Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 23.09.2017 53. Kunstauktion - Bildende Kunst des 17. - 21. Jahrhunderts

© Schmidt Kunstauktionen Dresden

Anzeige

Leda mit dem Schwan / Eduard Veith

Leda mit dem Schwan / Eduard Veith
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Anzeige

Sitzende Bäuerin mit Kind, 1925 / Ernst Ludwig Kirchner

Sitzende Bäuerin mit Kind, 1925 / Ernst Ludwig Kirchner
© Galerie Neher - Essen


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Ich schminke mich, also bin ich: Die New Yorker Malerin Gina Beavers zeigt in der Berliner Gnyp Gallery neue Gemälde, die sich mit Make-up-Tutorials aus dem Internet beschäftigen

Dreidimensionale Lippenbekenntnisse



„make up tutorial“. Gibt man diese drei Wörter bei Google ein, so erhält man auf Anhieb 43.500.000 Fundstellen. Auch demjenigen, der sich zuvor mit dieser Materie nicht beschäftigt hat, ist auf Anhieb klar, dass es hier um ein Thema geht, das ganz offensichtlich für Millionen Menschen – überwiegend dürften es Frauen sein – von großer Bedeutung ist. Make-up-Tutorials, zu Deutsch etwa „Schminkanleitungen“, zeigen Schritt für Schritt, wie man mit Lidschatten, Eyelinern, Lippenstift, falschen Wimpern, Mascara und unzähligen anderen Kosmetikprodukten und Werkzeugen Mund und Augen in kleine Kunstwerke verwandelt – mit begrenzter Haltbarkeit jedoch, denn auch das perfekteste Make-up hält höchstens ein paar Stunden.


Was sich an der Konjunktur dieser Make-up-Tutorials ablesen lässt, ist ein grundlegendes Bedürfnis nach der Erfüllung standardisierter Schönheitsideale. Statt auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen oder herumzuexperimentieren, verlassen sich die Fans dieser Seiten auf ihre jeweilige Community in den sozialen Netzwerken. Wurden Schönheitsideale in vergangenen Jahrzehnten noch über Topmodels oder Hochglanzmagazine wie „Vogue“ oder „Elle“ vermittelt, so beziehen gerade die Jüngeren ihre Inspiration von den oft anonymen Vorbildern aus dem Netz. Die New Yorker Malerin Gina Beavers greift diesen Trend in ihrer Ausstellung „Ambitchous“ auf, die derzeit in der Berliner Gnyp Gallery zu sehen ist.

In bester Appropriation-Tradition überführt Beavers im Internet gefundene Schminkanleitungen in großformatige, reliefartige 3D-Gemälde, die dem Besucher förmlich aus dem Rahmen entgegenquellen. Als Vorlagen dienen ihr dabei entsprechende Seiten auf Instagram oder in sogenannten „Collage Apps“, die in bis zu neun Unterfenster aufgeteilt sind. Indem sie unverdünnte Acrylfarbe in unzähligen Schichten immer wieder auf ihre beim Malakt auf dem Boden liegenden Leinwände aufträgt, erzeugt sie in einem langwierigen Prozess plastisch modellierte Oberflächen voller Lippen, Augen, herausgestreckter Zungen, Zähnen oder sogar Zahnspangen. In ihrer detailgenauen Unmittelbarkeit erinnern ihre Arbeiten mitunter an „Moulagen“, im 18. Jahrhundert beliebte anatomische Wachsmodelle, wie sie in medizinhistorischen Museen gezeigt werden. Häufig sind auch die mit Nagellack verzierten Fingerspitzen der Make-up-Tutorinnen sowie die benutzten Schminkstifte, Lippenstifte oder Pinsel zu sehen. Auf einigen Bildern finden sich aber auch Sprechblasen, Disneyfiguren oder an Roy Lichtenstein erinnernde Pop Art-Zitate. Beavers’ Bilder verblüffen den Betrachter zunächst einmal durch ihre fast schon ordinäre, sich skulptural in den Raum schiebende Präsenz. Alles, was die Ästhetik des Internets ausmacht, seine Spontaneität, Geschwindigkeit, Flüchtigkeit und Volatilität übersetzt sie in eingefrorene, hypersolide und trotz der Verwendung rein malerischer Mittel fast schon bildhauerische Arbeiten.

In einem Gespräch mit ihrer Künstlerkollegin Gwendolyn Zabicki äußerte sich Gina Beavers zu dieser Werkgruppe: „Als ich mit dem Malen dieser Bilder angefangen habe, hatte ich tatsächlich den Eindruck, dass das Bild mich anschaute, während es sich gerade selber malte. Es geht hier ums Zeichnen und Malen: Es gibt Stifte und Pinsel, und den Versuch, sich für den Betrachter attraktiv zu machen. Es geht um die Parallelen zur Malerei und die Erwartungen, die damit verbunden sind, aber auch um Begehren und Anziehung. Was ich ebenfalls interessant finde: Das Vokabular, das Make-up-Künstler in den sozialen Netzwerken benutzen, entspricht genau dem Vokabular der Malerei. Wenn die sich über Pinsel oder Pigmente unterhalten, klingt das, als würde man einer Fachsimpelei unter Malern beiwohnen.“

Gina Beavers hat, bevor sie ihr Kunststudium aufgenommen hat, zunächst ein Jahr lang Medizin studiert. Vielleicht erklärt das auch ihr starkes Interesse an detailgenauer Körperlichkeit. Die Künstlerin wurde 1974 in Athen als Tochter eines US-Diplomaten geboren. Zeitweise hat sie auch in Malaysia und Dänemark gelebt. Auf diese langjährigen Auslandsaufenthalte ist es wohl zurückzuführen, dass sie sich Phänomenen des US-amerikanischen Alltags eher als distanzierte Beobachterin denn als komplett davon absorbierte Beteiligte nähert.

In ihrer vorhergehenden Serie, die nach dem Instagram-Tag „#foodporn“ benannt war, untersuchte Gina Beavers das Bedürfnis vieler Menschen, ihr oft genug ungesundes Restaurantessen bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu fotografieren und diese Bilder in sozialen Netzwerken wie Instagram, Flickr, Snapchat, Facebook oder Twitter zu posten. Hotdogs, Pommes Frites, Hamburger, Cole Slaw, Torten und Süßigkeiten aller Art: Was hier dominiert, ist nicht etwa die Präsentation besonders ausgefallener kulinarischer Kreationen, sondern die Glorifizierung des Ungesunden, Überbordenden und extrem Kalorienhaltigen.

Dennoch geht es Beavers nicht darum, die Vorlieben dieser Communities bloßzustellen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. In einem Interview mit ihrer Berliner Galeristin Marta Gnyp drückte Gina Beavers ihre Haltung so aus: „Die Dinge, die mich zum Malen anregen, werte ich weder auf noch ab. Ich funktioniere da mehr wie eine Dokumentaristin, die sich diesen Aspekten ästhetischer Erfahrung in den sozialen Medien widmet.“

Gina Beavers, deren Arbeiten 2015 auch auf der vielbeachteten Übersichtsausstellung „Greater New York“ im MoMA PS1 gezeigt wurden, erhielt in den vergangenen Jahren sowohl im Ausstellungsbetrieb als auch in den Medien große Aufmerksamkeit. Es erschienen Besprechungen im Artforum, im Frieze Magazine, der New York Times, Modern Painters und vielen anderen Medien. Roberta Smith, die Chef-Kritikerin der New York Times, lobt Beavers’ Mut zur Übertreibung und Parodie tradierter Formen der Malerei. Gleichzeitig verortet sie ihre Arbeiten „als dick aufgetragenen Fotorealismus mit schrägen Querverweisen auf die bemalten Gipsreliefs eines Claes Oldenburg“. Ob man ihre Arbeiten nun als kitschig, erotisch, parodistisch, satirisch oder medienkritisch betrachtet, auf jeden Fall reflektiert Gina Beavers’ Werk die Malerei an sich: ihre Limitierungen, ihre Hin- und Hergerissenheit zwischen dem „High“ des Kunstbetriebs und dem „Low“ ihrer digitalen Wiedergänger in den sozialen Netzwerken.

Die Ausstellung „Gina Beavers – Ambitchous“ ist bis zum 23. April zu sehen. Die Gnyp Gallery hat donnerstags und freitags von 11 bis 18 Uhr, samstags von 12 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Die Gemälde von Beavers kosten je nach Größe zwischen 12.000 und 38.000 US-Dollar, bei den Zeichnungen geht es ab 6.000 US-Dollar los.

Kontakt:

Gnyp Gallery

Knesebeckstraße 96

DE-10623 Berlin

Telefon:+49 (030) 31 01 40 10



04.04.2017

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Bei:


Gnyp Gallery

Künstler:

Gina Beavers










Copyright © '99-'2017
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce