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Carl Spitzweg und Erwin Wurm treffen im Wiener Leopold Museum aufeinander und ermuntern sich gegenseitig zu neuen Lesarten auf ihr Schaffen

Mit Humor und Ironie dem Zeitgeist auf der Spur



Carl Spitzweg, Der Schmetterlingsfänger, um 1840

Carl Spitzweg, Der Schmetterlingsfänger, um 1840

Vor rund 200 Jahren begann in Deutschland eine Epoche, die als Biedermeier bekannt ist. Nach der Französischen Revolution, Napoleon und dem Wiener Kongress hatte sich die politische und soziale Lage derart verändert, dass Ruhe nicht erste Bürgerpflicht, sondern -sehnsucht wurde. Es war eine Zeit, die von Bevormundung und wirtschaftlicher Not geprägt war. Gleichzeitig entwickelte das Bürgertum ab 1815 eine eigene Kultur und in den Bereichen Architektur, Design, Literatur, Musik, Mode und Malerei eine Formensprache, die erstmals nicht Abklatsch feudaler Pracht war. Die Menschen suchten nach Rückzugsorten und Geborgenheit im häuslichen Kreis.


Als Vorläufer von Werkbund, Jugendstil und Bauhaus schuf das Biedermeier einen Funktionalismus, der den bildungsbürgerlichen Lebenswelten vom Vorgarten über die kleine Bibliothek bis zum Gesellschaftstanz innere Stringenz gab. Die kleinbürgerliche Kultur der Häuslichkeit mit ihrem Rückzug ins Private und ins Idyll war der moralische Rettungsanker, der in Zeiten großer Ungewissheit und parallel zu den Bestrebungen konträrer Bewegungen wie des Vormärz beruhigte und half.

Einer der prominentesten Chronisten dieser Zeit war der deutsche Maler Carl Spitzweg. Geliebt und belächelt galten die meist kleinformatigen, witzig-ironischen und mit liebenswürdigem Humor gezeichneten Werke des 1808 in München geborenen Malers, seine skurrilen Sonderlinge, die Bücherwürmer und schrulligen Wissenschaftler, die Hagestolze, lebensfrohen Mönche und selbstgenügsamen Dachstubenbewohner, lange Zeit als personifizierte Charakterstudien aus der „guten alten Zeit“.

Nun weiß das Publikum spätestens seit 1985, dem Jahr der großen Spitzweg-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, dass der Maler dem Spießbürger den Spiegel vorgehalten hat, verpackt in gutmütigen Humor. Wer als Sonntagsjäger oder Schmetterlingsfänger daherkommt, ist der Kleinbürger par excellence, der in mitunter quälender Spannung lebt zwischen konventionellen Verhaltensregeln und den nur allzu menschlichen Gefühlen des Individuums.

In Zeiten des „Neo-Biedermeiers“, das sich unter anderem aus der Angst vor den Herausforderungen der Globalisierung und im Speziellen aus dem Verlust der Privatsphäre in einer digitalisierten Welt speist, kommt eine Ausstellung, die mit dem großen Zeigefinger auf politische und gesellschaftliche Parallelen verweist, gerade recht. So ist der Unterschied zwischen Schein und Sollen das Thema der Doppelschau „Köstlich! Köstlich?“, die das Wiener Leopold Museum aktuell Carl Spitzweg und seinem rund 150 Jahre jüngerem Künstlerkollegen Erwin Wurm ausrichtet. Was die Künstler auf den ersten Blick vereint ist der hintergründige Humor, mit dem beide sowohl Zeitgenossen als auch sich selbst betrachten. Mit ironischer Distanzierung und subtilem Hintersinn gelingt es Spitzweg in seinen Gemälden und Erwin Wurm in seinen skulpturalen Ausformungen und Fotografien, Inhalte zu visualisieren, die sowohl über das jeweilige Zeitgeschehen, wie auch über menschliche Regungen reflektieren.

Es ist kein böser Blick, wenn Spitzweg einen trauernden Witwer schmachtvoll einer jungen Schönheit hinterher blicken lässt (Der Witwer, um 1860), einen Mönch beobachtet, der 1841 in vermeintlich asketischer Abgeschiedenheit ein knuspriges Hühnchen brät, oder einen gut gekleideten und wohl alkoholisierten Biedermann unsicher schwankend über einen schmalen Holzsteg balancieren lässt (Gefährliche Passage, 1837/40). Auch Erwin Wurm denunziert nicht. Wie Spitzweg präpariert er das Humoristische und Skurrile an alltäglichen Episoden und die in ihrer kleinbürgerlichen Welt befangenen oder aber von ihr wegstrebenden Charaktere heraus. Die Vergeblichkeit ihrer Hoffnungen teilt seine kopflose männliche Figur samt erigierter „Ärgerbeule“ von 2007 mit Spitzwegs Witwer, der jugendlichen Liebesgenüssen nachtrauert.

In neun Kapitel gliedert sich die Schau. Sie beginnt mit dem „Vermeintlich glücklichen Winkel“, in dem gleich zu Beginn Enge und Kleinbürgerlichkeit anhand mehrerer minutiös gemalter Stadtszenen von Carl Spitzweg thematisiert werden. Ihnen gegenüber platziert Erwin Wurm sein spektakulär in den Raum gebautes „Narrow House“ von 2010, das – durch die unerwartete Breite und Enge im Ausstellungsraum – so ganz anders als in vorherigen Präsentationen, wie unter anderem im Klosterneuburger Essl Museum und auf der Biennale in Venedig, erlebt werden kann. „Der ewige Hochzeiter“, dem Carl Spitzweg sein Augenmerk schenkt und dabei schildert, wie dieser seiner Angebeteten einen Blumenstrauß überreicht, während die intime Szene gleichzeitig von zahlreichen Zaungästen beobachtet wird, korrespondiert mit Wurms Intervention, die die Enge des eigenen Elternhauses thematisiert.

Den rund 100 präsentierten Gemälden und Zeichnungen von Carl Spitzberg begegnet Erwin Wurm mit wenigen, klug gewählten Exponaten. Das Kapitel „Hedonistische Mönche und Einsiedler“ erweitert er mit „Home“, einer monströsen, perfekt nachgebildeten und aus der Wand wachsenden Kartoffelknolle aus dem Jahr 2006. Im nächsten Ausstellungsraum mit dem Titel „Die Dialektik von Innen- und Außenwelt“ treffen singulär auf Sockeln präsentierte Essiggurken im „Selbstportrait als Essiggurkerl“ von 2008 auf Spitzwegs „Kaktusliebhaber“ von 1850, den zehn Jahre jüngeren „Schreiber“ und auf das Doppelbildnis „Jugendfreunde“ um 1855. Weitere Kapitel heißen „Die Erforschung der Welt“, „Ordnung, Recht und Unrecht“, „Lust-, Sehnsuchts- und Vergänglichkeitsbilder“ und „Der Lauf der Zeit. Hagestolz oder Zweisamkeit?“.

„Take your most loved philosophers“ lautet Wurms Handlungsanweisung im Kapitel „Poeten und Bücherwürmer“. Je nach persönlicher Verfassung kann man einen Band von Nietzsche oder Sartre zwischen Armen und Beinen, auf Kopf oder Rücken positionieren, um aus dieser vermutlich recht verkrampften Haltung heraus, aber nun selbst zur Skulptur geriert, auf drei unterschiedliche Fassungen von Spitzwegs „Armen Poeten“ hinüberzuschielen. Beim Thema „Sonntagsjäger und Schulmeisterlein“ begegnen sich unter anderem Spitzwegs „Jagdunglück“ von 1839, „Der Portraitmaler“ von 1855 und das von Wurm 2008 als „Landadel“ betitelte Arrangement. Hier hat sich ein in dunkle Knickerbocker und grünes Sakko gewandter, recht beleibter, männlicher Zeitgenosse samt seinem ergrauten und Schwanz eingezogenen Hund aus Angst vor dem hingestreckten Raubtier, das als Teppich zu ihren Füßen liegt, auf einen rustikalen Holztisch geflüchtet.

Es gibt viel zu schmunzeln in dieser Ausstellung und zahlreiche überraschende Synergieeffekte, die vor allem den Werken von Spitzweg dienen. Sie tragen dazu bei, seine kleinen Gemälde mit einem geschärften Blick zu betrachten. Dass allerdings Werke ausgewählt wurden, von denen mehr als die Hälfte nach 1848, also nach dem Ende des Biedermeiers entstanden, überrascht und schmälert den Versuch einer progressiven Lesart des Spitzwegschen Denkens und Handelns. Im Jahr der Märzrevolution malt er, scheinbar unbeeindruckt von den Erhebungen, die regional bürgerkriegsähnliche Ausmaße annahmen, seine idyllische Szene der „Schulkinder im Walde“.

Die Ausstellung „Carl Spitzweg – Erwin Wurm. Köstlich! Köstlich?“ ist bis zum 19. Juni zu sehen. Das Leopold Museum hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr und ab Juni an jedem Wochentag geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 13 Euro, es gibt mehrere Ermäßigungsstufen. Der Katalog aus dem Verlag der Buchhandlung Walther König kostet 29,90 Euro.

Kontakt:

Leopold Museum

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 525 700

Telefax:+43 (01) 525 701 500

E-Mail: leopoldmuseum@leopoldmuseum.org



17.05.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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