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Edmund de Waal hat im Kunsthistorischen Museum in Wien eine Wunderkammer eingerichtet und lässt die Dinge leise ihre Geschichte murmeln

Traumgesicht in der Nacht



in der Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night“

in der Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night“

Gerade zwei Jahre sind vergangen, seit der britische Keramikkünstler und Autor Edmund de Waal im Rahmen einer vom Kunsthistorischen Museum organisierten und von Jasper Sharp kuratierten Ausstellungsreihe im Wiener Theseustempel sein Werk „Lichtzwang“ präsentieren konnte. Nun wurde der 1964 in Nottingham geborene und in London lebende Künstler neuerlich eingeladen, um im Kunsthistorischen Museum eine persönliche Auswahl von Objekten aus den Beständen des Hauses zusammenzustellen. Das Konzept der als zeitlich lose Folge angelegten Ausstellungsreihe folgt einer Einladung, die das Museum 2012 dem amerikanischen Künstler Ed Ruscha gegenüber ausgesprochen hatte und der sich in der Schau „The Ancients Stole All Our Great Ideas“ mit der Sammlung des Museums auseinandersetzte, Kunstwerke aussuchte, aus ihrem üblichen Zusammenhang löste und unerwarteten Nachbarn zur Seite stellte.


De Waal verfolgt einerseits eine vergleichbare und auch wieder ganz andere Strategie: auch er arbeitet mit dem Phänomen, dass vertraute Objekte in neuen Konstellationen unvertraute Aspekte offenbaren und die Museumsbesucher ermutigt werden, Werke von neuem zu betrachten, die sie gut zu kennen meinen. Vor allem aber wirft die Präsentation ein Licht auf Edmund de Waals eigenes Schaffen sowie auf seine Gedanken und Überlegungen, die seit Jahren um Vorstellungen von Sammeln und Sammlungen kreisen und damit, wie Objekte zusammengehalten, verloren, gestohlen und zerstreut wurden und werden.

Die von Edmund de Waal getroffene Auswahl, die er unter dem Titel „During the Night“ zusammengestellt hat, beginnt mit der bildlichen Wiedergabe eines Alptraums von Albrecht Dürer, die in einem zur Sammlung der Kunstkammer gehörenden Buch aufbewahrt wird. Sie entstand 1525 nur wenige Jahre vor Dürers Tod. Auf dem kleinen, breitformatigen Aquarell mit dem Titel „Traumgesicht“ stürzen blaue, fest umrissene Wassermassen aus dem Himmel auf eine von sanften Hügeln, vereinzelten Bäumen und einem großen Krater oder See geprägte Landschaft. Aus dieser Zeichnung, dieser schrecklichen apokalyptischen Vision, entwickelte Edmund de Waal die Idee für seine Ausstellung. Für ihn sind Dinge lebendig, können Gegenstände Gefühle enthalten. Für De Waal sind sie Zeugen der Geschichte und können aus ihrem scheinbaren Schlaf geweckt, durch Berühren, eine Umstellung oder einen frischen Blick zum Sprechen gebracht werden.

Weitere Darstellungen von Traum, Angst, Disharmonie, Unruhe und dem Augenblick zwischen Schlafen und Wachen hat Edmund de Waal der Gemäldegalerie, der Bibliothek, der Sammlung alter Musikinstrumente, der Kaiserlichen Schatzkammer, dem Naturhistorischen Museum und der Kunstkammer von Schloss Ambras in Innsbruck entnommen. Und so präsentiert er in dem nur schwach beleuchteten, in ein geheimnisvolles Dunkel getauchten Ausstellungsraum – und aufbewahrt hinter schützenden, gläsernen Vitrinen – Bilder, Objekte und Fundstücke in einer faszinierenden Wunderkammer. Sie erhält ihren Reiz dadurch, dass De Waal sich nicht um die etablierten Regeln schert, wie Objekte gezeigt werden sollten und welches Objekt höher als andere zu bewerten sei: Lucas Cranachs berühmtes Bildnis einer Dame stellt er neben das Schweißtuch der Veronika, eine Kalkplatte birgt einen fossilen Fisch, ein winziger Würfel aus Glas einen kleinen Teufel.

Korallen, die unter Wasser eine Pflanze sind und über Wasser zu Stein werden, künden von den oft unmerklichen Veränderungen der Dinge ebenso wie die zu Kruzifixen erhobenen Wurzeln. Zwei kostbare, aber beschädigte gläserne Drachen finden sich nahe seltener Bezoare, der Magensteine von Wiederkäuern, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als mit Flüssigkeiten versetztes Pulver gegen Krankheiten wie Pest und Melancholie verabreicht wurden. Ein hauchdünnes Goldblech mit den eingravierten Zeilen eines Liebeszaubers in griechischer Sprache trägt die Erinnerung an Begehren in seinem leichten Gewicht. Fischfossilien erzählen von der Sintflut, und Handsteine, diese seltsamen Landschaften, geschaffen aus tief in den böhmischen Bergwerken gefundenen Mineralien, geben Ängste und Hoffnungen von Bergarbeitern und deren Familien preis. Edmund de Waal präsentiert sie neben einer Hieronymus Bosch nachempfundenen Paradiesdarstellung.

Ein nur wenige Jahre nach Dürers „Traumgesicht“ entstandener Schüttelkasten wird Edmund de Waal zum Modell der Natur als Ganzes, in dem die Dinge durcheinandergeworfen und erschüttert werden. Im Innern der kleinen Holzbox lugen aus Pappe bemalte und mit Bleigewichten austarierte Kriechtiere wie Schnecken, Schlangen, Schildkröten, Spinnen und Käfer aus einem aus Moos und Mohnsamen täuschend echt nachgebildeten Waldboden hervor und bewegen sich bei der leisesten Berührung. Die Unbeständigkeit, erklärt De Waal, war sein Orientierungsplan während seiner Beschäftigung mit den Ausstellungsstücken für diese exquisite Schau. Mit jedem ausgewählten Werk führt er vor Augen, dass die Gegenstände von ihrem ursprünglichen Ort entfernt oder ihrer ursprünglichen Funktion beraubt wurden. Sie sind Zeugen der Geschichte, auch jener Geschichte, von der Edmund de Waal in seinem eindrücklichen Roman „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ erzählt. Seine 2010 erschienene Familienbiografie spürt der Geschichte seiner Vorfahren und Verwandten, der Familie Ephrussi, in Odessa, Tokio, Paris und Wien nach und gibt Einblick in Aufstieg und Vertreibung einer jüdischen Familie.

De Waal lässt Erinnerungen wachwerden und Alpträume aufbrechen in der Stadt, aus der seine Familie in den 1930er Jahren vertrieben und wo die Arisierung ihrer eigenen Kunstsammlung vom damaligen Direktor des Museums überwacht wurde. Er versetzt die Betrachter in eine düstere Schattenwelt, gerade an dem Ort, aus dem nach dem Anschluss Österreichs und nach Plünderungen durch die Nationalsozialisten Sigmund Freud ebenso fliehen musste wie der eigene Urgroßvater. „In der Stadt von Karl Kraus, Freud und Elias Canetti“, schreibt Edmund de Waal in seinem Katalogtext, „lagern sich Erzählungen an um Gegenstände und um Bilder der Angst. Und Bilder der Nacht, jenes Übergangs ins Unbekannte, dem Schwellenmoment, wenn wir weniger wehrhaft sind“.

Edmund de Waal hat eine großartige Auslese zusammengetragen: Bilder, in denen es bestimmte Schatten gibt oder ein seltsames Licht, Objekte, die gebrochen, rätselhaft und nicht eindeutig sind, Gegenstände, die von ihrer Vergangenheit erzählen. Es sind sorgfältig ausgewählte Stücke, die wie die Karten eines Spiels immer wieder neu kombiniert werden könnten, aber doch Teil eines großen Ganzen bleiben. Diesen Überlegungen folgt auch der begleitende „Katalog“, der die Exponate auf einzelnen Karten in einer schwarzen Box dokumentiert. Auf diese Weise gelingt es De Waal, überraschende inhaltliche Verknüpfungen innerhalb der Vergangenheit und über die Vergangenheit herzustellen: etwas am Leben zu erhalten, etwas in Erinnerung zu bringen, einen Raum, eine Person, eine Hoffnung, eine Furcht, ein Stück Poesie.

Ein Werk, das alle diese Komponenten in sich vereint, ist eine Arbeit, die Edmund de Waal selbst für die Ausstellung geschaffen hat – eine eigene Kunstkammer. Es handelt sich um eine Installation in Form einer dunklen, großen, an der Wand hängenden Vitrine, in deren Regale er kleine mit Blei, Schrotkugeln und Porzellanscherben befüllte Aluminium- und Porzellangefäße stellte. Es sind Scherben seiner eigenen Porzellanarbeiten, Blei und Schrot stammen hingegen aus der ehemaligen Londoner Munitionsfabrik, in der De Waal seit drei Jahren sein Studio hat. De Waal fügt Bruchstücke seines eigenen Schaffens zusammen mit den explosiven Überresten einer kriegerischen Industrie, kombiniert Porzellan mit Blei, jenem dunklen, potentiell giftigen Stoff voll alchemistischer Bezüge, wie sie den Objekten aus den Sammlungsbeständen eingeschrieben sind. Seine eigene Kunstkammer hat de Waal ebenfalls „during the night“ genannt. Sie wird bis Ende Januar einstimmen in das leise Gemurmel, das die Bilder und Gegenstände all jenen kundtun, die die Beziehungen erkennen.

Die Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night“ ist bis zum 29. Januar zu sehen. Das Kunsthistorische Museum Wien hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr, an Heiligabend von 10 bis 15 Uhr und an Neujahr von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Euro, ermäßigt 11 Euro; für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren ist er frei. Der Katalog mit 31 Kartons und einem 16seitigen Heft im Schuber kostet 29,95 Euro.

Kontakt:

Kunsthistorisches Museum Wien

Maria-Theresien-Platz

AT-1010  Wien

Telefon:+43 (01) 525 24 0

Telefax:+43 (01) 525 24 503

E-Mail: info@khm.at



07.12.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


11.10.2016, Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night

Bei:


Kunsthistorisches Museum Wien

Bericht:


Taumel im Durcheinander der Dinge

Bericht:


Lichtzwang

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in der Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer –
 During the Night“
in der Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night“

Variabilder:

Vanitas-Köpfe (Memento Mori), Deutsch, 1. Hälfte 17. Jahrhundert
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Variabilder:

Teufel im Glas, Deutsch, 1. Hälfte 17. Jahrhundert
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Variabilder:

Schüttelkasten, Süddeutsch (Tirol?), nach 1550
Schüttelkasten, Süddeutsch (Tirol?), nach 1550

Variabilder:

Rote und schwarze Edelkorallen, Süditalien
 (Trapani), 3. Viertel 16. Jahrhundert
Rote und schwarze Edelkorallen, Süditalien (Trapani), 3. Viertel 16. Jahrhundert







Vanitas-Köpfe (Memento Mori), Deutsch, 1. Hälfte 17. Jahrhundert

Vanitas-Köpfe (Memento Mori), Deutsch, 1. Hälfte 17. Jahrhundert

Teufel im Glas, Deutsch, 1. Hälfte 17. Jahrhundert

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Schüttelkasten, Süddeutsch (Tirol?), nach 1550

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Rote und schwarze Edelkorallen, Süditalien (Trapani), 3. Viertel 16. Jahrhundert

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Albrecht Dürer, Traumgesicht, 1525

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Lucas Cranach d.J., Allegorie der Tugend (Tugendberg), 1548

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Trophime Bigot, Schreiender Mann, um 1615/20

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in der Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night“

in der Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night“

in der Ausstellung „Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer – During the Night“

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Jan Vermeyen, Bezoar-Deckelbecher, Prag um 1600

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