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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Die Kunsthalle Wien untersucht die Folgen der Automatisierung unserer Welt und sieht schwarz für „The Promise of Total Automation“

Wo ist der Knopf zum Ausschalten?



Werden in unmittelbarer Zukunft hochkomplexe Maschinen die Macht auf der Erde übernehmen und den Menschen entmündigen? Das Betriebssystem „Windows Vista“ beispielsweise besteht aus mehr als 50 Millionen Programmzeilen, einem Datendschungel, den kaum jemand mehr überblickt. Es gibt Sammlungen bestehender „Routinen“, auf die Programmierer zurückgreifen können, dazu Planungs- und Verwaltungsprogramme für die bessere Übersicht und Codegeneratoren, die automatisch Programme schreiben. Der Programmierer kann anordnen, was sie tun sollen, nicht aber wie. Und bei selbst lernenden Programmen wie künstlichen neuronalen Netzen kann der Programmierer es ihnen auch gar nicht sagen, weil er es nicht weiß. Sie suchen sich selbst die beste Lösung, und ohne die Hilfe des Computers können wir ihr Eigenleben nicht mehr handhaben.


Wie kam es dazu, dass wir vollständig von Technologien abhängig sind, es aber gleichzeitig nicht vermögen, die Herausforderungen und Konsequenzen für die Gesellschaft zu verstehen? „Wir können ihrer Logik kaum entkommen“, erläutert Kuratorin Anne Faucheret in ihrem einleitenden Essay zu der Ausstellung „The Promise of Total Automation“, einer Schau der Kunsthalle Wien, die der Faszination an der Automatisierung nachzuspüren sucht. Mit der Komplexität der Computertechnologie nähern wir uns einem Punkt von eigenständiger Intelligenz, die von selbstlernenden Programmen zu autonomen Fabriken führen kann, einer Entwicklung, in die die Menschheit hineingeschlittert ist, ohne aus ihr wieder heraustreten zu können.

Ebenso durchschaut niemand mehr die Wege der Kapitalströme um den Globus. So lassen etwa Banker Risiken von Produkten durch spezielle Software abschätzen, ohne sie selbst zu verstehen. Ein wesentlicher Teil der Kapitalmarktkrise dürfte neben der „Strategie des billigen Geldes“, dem beschleunigten Kreislauf von Verschuldung und Kreditblase, komplizierten Finanzprodukten und fehlender Regulierung unter anderem auch darauf zurückzuführen sein, dass die Entscheider ihren Programmen blind vertrauen. Solchen ebenso faszinierenden, wie beängstigenden Entwicklungen unserer technoiden Wirklichkeit, widmet sich die Wiener Schau und geht der Frage nach, welche die Hoffnungen und Ängste, die Utopien und Dystopien sind, die mit dem Begriff „Automatisierung“ einhergehen.

Das Versprechen totaler Automatisierung war das Gelöbnis des Fordismus, einer nach dem Ersten Weltkrieg etablierten Form industrieller Warenproduktion, die auf stark standardisierter Massenproduktion und -konsumtion von Konsumgütern mit Hilfe hoch spezialisierter, monofunktionaler Maschinen basiert. Als Symbole für wichtige Entwicklungsschritte in der Geschichte der Automatisierung verankert die Kunsthalle Wien fünf historische Objekte – einen Jacquard-Webstuhl um 1805, einen „Arithmometer“ vom Ende des 19. Jahrhunderts, einen Morseapparat von 1849, ein kybernetisches Modell von etwa 1956 und schließlich eine frühe Form des Computers selbst, den „Personal Computer Osborne 1a“ von 1981 – im Ausstellungsparcour. Es sind vor allem diese singulären Stücke, die mehr Verweiskraft besitzen, als die Mehrzahl der ihnen an die Seite gestellten, aktuellen künstlerischen Beiträge.

Denn verständlicher als alles andere führen sie bereits die weitreichenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen vor Augen und sprechen Ängste an, wie jene, dass ein Mehr an Freizeit bei gleichzeitiger Minimierung von körperlicher Arbeit häufig mit massiven Ängsten vor Arbeitsplatzverlust und absoluter Kontrolle einhergeht. Zudem werfen diese fünf historischen Objekte Fragen auf, ob beispielsweise steigende Automatisierung und Digitalisierung zu Versklavung, Kontrollverlust und endgültiger Dematerialisierung der physischen Welt führt.

Auf der künstlerischen Seite ist die Installation „The Common Sense“ von Melanie Gilligan aus dem Jahr 2015 hervorzuheben, die mit Humor, Science-Fiction und Horror vorführt, wie ökonomische Kräfte unser Leben bestimmen. Gilligan evoziert darin die Frage, welche kollektiven politischen und gesellschaftlichen Formationen in einer Zeit wie heute möglich sind, in der unsere Beziehungen zu den anderen überwiegend durch technische und ökonomische Abstraktionen vermittelt werden. Das von der Kanadierin hypothetisch konstruierte SciFi-Szenario dreht sich rund um das grundlegende Thema: „Wie würde die Welt aussehen, wenn es die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen nicht gäbe?“ Zur Untersuchung dieser Annahme entwarf Gilligan gedanklich eine neu erfundene Technologie, die es erlaubt, physische und affektive Erfahrungen anderer Körper zu erleben. „The Common Sense“ untersucht das politische Potential, das solchen transindividuellen, kollektiv geteilten Dimensionen des Subjekts innewohnt, und macht deutlich, was in einer Welt passieren würde, in der Kapitalwerte die vorherrschende Verbindung unter den Individuen darstellen, wenn eine Technologie es ermöglichte, körperliche Erfahrungen zu teilen.

Überzeugend sind auch die Beiträge von Gerald Nestler. Seit Jahren richtet der in Tirol geborene Künstler sein Interesse sowohl auf die Analyse der Finanzindustrie und ihrer Strategien, als auch auf ihre Auswirkungen auf soziale Bereiche. Nestlers Mitschnitt des Börsentumult „Predatory Glitch“ beruht auf den live eingefangenen Ereignissen des „Flash Crash“ von 2010, als die US-amerikanischen Aktienmärkte durch die automatische Stornierung von Kaufaufträgen durch ein Computerprogramm eingebrochen sind.

Internet und Computertechnologien sind längst leistungsfähiger als unser Gehirn, die vermeintliche Krone der Schöpfung. Die 1983 in Den Haag geborene Künstlerin Cécile B. Evans widmet sich in ihren Mixed-Media-Installationen den Wechselwirkungen von digitalem und analogem Leben. Zu ihren wiederkehrenden Themenkreisen gehören die Verselbständigung digitaler Bilder und Datenzirkulation im Internet, das Verhältnis von nutzergenerierten Inhalten und automatisierten Aufzeichnungsverfahren sowie die neuesten Entwicklungen und Technologien in Prozessen künstlicher Intelligenz oder von Bewegtbildern. Auf der Basis aufwendiger Recherchen, mit Unterstützung gemeinschaftlich entwickelter Programme und visuellen Simulationen, erschafft sie in ihrer 2014 entstandenen Installation „How Happy a Thing Can Be“ einen computergenerierten Erzählraum. Hier führt die Künstlerin die physischen und digitalen Avatare einer Schere, eines Schraubenziehers und eines Kamms vor und begleitet sie bei ihren Alltagstätigkeiten in einer Welt, in der es sonderbarer Weise keine Menschen gibt. Doch in Anbetracht ihrer Klagen – „wir dienen als ein Ding“ oder „wir sterben als ein Ding“ – scheinen sie Opfer menschlicher Herrschaft zu sein. Wiederholt fällt das Wort „faculties“, also Stärken und Fertigkeiten, die sowohl Menschen als auch Gegenstände auszeichnen. Welche sind die Fähigkeiten und Stärken von Objekten heute, welche werden dies in Zukunft sein.

Leider bleiben viele andere Positionen unverständlich. Ohne zusammenfassende Kapitel oder thematische Akzente irrt der Besucher in der großen Halle von einem zum nächsten Exponat, begleitet vom nervösen Zusammenklang der vielen Automaten, Maschinen und Installationen. Auch eine ethische Debatte über die Folgen der Automatisierung lässt die Ausstellung weitgehend ungenutzt: Wer trägt die Verantwortung, wenn ein autonomes Fahrzeug einen Menschen tötet? Was, wenn eine Drohne außer Kontrolle gerät und wahllos unschuldige Menschen umbringt? Nach dem Rundgang durch die Ausstellung ist zumindest eines klar: Wenn es für uns böse endet, ist es logischer Teil der Evolution.

Die Ausstellung „The Promise of Total Automation“ ist bis zum 29. Mai zu sehen. Die Kunsthalle Wien hat täglich von 10 bis 19 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro bzw. 2 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahre ist er frei.

Kontakt:

Kunsthalle Wien

Museumsplatz 1

AT-1070 Wien

Telefon:+43 (01) 521 891 201

Telefax:+43 (01) 521 891 217

E-Mail: office@kunsthallewien.at



19.05.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


11.03.2016, The Promise of Total Automation

Bei:


Kunsthalle Wien

Künstler:

Melanie Gilligan

Künstler:

Gerald Nestler

Künstler:

Cécile B. Evans










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