags, muffig, aber perfekt durchorganisiert. Platz für Individualitäten besteht nicht. Kein ideales Ambiente für Kunst, möchte man meinen. Abgeplatzte Farben, bröckelnder Putz, ausgetretene Böden und abgenutzte Rahmen verlangen nach Veränderungen. Strikt abgegrenzte Raumeinheiten forcieren den Drang nach Freiheit und Ausbruch. Als eine der wenigen Ausstellungen im Rahmen des Reformationsjubiläums bietet die Schau „Luther und die Avantgarde“ keine historische Aufarbeitung. Sie möchte heutige Relevanzen zu Impulsen ausloten, die Martin Luther aussandte. Drängende Aspekte wie Freiheit, Gefahren, Fanatismus, Demagogie, Widerstand, Verantwortung und Toleranz rücken vor dem Hintergrund globaler Konflikte dabei ins Zentrum. Rund 70 weltweit renommierte Künstler haben eigens für die ehemalige Wittenberger Haftanstalt Werke entwickelt oder sie gezielt dafür ausgesucht.

Der Reformator selbst nahm zur Kunst eine ambivalente, ja widersprüchliche Haltung ein. Er wollte sie nicht verehrt wissen und sah vor allem die hilfreiche pädagogische Wirkung von Bildern. Wie Terrorakte belegen, wird auch die Kunst wieder verstärkt in einem religiösen Kontext wahrgenommen und politisch instrumentalisiert. Die christliche Bildtradition hat sich dabei unabhängig vom religiösen Anspruch weiterentwickelt. Wie spiegelt sich diese Entwicklung im heutigen Kunstschaffen und wie hinterfragen Künstler heute gesellschaftliche Missstände, Machtstrukturen, Freiheitsentzug oder mediale Neuordnungen? Auffallend ist, wie sehr sich nahezu alle Künstler in die vorgegebene Raumordnung einfügen. Kaum jemand wagt, die sieben bis elf Quadratmeter große Zellenstruktur mit übergreifenden Ansätzen zu durchbrechen. Anders Olaf Metzel. Ins dreieckige Treppenauge hat er auf Bleche gedruckte zusammengeknüllte Bilder und Zeitungsberichte gehängt. Über Etagen hinweg kritisiert er die medial und marketingmäßig ausgenutzte Klischeefigur Luther. Vielen mag das Lutherbild von heute mit fragwürdigen Inhalten gnadenlos trivialisiert, skrupellos touristisch und merkantil durchkommerzialisiert erscheinen.

Der Katholik Markus Lüpertz bevorzugt andere Aspekte. Dass Luther die Welt veränderte, ohne dabei lebensbedrohlichen Schaden zu nehmen wie viele seiner Mitstreiter, fasziniert den Maler und Bildhauer bei dem Entwurf eines Denkmals. Der farbig gefasste Gipsentwurf „Eiferer“ ist eine Symbiose aus überschäumendem Auftritt und radikaler Haltung. Auch Stephan Balkenhol porträtiert Luther in der Form einer Plastik. Auf einem mit schwarzer Tinte getränkten Sockel aufgestellt, wird der nackte Mann als Autor ausgewiesen – ein imaginäres Porträt des Reformators als unerschrockener Verfechter seiner Grundüberzeugungen. Der sprach- und bildgewaltige Totalkünstler Jonathan Meese quirlt mit seiner überbordend wüst ausgestalteten Installation aus seiner engen Zelle heraus. Er präsentiert eine spielerische Sphäre ohne Realitätsbezug, in die er auf Luther mit eigenen 95 Thesen antwortet. Darin dekliniert Meese die Kunstgesetzte nach seinen Regeln.

Im Gemälde „Zero Degree Doubt“ formuliert der Chinese Miao Xiaochun Zweifel an blinden Gehorsam und hinterfragt kritisch etablierte Normen und technischen Fortschritt. Indem er Caravaggios Bild vom ungläubigen heiligen Thomas als algorithmisches Sujet auf eine Netzwerkstruktur reduziert, vereint er Schöpferisches mit technisch Reproduzierbarem. Marzia Migliora bedient sich des Motivs des Bankschließfachs, um Luthers Umgang mit Ablasshandel und Schuld zu versinnbildlichen. Während in der Schuld monetäre wie religiöse Dinge zusammenfinden, wecken zwei Leiterstühle Assoziationen an Beichtstühle. Auf originelle Art hat sich der Indonesier Eko Nugroho von heimatlichen Verhältnissen inspirieren lassen. Aus seiner Gruppe pyramidal aufgetürmter und verketteter Gasflaschen blinzeln in schlitzartigen Öffnungen Gesichter hervor, um damit das maßlose Gewinnstreben der Profiteure anzuprangern.

Raumgreifend in einem Mehrzwecksaal ist die aus einem Industrieroboter geschaffene Installation der Künstlergruppe Robotlab aufgebaut. In „bios (bible)“ schreibt ein mit einer Feder bestückter Roboter die Bibel auf eine Papierrolle, was Fragen nach Glauben und technischen Fortschritt evoziert. Der Mensch Luther war in gewisser Weise gleichfalls ein Roboter, heute ist die Maschine Knecht des Menschen. Zu den originellsten Ideen gehört jene des bekannten Chinesen Song Dong, der eine gläserne Gefängniszelle in eine reale Zelle implantierte und deren Glasgitterstäbe mit Bonbons füllte, die die süßen Verführungen der Zeit wie ein Korsett anmuten lassen. Ausnahmsweise einmal eine Nebenrolle spielt der Nagel in der Zelle von Günther Uecker. Er hat sie mit weißen Tüchern gefüllt, die er am heimatlichen Ostseestrand bei Stralsund an den Stellen aufspannte, wo im letzten Weltkrieg Leichen angespült und verscharrt wurden – zugleich eine Anspielung auf Flüchtlingsströme von heute.

Der Russe Ilya Kabakov hat einen Stuhl in der Zellenmitte platziert und von der Lehne farbige Fäden zur gleißend hellen Deckenbirne gespannt, um so die Gedanken der imaginären Gestalt auf dem Stuhl Ausdruck zu verleihen. Thomas Huber möchte in seinen konkret-konstruktiven Gemälden den Bildersturm kommentieren und Parallelen zur Abstraktion und des Weglassens – quasi zum „Bildersturm der Moderne“ – ziehen. Dorothee Golz’ Installation „Help Yourself!“ reduziert das gemeinsame Mahl auf zeichenhafte Objekte und ist ein ethischer Appell, der im Kopf des Betrachters zum Vexierbild mutiert und Fragen der Teilhabe aufwirft. Letztere spielen auch bei der Installation von Olafur Eliasson eine Rolle. Eine Kugel aus sechskantigen Spiegeln reflektiert das Licht und wirft faszinierende Schatten, die den Betrachter zum Teil eines kosmischen Spiels machen sowie Kontemplation und Spiritualität andeuten. Ai Weiwei stellte in seine Zelle einen mittig durchgeschnittenen Betonblock. Im Innern zeigt sich die Aussparung einer Figur, seines eigenes Körpers, womit er an seine eigene Inhaftierung erinnert und Parallelen zu Luther ziehen möchte.

Nicht außer Acht gelassen werden sollen zwei Außenstellen der Ausstellung. Für die Berliner Kirche St. Matthäus haben die als religionskritisch bekannten Briten Gilbert & George die Arbeit „Scapegoating Pictures“ geschaffen. Ihre Parteinahme für Schuldlose weist auf Bildermissbrauch und Instrumentalisierung von Schwächeren durch Mächtige in einer Zeit hin, zu der die Fundamentalisten von Feindbildern und Sündenböcken beherrscht werden. Den Turm der Karlskirche in Kassel gestaltet der Berliner Künstler Thomas Kilpper in Anspielung auf die Flüchtlingsproblematik zum Leuchtturm um, während im Innenraum die indische Künstlerin Shilpa Gupta mit ihrer Klangskulptur „I Keep Falling at You“ die Macht der Sprache im digitalen Zeitalter visualisiert.

Zurück nach Wittenberg. Im alten Gefängnis sorgt Monica Bonvicini am eindringlichsten für Erleuchtung. Mit einem Bündel von Lichtquellen sagt sie den Verschleierungen den Kampf an. „Mein Beitrag beschäftigt sich mit Licht. Denn noch immer brauchen wir – heute vielleicht mehr denn je – Klarheit und Transparenz, um nicht im Dunkeln zu tappen“, kommentiert Bonvicini ihr Werk. Schreitet man Stück für Stück konzentriert die eindrucksvolle Auswahl der künstlerischen Positionen in Wittenberg und andernorts ab, besteht zumindest weniger die Gefahr, im Dunkeln zu tappen.

Die Ausstellung „Luther und die Avantgarde. Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel“ ist bis zum 17. September zu sehen. Das Alte Gefängnis in Wittenberg hat täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog für 33 Euro erschienen.

Altes Gefängnis
Berliner Straße 2
D-06886 Wittenberg

www.luther-avantgarde.de



31.07.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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