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Die Ausstellung „Weltkunst. Von Buddha bis Picasso“ in Wuppertal führt durch mehrere tausend Jahre europäischer und außereuropäischer Kunst, nimmt aber auch die schillernde wie umstrittene Persönlichkeit Eduard von der Heydts in den Blick

Ein Sammler zwischen Weltoffenheit und Opportunismus



Eduard von der Heydt als „Buddha vom Monte Verità“, um 1930

Eduard von der Heydt als „Buddha vom Monte Verità“, um 1930

Mit der groß angelegten Ausstellung „Weltkunst. Von Buddha bis Picasso. Die Sammlung Eduard von der Heydt“ beleuchtet das seit 1961 als Von der Heydt-Museum firmierende Wuppertaler Kunstmuseum die Sammelleidenschaft, aber auch die schillernde und nicht unumstrittene Persönlichkeit seines Namensgebers. Erstmals seit 1952 werden die in Wuppertal beheimatete Sammlung europäischer Kunst und die im Zürcher Museum Rietberg präsente Sammlung außereuropäischer Kunst und Kultur aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien in ihrer Fülle und Komplexität wieder miteinander vereint. Für den Besucher eine hervorragende Gelegenheit, sich in das ganzheitliche Sammlungskonzept des weitgereisten Kosmopoliten hineinzuversetzen. Darüber hinaus untersucht die Ausstellung aber auch die dunklen Kapitel seines Lebens im Dunstkreis des Nationalsozialismus.


Seinen ersten Kunstkauf tätigte er mit gerade einmal 18 Jahren in Genf. Der junge Eduard von der Heydt (1882-1964) war offensichtlich sehr stolz auf diese Erwerbung. Fünf Jahre später, als Student der Staatswissenschaften in Freiburg, platzierte er das kleinformatige Aktgemälde auf einem Stuhl in seiner ersten eigenen Wohnung, fotografierte es und versah den Abzug dann später mit dem handschriftlichen Vermerk „Mein Courbet“. Mit dieser ungewöhnlichen Erwerbung – Gustave Courbet galt zu seiner Zeit als Provokateur und wurde aufgrund seiner ungeschönten und realistischen Darstellung des weiblichen Körpers in bürgerlichen Kreisen eher abgelehnt – legte von der Heydt die Grundlage seiner eigenen, von der berühmten elterlichen Sammlung unabhängigen Kollektion.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte sollten noch einige weitere Courbets hinzukommen. 50 Jahre später erinnerte sich Eduard von der Heydt an diesen ersten Kauf: „Für wenig Geld konnte man ein wunderbares Gemälde kaufen, weil es aus politischen Gründen wenig geschätzt wurde.“ Heute gilt der deutsch-schweizerische Bankier Eduard Freiherr von der Heydt als eine der bedeutendsten, gleichzeitig eigenwilligsten Sammlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. In der Ausstellung „Weltkunst. Von Buddha bis Picasso. Die Sammlung Eduard von der Heydt“ im Wuppertaler Von der Heydt-Museum wird sein besonderer, das Kunstschaffen der ganzen Welt berücksichtigender Ansatz, jetzt einmal genauer untersucht. Eine thematisch ähnliche Ausstellung gab es bereits 2013 im Zürcher Museum Rietberg. Demgegenüber setzt die Wuppertaler Schau aber in abgewandelter und erweiterter Form eigene Schwerpunkte.

Die Alleinstellungsmerkmale der einem Füllhorn faszinierender Objekte gleichenden Sammlung von der Heydt fasst Antje Birthälmer, die stellvertretende Direktorin des Museums und Kuratorin der Schau folgendermaßen zusammen: „Die Besonderheit der Sammlung Eduard von der Heydt liegt darin, dass sie Werke der europäischen und außereuropäischen Kunst gleichwertig nebeneinanderstellt. Geleitet vom Gedanken einer ‚Weltkunst‘, dass es nur eine Betrachtungsweise der Kunst geben könne, stellte er Bilder von van Gogh, Munch, Picasso und Gauguin zusammen mit Buddha-Köpfen aus China und Kambodscha, mittelalterliche und expressionistische Kunst mit Kultfiguren aus Papua-Neuguinea und dem Kongo aus. Mit Beispielen von der antiken Kunst Mesopotamiens bis zu Beckmann und Chagall spannt die Sammlung von der Heydt einen Bogen vom 3. Jahrtausend vor Christus bis ins 20. Jahrhundert.“

Eduard von der Heydt begeisterte sich also nicht nur für die Wegbereiter der Moderne wie Gustave Courbet, Vincent van Gogh, Edvard Munch, Pablo Picasso oder Paul Gauguin. Ebenso interessiert war er an den Objekten und Hervorbringungen außereuropäischer Kulturen. Seine umfangreiche Sammeltätigkeit indischer Skulpturen, ostasiatischer Malerei sowie afrikanischer und ozeanischer Stammeskunst begann er um 1920. Nach nur 20 Jahren bestand diese bereits aus rund dreitausend Objekten, was allerdings auch auf den En-bloc-Erwerb anderer, bestehender Kollektionen zurückzuführen ist. Von der Heydts weltumspannendes Beziehungsgeflecht trug dazu bei, dass ihm immer wieder interessante Stücke und Okkasionen offeriert wurden.

In Beliebigkeit artete diese Art der intensivierten Erwerbspolitik jedoch nicht aus. Johannes Itten, Maler, Bauhaus-Lehrer und von 1952 bis 1956 Direktor des Museums Rietberg, konstatierte: „Die erstaunlichste und ganz besondere Gabe von der Heydts ist aber wohl seine Fähigkeit, völlig neuartige, fremdartig ungewöhnliche künstlerische Gestaltungen aufzuspüren und in ihrer Qualität zu erkennen. Diese Gabe, die Unvoreingenommenheit und Sicherheit im künstlerischen Urteil voraussetzt, erlaubte es ihm nicht nur, sehr verschiedenartige Objekte zu sammeln, sondern wertvollste Stücke zu einer Zeit zu kaufen, als noch niemand sie für sammlungswürdig erkannt hat.“ Von der Heydt selbst betonte, die Philosophie Schopenhauers habe sein ausgeprägtes Sammelinteresse an asiatischer Kunst motiviert: „Mich fesselte hauptsächlich der Hinweis auf die indische Philosophie, und ich nahm mit Interesse davon Kenntnis, dass er in seiner Frankfurter Wohnung einen Buddha zur Inspiration seiner Meditationen aufgestellt hatte. Eifrig las ich damals die maßgebenden Werke über indische Philosophie… Dadurch entstand bei mir der Wunsch, ein Kunstwerk zu besitzen, das sich auf die ferne Gedankenwelt bezog.“

Wie die beiden Sammelgebiete jetzt in der Wuppertaler Ausstellung aufbereitet und dem Publikum vermittelt werden, erläutert Antje Birthälmer: „Wir möchten seine Idee der Weltkunst, einer universalen Betrachtungsweise der Kunst, verdeutlichen und auch der Persönlichkeit des Sammlers nahe kommen. Mit der Überzeugung, dass die europäische Kunst gleichberechtigt neben außereuropäischen Äußerungen dieser Weltkunst stehe, vertrat er eine radikal zukunftsweisende Haltung. Unsere Ausstellung folgt den wichtigsten Lebensstationen des Sammlers, von Wuppertal-Elberfeld, wo Eduards Vater, der Bankier August Freiherr von der Heydt, 1902 das heutige Von der Heydt-Museum mitgegründet hatte, nach Amsterdam, wo er sein erstes Privatmuseum „Yi Yuan“ eröffnete, nach Zandvoort, wo er die Kunst in seinem Haus am Meer präsentierte, weiter nach Berlin, wo er mit der avantgardistischen Ausgestaltung seiner Villa am Wannsee im Bauhaus-Stil und als Vorsitzender der ‚Freunde der Nationalgalerie‘ eine ultramoderne Ausrichtung verfolgte, und schließlich nach Ascona, wo er auf dem Monte Verità, dem legendären ‚Berg der Wahrheit‘, an Ideen der Reformbewegung anknüpfte und für seine Kunstwerke ein großzügiges Domizil schuf. Der letzte Saal unserer Ausstellung ist dem Museum Rietberg in Zürich gewidmet, das durch die Schenkung der außereuropäischen Kunst aus der Sammlung Eduard von der Heydt ermöglicht wurde und dem Von der Heydt-Museum in Wuppertal, das nur durch die großzügige Schenkung von Eduard von der Heydt nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Kreis der bedeutenderen Museen Deutschlands zurückkehren konnte.“

Doch wer war eigentlich dieser Eduard von der Heydt? Geboren wurde er am 26. September 1882 als zweiter Sohn des Freiherrn August Karl von der Heydt und seiner Frau Johanna Selma. Lange Zeit von Privatlehrern unterrichtet, wuchs er im streng protestantischen Wuppertal in äußerst wohlhabenden großbürgerlichen und monarchistisch geprägten Verhältnissen auf. Seiner Familie gehörte das 1754 gegründete Bankhaus Von der Heydt-Kersten & Söhne. Die Familie genoss jedoch weit über Wuppertal hinaus großes Ansehen. Von der Heydts Urgroßvater war über viele Jahre preußischer Handels- und Finanzminister. Sein Vater wurde 1905 Vorsitzender des Elberfelder Museumsvereins und trug mit Schenkungen von Werken Hans von Marées’ und Ferdinand Hodlers bereits früh zum Aufbau einer zeitgenössischen Sammlung bei. Nach seinem Abitur am humanistischen Gymnasium Elberfeld trat Eduard von der Heydt zunächst in Genf, danach in Freiburg sein Studium an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät an. Unterbrochen von einem einjährigen freiwilligen Militärdienst, wurde er 1905 mit einer Dissertation über den Aufsichtsrat in der deutschen Aktiengesellschaft promoviert.

Unmittelbar danach schiffte er sich nach New York ein, wo er beim Bankhaus August Belmont & Co., dem damals ersten Haus der Wall Street, seine Bankausbildung absolvierte. Hier knüpfte Eduard von der Heydt Kontakt zu einflussreichen Familien der Ostküste wie den Vanderbilts, Pulitzers oder Whitneys. Anschließend ließ er sich zunächst als privater Anlageberater in London nieder, wo er, mittlerweile fließend Englisch sprechend, ebenfalls auf Anhieb Kontakt zur höheren Gesellschaft knüpfte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und seine Einberufung in das Deutsche Heer zwangen ihn jedoch, nach Deutschland zurückzukehren. Seine 1918 geschlossene Ehe mit der Hamburger Bankierstochter Vera von Schwabach (1899-1996) wurde von Zeitgenossen als „Kulissenehe“ bezeichnet. Die glücklose Verbindung wurde 1927 in gegenseitigem Einvernehmen wieder geschieden. Von der Heydt war homosexuell, konnte seine Sexualität allerdings aufgrund der damaligen Konventionen nie offen ausleben. Er blieb, wie auch sein Bruder, ohne Nachkommen. Sich selbst bezeichnete er einmal als „ungeeignet für die Ehe“.

Eduard von der Heydt betonte zeitlebens den Dialog zwischen Kunst, Leben, Wohnen, gesellschaftlichen Anlässen, Privatheit und Öffentlichkeit. An all seinen Wohnorten lud er regelmäßig zu hochkarätig mit Angehörigen der politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Elite besetzen Abendgesellschaften und Salons ein. Überliefert ist auch, dass er bei diesen Gelegenheiten bisweilen die Rolle des distinguierten Freiherrn, Bankiers und Reserveoffiziers verließ und die anwesenden Gäste durch Auftritte in exzentrischen Kostümen verblüffte. Was die Auswahl seiner extravaganten Immobilien betraf, setzte von der Heydt ganz auf spektakuläre Lagen: Ein Stadthaus an der Keizersgracht in Amsterdam, später dann das Strandhaus „Muluru“ im niederländischen Seebad Zandvoort, in Berlin eine Wohnung in der Tiergartenstraße und ein modernistisches Haus in unmittelbarer Nachbarschaft des Golf- und Land-Clubs am Wannsee und ganz besonders die Villen- und Hotelkolonie auf dem Monte Verità im schweizerischen Ascona direkt oberhalb des Lago Maggiore.

Von der Heydt zeigte Teile seiner Sammlung bereits im Erdgeschoss des Hauses in Amsterdam. Hier residierte sein „Nederlands Museum voor Oost-Aziatische Kunst“, kurz „Yi Yuan“ genannt. Nach dem Umzug ins Seebad Zandvoort beauftragte er neben anderen auch den expressionistischen Bildhauer Bernhard Hoetger mit der Realisierung eines umfangreichen Gebäudekomplexes direkt am Meer. Auch wenn die Präsentation der Sammlung von Zeitzeugen als zu beengt und unübersichtlich beschrieben wurde, zog die eklektische Mischung aus Kongomasken, japanischen Holzskulpturen, mittelalterlicher Plastik sowie Gemälden von Edouard Manet, Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas, Paul Cézanne und Vincent van Gogh doch immer wieder Bekannte, Geschäftsfreunde, Galeristen, Museumskuratoren und Diplomaten aus den benachbarten Städten Amsterdam und Den Haag an. Auch der im niederländischen Exil lebende Kaiser Wilhelm II. ist viermal dort gewesen. Der Berliner Fotograf Erich Salomon veröffentlichte in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ eine große Bildreportage über das Anwesen und seinen Bewohner.

In Ascona schließlich erwarb Eduard von der Heydt 1926 mit dem Monte Verità einen legendären Ort, dessen Mythos bereits um 1900 durch die Anwesenheit der lebensreformerischen Künstlerkolonie um Gusto Gräser und Karl Wilhelm Diefenbach begründet wurde. Illustre Gestalten wie Hans Arp, Hugo Ball oder Hermann Hesse gehörten hier einst zu den Dauergästen. Ausdruckstanz, Pazifismus, Naturismus, Vegetarismus und das Leben in einer Kommune lassen den Ruf des Monte Verità als frühes Labor alternativer Lebensentwürfe bis heute fortleben. Als von der Heydt das Areal kaufte, war jedoch bis auf ein kleines Künstlerhotel nicht mehr viel von der einstigen Aussteigerkolonie übriggeblieben. Nachdem er zunächst Ludwig Mies van der Rohe als Architekten vorgesehen hatte, entschied sich von der Heydt schließlich den Bauauftrag für ein großzügiges und modernes Hotelgebäude an den ebenfalls aus Aachen stammenden Architekten Emil Fahrenkamp (1885-1966) zu vergeben.

Fahrenkamp, der auch das berühmte Shell-Haus am Berliner Landwehrkanal geplant hatte, realisierte eine dem Neuen Bauen der 1920er Jahre verpflichtete, außerordentlich leichte und elegante Hotelanlage mit Flachdach, durchgehenden Fensterbändern und großen Terrassen. Diese ist bis heute erhalten und vornehmlich als Tagungshotel in Betrieb. Von der Heydt stattete das Hotel in erster Linie mit Teilen seiner ostasiatischen Sammlung aus. Mit 795 Einträgen von rund 600 Personen, die den Monte Verità allein zwischen 1926 und 1935 besucht haben, legt das Gästebuch des Hauses Zeugnis von der herausragenden gesellschaftlichen Stellung Eduard von der Heydts in seiner Zeit ab. Seiner Einladung ist offenbar jeder gerne gefolgt. Unter den Gästen befanden sich deutsche, schweizerische, englische und amerikanische Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler, Psychoanalytiker, Theosophen, Anthroposophen und Esoteriker ebenso wie Adelsvertreter, Industrielle und Staatsmänner. Die illustre Liste reicht vom Galeristen Alfred Flechtheim, dem Dramatiker Gerhart Hauptmann, dem Sexualforscher Magnus Hirschfeld, dem Psychiater C.G. Jung, dem Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe und dem ungarischen Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy bis hin zur Bankiersfamilie Oppenheim und dem damaligen Reichsminister des Auswärtigen, Gustav Stresemann.

Ganz gezielt suchte Eduard von der Heydt auch die Nähe zu wichtigen Funktionsträgern des Museumsbetriebs. Ab 1925 nahm diese Art der Vernetzung und Kontaktpflege immer strategischere Züge an. Heutigen Großsammlern nicht unähnlich, platzierte von der Heydt ausgewählte Stücke als Leihgaben in rund 40 über ganz Europa verstreuten Museen. Der Tatsache, dass diese quasi zum Durchlauferhitzer mutierten und die Bekanntheit und damit auch den materiellen Wert seiner Werke steigerten, war er sich dabei vollkommen bewusst. Hinzu kam ein weiterer, für jeden Sammler nützlicher Effekt: Die wissenschaftliche Betreuung und Aufarbeitung der Sammlung war in den beteiligten Museen natürlich in den besten Händen.

Wirklich zugute kamen ihm aber seine exzellenten Kontakte, namentlich zu Museen in der Schweiz, anlässlich der nationalsozialistischen „Säuberungsaktionen“ im Rahmen des Programms „Entartete Kunst“. Von der Heydt gelang es, viele seiner Werke rechtzeitig außer Landes zu bringen und so vor dem Zugriff der nationalsozialistischen Bilderstürmer zu bewahren. Die außerordentliche Offenheit für Strömungen der Avantgarde und die Kontaktpflege zu regimekritischen, vielfach auch jüdischen Künstlern und Intellektuellen stehen dann aber in merkwürdigem Gegensatz zu von der Heydts eigener Mitgliedschaft in der NSDAP, der er bereits am 1. April 1933 – also kurz nach der Machtübernahme – beitrat. 1937 erwarb er die Schweizer Staatsbürgerschaft. Zwei Jahre später trat er dann zwar aus der NSDAP aus, wandte sich aber in der Schweiz dem deutschlandtreuen und antisemitischen „Bund treuer Eidgenossen“ zu. Reiner Opportunismus oder politisches Kalkül?

Antje Birthälmer versucht eine Einordnung: „Als Sammler der modernen und der außereuropäischen Kunst war Eduard von der Heydt selbst von den Auswirkungen des Nationalsozialismus betroffen. Mit seiner weltoffenen Haltung gegenüber der Moderne und der ‚primitiven‘ Kunst vertrat er eine konträre Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus. Obwohl Eduard von der Heydt von seiner Gesinnung her kein Nationalsozialist war, geriet er vor allem durch zwei Umstände in Verstrickungen mit dem nationalsozialistischen Regime. Zum einen geriet er durch die Verbindung zu dem abgedankten Kaiser Wilhelm II. und dessen Sohn, Ex-Kronprinz August Wilhelm, unter den Vorzeichen monarchistischer Bestrebungen in eine gefährliche Nähe zu den nationalistischen Bestrebungen und trat 1933 der NSDAP bei. Doch bereits 1934 erkannte er seinen Irrtum und wandte sich von der Hitler-Bewegung ab. Zum anderen vermochte er sich dem Druck geschäftlicher Beziehungen nicht zu widersetzen. Als Aufsichtsratsvorsitzender beziehungsweise Mitglied des Aufsichtsrates der Thyssen-Bank führte er Transaktionen für die Abwehr aus und war in Gold- und Devisengeschäfte eingebunden, die jedoch auch verdeckten Zielen der Widerstandsgruppe gegen Hitler dienen sollten. In dem 1948 in Zürich gegen ihn eröffneten Militärstrafprozess wurde er von Schuld und Strafe freigesprochen.“

Eberhard Illner wiederum, der im Herbst 2012 eine umfangreiche Biografie zu Eduard von der Heydt vorgelegt hat, bringt die Ambivalenzen und Widersprüche in von der Heydts Persönlichkeit auf folgende Formel: „Eduard von der Heydt war weder Held noch Schurke, weder Täter noch Opfer, weder ‚Finanzier des Kaisers‘ noch ‚Nazibaron‘, eher gewiefter Bankier, generöser Stifter und sicherheitsbedachter Stratege im Foyer der Macht.“ Und weiter: „Je nachdem, wie man zu Eduard von der Heydt stand, hielt man ihn für einen weltgewandten Bankier, kunstsinnigen Sammler, charmanten Gastgeber, politischen Opportunisten, devisenschiebenden Reichsfeind oder taktierenden Wichtigtuer.“

Wie aber vermittelt das Von der Heydt-Museum diese Schattenseiten in der Ausstellung? Dazu noch einmal Antje Birthälmer: „Bis heute entzündet sich an dieser Vergangenheit Eduard von der Heydts eine kontroverse Diskussion. War er ‚nur‘ ein Mitläufer? Vor dem Hintergrund neuerer Erkenntnisse zur Problematik der Abwehr und des systemgebundenen Widerstands ist die Frage dahingehend zu präzisieren: Ist Eduard von der Heydt schuldhaft oder nicht schuldhaft in die Verstrickung mit der Abwehr, dem militärischen Geheimdienst der Wehrmacht, in dem sich gleichzeitig Widerstand gegen Hitler formierte, geraten? Die Beantwortung dieser Frage könnte zu einer Neubewertung des Verhaltens von Eduard von der Heydt führen. Unsere Ausstellung geht mit einem dokumentarischen Raum auf diese Problematik ein. “ Da ein solches Thema im Rahmen der Ausstellung nicht ausreichend behandelt werden konnte, fand im Oktober Symposium für Fachteilnehmer statt. Gemeinsam mit dem Historischen Zentrum Wuppertal ging das Von der Heydt-Museum den zeithistorischen Fragen nach.

Abgesehen von diesen dringend zu klärenden Fragen erwartet die Besucher der Ausstellung „Weltkunst. Von Buddha bis Picasso. Die Sammlung Eduard von der Heydt“ aber auf jeden Fall eine faszinierende Reise durch die Kunstgeschichte mehrerer tausend Jahre und die Kulturen und Religionen aller Kontinente. Sie ist bis zum 28. Februar 2016 zu sehen. Das Von der Heydt-Museum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museumsshop 25 Euro. Die Publikation „Eduard von der Heydt - Kunstsammler, Bankier, Mäzen“, erschienen 2013 im Prestel Verlag, liegt für 49,95 Euro vor.

Kontakt:

Von der Heydt-Museum

Turmhof 8

DE-42103 Wuppertal

Telefon:+49 (0202) 56 36 23 1

Telefax:+49 (0202) 56 38 09 1

E-Mail: von-der-heydt-museum@stadt.wuppertal.de

www.weltkunst-ausstellung.de



16.02.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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29.09.2015, Weltkunst: Von Buddha bis Picasso - Die Sammlung Eduard von der Heydt

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Von der Heydt-Museum

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Praktizierte Weltkunst

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Betender Priester, Japan, Mittlere Edo-Zeit, 17. Jahrhundert
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Vincent van Gogh, Kartoffelsetzen, 1884
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Wassily Kandinsky, Riegsee – Dorfkirche, um 1908
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Maske, Elfenbeinküste, Guro, 19. oder frühes 20. Jahrhundert
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Edvard Munch, Winterlandschaft bei Mondschein, 1921
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Eduard von der Heydt, um 1918
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in der Ausstellung „Weltkunst. Von Buddha bis Picasso. Die Sammlung Eduard von der Heydt“

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Edvard Munch, Winterlandschaft bei Mondschein, 1921

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in der Ausstellung „Weltkunst. Von Buddha bis Picasso. Die Sammlung Eduard von der Heydt“

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Vincent van Gogh, Kartoffelsetzen, 1884

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Paula Modersohn-Becker, Mädchenbildnis, 1905

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Eduard von der Heydt zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 18. Oktober 1957

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Wassily Kandinsky, Riegsee – Dorfkirche, um 1908

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Buddha Vairocana, China, Ming-Dynastie (1368-1644)

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