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Von der abrissgefährdeten Schulruine zum Satelliten des Museum of Modern Art: Das heutige MoMA PS1 ist aus der New Yorker Kunstwelt kaum mehr wegzudenken. Mit der Jubiläumsausstellung „Forty“ feiert es jetzt sein 40jähriges Bestehen

Der Charme des Unperfekten



vor dem MoMA PS1 in New York

vor dem MoMA PS1 in New York

Bröckelnder Putz, abblätternde Farbe und aufquellende Holzdielen. Die ehemalige Public School No. 1 in Long Island City im New Yorker Stadtteil Queens bot Mitte der 1970er Jahre ein ziemlich jämmerliches Bild. Für Alanna Heiss, eine junge Frau aus Kentucky, die sich als Wortführerin des Alternative Spaces Movement in New York längst einen Namen gemacht hatte, war das aber kein Grund, sich nicht für das 1892 errichtete, neoromanische Backsteingebäude zu interessieren, das bis 1963 als Schule genutzt wurde. Mit der Stadt New York handelte sie einen auf zunächst 20 Jahre befristeten Nutzungsvertrag und eine sensationell günstige Jahresmiete von 1.000 US-Dollar aus. Und die 150.000 US-Dollar für eine gerade mal den Bestand sichernde Renovierung trieb sie dann auch noch auf. Im Jahr 1976 eröffnete die bis heute auf Ausstellungen zeitgenössischer Kunst spezialisierte Institution als P.S.1 Contemporary Art Center. Alanna Heiss war bis 2008 auch dessen Direktorin.


In diesem Sommer feiert das Haus, das nach wie vor über keine eigene Sammlung verfügt, sein 40jähriges Bestehen mit der von Heiss kuratierten Jubiläums-Ausstellung „Forty“. Heiss, mittlerweile 73, kehrte also noch einmal an ihre alte Wirkungsstätte zurück. Denn seit 2010 wird die Institution von dem Deutschen Klaus Biesenbach geleitet. Biesenbach, der 1991 die Kunst-Werke in der Berliner Auguststraße und 1996 die Berlin Biennale gegründet hatte, war am PS1 bereits seit 1996 als Kurator tätig.

„Forty“ bringt jetzt Arbeiten von mehr als 40 Künstlern zusammen, die in der Gründungsphase des Kunstzentrums zu den Schlüsselfiguren der amerikanischen und internationalen Avantgarde gehörten, darunter Laurie Anderson, Carl Andre, Dan Graham, Brian O’Doherty, David Hammons, Daniel Buren, Nam June Paik oder Lawrence Weiner. Sie knüpft an die Eröffnungsausstellung im Jahr 1976 an, die unter dem Titel „Rooms“ ein Kapitel New Yorker Kunstgeschichte schrieb. Knapp 80 Künstler, darunter James Turrell, Keith Sonnier und Richard Serra, waren damals aufgerufen, sich mit ortsspezifischen Arbeiten in das sperrige, nahezu baufällige Gebäude einzuschreiben. So wurden Werke in ehemaligen Klassenzimmern, in der Heizzentrale, in Treppenhäusern und Abstellkammern realisiert. „Rooms“ gilt seither als bahnbrechende Ausstellung für den Umgang mit ortsspezifischen Herausforderungen.

Die Eröffnung des P.S.1 markierte aber auch den vorläufigen Kulminationspunkt einer Entwicklung hin zu „Alternative Spaces“, die erst wenige Jahre zuvor in Manhattan eingesetzt hatte. Zwischen 1969 und 1975 hatten Künstlerinitiativen zahlreiche alternative Ausstellungsräume gegründet, darunter „Artists Space“, „The Kitchen“ oder „112 Greene Street“. Die weitaus meisten davon befanden sich in Soho. Alanna Heiss selbst hatte unter dem bewusst etwas hochtrabend gewählten Namen „The Institute for Art and Urban Resources“ eine Art Projektbüro ins Leben gerufen, das die Suche nach leerstehenden und für Ausstellungen oder Studios geeigneten Räumen professionalisieren sollte. Inspiriert dazu wurde sie übrigens durch einen längeren London-Aufenthalt, bei dem sie das Studioprogramm der unter anderem von Bridget Riley gegründeten Organisation „Space“ in den St Katherine Docks kennengelernt hatte.

„Forty“ ruft nun den damaligen Pioniergeist mit alten, aber auch mit neu entstandenen Arbeiten noch einmal in Erinnerung, unterzieht ihn aber gleichzeitig auch einer kritischen Revision. Denn es ist viel geschehen seit 1976. Mit der Angliederung an das Museum of Modern Art im Jahre 2000 und der gleichzeitigen Umbenennung in MoMA PS1 wurde das einstige Flaggschiff der „Alternative Spaces“ sozusagen vom System geschluckt. Man kann es aber genauso gut anders formulieren: Zwei ehemals gegenläufige Entwicklungen haben zusammengefunden. Einst angetreten gegen die bürgerliche Institutionalisierung des Ausstellens in als übermäßig chic empfundenen neutralen White Cubes, haben sich die damaligen Gründer und Betreiber von Alternative Spaces längst selbst etabliert. Ob in den Anfangsjahren der Kunst-Werke in der Auguststraße, während diverser Berlin Biennalen in aufgelassenen Räumen wie der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule oder auf Biennalen in aller Welt: Eine Zeitlang kam keine Großausstellung ohne den Charme des Unrenovierten aus. Auf die diskrete Eleganz des maßvoll Schäbigen setzt etwa auch der „Rohkunstbau“, ein jährlich wiederkehrendes Ausstellungsformat, das schon so manches leerstehende Schloss oder Herrenhaus in Brandenburg zu einem temporären Ausstellungsort umfunktioniert hat. Und auch das Pariser Palais de Tokyo investiert ganz offenbar lieber in spannende Ausstellungen statt in Stuckateure, Anstreicher und Fliesenleger.

Fazit: Das Einnisten oft ephemerer Arbeiten in renovierungsbedürftigen, zuvor häufig anderweitig genutzten Locations hat sich mittlerweile weltweit als Ausstellungspraxis etabliert. Als Unique Selling Point des PS1 taugt diese daher nur noch bedingt. PS1-Hausherr Klaus Biesenbach, der parallel zu „Forty“ unter anderem auch eine große Retrospektive zu Vito Acconci zeigt, formulierte sein Credo schon bei seiner Ernennung zum Direktor so: „PS1 wird niemals damit aufhören, sich immer wieder neu zu erfinden, genau wie auch die zeitgenössische Kunst vom ständigen Wandel geprägt ist.“ Rund ein Dutzend Ausstellungen pro Jahr stellen das eindrucksvoll unter Beweis. Unter Biesenbach, der gleichzeitig auch leitender Kurator am MoMA ist, avancierte das PS1 zu einem international beachteten Venue mit einem gewissen German Touch. Und das nicht nur inhaltlich: Die Volkswagen Group of America zählt seit fünf Jahren zu den Hauptsponsoren.

Zu den Highlights der letzten Jahre gehörte beispielsweise 2014 eine große Christoph Schlingensief-Schau. Aber auch die Band „Kraftwerk“ war im PS1 bereits zu Gast. Mit Ausstellungsformaten wie „Greater New York“, einer alle fünf Jahre stattfindenden Überblicksschau mit überwiegend jungen Positionen aus der Stadt und ihrer näheren Umgebung, punktet das PS1 aber auch nach wie vor in der lokalen Kunstszene. Auch wenn zuletzt 1997 noch einmal kräftig renoviert wurde: Glamour findet nach wie vor jenseits des East River in Manhattan statt. Das MoMA PS1 dagegen hat eine gute Portion seiner Low-Key-Attitüde auch ins 21. Jahrhundert hinübergerettet.

Die Ausstellung „Forty“ ist bis zum 28. August zu sehen, die Schau „Vito Acconci: Where We Are Now (Who Are We Anyway?), 1976“ bis zum 18. September. Das MoMA PS1 hat täglich außer dienstags und mittwochs von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 10 Dollar, ermäßigt 5 Dollar; für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahre ist er frei. Zur Ausstellung „Forty“ erscheint kein Katalog. Dafür ist der vollständige Audioguide mit vielen Interviews, die Alanna Heiss mit teilnehmenden Künstlern geführt hat, unter www.momaps1.org/forty verfügbar.

Kontakt:

Museum of Modern Art

22-25 Jackson Ave

US-11101 New York

Telefon:+1 (0718) 784 20 84

E-Mail: mail_ps1@moma.org



01.08.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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vor dem MoMA PS1 in
 New York
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Vito und Maria
 Acconci
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in der Ausstellung „Vito Acconci: Where We Are Now (Who Are We Anyway?), 1976“
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Carl Andre, Uncarved Blocks, 1976
Carl Andre, Uncarved Blocks, 1976

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vor dem MoMA PS1 in
 New York
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Das MoMA
 PS1 in New York
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Klaus Biesenbach, Alanna Heiss, Vito Acconci und Maria Acconci im MoMA PS 1
Klaus Biesenbach, Alanna Heiss, Vito Acconci und Maria Acconci im MoMA PS 1

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Die Lobby im MoMA
 PS1
Die Lobby im MoMA PS1







Klaus Biesenbach, Alanna Heiss, Vito Acconci und Maria Acconci im MoMA PS 1

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Das MoMA PS1 in New York

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Carl Andre, Uncarved Blocks, 1976

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Vito und Maria Acconci

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Die Lobby im MoMA PS1

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vor dem MoMA PS1 in New York

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in der Ausstellung „Vito Acconci: Where We Are Now (Who Are We Anyway?), 1976“

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