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Vor 50 Jahren verstarb mit Jean Lurçat der Spiritus Rektor des modernen Bildteppichs. Dieses Medium, der Künstler und sein Einfluss stehen nun im Fokus umfangreicher Ausstellungen in und um Halle an der Saale

Kunstvolle Verwebungen voller Charme und Zuversicht



Auf der riesigen Tapisserie nach rechts unten gerückt schweben zwei Gestalten auf einem Teppich. Während die vordere, aus Blattwerk umrissene dem Betrachter einen Spiegel mit dem Abbild ihres Profils entgegenhält, erweist sich die direkt dahinter liegende Parallelfigur gleichsam als Schatten. Aus den beiden erwächst ein Baum, von dem herbstlich bunte Blätter ins braune Nichts vor feuerrotem Grund regnen. Das gelbe, braune und rote Kolorit gibt sich deutlich erdfarben abgetönt. Im Krieg 1939 entstanden, herrscht eine eher herbstlich gedrückte Stimmung vor. Die Überlappungen der beiden Personen sind als Aufforderung zur Selbstreflexion menschlichen Handelns zu verstehen. Die vom Menschen als Teil des Kosmos erzeugten Geschehnisse werden subtil hinterfragt.


Das gewebte Universum, Elemente der Natur, Symbole, sinnbezogene, dem Leben immanente Gedanken und soziale Sensibilitäten rückte der französische Künstler Jean Lurçat in der Tapisserie „Metamorphosen“ wie auch in allen anderen Bildteppichen ins Zentrum. Dessen überragende Leistung besteht in der Wiedererweckung der Bildwirkerei nach dem Zweiten Weltkrieg. Lurçats Werkschaffen besaß zudem für einschlägig ausgerichtete Künstler und Ausbildungsstätten, allen voran der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale, Vorbildcharakter. Eine Werkschau des in vielen Sparten beheimateten Künstlers im dortigen Kunstverein „Talstrasse“ unter dem Titel „Jean Lurçat. Meister der französischen Moderne. Malerei – Grafik – Bildteppich“ sowie begleitende Korrespondenzausstellungen würdigen neben dem Künstler auch das bedauerlicherweise in den Hintergrund allgemeiner Aufmerksamkeit gerückte Medium des Bildteppichs.

Jean Lurçat wurde am 1. Juli 1892 in Bruyères in den Vogesen geboren und starb am 6. Januar 1966 an Herzversagen in seinem Winterquartier Saint-Paul-de-Vence. Zunächst studierte er Medizin in Nancy. Ab 1910 wandte er sich der Kunst zu, unter anderem an der Pariser Académie Colarossi. Es folgten Tätigkeiten als Maler, Lithograf, Kostümgestalter, Wand- und Bühnenbilder. Als Freiwilliger zog Lurçat in den Ersten Weltkrieg, war in der Widerstandbewegung aktiv und wurde schwer verwundet. Ab 1920 brach eine zeitlebens anhaltende Reisetätigkeit aus, die ihn nicht nur in viele europäische Länder, sondern auch in die Sowjetunion, die USA, nach Kleinasien oder Afrika führen sollte. 1945 erwarb er die Burganlage „Les Tours St. Laurent“ aus dem elften Jahrhundert in St. Céré und richtete sich hier seinen ständigen Wohnsitz und sein Atelier ein.

Die Überblicksausstellung in der Kunsthalle „Talstrasse“ versammelt 30 Aquarelle, Gouachen und Ölbilder sowie 20 großformatige Bildteppiche. Sie setzt ein mit frühen, ab 1913 gemalten Stillleben, Stadtansichten und Genredarstellungen, die vom Impressionismus geprägt sind. Um 1919 fließen futuristische und neusachliche Tendenzen sowie dezent expressive Züge in Lurçats malerisches Schaffen ein. Viele Motive der in den 1920er Jahren entstandenen Ölbilder entspringen seinen Reisen. Flächige, fest konturierte Bildfindungen weichen im Lauf der Zeit bewegten Sujets. Besonders die Marinen mit stürmischen Segeln und aus Masten inszenierten, stark klirrenden Rhythmen sind Höhepunkte eines Schaffensabschnitts, der von einem kalten, unnatürlichen und kräftigen Kolorit sowie traumhaft-surrealen Vorstellungen bestimmt ist. Ab den 1930er Jahren spiegeln finstere Schatten und dunkle Töne deutlich die Düsternis des Zeitgeschehens.

Die Nachkriegsperiode kennzeichnet erneut einen radikalen Umbruch. Jean Lurçat entwirft Möbel und Wanddekorationen, bevor er 1933 in Aubusson den ersten Wandteppich weben lässt. Schon wenig später führt er im Rahmen der Pariser Weltausstellung von 1937 Wanddekorationen aus, wobei ihn vor allem die Ausdrucksstärke sowie die soziale Komponente der Kunst fesseln. Lurçat lässt sich stark von mittelalterlichen Gobelins inspirieren. Auftragswerke für öffentliche und private Institutionen, Vorträge und Ausstellungen bescheren dank Lurçats Engagement dem modernen Bildteppich weite Verbreitung und Wertschätzung.

Hier kommen Mitteldeutschland und speziell Halle an der Saale ins Spiel. Als früheste Beispiele der Bildwirkerei gelten die romanischen Teppiche aus dem 12. und 13. Jahrhundert in den Domen zu Halberstadt und Quedlinburg. Die praktische künstlerische Textilgestaltung besitzt an der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein zudem lange Tradition. Im Jahr 1946 eingerichtete Werkstätten für Bekleidung und Ausstattung lösen maßgeblich den Aufbau der Hochweberei an der Kunsthochschule aus, an der Willi Sitte 1954 die ersten Gobelins entwirft. 1955 werden moderne französische Wandteppiche in einer umfangreichen Schau im Berliner Pergamonmuseum vorgestellt. Diese Präsentation gibt die Initialzündung zur wenig später von Willi Sitte eingerichteten Klasse für Bildteppichgestaltung an der Burg Giebichenstein, die bis heute besteht.

Besonders die Arbeiten von Jean Lurçat beeindrucken auf der Berliner Ausstellung Willi Sitte und seine Kollegen. 1956 zeigt der Galerist Eduard Henning Lurçats Werke in der Saale-Stadt. Aus alledem erwächst seine Vorbildfunktion für die dortige Bildteppichproduktion. Nicht zu vergessen ist die 1966 erfolgte Einrichtung der Staatlichen Gobelin- und Textilmanufaktur in Halle. Erst seit Mitte 2014 ist sie in die Kunsthochschule Giebichenstein integriert und gilt neben der Nürnberger Gobelinmanufaktur als einzige ihrer Art in Deutschland. Im Gegensatz zur abstrakten, auf geometrische Dekore ausgerichteten Bauhausweberei bestimmen aber in Halle figürliche Wandteppiche die Produktion.

Zu Anfang der 1960er Jahre wird Jean Lurçat von Aufträgen für großformatige Tapisserien überhäuft, die er für Banken, Kirchen oder Rathäuser in Deutschland, Frankreich und der Schweiz fertigt. Der Korpus an Wandteppichen Lurçats in der Hallenser Ausstellung umfasst überwiegend großformatige Arbeiten. Von den „Metamorphosen“ spannt sich der Bogen über blättrig geschuppt formulierte Darstellungen aus dem Tier- und Pflanzenreich, die sich mit der Zeit von einer braungelben, matt abgetönten Farbgebung in organischen Linienführungen hin zu schrilleren Tönen und spitzen, zackig-scharfen Konturen wandeln. Malerische Effekte vermeidet Lurçat durch das klare Absetzen von Formen und Farben und erzielt eine poetische Sprache.

Mittels einer persönlich wie energievoll geprägten Ästhetik definiert Lurçat die mittelalterlichen Tapisserien in direkter Nachbarschaft zu christlichen Inhalten neu. Formal bedient er sich vertrauten Elementen abendländischer Symbolik. Sonne, Mond und Sterne, begleitet von Laub und vielen Tieren wie Schmetterlingen oder Raupen, und insbesondere der Hahn, sein bevorzugtes Geschöpf, sind überall zu entdecken. Gleichfalls ist das Sonnenmotiv immer wieder präsent. In diesen kosmischen Welten wird die Menschengestalt nach und nach völlig getilgt. Lurçats Bilder der Natur sind Zeugen einer entspannten Lebenssituation in den Nachkriegsjahren und offenbaren zuweilen kindlich und humorvoll anmutende Freude am Experiment. Gegen die harsche, raue und urwüchsige Welt setzt Lurçat seine Vision von Frieden und Glück und ruft dazu auf, Leiden und Streitigkeiten zu überwinden.

Nur am Rande geht der Kunstverein „Talstrasse“ auf die große Bandbreite von Lurçats Schaffen ein, das neben der tonangebenden Bildwirkerei auch Keramiken, illustrierte Bücher, Schmuckentwürfe, Gouachen sowie eigenhändig verfasste Gedichte umfasst. Flankierende Korrespondenzausstellungen verdeutlichen die Verortung der Tradition des Bildteppichs in Sachsen-Anhalt und den Einfluss Lurçats auf die Künstlerausbildung in Halle. Letztgenannter Aspekt greift der Kunstverein bis zum 20. November in der Kabinettschau „Textilkunst an der Burg Giebichenstein in den 1920er Jahren“ auf. Mit der Schau „Gewebte Träume – Reflexionen auf Jean Lurçat“ rückt das Kunstmuseum Moritzburg ab 10. Oktober die Nachwirkung des Künstlers in den Fokus. Zudem verdeutlicht die Ausstellung „Interventionen – Mit Bildteppichen aus Mitteldeutschland“ im Domschatz von Halberstadt ab 30. September praktische Funktionen und künstlerischen Wert des Bildteppichs als Schmuckstück, Luxusgegenstand und Repräsentationsobjekt, als Ausdruck von Macht und Reichtum über Jahrhunderte hinweg.

Die Ausstellung „Jean Lurçat. Meister der französischen Moderne. Malerei – Grafik – Bildteppich“ ist bis zum 29. Januar 2017 zu sehen. Der Kunstverein „Talstrasse“ hat mittwochs bis freitags von 14 bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt regulär 5 Euro, reduziert 3 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog für 19,90 Euro erschienen.

Kontakt:

Kunstverein „Talstrasse“ e.V.

Talstraße 23

DE-06120 Halle an der Saale

Telefon:+49 (0345) 550 75 10

Telefax:+49 (0345) 550 76 74

E-Mail: talstrasse@t-online.de



21.09.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Bei:


Kunstverein „Talstrasse“ e.V.

Künstler:

Jean Lurçat










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