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Eine Ausstellung in Düsseldorf begibt sich auf die Spur christlicher Zeichen in der zeitgenössischen Kunst

Gott mischt noch überall mit



Und sie bewegt sich doch, unsere christliche Kirche, wenn auch langsam, geschuldet ihren in Jahrhunderten ausgelegten Denkmustern. Vor 50 Jahren bewirkte das Zweite Vatikanische Konzil manche Reformen, die sich beispielsweise an der offeneren künstlerischen Gestaltung der Altarzonen ablesen lassen. Nun initiierte die Deutsche Bischofskonferenz aus Anlass des 50jährigen Konzilsjubiläums ein Mehrsparten-Kunstprojekt. Ein Teil davon ist die Ausstellung „The Problem of God“. Die Schau versammelt im alten Düsseldorfer Ständehaus, der Dependance K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Arbeiten 34 zeitgenössischer Künstler. Sie sind das Extrakt bei der Durchforstung des internationalen Kunstschaffens auf Bezugnahmen nach christlichen Motiven und Themen in den letzten 25 Jahren. Weder ist religiös motivierte Kunst zu finden, noch wird Religiöses allgemein thematisiert. Alle Hinweise auf das Christliche sind aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst.


Gleich zu Beginn im Souterrain betont dies ein kleines Objekt. Als der Prager Künstler Pavel Büchler das Buch mit dem Titel „Visible and Invisible“ fand, schob er intuitiv eine Linse zwischen die Buchseiten. Zufall oder nicht – spiegelverkehrt und vergrößert wurde das Wort „Invisible“ lesbar. Physik und das metaphysisch Unsichtbare, Lichtbrechung und optische Täuschung treffen hier aufeinander. Die gedanklichen und konzeptionellen Ansätze der Ausstellung bringt Büchlers Arbeit damit auf den Punkt. Die ersten Zeilen des Buches behandeln das Gottesproblem. „The Problem of God“ heißt es dort und diese Worte avancierten sogleich zum Ausstellungstitel.

Sichtbares und Unsichtbares, mystische und spirituelle Erfahrungen mit Aspekten der Leere und des Transzendenten thematisieren auch die nachfolgenden Kunstwerke. So etwa Robert Rauschenbergs drei weiße Paneele von 1951, deren Farbe er später dialektisch mit dem göttlichen Schöpfungsakt und der Inspiration daraus in Verbindung brachte. Etwas außerhalb des Darstellbaren, im unsichtbaren Bereich Liegendes begegnet man auch in den „Black Paintings“ von Ad Reinhardt. Allerdings: Konzentriert man sich längere Zeit auf die dämmrigen schwarzen Abgründe der Leere, nimmt man geringe, kaum sichtbare Schwarznuancen wahr, die die geometrische Struktur eines griechischen Kreuzes aus der Finsternis heraustreten lassen.

Nüchterne, assoziativ religiöse Zeichen lösen andere Künstler wiederum aus ihrem angestammten Kontext. Der in einer katholischen Familie aufgewachsene Hubert Kiecol rückt in großformatigen Bildern von Strahlenkränzen entlehnte, auffächernde schmale Streifen kraftvoll in den Bildraum, wobei alles Figürliche eliminiert ist. Das Kühle und Leere steht im Zentrum. Die ikonisch verdichteten Bildzeichen wirken als zeitloses universelles Substrat und eröffnen freie Assoziationsräume. Auch der Belgier Kris Martin benutzt reduzierte Elemente, die er aus dem ursprünglichen Zusammenhang löst. War es im vergangenen Sommer die eindrucksvolle, das Meer ins Bild setzende Stahlrahmenkonstruktion der Flügel des Genter Altars am Strand von Ostende, so lässt er in Düsseldorf über der Treppe ins Untergeschoss eine Kirchenglocke schweben, deren Klöppel allerdings entfernt ist, was sie ihrer Funktion enthebt.

Leidens-, Schmerzens- und Passionserfahrungen treten als zentrale Aspekte der christlichen Lehre auf. Viele Künstler verorten sie in einem weiten Rahmen gesellschaftspolitischer Zustände, bei denen der Köper eine zentrale Stellung einnimmt. In „Fragment of a Crucifixion“ überführt Francis Bacon den Darstellungskanon der Kreuzigung in eine reduzierte, materiell-kreatürliche Illustration von grausamem Schmerz in der Form deformierter amorpher Körper mit beunruhigender Mehrdeutigkeit. Breiten Raum nehmen in der großen Untergeschosshalle die beherrschenden Installationen Berlinde de Bruyckeres ein. Die Belgierin schöpft aus einem reichen Motivfundus menschlicher und tierischer Körper, nimmt Bezug auf antike Mythologie, christliche Ikonografie und aktuelle Katastrophenberichte und überführt ihre Skulpturen ins allgemein Menschliche. An hohen Eisensäulen lässt sie seltsam verdreht fragmentierte, kopf- und geschlechtslose Wachsleiber als abstrahiertes Sujet des leidenden Christus am Kreuz herabhängen. Mit dem ungeborenen Pferdefohlen „Lost III“ versucht sie den Kreis zwischen den Polen von Geburt und Tod zu schließen.

Die menschliche Figur steht auch im Mittelpunkt des Werkschaffens der deutschen Bildhauerin Paloma Varga Weisz. Die Zerstückelung ihrer am Boden liegenden, geschwärzten hölzernen Menschen impliziert neben körperlichen auch seelische Verletzungen. Darüber hinaus spricht sie die Frage nach Menschlichkeit und Toleranz an. Weitere Körper platziert sie in Nischen und adaptiert damit neben malerischen Darstellungen etwa von Hans Holbein die Wandnischengräber in Altären oder Katakomben. Hermann Nitschs „Passionsfries“, ein gut neun Meter langes Schüttbild in symbolisch roter Farbe, überführt als malerische Sequenz eines künstlerischen Schöpfungsaktes das Leiden in eine fordernde, von einer erdrückenden Kalkulation beherrschte Hypothese. Direkt auf die christliche Passionsgeschichte geht der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov ein und legt einer Pieta-Darstellung gleich einen jungen Mann mit bloßem Oberkörper in die Arme mehrerer älterer Frauen.

Im Hochparterre nimmt Bill Viola die intensiv gesteigerten Gefühlsausdrücke in seinem spezifischen Medium auf. Kompositorisch frei an kunsthistorische Bildvorlagen angelehnt, entwarf er in seiner Videoprojektion „The Quintet of the Astonished“ ein zeitloses Abbild menschlicher Emotionen. Das „Quintett der Erstaunten“ stellt fünf Personen in extrem verlangsamten Bewegungsabläufen und Gemütsregungen vor. In dem dunklen Projektraum wird der Betrachter über die physische sowie emotionelle Präsenz der Protagonisten unmittelbar eingebunden. Francis Alÿs begeistert sich für den Akt des Gehens an sich, absolviert in einem Zimmer die 118 Kilometer des englischen Jakobsweges beim fortwährenden Umschreiten eines Teppichs und dokumentiert dies filmisch.

Videokünste dominieren auch die dritte Ausstellungsebene. Harun Farocki thematisiert in seiner Videoinstallation „Übertragung“ das gleichfalls in der christlichen Religion tief verankerte Ritual der Berührung. Sakrale wie profane Pilgerorte weltweit nimmt er dabei unter den Vorzeichen der Fühlungsnahme ins Visier. Der Körper der Pilger erfährt eine Verbindung zum Unsichtbaren, fußend auf der „Noli me tangiere“-Szene zwischen Christus und Maria Magdalena am Ostermorgen. Michaël Borremans assoziiert in seinem Video „The Bread“ die Hostiengabe in der christlichen Eucharistiefeier, indem er sie in eine seltsam irreal anmutende Demonstration eines Mädchentorsos versetzt, der in einer makabren Geste Brot zum Mund führt.

Die Ausstellung zeigt abwechslungsreich, welcher differenzierten Strategien Künstler sich bedienen, um Motive der Vergangenheit in ihr Werk zu implantieren. Das Recyceln weist eine gewisse Ähnlichkeit mit der Renaissancepraxis auf, Formen aus der Antike zu entlehnen, um sich zu emanzipieren und Neues zu schaffen. Zeitgenössische Künstler ziehen religiöse Sujets aber auch als Gegenmotive heran. Der Kunsthistoriker Aby Warburg interessierte sich für die Mehrdeutigkeit und Formbarkeit von Bildern. Kontinuität oder Nachleben von Bildern oder Motiven durch verschiedene historische Perioden, ihren Bedeutungs- oder Funktionsverlust analysierte er in seinem „Bilderatlas Mnemosyne“ aus dem Jahr 1929, der auf den Umgängen als eine Art Matrix die Werkauswahl der Schau zusammenführt.

Damit in Verbindung stehen die Komponenten „Glauben“ und „Glaubwürdigkeit“, die Thomas Locher kritisch hinterfragt. In seinen Bild-Text-Montagen geht er ausschnitthaft auf religiöse Bildvorlagen Giottos ein und spricht somit das weite Feld von Wert und Zirkulation von Waren sowie Gesten des Glaubens im Kontext gesellschaftlicher Tendenzen an. Katharina Fritsch nähert sich diesen Aspekten in ihrer Anspielung tausendfach reproduzierter Figuren aus Devotionalienläden. Die extrem chromoxidgrüne „Heiligenfigur (St. Michael)“ entrückt die Bildhauerin mittels Farbfassung aus dem eigentlichen Kontext und steigert das allgemein präsente Motiv zu einer stummen, aber bildmächtigen Metapher. Bei aller Heterogenität der künstlerischen Strategien und Medien, der Fragestellungen und konstruierten Zusammenhängen bleibt die Wirkmacht der Bilder, die Übernatürliches und Geheimes zu vermitteln vermag. Alle Religionen wussten dies über einen reichen Bilderkanon für sich zu nutzen, bis die künstlerische Autonomie, Säkularisation und neue Medienwelten dessen Autorität nahmen.

Die Ausstellung „The Problem of God“ ist noch bis zum 24. Januar zu besichtigen. K21 hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, samstags, sonn- und feiertags ab 11 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12,50 Euro, ermäßigt 10 Euro und 2,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog im Kerber Verlag erschienen, der im Museum 39 Euro kostet.

Kontakt:

K21 - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Ständehausstraße 1

DE-40217 Düsseldorf

Telefon:+49 (0211) 83 81 600

Telefax:+49 (0211) 83 81 601

E-Mail: info@kunstsammlung.de



04.01.2016

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


26.09.2015, The Problem of God

Bei:


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