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Aktuellzum Archiv:Auktions-Nachbericht

Hervorragende Resultate für die Meisterstücke der Classic Week bei Christie’s in New York

Alter Mann, hoch hinaus



Govaert Flinck, Alter Mann an der Fensterbrüstung, 1646

Govaert Flinck, Alter Mann an der Fensterbrüstung, 1646

Ein wenig nachdenklich und müde schaut er drein, der alte Mann, gelehnt an eine Fensterbrüstung, den Govaert Flinck 1646 auf die Holztafel gebannt hat, gerade so, als ob er seinen Erfolg noch nicht realisiert hätte. Denn die porträtähnliche Charakterstudie des geschätzten Rembrandt-Schülers mauserte sich bei Christie’s zum unangefochtenen Star der Auktion „Old Masters“ in New York. Dafür waren die Zutaten aber auch hervorragend. Die Provenienz lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen und nennt illustre Namen, als ersten den Berliner Unternehmer und Kunsthändler Johann Ernst Gotzkowsky, der auch Friedrich dem Großen mit seinem Rat zur Seite stand, dann die russischen Zaren ab Katharina der Großen, die das charaktervolle Bildnis 1764 noch als Arbeit Rembrandts von Gotzkowsky ankaufte. Die Zarenfamilie gab das Tronie im frühen 20. Jahrhundert an den deutschstämmigen Pelzhändler Wilhelm Friedrich Mertens ab, der es nach der russischen Revolution mit nach Leipzig nahm. Auch die malerische Qualität der Holztafel ließ nicht zu wünschen übrig. Effektvoll hat Flinck den alten Mann mit rotem Samtbarett im Gesicht beleuchtet und lässt die nebensächlichen Partien leicht verschattet. Zudem treten nach der letzten Restaurierung vor einigen Jahren nun die Farben strahlend hervor.


Und dass man mit alter Kunst kein Geld verdienen kann, strafte dieses Gemälde Lügen. Denn erst im Dezember 2011 trat Flincks Kopfstudie aus der Mertens-Familie wieder an die Öffentlichkeit und ging bei Christie’s in London zum damaligen Rekordpreis von 2,05 Millionen Pfund an den Kunsthändler Jean-Luc Baroni, der es 2014 an den jetzigen Einlieferer weiterverkaufte. Der Wert von 2011 spiegelte sich in den aktuellen Erwartungen von 2 bis 3 Millionen Dollar. Doch dabei blieb es in New York nicht: In einer straken Bietrunde stieg er auf den neuen Spitzenpreis von 9 Millionen Dollar. Als Favorit war am 27. April eigentlich eine Tafel der altniederländischen Malerei des 15. Jahrhunderts ins Rennen gegangen. Die nicht vollendete Sacra conversazione – so fehlt die zentrale Figur der Madonna, und auch Johannes der Täufer ist noch nicht einmal zur Hälfte ausgearbeitet – wird Hugo van der Goes zugeschrieben, der das Treffen der Heiligen mit Thomas, Hieronymus und Ludwig bereicherte und in eine gotische Hallenarchitektur verlegte. Doch die perspektivischen Errungenschaften der Renaissance sind mit dem Blick in eine weite Hügelgegend schon ausgebildet. Auch bei diesem Altargemälde, das bis vor kurzem als Leihgabe im New Yorker Metropolitan Museum hing, ließen die Kunden nicht locker und hoben es von 3 Millionen Dollar auf 7,8 Millionen Dollar.

Daran schloss sich auf Platz 3 der Top Ten-Liste die heilige Barbara mit ihrem Attribut, dem Turm, in einer weiten Renaissance-Landschaft bei guten 1,2 Millionen Dollar an. Fein ausgearbeitet hat die Tafel Francesco Raibolini, der als Begründer der Bologneser Schule gilt und auch Francesco Francia gerufen wurde (Taxe 400.000 bis 600.000 USD). Genau 1 Million Dollar gab es noch für Giuseppe Zocchis klassische Rom-Vedute mit Tiber, Engelsburg und der Kuppel von St. Peter im Hintergrund, die in den vergangenen Jahrzehnten einige Zuschreibungsänderungen hinnehmen musste (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen USD) und für Nicolas Lancrets ausgelassen sinnfreudige Parkszene „Automne“. Doch verfehlte der Meister des Rokoko mit seiner „Fête galante“ die unteren anvisierten 2 Millionen Dollar deutlich – dennoch sein Auktionsrekord.

Frühe Frauenpower

Besser lief es da für den Florentiner Renaissance-Meister Girolamo Macchietti, einen Schüler Michele Tosinis und Giorgio Vasaris, bei seiner liebevollen Schilderung der Madonna mit dem Johannesknaben in einer weiten Landschaft samt Ruinen bei 440.000 Dollar (Taxe 150.000 bis 250.000 USD). Einen neuen Rekordwert errang zudem Michaelina Woutiers, eine der talentiertesten Malerinnen der südlichen Niederlande im 17. Jahrhundert, mit ihrem anmutigen Bruststück einer jungen Frau. Das Gemälde von etwa 1650 übertraf mit seinen 420.000 Dollar aber nur knapp den bisherigen Spitzenpreis, den Koller erst im vergangenen Jahr mit dem Portrait des Jesuitenmissionars Martino Martini bei 400.000 Schweizer Franken aufgestellt hatte. Bei den Flamen trumpfte noch Frans Snyders mit einem Küchenstillleben für 350.000 Dollar auf, das aber in charakteristischer Weise von zwei wild streitenden Katzen durcheinandergewirbelt wird (Taxe 180.000 bis 250.000 USD).

Ruhiger ging es dann bei Jacob van Walscapelle zu, sowohl was die Ausgewogenheit und Feinheit seines Arrangements aus Trauben, Kastanien, Melone, halb gefülltem Römer und Façon de Venise-Glas in einer Steinnische betraf, als auch bei der Kauflaune. Denn hier kamen nur 280.000 Dollar zusammen (Taxe 300.000 bis 500.000 USD). Freuen konnte sich dann wieder der Architekturmaler Dirk van Delen über 550.000 Dollar für sein fantasievolles Renaissance-Capriccio von 1633, in das er die alttestamentliche irritierende Geschichte der Begegnung von Jephta mit seiner Tochter, die er dann opfern wird, in einfallsreicher opulenter Kostümierung integriert hat (Taxe 250.000 bis 350.000 USD).

An die Millionengrenze reichte dann noch Pietro Paolini mit seiner caravaggesken Szene dreier Kartenspieler heran, die wohl eben auch ein wenig schummeln. Das Gemälde aus Paolinis römischer Zeit um 1620/25 streitet sich bei 950.000 Dollar mit einem jungen, 2007 in London versteigerten Mann um den Spitzenplatz im Auktionsranking (Taxe 600.000 bis 800.000 USD). In die alte italienische Kunst ging es mit Niccolò di Tommaso und seinem Altartriptychon. Auf Goldgrund hatte der Florentiner in der Mitte des 14. Jahrhundert eine zentrale thronende Madonna, umgeben von sechs Heiligen, sowie auf den Flügel die Verkündigung, Geburt und Kreuzigung gemalt und dafür 520.000 Dollar erhalten (Taxe 300.000 bis 500.000 USD).

Mit Portraitkunst zu neuen Rekorden

Die italienische Renaissance hatte dann noch mit zwei Portraitmalereien ihren Aufritt: Taxgerecht ging Lorenzo di Credis Bildnis eines älteren, schlicht gewandeten Herren, in dem die Experten den Florentiner Dichter Girolamo Benivieni vermuten, bei 550.000 Dollar ins Ziel, während sich Tizians venezianischer Drucker und Verleger Gabriele Giolito de’ Ferrari mit 450.000 Dollar begnügen musste (Taxe 600.000 bis 800.000 USD). Diese Scharte glich dann Baldassare Franceschinis jugendlich-erotisches Bildnis des Marchese Altoviti als Hylas zum neuen Rekordpreis von 620.000 Dollar wieder aus (Taxe 250.000 bis 350.000 USD).

Portraitkunst machte auch in der nachfolgenden Auktionsrunde mit den günstigeren Preisen das Rennen. Highlight war hier Alexandre-Jean Dubois-Drahonets charmantes Bildnis des neunjährigen Achille Deban de Laborde in Uniform aus dem Jahr 1817 bei 240.000 Dollar, mit dem zugleich in den militärischen Insignien an seinen 1809 in der Schlacht bei Wagram gefallenen Vater Jean-Baptiste Deban de Laborde erinnert wurde. Knapp dahinter platzierte sich Graf Franz Peter Friedrich von Diesbach, der sich mit seinem Kammerherrnschlüssel in den Diensten Kaiser Josephs II. auswies. Die klassizistisch-aufklärerische Charakterstudie von Johann Baptist Lampi d.Ä. sorgte für eine Steigerung auf 220.000 Dollar (Taxe je 50.000 bis 70.000 USD). Auch die 85.000 Dollar für Jean-Louis Voilles ansprechendes Portrait der jungen Elizaveta Alexandrovna, Baroness Stroganova, können sich sehen lassen (Taxe 60.000 bis 100.000 USD). Bei den Alten Meistern reüssierte Crispijn van den Broecks manieristischer, figurenreicher „Durchzug durch das Rote Meer“ bei 110.000 Dollar (Taxe 40.000 bis 60.000 USD).

Aus der globalen Schatzkammer

Die „Classic Week“, die Christie’s im vergangenen Jahr erstmals aufgelegt und darunter Antiken aus Ost und West, wertvolle Möbel, Einrichtungsgegenstände und Kunstkammerobjekte, Skulpturen und Gemälde zusammengefasst hatte, konnte noch mit anderen Stücken überzeugen. Vor allem der „Exceptional Sale“ trug mit seinen 22,6 Millionen Dollar nach den Alten Meistern mit 36 Millionen Dollar zum Gesamtumsatz der fünf Versteigerungen von brutto 67,7 Millionen Dollar sein Scherflein bei. Auch hier stand ein Objekt einsam an der Spitze: „The Guennol Stargazer“. Jürgen Thimme, der 2010 verstorbene Archäologe und Spezialist für Kykladenidole, bezeichnete die rund 5000 Jahre alte weibliche Marmorfigur aus Anatolien aufgrund ihrer Größe, ihrer Qualität und ihres hervorragenden Erhaltungszustands als das „Hauptexemplar der gesamten Gruppe“. Das schlug sich nun bei Christie’s im Preis nieder: Von 3 Millionen Dollar schnellte das archaisch abstrakte Idol auf 12,7 Millionen Dollar.

Nicht ganz so hoch, aber immer noch klar über den Erwartungen von 300.000 bis 500.000 Dollar, kletterte der Zuschlag für das sogenannte „Rockefeller-Speiseservice“. Das in China während der Jiaqing-Periode um 1805 produzierte Exportporzellan mit unterschiedlichen Figurenszenen in Gartenlandschaften erreichte 900.000 Dollar. Bei ebenfalls einträglichen 860.000 Dollar folgte ein chalkidischer Bronzehelm der klassischen griechischen Epoche um 450/400 vor Christus (Taxe 350.000 bis 550.000 USD). Das Metropolitan Museum trennte sich von einem eleganten englischen Bureau-Cabinet um 1730 und nahm für die teils vergoldete Aufsatzschreibkommode aus Walnussholz mit reichem Innenleben 800.000 Dollar ein (Taxe 300.000 bis 500.000 USD). Bei einem prächtigen Augsburger Kabinettschrank aus Schildpatt und Pietra Dura-Plaketten um 1650/80 stockten die Gebote dann schon an der unteren Schätzgrenze von 200.000 Dollar. Rekordwert für eine einzelne Terrakottaarbeit Andrea della Robbias sind die 740.000 Dollar, die seine Büste eines mit Lorbeerkranz gekrönten Laureaten in einem Früchte- und Pinienzweigenkranz um 1487/94 erzielte (Taxe 200.000 bis 400.000 USD).

Auf in den fernen Osten

In den fernöstlich inspirierten Art Nouveau ging es mit Jules Auguste Habert-Dys’ über und über mit Blumen geschmückter Juwelen-Schatulle von 1902 aus dunklem Ebenholz und bunten Emailtafeln bei 220.000 Dollar, für die sein Schwiegersohn Fernand Poisson die ebenfalls floralen Silberbeschläge beisteuerte (Taxe 150.000 bis 250.000 USD). Mit einem Schreibtisch aus teils filigran geschnitztem Zitan-Holz war das Angebot ganz in China angekommen. Das Möbel, das zum Fundus des Prince Gong Mansion in Peking gehört haben soll, entstand um 1800 in einer Mischung aus westlichen und östlichen Traditionen und verdreifachte seinen Wert auf 600.000 Dollar. Und in der Auktion „An Inquiring Mind: American Collecting of Japanese & Korean Art“ vom 25. April stießen durchweg die Farbholzschnitte Katsushika Hokusais auf Gegenliebe, besonders sein Blatt „Kanagawa oki nami ura – Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“, das zu der zwischen 1829 und 1833 entstandenen Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ gehört, als einer der bekanntesten japanische Drucke gilt und in zwei Versionen vorlag. Schon die erste Ausführung verbesserte sich von 15.000 Dollar auf 310.000 Dollar, bei der zweiten gab es kein Halten mehr: Hokusais große Welle schwappte auf von 80.000 Dollar auf den Bestwert von 780.000 Dollar.

Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld.

Kontakt:

Christie’s Rockefeller Center

20 Rockefeller Plaza

US-10020 New York

Telefon:+1 (212) 6362000

Telefax:+1 (212) 6362399

E-Mail: info@christies.com



11.05.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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Jacob van Walscapelle, Trauben, Kastanien, Melone, Römer und Façon de Venise-Glas in einer Steinnische, um 1675

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Giuseppe Zocchi, Der Tiber im Rom mit Blick auf die Engelsburg und St. Peter

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