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Das Musée Unterlinden in Colmar hat nach gründlicher Renovierung und Erweiterung um einen Flügel von Herzog & de Meuron wieder geöffnet. Unübertroffenes Glanzstück ist der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald

Sublime Brückenschläge



Matthias Grünewald und Niklaus von Hagenau, Isenheimer Altar, 1512-1516

Matthias Grünewald und Niklaus von Hagenau, Isenheimer Altar, 1512-1516

Im adretten elsässischen Colmar lädt ein neues Quartier zum Lustwandeln ein. Der „Place Unterlinden“ vor dem gleichnamigen ehemaligen Kloster der Dominikanerinnen wandelte sich vom Parkplatz mit Bushaltestellen in eine verkehrsfreie, sauber gepflasterte Zone. Der einst unterirdisch verlaufene „Canal de la Sinn“ wurde freigelegt und von breiten Sitzstufen eingefasst. Gegenüber erstrahlt die gründerzeitliche Prachtfront des 1906 errichteten Stadtbades. Dahinter schließt recht unscheinbar der ziegelverkleidete Neubauriegel das heterogene Ensemble des Musée Unterlinden ab. Alle drei Häuser des Museums bieten mit der Erweiterung auf 8.000 Quadratmeter nun die doppelte Ausstellungsfläche. Nach der Teilöffnung am vergangenen Wochenende lässt es sich Staatspräsident François Hollande nicht nehmen, persönlich am 21. Januar 2016 das komplette Haus einzuweihen. Colmar ist dann um eine Attraktion reicher.


Die architektonischen Überleitungen vom 13. Jahrhundert bis heute sollen zeichenhaft die Epochen der präsentierten Kunstwerke spiegeln. Dieses Konzept würdigt das Wachstum der Sammlung, die seit den 1960er Jahren auch moderne Kunst aufnimmt. Bereits 2009 konnten sich in einem Wettbewerb die Baseler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron mit ihren Entwürfen durchsetzen. Auch nach dem ersten Spatenstich zum mit 44 Millionen Euro bezifferten Projekt im Jahr 2012 blieb das Musée Unterlinden geöffnet; nur in den letzten neun Monaten war das Haus geschlossen. Lediglich der berühmte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald, Hauptwerk und überragendes Markenzeichen des Museums, wich für etwas über zwei Jahre in die nahe gelegene Dominikanerkirche aus. Jetzt kann das zwischen 1512 und 1516 gemalte und umfassend restaurierte Meisterwerk in der Aura der ehemaligen Klosterkirche, dem Herzstück des Museums, seine Wirkung mustergültig entfalten.

Der Besucher gelangt über den gotischen Kreuzgang in die ehemalige, 1269 geweihte Klosterkirche der Dominikanerinnen. Zerlegt in drei Segmente füllen die zehn auf Lindenholz gemalten Heiligen- und Heilsdarstellungen von Grünewald sowie die zentralen Schnitzfiguren von Niklaus von Hagenau singulär den langen Chor. Über dem neuen Parkettboden schweben sie frisch arrangiert und aufgeständert in unscheinbaren braunrot gefassten Stahlrahmen. Die einst je nach Anlass zwei Mal aufklappbare, doppelte Flügeltürkonstruktion musste konservatorisch bedingt fest verankert werden. Bei Bedarf können die Segmente rasch in den Boden eingefahren, demontiert und abtransportiert werden.

Die erste frontale Aufstellung zeigt das geschlossene Retabel mit der Kreuzigungsszene auf der Mitteltafel, ein zur Fasten- und Passionszeit üblicher Zustand. Bereits hier wird jeden Besucher die virtuos formulierte Dramatik erfassen, die die Bilder des Meisters des Lichtes und der Farbe auszeichnen. Schwülstig gedrehte und gekrallte Finger oder Füße betonen die Gewalt des Leidens, akzentuieren überdies die Ausdruckskraft über Bewegung. Auf der grünlichen Haut des Gekreuzigten signalisieren Flecken aufgeplatzte Geschwüre. Hinzu kommen gesättigte Hell-Dunkel-Kontraste. Seitlich der dunklen Kreuzigungsszene steht Maria, eingehüllt in ein strahlend weißes Tuch, auf der anderen Seite korrespondierend das wollig-weiße Lamm Gottes. In den Gewändern insbesondere der Begleitfiguren wie des heiligen Sebastians auf der linken Tafel kommt ein furios verfeinertes Kolorit zum Ausdruck. All dies sollte die Heilwirkung der am Antoniusfeuer leidenden Kranken befördern, die am ursprünglichen Aufstellungsort des Altars im Chor der Spitalkirche des Antoniterklosters in Isenheim südlich von Colmar die Bilder sahen.

In den zwei folgenden Positionen setzt sich dieser Duktus fort. Zu Weihnachten, Ostern und den Marienfesten war das Engelskonzert mit der Geburt Christi aufgeschlagen, flankiert von der Auferstehungsszene sowie der erstmals in eine Kirche verlegten Verkündigung Mariens. Speziell die Faltenwürfe in Marias Gewand verleiteten Matthias Grünewald zu einem Fest roter Farbabstufungen, während in der Auferstehung Christus vor dunklem Sternenhimmel in einem gleißend hell strahlendem Feuerball erscheint, der an die expressive Modernität der Avantgarde des 20. Jahrhunderts denken lässt.

Im vollkommen geöffneten Zustand wird das mittige Schnitzwerk Niklaus von Hagenaus von zwei Tafeln flankiert. Eine zeigt die Begegnung des heiligen Antonius mit Paulus Eremita sowie das Wappen des Auftraggebers Guy Guers, der dem Antoniterkloster als Präzeptor vorstand. Die Versuchungen des heiligen Antonius auf der gegenüberliegenden Seite überraschen mit skurrilen Monstern, die Mangas oder Figuren aus „Starwars“ ähneln. Weitere Plastiken und Gemälde unter der Empore schaffen Verbindungen zur Kunstentwicklung der endenden Gotik, wobei die steife Statik der Figuren wohl den auffälligsten Unterschied zum Isenheimer Altar offenbart. Auf der Empore wird eine multimediale Vermittlungszone installiert; daneben sollen veränderbare Altarmodelle im Kreuzgang die Erklärungen vereinfachen.

Auch die Flügel um den Kreuzgang des ab 1853 als Museum genutzten Klosters sind im Rahmen der Restaurierung grundlegend neu gestaltet. Durch die Entfernung von Abhängungen kamen bemalte mittelalterliche Decken zum Vorschein; ebenso wurden gusseiserne Säulen aus dem 19. Jahrhundert wieder freigelegt. Gemälde und Skulpturen des Mittelalters und der Renaissance flankieren chronologisch Grünewalds Meisterwerk, eingeleitet von einem Saal des berühmten Colmarer Meisters Martin Schongauer und seiner Nachfolger. Kunstgewerbe und Volkskunst werden die Obergeschosse füllen, während im Keller archäologische Artefakte ihren Platz finden.

Von der zentralen Eingangshalle führt eine organisch geschwungene Gusstreppe ins Untergeschoss. Hier zweigt ein unterirdischer Gang zum ehemaligen, bis 2003 genutzten Stadtbad und dem neuen Erweiterungsflügel ab. Etwas ungelenk unterbrochen wird die unterirdische Galerie durch einen verzagten Lichtschacht. Oberirdisch tritt er in Gestalt eines recht störenden Häuschens zu Tage, durch dessen Fenster der Passant einen Blick auf drei Schlüsselwerke der modernen Sammlung werfen kann. Zu den in die Moderne überleitenden Appetithappen gehört „Das Tal der Creuse“ von Claude Monet. Wie Messekojen eingestellt, nehmen weiße Boxen dem langen unterirdischen Flur etwas die Streckung, bevor eine weitere geschwungene Treppe auf die zwei Dauerausstellungsebenen des „Ackerhof“ genannten Neubaus führt. Der neue Trakt bildet das nördlich abschließende Gegenstück zur Klosterkirche, worauf Giebeldach und Spitzbogenfenster anspielen. Ausgehend von Pablo Picassos Guernica-Wandteppich werden in zwei langen, niedrigen, unglücklich proportionierten Sälen die Kunstrichtungen ab den 1930er Jahren erschlossen. Neben Picasso sind dies unter anderem Willi Baumeister, Hans Hartung und Fernand Léger. Positionen der 1950er bis 1970er Jahre finden sich im Mittelgeschoss, wobei eine recht umfangreiche Auswahl von Jean Dubuffet und mehrere Werke von Georges Mathieu Schwerpunkte setzen.

Der oberste Saal direkt unter dem Giebeldach wird Wechselausstellungen aufnehmen, die sich auch im angrenzenden Schwimmbad ausbreiten können. Leider lassen allzu unruhig aufgeplusterte Beleuchtungskörper die gründerzeitliche Pracht aus vielen kleinen restaurierten Dekorelementen des großartigen und vielseitig nutzbaren Saales in den Hintergrund treten. Weniger wäre hier mehr gewesen. An das einst vorhandene Schwimmbecken erinnert lediglich der Parkettboden. Die Administration residiert in den übrigen Räumen der Badeanstalt. Man darf gespannt sein, ob im Baseler Umland mit seinen reichen musealen Kunstattraktionen das Musée Unterlinden die Zahl von angepeilten 320.000 Besuchern pro Jahr erreicht. Die wenn auch etwas unausgegorene Erweiterung schafft dazu die Voraussetzungen.

Das Musée Unterlinden hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Geschlossen bleibt am 1. Weihnachtstag und Neujahr. Der Eintritt beträgt 13 Euro, ermäßigt 8 Euro. Zur Eröffnung im Januar werden zwei Sammlungspublikationen zur alten und modernen Kunst erscheinen.

Kontakt:

Musée Unterlinden

Palace Unterlinden

FR-68000 Colmar

Telefon:+33 (0389) 20 15 50

E-Mail: info@musee-unterlinden.com



15.12.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Blick in das restaurierte ehemalige Hallenbad
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Der Eingangsbereich des ehemaligen Stadtbades
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Außenansicht des alten Stadtbades mit dem Neubau von Herzog & de Meuron
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Die gestaffelte dreiteilige Präsentation des Isenheimer Altars
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Vergleichende gotische Werke zum Isenheimer Altar unter der
 Kirchenempore
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Der Neubauriegel „Ackerhof“ von Herzog & de Meuron
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im Saal mit Werken Martin Schongauers
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Der neugestaltete „Place Unterlinden“
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in der Abteilung „Moderne“ im neuen „Ackerhof“

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Vergleichende gotische Werke zum Isenheimer Altar unter der Kirchenempore

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Die gestaffelte dreiteilige Präsentation des Isenheimer Altars

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im Saal mit Werken Martin Schongauers

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Außenansicht des alten Stadtbades mit dem Neubau von Herzog & de Meuron

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in der Abteilung „Moderne“ im neuen „Ackerhof“

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Matthias Grünewald, Isenheimer Altar. Kreuzigung, 1512-1516

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Der Eingangsbereich des ehemaligen Stadtbades

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Treppe zum Neubau im alten Klostergebäude nach Entwürfen von Herzog & de Meuron

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Der neugestaltete „Place Unterlinden“

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Der Neubauriegel „Ackerhof“ von Herzog & de Meuron

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Blick in das restaurierte ehemalige Hallenbad

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in der Abteilung „Moderne“ im neuen „Ackerhof“

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