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Die Stuttgarter Staatsgalerie stellt zentrale Werke aus der entscheidenden Schaffensperiode Giorgio de Chiricos vor

Dunkle illusionistische Eingebungen



Gleich zu Beginn sieht sich der Besucher der Staatsgalerie Stuttgart auf eine gewaltige Platzanlage versetzt. Ein weites, tief fluchtendes Areal wird seitlich von zwei überlangen Bauwerken begrenzt. Links strebt eine Arkadenreihe diagonal in die Tiefe. Ein langer Schattenwurf auf dem ockerfarbenen Boden dramatisiert die Situation ebenso wie der hellgelb leuchtende Horizont, den zudem noch eine Mauer verstellt. Im Vordergrund schiebt sich von rechts eine Lokomotive ins Blickfeld, deren Schlote in die Szene ragen. Hier im Gemälde „Der beängstigende Vormittag“ nutzt der Maler Giorgio de Chirico diese Metapher als Verweis auf seinen Vater, einen Ingenieur bei der Eisenbahn, sowie als verstecke Anspielung auf seine eigene Flucht aus Turin. Nach der Einberufung zur italienischen Armee im März 1912 desertierte er schon nach wenigen Tagen und brannte mit dem Zug nach Paris durch.


Auch das benachbarte Gemälde „Die Rückkehr des Dichters“ thematisiert in düsterer, geheimnisvoller Weise persönliche Erfahrungen. Die typischen weiten Stadtplätze mit Arkadengängen und Türmen, von denen einer mittig den Blick versperrt, verarbeitet Giorgio de Chirico immer wieder zu irrealen Panoramen. Distanziert, unendlich, tragisch, ja bedrohlich wirken die machtvollen Verschiebungen traumatisch anmutender Kulissen. Nach Italiens Kriegseintritt 1915 werden alle Deserteure begnadigt. De Chirico meldet sich zum Dienst und wird mangels Frontuntauglichkeit in der beschaulichen Stadt Ferrara zu Bürotätigkeiten abgeordnet. Während dieser Phase von Sommer 1915 bis Ende 1918 steht ihm viel Zeit zur Verfügung, sich nebenbei der Kunst zu widmen. Die bereits in den Vorjahren entwickelte „Metaphysische Malerei“ verfeinert er weiter. Im Zuge dessen wird der nachvollziehbare Gemäldeaufbau zunehmend durch rätselhafte Embleme und Symbole gestört. Diese Bildsprache steigert und verdichtet sich in Ferrara. Verzerrte und verschachtelte Räume, durchsetzt von rätselhaften Objekten und bevölkert von Schneiderpuppen, sowie Bilder im Bild – darauf begründet sich de Chiricos Ansehen. Gewohntes Sehen wird gestört, die Frage nach der Realität wird virulent.

In den europäischen Kunstzentren Paris und Berlin begeistern sich rasch Dadaisten und Surrealisten für die so genannte „pittura metafisica“. So steigt der Maler zum Ideengeber für Surrealisten, Vertreter der Neuen Sachlichkeit oder des Magischen Realismus auf. Die Schau „Magie der Moderne“ in der Staatgalerie Stuttgart konzentriert sich auf Giorgio de Chiricos fruchtbare Periode in Ferrara, in der annähernd 50 Gemälde entstanden, von denen 21 in Stuttgart nun versammelt sind. Hinzu treten vier Zeichnungen sowie 67 dialogisch zur Seite gestellte Arbeiten von den Zeitgenossen Gottfried Brockmann, Carlo Carrà, Max Ernst, Salvador Dalí, George Grosz, Giorgio Morandi, Filippo de Pisis, Anton Räderscheidt, Man Ray, Pierre Roy, Oskar Schlemmer, Rudolf Schlichter oder Niklaus Stoecklin.

Als Sohn italienischer Eltern wurde Giorgio de Chirico am 10. Juli 1888 im griechischen Ort Vólos geboren, wo sein Vater als Ingenieur bei der Eisenbahn arbeitete. Neben seiner akademischen Ingenieursausbildung in Athen studierte er Malerei und setzte sein Studium nach dem Tod des Vaters von 1906 bis 1909 an der Münchner Akademie der Künste fort. Beeindruckt von den beseelten, geheimnisvollen Gemälden Arnold Böcklins, den Traumbildern Max Klingers sowie Beschreibungen von gespenstisch leeren Plätzen in literarischen Werken Friedrich Nietzsches fand de Chirico in München maßgebliche Anregungen für sein eigenes Werkschaffen. 1911 ließ er sich in Paris nieder und knüpfte Kontakte zu bedeutenden Künstlern wie Pablo Picasso oder Constantin Brancusi.

Bereits zu jener Zeit entwickelte Giorgio de Chirico die Methode, rätselhafte Dinge auf einer Art Bühne zu inszenieren. Nach der Epoche in Ferrara lebte er abwechselnd in Mailand, Rom und Florenz, übersiedelte 1924 wieder nach Paris und weilte von 1939 bis zu seinem Tod am 20. November 1978 in Rom. Nach dem Ersten Weltkrieg wandelte sich seine Malerei: Sie wurde realistischer, akademischer, in den 1930er Jahren sogar ausdrucksvoll barock. Dieses Spätwerk fand jedoch wenig Anerkennung und wurde von der Kritik zerrissen. Berühmt erlangte de Chirico ausschließlich durch den in knapp vier Jahren geschaffenen Korpus an Hauptwerken. Aus finanziellen Gründen kopierte er später viele Bilder aus der metaphysischen Epoche, was zeitliche Zuschreibungen bis heute erschwert.

Ausgangspunkt für die große Sonderausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie bildet das hier beheimatete Meisterwerk „Metaphysisches Interieur (mit großer Fabrik)“ von 1916. Als Bild im Bild erscheint die unweit von Ferrara liegende Fabrik der „Fratelli Santini“ in vogelperspektivischer Ansicht, die der Maler von einer Postkarte übernommen hatte. Das naturgetreue Abbild der Fabrikanlage steht hier wie auch in weiteren „Bild im Bild“-Gemälden in Kontrast zu verwinkelt dargestellten Innenräumen. Das augenscheinlich gestaltete Aufeinanderprallen von Realität und Irrealität, der Versuch, Logik und Vernunft aufzuheben und dem Unterbewusstsein entspringende Phantasien zu visualisieren, ist charakteristisch für die Surrealisten. Wie stark diese Methode bei ihnen Anklang fand, legen frappant Vergleichsbeispiele von René Magritte offen.

In der Gruppe der Stillleben sticht besonders das aus einer Privatsammlung entliehene Ölbild „Die heiligen Fische“ heraus. In dem Werk von 1918 werden die auf einem Brett liegenden Fische in eine Platzkulisse geschoben, umgeben von seltsam anmutenden Objekten. Zu den absoluten Höhepunkten der erfreulich überschaubaren Gemäldeauswahl zählen Werke, die Gliederpuppen, sogenannte „manichini“, thematisieren. Den letzten Abschnitt dominieren diese spielzeugartigen Schneiderpuppen, mit denen Giorgio de Chirico auf den Missbrauch des Menschen im Krieg Bezug nimmt. Puppenhaft, ja versteinert stehen beispielsweise „Die beunruhigenden Musen“ in einer Raumflucht vor dem Castello Estense, dem Wahrzeichen Ferraras. Der Mensch scheint zur stummen Statistenrolle degradiert.

Beim „Großen Metaphysiker“ platziert de Chirico die Figur wie gewohnt auf einer Piazza. Aus dem vertrauten Formenvokabular wie Winkelmaßen und Linealen formt er einen denkmalartigen Turm, der von einer weißen Büste bekrönt wird. Der „Große Metaphysiker“ gilt als eines der eindrucksvollsten Motive seiner Malerei, von dem sich viele Künstler anregen ließen. Deutlich wird dies besonders bei Kurt Schwitters, dessen 1923 begonnener „Merzbau“ deutliche Bezüge zu de Chiricos Bildfindungen erkennen lässt. Das nur höchst selten ausgestellte Ölbild „Hektor und Andromache“ vom Herbst 1917 konnte aus einer italienischen Privatsammlung entliehen werden und bildet den krönenden Abschluss. Zwei Gliederpuppen wurden auf einer Bühne zu einer Abschiedsszene inszeniert. Hier greift Giorgio de Chirico tagesaktuelle Ereignisse aus dem schrecklichen Krieg auf. Die mittels dunkler, erdiger Abtönung der Farben erzielte, auffallend düstere Stimmung in den letzten drei Gemälden ist auch als Vorahnungen zu auf das verstehen, was den Menschen damals ereilen sollte.

Die Ausstellung „Giorgio de Chirico – Magier der Moderne“ ist bis zum 3. Juli zu besichtigen. Die Staatsgalerie Stuttgart hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher und lesenswerter Katalog im Sandstein Verlag erschienen. Er ist im Museum für 29,90 Euro erhältlich.

Kontakt:

Staatsgalerie Stuttgart

Konrad-Adenauer-Straße 30-32

DE-70137 Stuttgart

Telefax:+49 (0711) 470 402 68

Telefon:+49 (0711) 470 400

Telefon:+49 (0711) 470 40 249

E-Mail: info@staatsgalerie.de



29.04.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Künstler:


Giorgio de Chirico










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