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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Mit einer Schau zu Margot Pilz macht das MUSA in Wien auf eine Konzept- und Medienkünstlerin der ersten Stunde aufmerksam

Kunst für Verletzung und Wut



„Der Hausmeister und sein Schatten“ lautet der Titel eine der frühesten Fotografien von Margot Pilz. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt einen Mann, der lässig an der Balustrade eines herrschaftlichen Treppenhauses lehnt und selbstbewusst in die Kamera blickt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man eine weitere Person, eine Frau, bekleidet mit weißer Schürze, die schemenhaft hinter ihm steht. Die Langzeitbelichtung entstand 1973 und hängt als einer der ersten „Meilensteine“ in der großen Personale, die das MUSA, die Galerie für zeitgenössische Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien, der Künstlerin anlässlich ihres achtzigsten Geburtstages ausrichtet.


Begonnen hat die 1936 in Haarlem als Tochter einer Wienerin und eines Niederländers geborene Künstlerin als kommerzielle Fotografin. 1954 studierte Margot Pilz Werbefotografie in Wien und gründete Anfang der 1970er Jahre zusammen mit Hans Weiss ihr eigenes Werbestudio. In der Mitte dieses Jahrzehnts begann sie, sich gemeinsam mit Kolleginnen in Aktionsgemeinschaften zu organisieren. Nach einem traumatischen Erlebnis – der Festnahme durch die Polizei beim 3. Frauenfest in Wien – schuf sie 1978 ihre ersten konzeptuellen Fotos. In der sechsteiligen Serie „Ohne Titel, 4th Dimension“ mit quadratischen Schwarz-Weiß-Fotografien thematisierte Margot Pilz 1978 ihre im Schoß liegenden Hände, die sie unter großer Anspannung ineinander verschränkt, verkrampft und zu Fäusten ballt. Ausdrucksstark vermitteln diese Fotografien das negative Erlebnis, die psychischen Verletzungen und die empfundene Wut. Wenig später folgte ihre Serie der „Sekundenskulpturen“. Die Künstlerin inszenierte sich zusammengekauert oder mit Bändern gefesselt, in der von der Polizei zerknitterten Jacke, die sie bei der Verhaftung trug. Margot Pilz betitelte diese als „Zweite Haut“, in der die erduldeten Handgreiflichkeiten eingeschrieben sind.

Das Erlebnis der Gewalterfahrung einer Verhaftung hatte entscheidende Auswirkungen auf die inhaltliche Entwicklung ihrer Arbeiten, in denen Pilz fortan verstärkt nach Ausdrucksmöglichkeiten für ihre seelische Befindlichkeit suchte. Ihre fotografischen Reaktionen bezogen sich nicht nur auf das Ausgeliefertsein als Frau angesichts einer männerdominierten Staatsgewalt, sondern auch auf traumatische Kindheitserlebnisse. 1939 hatte Margot Pilz gemeinsam mit den Eltern aufgrund der Bedrohung durch die Nationalsozialisten nach Indonesien umziehen müssen. Nach der Besetzung der indonesischen Inseln durch japanische Truppen wurde ihr Vater 1942 ins japanische Konzentrationslager auf Sumatra gebracht, sie selbst und ihre Mutter verbrachten drei Jahre im Lager Lampersari auf Java. „Nicht die wahrgenommene äußere Welt, sondern die innere Erlebniswelt ist der Gegenstand ihrer fotografischen Analyse“, schrieb dazu Peter Gorsen. In der Sequenz „Alice hinter den Spiegel“ von 1979 verschwindet die Künstlerin buchstäblich hinter der Tür.

Auch das „Weiße Zellenprojekt“, das zwischen 1983 und 1985 entstand, verhandelt die Eingeengtheit und das Ausgeliefertsein in einer Begrenzung: Gemeinsam mit ihrem Sohn entwarf und baute Pilz eine weiße Box aus 15 Zentimeter dicken Platten, deren Seitenlängen ihrer eigenen Körpergröße entsprachen und die von der Künstlerin unterschiedlich zusammengestellt wurden. Mal hockt sie auf dem Boden und stemmt mit einer Hand die Last der Decke, mal versucht sie auf einem Stuhl sitzend die Seitenwände von sich zu schieben. Die einzelnen Fotosequenzen arrangierte Margot Pilz zu Serien, in denen sie die Hauptthemen der vorangegangenen Jahre kraftvoll bündelte: räumliche und psychische Bedrängung bis zum Verschwinden im Nichts ebenso wie kraftvolle Inszenierungen der Selbstbefreiung. Später lud sie auch andere Künstler und Künstlerinnen, etwa Bodo Hell, Renate Kordon oder Linda Christanell, zu Performances in die Zelle ein.

Es folgten feministische Aktionen wie die Nachstellung eines „Letzten Abendmahls“ mit der feministischen Künstlerinnenszene, ihr „Hausfrauendenkmal“ für den Steirischen Herbst 1979 oder der „Arbeiterinnenaltar“ 1981 für schlechter gestellte Arbeiterinnen bei Eduscho. Präsentationen in kleineren Galerien dokumentierten in diesen Jahren ihre künstlerische Arbeit. Größere Aufmerksamkeit erhielt Margot Pilz 1982 mit der temporären Installation „Kaorle am Karlsplatz“. Im Rahmen der Wiener Festwochen ließ sie zehn Lkw-Ladungen Sand vor den Karlsplatzbrunnen schütten, lieh sich eine Palme, ließ einen riesigen Plastikwal im Brunnen schwimmen, platzierte Liegestühle und verwandelte den Platz in einen sommerliche Stadtoase.

1986 entdeckte sie den Computer für sich und produzierte erste digitale Bilder. Mit der Veränderung ihres technischen Instrumentariums modifizierte Margot Pilz auch ihre Themen. In Videoarbeiten und Medienskulpturen beschäftigte sie sich mit der Zerstörung der Umwelt. 1991 stellte sie, in den Anfängen des Internets, bei der Ars Electronica in Linz das „Delphi-Digital-Orakel“ aus, eine Skulptur mit öffentlichem Terminal, in der mehr als 5.000 damals aktuelle Dokumente zu Umweltthemen abrufbar waren. Die Wiener Ausstellung dokumentiert diese Interventionen im öffentlichen Raum ebenso wie ihre digitalen Bildverfremdungen und die Kurzfilme der letzten Jahre, in denen sich die Künstlerin wieder verstärkt selbst inszeniert.

Eindrucksvoll stellt Kuratorin Silvie Aigner ein facettenreiches Werk vor, das Vieles vorwegzunehmen scheint, was später von anderen Künstlerinnen und Künstlern bewusst oder unbewusst aufgegriffen wurde. Eines der letzten Exponate ist ein hölzernes Hochbett, Relikt aus ihrer Aufsehen erregenden Performance-Installation „Once Upon My Time“, mittels der Margot Pilz ihre Kindheitserlebnisse in Indonesien verarbeitete. Vor zwei Jahren war die Performance im Wiener Künstlerhaus zu sehen. Dabei sang Pilz auf einem Stockbett sitzend sarkastisch-ironische holländische Kinderlieder. In der aktuellen Ausstellung steht das Stockbett stellvertretend für diese Kindheitserinnerungen nur mehr als Versatzstück. Direkt daneben hängt die frühe Fotoserie, in der die Künstlerin ihre im Schoß liegenden Hände zu Fäusten ballt und ineinander verkrallt. Eindrücklich schließt sich hier der vierzigjährige Kreis eines Lebenswerks, in dem Margot Pilz die Gefühlslagen der Verletzung und Wut in beeindruckende Bilder übersetzt hat.

Die Ausstellung „Margot Pilz – Meilensteine. Von der performativen Fotografie zur digitalen Feldforschung“ ist bis zum 5. März zu sehen. Das MUSA hat bei freiem Eintritt täglich außer sonntags, montags und feiertags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr und samstags nur bis 16 Uhr geöffnet. Der ausstellungsbegleitende Katalog kostet 35,95 Euro.

Kontakt:

MUSA - Museum Startgalerie Artothek

Felderstraße 6-8

AT-1010 Wien

+43 (01) 4000 84 00

+43 (01) 4000 99 8400

E-Mail: musa@musa.at



05.02.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


17.11.2015, Margot Pilz – Meilensteine. Von der performativen Fotografie zur digitalen Feldforschung

Bei:


MUSA – Museum Startgalerie Artothek

Variabilder:

Margot Pilz, 2015
Margot Pilz, 2015

Künstler:

Margot Pilz







Margot Pilz, 2015

Margot Pilz, 2015




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