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Gustav Metzger gestorben

Gustav Metzger ist tot. Der Deutsch-Brite, der zu den radikalsten Aktionskünstler zählt, starb gestern in London. Er wurde 90 Jahre alt. Das berichtet die britische Zeitung „The Guardian“ in ihrer heutigen Ausgabe. Der 1926 in Nürnberg geborene Sohn orthodoxer Juden erlebte die Ermordung seiner Eltern durch die Nazis und kam mit seinem Bruder Max 1939 im Rahmen der Kindertransporte nach England. Nach einer Ausbildung zum Möbelschreiner besuchte er Bildhauerklassen, studierte Kunst an der Cambridge School of Art und schloss sich einer Künstlerkommune in King’s Lynn an, die künstlerisch-politisch hervortrat.

Ausgehend von den Schrecken des 20. Jahrhunderts thematisierte Gustav Metzger das Destruktionspotential der Kunst. Sein Kunstbegriff arbeitete mit Zerstörungsgesten und richtete sich gegen kapitalistische Werte und den klassischen Werkcharakter in der bildenden Kunst. Zugleich nahm er politische und ökologische Themen der Zeit, wie das atomare Wettrüsten und die Umweltzerstörung, auf und protestierte gegen die Vernichtung der Natur genauso wie gegen die Entwicklung der Kunst hin zur bloßen Ware. Die Selbstauflösung seiner Werke – wie etwa die frühen Aktionen mit von Säure zerfressenen Nylontüchern – proklamierte Metzger „als die letzte verzweifelte subversive und politische Waffe in der Hand von Künstlern“ und als Angriff gegen Kunsthändler und Sammler, die sich der modernen Kunst um des Profits willen bedienen. Auch sein „Autodestruktives Monument“ von 1960 war eine Skulptur aus Stahl, die durch Umwelteinflüsse allmählich verrostet.

Aus diesem Verständnis heraus initiierte Gustav Metzger 1966 in London das legendäre „Destruction in Art Symposium“ (DIAS) und traf damals den Nerv seiner Zeit. An dem Festival nahmen Dichter, Musiker, Psychologen und auch Fluxus-Künstler wie Al Hansen, Yoko Ono, Robin Page und Wolf Vostell teil. Die Wiener Aktionisten waren mit Günter Brus, Kurt Kren, Otto Muehl und Peter Weibel unter der Bezeichnung „Institut für direkte Kunst“ zugegen. Hermann Nitsch führte dabei sein Orgien-Mysterien-Theater auf, John Latham konstruierte aus Büchern drei hohe „Skoob Towers“ und verbrannte sie vor dem British Museum. Selbst Rockgruppen wie „Pink Floyd“ und „The Who“ soll Gustav Metzger mit seiner autodestruktiven Kunst beeinflusst haben. Die Idee, auf der Bühne eine Gitarre zu zertrümmern, führte Pete Townshend auf Metzger zurück.

Später wurde es recht still um ihn. Er befand sich mit seinen radikalen Gesten eher am Rand der britischen Kunstszene, als in der Mitte. Die Negierung eines auf Beständigkeit und Wertsteigerung beruhenden Kunstsystems und der nicht vorhandene Werkcharakter schlossen ihn per se aus dem traditionell bürgerlichen Kunstbetrieb aus. In den 1970er Jahren rief er gar zu einem Kunststreik auf. In den „Years Without Art 1977-80“ sollten die Künstler nichts schaffen, nichts verkaufen, nichts präsentieren und nicht mit der Publicitymaschine zusammenarbeiten. Ziel war das Ende des Kunstsystems.

Gustav Metzger selbst resümierte in einem Interview mit Ben Lewis, das in der Zeitschrift „Monopol“ erschienen ist: „Ich wurde nicht wahrgenommen, ganz klar. Die unverwirklichten Projekte verdeutlichen das. Immer wieder bin ich mit Ideen an verschiedene Institutionen herangetreten, jedes Mal war man nicht interessiert. Und wenn eine Idee angenommen wurde, wie diese Autoabgasgeschichte 1972 bei der Documenta 5, setzte man sie nicht um. Man hätte mich auch einladen können, Vorträge zu halten. Aber wegen meiner Ansichten, meiner heftigen Angriffe auf den Kapitalismus, schnitt mich die Kunstwelt.“ Vieles ging bei Metzger nicht über Projektskizzen hinaus, etwa „Stockholm June“ von 1972. Dabei wollte er Abgase von 120 Autos in ein Zelt leiten und die Automobile am letzten Tag des Projektes im Inneren des Zeltes zur Explosion bringen.

Gustav Metzger war aber auch ein Vertreter der „Autokreativen Kunst“. Ihren Ausdruck fand sie vor allem in den Lichtprojektionen mit Flüssigkristallen, den „Liquid Crystal Projections“, die zwischen 1965 und 1999 entstanden. Die psychedelischen Licht- und Farbveränderungen setzten wiederum Rockgruppen wie „The Who“ und „Cream“ in ihren Lightshows ein. In den 1990er Jahren entwickelte Metzger dann seine „Historic Photographs“-Installationen. Die großformatigen Reproduktionen bekannter Fotos von wichtigen historischen Ereignissen präsentierte er den Betrachtern aber so, dass sie kaum oder gar nicht mehr sichtbar waren beziehungsweise dass diese selbst erst aktiv werden mussten, um sie zu sehen. Gerade in der heutigen Bilderflut ist Metzgers Praxis des Verbergens, die gleichzeitig den Blick öffnet und die Aufmerksamkeit aktiviert, von fast hellseherischer Bedeutung.

Quelle: Kunstmarkt.com/Ulrich Raphael Firsching

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