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Biennale Venedig: Ganz auf den Dialog zwischen Künstlern und ihrem Publikum setzt die französische Kuratorin Christine Macel mit ihrer Hauptausstellung „Viva Arte Viva“. Die Länderpavillons der 57. Biennale dagegen zeigen vielfach eher Bewährtes. Eine rühmliche Ausnahme bildet der Deutsche Pavillon mit der nahezu fünfstündigen Inszenierung „Faust“ des Frankfurter Shootingstars Anne Imhof

Kunst in angespannten Zeiten



Anne Imhof, Faust, 2017

Anne Imhof, Faust, 2017

Eine merkwürdige Anspannung liegt über dem Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Oberhalb des Bodens ist eine zweite Ebene aus Glas eingezogen. Darunter entdeckt man skurrile Utensilien: Steinschleudern, Handtücher, Behälter mit Metallkugeln oder Hundefutter. Die Hunde selbst sind in einem Drahtzwinger im Außenbereich untergebracht: zähnefletschende Dobermänner. Auch sie sind Teil der fast fünfstündigen, morbid-schönen Inszenierung „Faust“ der Frankfurter Künstlerin Anne Imhof, Jahrgang 1978. Kuratorin Susanne Pfeffer hat die Senkrechtstarterin eingeladen, den Deutschen Pavillon zu bespielen, und alle, die die aus choreografierten und improvisierten Elementen gleichermaßen bestehende Arbeit bisher ganz oder in Teilen gesehen haben, sind sich einig: Der Deutsche Pavillon ist ein heißer Kandidat für den Goldenen Löwen, der am Samstag verliehen wird.


Anne Imhofs überwiegend in hippe Freizeitkleidung gewandete junge Darsteller agieren halb tänzerisch, halb kämpfend miteinander. Sie singen, führen rätselhafte Verrichtungen aus, blicken cool am Publikum vorbei und halten souverän die Balance zwischen Nähe und Distanz. Sie sind Kinder der modernen Gesellschaft: stylish, digital vernetzt und kontrolliert. Ihre Gesten changieren zwischen der verzweifelten Suche nach Nähe, Selbstbehauptung und brutaler Unterwerfung anderer. Ein eindringlicher Sound füllt von Zeit zu Zeit den Raum. Der Gesang einer androgynen Protagonistin ist so betörend schön, dass er manche Betrachter zu Tränen rührt. Die Zuschauer wandern mit den Darstellern durch die Räume und betrachten Szenen voller abstrahierter Bewegungsabläufe, die neben oder über ihnen, teils auch unterhalb des transparenten Glasbodens stattfinden. Kein Ort der Erholung zwar – dafür aber ein Panoptikum körperlicher Widerständigkeit im Digitalzeitalter.

Der Deutsche Pavillon ist der Höhepunkt auf dem Giardini-Gelände der Biennale Venedig, die am Samstag offiziell eröffnet wird. Viele der anderen Länderpavillons setzen bei dieser 57. Ausgabe dagegen auf abgesicherte, eher konservative Positionen. So hat die 73jährige Bildhauerin Phyllida Barlow den Britischen Pavillon in ein ebenso buntes wie clownesk-verspieltes Skulpturen-Labyrinth verwandelt. Und bei den Österreichern lädt Erwin Wurm das Publikum einmal mehr dazu ein, die von ihm erdachten „One Minute Sculptures“ aufzuführen. 86 Länderpavillons sowie 23 sogenannte „Collateral Events“ – Parallelausstellungen also – und Spezialprojekte sind in diesem Jahr über die gesamte Lagunenstadt verteilt. Geradezu gigantomanisch kommt die Damien Hirst-Ausstellung daher, die der französische Unternehmer François Pinault an gleich zwei Orten seiner Stiftung zeigt: Angeblich auf dem Meeresgrund gefundene monumentale antike Bronzen voller Muscheln, Seesternen und Korallen changieren zwischen überkandidelter „Milliardärskunst“ und purem Kitsch.

Ausdrücklich auf Distanz zu den Auswüchsen und Eskapaden des Kunstmarktes geht die diesjährige Kuratorin der Biennale, Christine Macel. Für ihre Hauptausstellung mit dem Titel „Viva Arte Viva“, die im zentralen Pavillon auf dem Giardini-Gelände sowie in den Hallen des weitläufigen Arsenale stattfindet, hat sie 120 Künstler aus 51 Ländern ausgewählt. 103 davon stellen zum ersten Mal auf der Biennale aus. Die international renommierte Kuratorin wurde 1969 in Paris geboren. Sie ist seit 2000 Chefkuratorin für zeitgenössische Kunst am Centre Pompidou. Im Mittelpunkt ihrer dezidiert der künstlerischen Individualität gewidmeten Auswahl steht der Künstler, der in einer zunehmend von Autokraten beherrschten Welt gesellschaftlichen und politischen Zwängen ausgesetzt ist. „Arme“ Materialien wie Textilien, Garne, Geknüpftes, Gewebtes, Pflanzliches oder zusammengekehrter Staub sind an beiden Ausstellungsorten omnipräsent. Handgemachtes mit einer häufig folkloristischen Note dominiert. Allzu kämpferisch geben sich die meisten Positionen allerdings nicht.

In der Haupthalle des zentralen Pavillons etwa hat Olafur Eliasson einen Workshop eingerichtet. Flüchtlinge, Studenten, aber auch Biennale-Besucher sind aufgefordert, modulartige Lampen aus Recycling-Material zu bauen, die für 250 Euro erworben werden können. Christine Macel legt besonders viel Wert auf die unmittelbare Begegnung zwischen Künstlern und Betrachtern. So können sich Interessierte unter dem Motto „Tavola Aperta“ – „Offener Tisch“ – noch bis Ende November mit Dutzenden weltbekannter Künstler wie Tracey Moffatt, Kader Attia oder auch Anne Imhof zum Lunch verabreden. Spätestens beim Espresso sollten dann alle offenen Fragen beantwortet sein.

Die „57. Biennale Venedig – Viva Arte Viva“ läuft vom 13. Mai bis 26. November. Die Ausstellung hat in den Giardini und dem Arsenale sowie in zahlreichen über die Stadt verteilten Ausstellungsorten täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Ausnahmen sind der 15. Mai, 14. August, 4. September, 30. Oktober und 20. November. Der Katalog in englischer Sprache kostet 85 Euro, der Kurzführer 18 Euro.

www.labiennale.org



12.05.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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