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Aktuellzum Archiv:Messe-Vorbericht

Die Entdecker-Kunstmesse Art-O-Rama in Marseille feierte am vergangenen Wochenende ihr zehnjähriges Bestehen. Noch bis zum 11. September locken 39 Stände mit internationalen Positionen

Kunst total an der Côte d’Azur



auf der Art-O-Rama 2016

auf der Art-O-Rama 2016

Ein wenig Urlaub, viel Sonne und ganz viel Kunst: Am letzten Wochenende öffnete in Marseille die kleine, aber feine Kunstmesse Art-O-Rama ihre nunmehr zehnte Ausgabe. 20 französische und internationale Galerien, darunter auch sechs deutsche, sorgen in den Hallen der Friche la Belle de Mai, einer seit 1992 als Kulturzentrum genutzten ehemaligen Tabakfabrik, für eine konzentrierte und überschaubare Veranstaltung. In der in diesem Jahr neu geschaffenen Sektion mit Editionen kommen sieben weitere Aussteller hinzu, dazu noch regionale Kunstinitiativen, die Sektion Show Room mit vier jungen Künstlern und die beiden Gastprojekte „The Green Parrot“ aus Barcelona und „63rd-77th Steps“ aus dem süditalienischen Bari. Insgesamt sind 39 Stände auf den rund 2.500 Quadratmetern Ausstellungsfläche zugegen.


Die Mécènes du Sud, ein Zusammenschluss regionaler Unternehmer, die die Messe mitfinanzieren, stellen an ihrer eigenen Koje die in Frankreich lebende, 1979 geborene türkische Künstlerin Özlem Sulak vor, die bereits häufig in Deutschland zu sehen war. In ihrem viereinhalbminütigem Animationsvideo „Emek Sinemasi, Cinéma Travail, Labour Cinema“ lässt Sulak eines der berühmtesten Kinos in der Istanbuler Innenstadt virtuell wieder auferstehen. Untergebracht in einem 1884 errichteten Gebäude, wurde das für sein anspruchsvolles und kritisches Programm bekannte Emek Kino Ende Mai 2013 trotz massiver Proteste aus der Istanbuler Kulturszene abgerissen, um Platz für den Neubau einer französischen Hotelkette zu schaffen. Die Arbeit hat einerseits eine hochästhetische zeichnerische Dimension, gleichzeitig jedoch auch einen dezidiert politischen Subtext.

„Ich finde es gut, dass die Art-O-Rama drei Tage lang Messe ist und dann Ausstellung“, sagt der Galerist Daniel Marzona aus Berlin. Während der drei trubeligen Messetage gab es für die aus Frankreich, Belgien, Italien, Großbritannien, Deutschland und den USA angereisten rund 100 VIPs ein umfangreiches Programm mit Besuchen von Privatsammlungen, Museen und Ausstellungen. Unter anderem stand eine Besichtigung der überwiegend noch im Bau befindlichen Luma Foundation in Arles auf dem Programm. Die Schweizer Sammlerin Maja Hoffmann baut hier mit internationalen Architekten wie Annabelle Selldorf und Frank O. Gehry ein Kunst- und Kulturzentrum, das im Sommer 2018 komplett fertiggestellt sein wird und für Kunstinteressierte zu einer der Hauptattraktionen in Südfrankreich werden dürfte.

Doch zurück zu Daniel Marzona: Er hat den 36jährigen Harald Klingelhöller-Schüler Johannes Wald mit nach Marseille gebracht. „Wald denkt über die Grundsätze von Skulpturen nach“, erläutert Marzona. Er hat bis zu 200 Jahre alte Gussformen abfotografiert, wie sie von der Gipsformerei der Staatlichen Museen zu Berlin zur Herstellung von Repliken historischer Skulpturen benutzt werden. Alle der von ihm benutzten Formen verfügen jedoch über eine Besonderheit: Die dazugehörigen Originalskulpturen wurden entweder bei Feuern oder im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die fotografierten Abgussformen werden dadurch quasi zu Stellvertretern der verloren gegangenen Originale. Die Unikate kosten zwischen 2.500 und 6.000 Euro. Außerdem am Stand: Walds skulpturale Arbeit „Stone with no form“ für 4.500 Euro, die aus einer Tonne Steinstaub der Region um Marseille besteht.

Am Stand der Amsterdamer Galerie Ellen de Bruijne Projects sind unter anderem Schwarz-Weiß-Fotografien des 1976 geborenen Dänen Kasper Akhøj zu sehen. Sie stammen aus dem Projekt „Welcome (To The Teknival)“, das bei vier Besuchen des Künstlers in der von der irischen Designerin Eileen Gray (1878-1976) errichteten Villa E.1027 an der französischen Riviera während der zehnjährigen Renovierungszeit entstanden ist. Akhøj, der unter anderem an der Frankfurter Städelschule studiert hat, hat seine Kamera an den Punkten aufgestellt, die auch Eileen Gray selbst und ihr damaliger Lebensgefährte, der Architekt Jean Badovici, zur Entstehungszeit des Gebäudes eingenommen haben. Deren Fotos wurden 1929 in dem Architekturjournal „L’Architecture Vivante“ erstmals veröffentlicht. Im Mittelpunkt von Akhøjs fotografischer Recherche stehen jedoch auch die fünf Wandgemälde, die Grays berühmter Nachbar, der Architekt Le Corbusier dort in den späten 1930er Jahren ohne Erlaubnis von Eileen Gray realisiert hat. Die ebenso eleganten wie konzeptuell-strengen Fotos kosten je 3.300 Euro bei einer Auflage von drei Stück.

Aus Modica in Sizilien angereist ist Corrado Gugliotta mit seiner zur Zeit international durchstartenden Galleria Laveronica. Gugliotta präsentiert die erste Solo-Show der 1989 in Bogotá geborenen, heute in Gent lebenden kolumbianischen Malerin Alejandra Hernández. Hernández hat verschiedene Personen gebeten, für sie nackt zu posieren. Darüber hinaus sollten alle Porträtierten eine Gruppe von Objekten mitbringen, zu denen sie eine engere Beziehung pflegen. Das waren häufig Gegenstände aus der Kindheit wie Bücher, Spielzeug, Lieblingskleidungsstücke oder ähnliches. Die starkfarbigen zwischen Pop Art und naiver Malerei changierenden Gemälde sind psychologisch aufgeladen und für Preise zwischen 3.500 Euro und 8.000 Euro zu haben.

Zum zweiten Mal nimmt die Galerie :Baril aus Cluj-Napoca in Rumänien an der Art-O-Rama teil. Sie vertritt unter anderem den mit Fotografie arbeitenden Konzeptkünstler Mihai Platica, Jahrgang 1983. Platica setzt sich mit der menschlichen Physis ebenso auseinander wie mit kulturellen Gegebenheiten. Ein Selbstporträt mit dem Gesicht des Künstlers ist mit rund einem Dutzend Akkupunkturnadeln versehen. Ein anderes Foto mit dem Titel „Botanophobia“ zeigt ins Kraut geschossene Gummibäume und Zimmerfarne im Eingangsbereich eines typischen sozialistischen Mietkomplexes. Platica verleiht seinen Bildern mit einem speziell angefertigten Holzrahmen einen objekthaften Charakter. Seine Fotoobjekte sind zwischen 1.000 und 2.000 Euro zu haben. Die Berliner Galerie Lars Friedrich macht auf Siebdrucke von Mathieu Malouf und Georgie Nettell aufmerksam. Für diese Serie haben die beiden Künstler zusammengearbeitet. Zweifarbige Unikate aus Siebdruck auf Leinwand, zum Teil übermalt in Op-Art-Optik, erinnern an Motive der 1960er und 1970er Jahre. Die Preise liegen zwischen 5.000 und 7.500 Euro.

Der in Barcelona beheimatete Ausstellungsraum „The Green Parrot“ versteht sich nicht als Galerie sondern als kuratierte Non Profit-Plattform. Rosa Lleó, eine der Verantwortlichen, fokussiert ihren Stand auf die Künstler June Crespo, Jahrgang 1982, und David Bestué, Jahrgang 1980. Beide reflektieren auf konzeptuelle Weise die Skulptur und gefundene Alltagsobjekte. David Bestué versteht sich dabei ebenso als Künstler wie als Poet. Unter anderem zeigt er in Marseille eine Fotoserie mit vergänglichen skulpturalen Szenarien wie etwa Schaum auf einem Finger oder eine angekokelte Mandelblüte in einem Aschenbecher. Die Serie mit sieben Fotos verlangt bei einer Auflage von zwei Stück 4.500 Euro. Für eine andere Arbeit begab sich Bestué auf die Spuren des spanischen Dichters Federico García Lorca in New York und sammelte auf einer 15 Kilometer langen Route von Harlem bis zum Battery Park kleine Objekte aus Stein, Eisen, Zement oder Glas, die er dann anschließend auf der Innenfläche seiner Hand fotografierte.

Der zweite Projektraum auf der Messe stammt aus dem süditalienischen Bari. „63rd-77th Steps“ wird von dem Künstler Fabio Santacroce betrieben. Benannt ist er nach seiner exakten Position zwischen der 63. und 77. Treppenstufe innerhalb eines großen Wohngebäudes aus dem 20. Jahrhundert in Bari. Für Art-O-Rama hat Santacroce befreundete Künstler gebeten, schwarz-weiße Strandhandtücher mit verschiedenen, eher verstörenden Motiven zu gestalten, darunter ein Gebetsteppich der deutsch-iranischen Künstlerin Anahita Razmi. Die Unikate sind für 300 Euro das Stück im Angebot.

In der in diesem Jahr erstmals präsentierten Sektion Art Editions fiel besonders der Stand der in Luzern ansässigen Edizioni Periferia auf. Aufwändig gestaltete Künstlerbücher in kleinen Auflagen sind Kennzeichen des Verlags, die Betreiber Gianni Paravicini in eigens für den Messeauftritt gestalteten, kleinen, an der Wand hängenden Holzkästen dem Publikum vorstellte. Künstler wie Dieter Roth, Roman Signer oder Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger waren hier vertreten. Das Fragment einer gesprengten Holzhütte von Roman Signer kostete etwa 980 Euro.

Die kontinuierliche Weiterentwicklung des erfolgreichen Formats Art-O-Rama in Marseille gelingt durch die Einbindung vieler Kräfte und Sammler in der Stadt. Auch mit ihrem inhaltlichen Rahmenprogramm kann die Messe punkten: Ein von dem Pariser Kunstkritiker Cédric Aurelle konzipiertes Programm mit Panel-Diskussionen sorgte für rege Publikumsbeteiligung. Unter den teilnehmenden Podiumsgästen waren unter anderen die Co-Kuratoren der kommenden Documenta 14, der Franzose Pierre Bal Blanc und der seit 1997 in Berlin lebende Kameruner Bonaventure Soh Bejeng Ndikung.

Ein weiterer Höhepunkt nach dem Kulturhauptstadtjahr 2013 wird die Austragung der europäischen Wander-Biennale Manifesta in Marseille im Jahr 2020 sein. Im Rahmen der Art-O-Rama fand auch eine Pressekonferenz der in Amsterdam angesiedelten Manifesta Foundation mit Jean-Claude Gaudin, dem Bürgermeister von Marseille, statt. Die stark von Migration, Arbeitslosigkeit, Umweltproblemen und Kriminalität geprägte Stadt Marseille verspricht sich von der Manifesta neue Impulse nicht nur künstlerischer Art sondern auch im Hinblick auf Urbanismus und die mit dem Klimawandel verbundenen Probleme. Nach diesen intensiven Auftakttagen mit rund 3.500 Besuchern und Umsätzen von rund 150.000 Euro läuft die Art-O-Rama noch bis zum 11. September weiter als Ausstellungsformat, das traditionell insbesondere auch von Schulklassen intensiv genutzt wird.

Die Art-O-Rama hat noch bis zum 11. September im Kulturzentrum „La Friche Belle de Mai“ täglich von 13 bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro. Für Kinder, Jugendliche und Studenten ist er kostenlos.

Kontakt:

La Friche Belle de Mai

41 rue Jobin

FR-13003 Marseille

Telefon:+33 (04) 95 04 95 95

www.art-o-rama.fr



03.09.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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