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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Das Museum Ludwig in Köln feiert seinen 40. Geburtstag mit einer nicht ganz leicht zugänglichen Ausstellung, für die man Zeit mitbringen muss

Sie nannten es Ludwig!



Der Eingang zur Ausstellung ist verbarrikadiert. Hat hier ein Kampf stattgefunden? Was auf den Straßen von Köln zu finden war, scheint als Hindernis den Zugang in die Museumsräume zu erschweren. Selbst vor den heiligen Hallen der Kunst haben die mutmaßlichen Aufständischen nicht Halt gemacht. Zwischen Autos, Schildern, Schutt und Baugittern türmen sich unter anderem Werke von Oskar Kokoschka, Alexej von Jawlensky und Andy Warhol vor den Besuchern auf. Die Installation „Bakunin’s Barricade“ des türkischen Künstlers Ahmet Ögüt wirft Fragen auf. Fragen nach der Rolle der Kunst innerhalb der aktuellen, weltweiten gesellschaftlichen und politischen Konflikte. Der Auftakt der Ausstellung „Wir nennen es Ludwig“ ist also durchaus ernst. „Wir haben ganz bewusst viele institutionskritische Künstler eingeladen“, erzählt der Direktor Yilmaz Dziewior. Dass das Museum Ludwig in Köln sich mit dieser Jubiläumsschau nicht selbst beweihräuchern möchte, wird von Beginn an klar.


Dabei gibt es einiges zu feiern! Das Museum Ludwig begeht in diesem Jahr gleich drei Jubiläen. Vor 70 Jahren schenkte Josef Haubrich seine Sammlung mit Werken der klassischen Moderne der Stadt Köln und hat damit den Grundstein für das Museum gelegt. Dreißig Jahre später unterzeichneten Peter und Irene Ludwig ihren Schenkungsvertrag mit rund 350 Werken zeitgenössischer Kunst und gaben dem Museum ihren Namen. Nach weiteren zehn Jahren konnte der Neubau des Museums am Dom eröffnet werden. Seitdem ist das Museum Ludwig unverzichtbarer Teil des kulturellen Lebens in Köln. Die Sammlung umfasst heute die wichtigsten Positionen der Kunst des 20. Jahrhunderts und 21. Jahrhunderts. Neben Arbeiten des Expressionismus und Werken der Russischen Avantgarde beheimatet das Museum die drittgrößte Picasso-Sammlung weltweit und die umfassendste Sammlung amerikanischer Pop Art außerhalb der USA. Welche Rolle spielt das Haus aber eigentlich wirklich? Als Institution, für Künstler, für die Kunst? Mutig stellten sich Yilmaz Dziewior und alle Kuratierenden des Hauses diesen Fragen und konzipierten eine breit angelegte Schau. Sie luden 25 internationale Kunstschaffende und Künstlerkollektive ein, ihre Position zum Museum Ludwig subjektiv und zum Teil persönlich zum Ausdruck zu bringen. So entstand ein facettenreiches Bild der Institution, das reflektiert, was das Museum war, ist, sein kann und sein sollte.

An der Jubiläumsschau beteiligen sich sowohl Künstler und Künstlerinnen aus Europa und Nordamerika als auch aus Afrika, Asien und Lateinamerika teil. Sie stammen aus unterschiedlichen Generationen und künstlerischen Traditionen. Damit unterstreicht das Museum Ludwig bewusst den globalen Sammlungsansatz von Peter und Irene Ludwig und seine postkoloniale Ausrichtung – die Ausstellung ist somit Rückblick und Ausblick zugleich. Auch diesen Aspekt greift Ahmet Ögüt in „Bakunin’s Barricade“ auf. Neben der aktuellen Frage nach der Rolle und Bedeutung der Kunst in unserer Gesellschaft bezieht sich der Künstler auf ein historisches Ereignis: Als im Jahr 1849 in Dresden die sogenannten Maiaufstände tobten, machte ein Anführer der Revolution, Michail Bakunin, den Vorschlag, Gemälde aus den Dresdner Kunstsammlungen für die Barrikaden im Straßenkampf zu verwenden, um die königlichen Truppen zu stoppen. Ob das heute noch funktionieren würde, will man nicht herausfinden. Zu „Bakunin’s Barricade“ gehört allerdings ein rechtsgültiger Vertrag, der dem potenziellen Besitzer der Installation das Recht einräumt, in Zeiten von Unruhen mit dem Museum verhandeln zu dürfen, ob Kunstwerke des Hauses als Barrikade im Straßenkampf zum Einsatz kommen.

Nicht ganz so brisant schlägt Christian Philipp Müller die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart in seinem direkt neben Ögüts Installation positionierten Werk. Über zwei monumentalen Boxen aus Plexiglas befinden sich zwei große Sprechblasen mit den Worten „schenken“ und „für immer“. Dies ist die Quintessenz, die der Künstler aus Interviews mit 15 bedeutenden Sammlern aus Köln zog. Es ging um die Frage, wer unter ihnen die Nachfolge der Ludwigs antritt. Das musste offen bleiben. Einig waren sich allerdings alle, dass Leihgaben keine Alternative sind. Wenn ein Bild an ein Museum gehen soll, dann als richtige Schenkung. Das Verhältnis zwischen Sammlern und Institution visualisierte Christian Philipp Müller in seiner eleganten und – für das Museum Ludwig besonders passend – poppigen Arbeit. Die Plexiglaskästen sind den Sockeln vor dem Kölner Museum für Angewandte Kunst nachempfunden, auf denen die Bronzebildnisse der Stifter des Wallraf-Richartz-Museums stehen. Hier im Museum Ludwig sind sie noch leer.

Hat man sich an Ögüts Barikade vorbeigekämpft, bietet der im heutigen Benin geborene Künstler Georges Adéagbo einen ungewöhnlichen Zugang zum Thema Ludwig. Seit den 1980er Jahren ist Adéagbo in Europa mit seinen großen Installationen bekannt, in denen er unterschiedliche Materialien und Gegenstände zu unhierarchischen Zusammenstellungen gruppiert. Eine willkürlich erscheinende Sammlung verschiedener Dinge – vom Kinderschuh über Bücher und handgeschriebenen Texten – treffen bei Adéagbo auf eine sorgfältige und systematische Komposition. Die Betrachtenden erfahren so ein ungewohntes Verweissystem aus Analogien und Assoziationen, die mit dem jeweiligen Ausstellungsort in Verbindung stehen. Die Objekte, die Adéagbo in seine Werke eingliedert, sind Alltags- und Kultobjekte, die er jeweils vorfindet. Installiert er eine Arbeit ein zweites oder drittes Mal, verändert er sie und passt sie der neuen Ausstellungsituation an. Für „Wir nennen es Ludwig“ aktualisierte er eine große Installation, die er bereits für die Documenta 11 in Kassel 2002 entwickelt hatte und das Museum Ludwig 2003 erwarb. Diese teilte er in drei Abschnitte, die er an unterschiedlichen Orten in die Sammlung integrierte. So können die Besucher nicht nur in der Sonderausstellung einen Teil von Adéagbos Installation entdecken, sondern auch in einem Raum mit Werken Joseph Beuys’ und expressionistischer Malerei sowie im Treppenhaus des Museums.

Ein Gang durch die ständige Sammlung lohnt auch in Hinblick auf die Arbeit von Ai Weiwei. 42 Fahrradgestelle hat der chinesische Künstler so aneinander montiert, dass eine große Kreisform entstand. Mit den Fahrrädern nimmt er Bezug auf ein Schlüsselwerk von Marcel Duchamp. Dessen „Roue de bicyclette – Fahrradrad“ stellte bereits 1913 die Kunstwelt auf den Kopf. Es provozierte mit grundlegenden Fragen nach Zweckfreiheit und skulpturaler Form und ist heute in einer Version im Dada-Raum des Museums Ludwig zu bestaunen. Eine visuelle Beziehung zwischen den beiden Werken wird in der Ausstellung mittels gegenläufiger Kameras und Monitore hergestellt. Ai Weiwei greift den Ready-Made-Gedanken Duchamps so unmittelbar auf und verbindet zugleich die Ablösung der Form von der Funktion mit einer gesellschaftlichen Kritik. Die chinesische Fahrradmarke „Forever“ – so auch der Titel der Installation – verspricht Langlebigkeit, worauf der Künstler zusätzlich mit der endlosen Kreisform aus Fahrrädern anspielt. Ironisch erinnert Ai Weiwei an die Veränderungen der Gesellschaft und Wirtschaft in China. Die rasante Modernisierung trug dazu bei, dass die endlosen Fahrradschwärme aus den Verkehrsadern der chinesischen Metropolen verschwanden. Die serielle Wiederholung greift außerdem ein wesentliches Prinzip der Arbeiten von Andy Warhol auf. Als einer der wichtigsten Vertreter der Pop Art bildet sein Werk sowohl einen wichtigen Bezugspunkt im Schaffen von Ai als auch für die ständige Sammlung des Museums. Ai Weiwei, der sich in den 1980er Jahren intensiv mit Pop Art und Dada-Kunst auseinandersetzte, wählte „Forever“ auf Grundlage dieser gemeinsamen Nahtstellen für die Schau aus.

Nicht alles ist also explizit für das Jubiläum neu geschaffen worden. Während sich Ai Weiwei nach Durchsicht der ständigen Sammlung für ein bereits existierendes Kunstwerk entschied, lassen Alexandra Pirici und Manuel Pelmus ihre Arbeit allerdings erst während der Ausstellungszeit entstehen. Bekannt wurden die beiden Performancekünstler auf der Venedig-Biennale 2013, wo sie im rumänischen Pavillon zahlreiche Tableaux Vivants inszenierten. Durch Posen und Gesten stellten sie Kunstwerke dar, die in der langen Geschichte der Biennale präsentiert wurden. Für Köln bringt das Künstlerduo nun zentrale Werke aus dem Bestand des Museums zur Aufführung. Während dieses „Enactments“ – wie die Beiden es selbst nennen – haben die Besucher zum Beispiel die Gelegenheit, Max Beckmanns „Die Schlacht“ oder Max Ernsts „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler“ neu zu erfahren. Die Performances finden bis zum 20. November zwischen 13 und 17 Uhr statt.

Auch Pratchaya Phinthong startete für „Wir nennen es Ludwig“ ein künstlerisches Projekt, das über die gesamte Ausstellungszeit läuft. Steigt man ins Zwischengeschoss, sieht man zunächst zwei Teller an der Wand lehnen. „Kabul Palace“ liest man auf ihrer Rückseite. Ausgangspunkt für Phinthong, der meist konkrete kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Ereignisse als Anlass seiner Arbeiten nimmt, war die aktuelle Flüchtlingssituation in Köln. Im Vorfeld der Ausstellung organisierte der thailändische Künstler eine Art Austauschprogramm zwischen Asylsuchenden und Mitarbeitern des Museums Ludwig. Während eines gemeinsamen Essens entdeckte Phinthong die beiden Teller, die einer der Geflüchteten aus Kabul mitgebracht hatte, und nutzte sie zur Visualisierung seines Projekts. Er verteilte Fake-Jeans vom Wochenendmarkt in Bangkok in den Größen der Museumsmitarbeiter an die Asylsuchenden, die diese bis kurz vor Beginn der Ausstellung trugen und dann an die Angestellten weitergaben. Nach der Laufzeit der Schau kommen die Jeans wieder zu den Geflüchteten zurück.

Phinthong wiederholt mit diesem Projekt eine persönliche Geschichte, die ihm Freunde aus Bangkok berichteten. Sie verkauften Fake-Jeans auf Wochenendmärkten und machten dabei die Erfahrung, dass Modelle im Used Look im Vergleich zu normalen Hosen wesentlich schneller ausverkauft waren und bessere Preise erzielten. Daraufhin verliehen sie die makellosen Exemplare an Wanderarbeiter, die die Jeans durch ihre schwere körperliche Arbeit zerstören sollten. Phinthong spielt hier mit politisch aufgeladenen Machtverhältnissen und transportiert eine gesellschaftliche Situation in die öffentliche Institution Museum. Wie bestimmt und verändert sich der Wert der Hosen durch das Teilen und Nutzen? Wer ist von wem abhängig? Wird die Situation eines Schwächeren ausgenutzt? Die Jeans als universelles Kleidungsstück, als Symbol für den amerikanischen Kapitalismus und den globalen Warenmarkt wird zugleich Sinnbild für die Anpassung in eine fremde Kultur und Gesellschaft.

Im nächsten Ausstellungsraum werden die Besucher von den Guerrilla Girls empfangen. Die Künstlerinnengruppe hat das Museum Ludwig unter die Lupe genommen und ihre Ergebnisse in einem Video festgehalten. Ihr Urteil ist nicht zimperlich. Es gibt noch einiges zu verbessern. Seit Mitte der 1980er Jahre machen die Guerrilla Girls auf die Diskriminierung von weiblichen und nicht-weißen Künstlerinnen und Künstlern aufmerksam. Die Gruppe besteht aus wechselnden anonymen Mitgliedern, die bei öffentlichen Auftritten Gorillamasken tragen. „Muss man nackt sein, um als Frau ins Museum zu kommen?“ Das ist nur eine ihrer provokant-witzigen Fragen, die sie im Rahmen von Performances, Plakatkampagnen oder Videos stellen. Besonders produktiv waren sie in den letzten fünf Jahren mit über 30 Plakaten, die fantasievoll, ironisch und teilweise aggressiv, aber immer statistisch fundiert gestaltet sind. Das Museum Ludwig präsentiert in der Schau neben dem Video erstmals auch eine Auswahl dieser Plakate, die das Haus erworben hat.

Man kann auch selbst künstlerisch tätig werden. Raum und Rückzugsort bietet hierfür ein Zelt von Meschac Gaba. Unter der Außenhülle, die mit einem großen Banner bedruckt wurde, das alle Nationalflaggen vereint und von Gaba 2012 entworfen wurde, kann der Besucher eigene Werke als Reaktion auf die Ausstellung kreieren. Vor allem Kinder können hier ihre Bilder aufhängen und ihr eigenes Museum im Museum entwerfen. Der in Benin geborene und in den Niederlanden lebende Künstler wählte nicht zufällig die Form eines Zeltes, vielmehr möchte er damit bewusst eine Brücke zu aktuellen Flüchtlingscamps schlagen.

Wer noch eine weitere Treppe hochsteigt, wird mit weiteren Werken von Andrea Fraser und Diango Hernández belohnt. Gezeigt wird hier die deutsche Übersetzung einer Performance mit dem Titel „May I help You?“«, die 2013 während der großen Retrospektive von Andrea Fraser im Museum Ludwig stattfand. Aufgeführt wird in dem Video ein 15minütiger Monolog einer fiktiven Galeriemitarbeiterin. Ihr Wortschwall besteht aus unterschiedlichen Zitaten, die Andrea Fraser aus der Kunstwelt übernommen hat. Herausgekommen ist eine Collage von verschiedenen Positionen des Kunstsystems, die die Kunst als Legitimierung von gesellschaftlichen Hierarchien reflektiert. Seit den 2000er Jahren und der Auswirkung der Finanzkrise auf den Kunstmarkt reagiert Fraser mit scharfsinnigen Analysen und programmatischen Texten. Zur Finissage am 8. Januar 2017 findet diese Auseinandersetzung in der Performance „The American Friends“ statt.

Die Ausstellung „Wir nennen es Ludwig“ ist heterogen und nicht unbedingt leicht zugänglich. Doch das war augenscheinlich auch nicht der Anspruch der Kuratierenden. Herausgekommen ist eine vielschichtige Schau, für die es sich lohnt, mit Zeit und Muße genauer hinzusehen. Zum besseren Verständnis bietet das Museum Ludwig das Konzept der Kunst:Dialoge. In den Ausstellungsräumen warten an bestimmten Tagen Museumsmitarbeiterinnen auf die Besucher, um sich mit ihnen über die ausgestellten Werke auszutauschen.

Die Ausstellung „Wir nennen es Ludwig – Das Museum wird 40!“ ist noch bis zum 8. Januar 2017 zu sehen. Das Museum Ludwig hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat zusätzlich bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 11 Euro, ermäßigt 7,50 Euro. Für Familien kostet der Eintritt 22 Euro. Der Katalog erscheint nach Ende der Ausstellung.

Kontakt:

Museum Ludwig Köln

Heinrich Böll Platz

DE-50667 Köln

Telefax:+49 (0221) 221 241 14

Telefon:+49 (0221) 221 261 65



15.11.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Lena Hennen

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