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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Vor 100 Jahren wurde die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale gegründet. Nach kleineren Präsentationen zu einzelnen Aspekten beleuchtet nun die zentrale Geburtstagsschau im Kunstmuseum Moritzburg die Geschichte

Schöpfungskonzentrierter Burgfriede



in der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“

in der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“

Auch im Kunstgewerbewesen führten unzeitgemäße Verhältnisse im deutschen Kaiserreich vielerorts zu gründlichen Reformen. Halle stand hier nicht abseits und suchte 1914 eine Persönlichkeit, die aus der städtischen Handwerker- eine moderne Kunstgewerbeschule entwickelte. Am 1. Juli 1915 trat Paul Thiersch, Architekt und Schüler von Peter Behrens, dieses Amt an. Reine Handwerksfächer gliederte er aus und schlug sie der gewerblichen Berufsschule zu. Für das Programm der neu geformten Anstalt verknüpfte er etliche Ideen miteinander, allen voran die Vorstellungen des Deutschen Werkbundes von einem Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk sowie das zum Jahrhundertbeginn aktuelle Bauhüttenideal. Die Zeichen der Zeit waren günstig: nach dem Ersten Weltkrieg versuchte eine neu aufkommende Handwerksromantik die Massenproduktion zu konterkarieren. Unter dem bis zum Juli 1928 amtierenden Gründungsdirektor stieg die Burg Giebichenstein zu einer der wichtigsten avantgardistischen Kunstschulen Mitteldeutschlands auf.


Im Vergleich zum erst vier Jahre später eröffneten Bauhaus genoss „die Burg“ nie den Kultstatus. Sie stand deutlich weniger im Fokus von Analysen und überstand dank ihrer spezifischen Ausrichtung alle Zeiten und Systeme bis heute. Im Titel der aktuellen Jubiläumsausstellung „Moderne in der Werkstatt“ in der Moritzburg in Halle kommt dieser Aspekt zum Ausdruck. Paul Thiersch verstand es, Protagonisten gestalterischer Reformvorhaben an die Schule zu berufen, darunter die experimentierfreudige Maria Likarz von der Wiener Werkstätte, den jungen Bildhauer Gustav Weidanz von der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin oder die in England ausgebildete Schriftgestalterin Anna Simons. Rasch wurden auf der Unterburg von Giebichenstein in Halle die Buchbinderei, Druckerei, Keramik- und Bildhauerwerkstatt eingerichtet. Dort wurde gelehrt, experimentiert und gestaltet, aber auch für den Verkauf und für Ausstellungen produziert. Als das Bauhaus 1925 nach Dessau umzog, wechselten einige seiner Lehrer, die seinem Kurs kritisch gegenüberstanden, zur Kunsthochschule Giebichenstein, so der Bildhauer Gerhard Marcks, die Töpferin Marguerite Friedlaender-Wildenhain oder die Weberin Benita Koch-Otte.

Auch der Schweizer Architekt Hans Wittwer, ein Mitarbeiter von Hannes Meyer am Bauhaus, kam 1929 an die Burg Giebichenstein und sollte sogleich mit einem fulminanten Aushängeschild für Furore sorgen. Im Auftrag der Stadt Halle waren ab 1926 alle Abteilungen der Hochschule mit der Ausführung des neuen Flughafens Halle-Leipzig befasst. Die ganzheitliche Konzeption reichte von der Typografie, Gestaltung der Geschäfts- und Werbepapiere, sämtlichen infrastrukturellen Einrichtungen über die von Paul Thiersch entworfenen modernen Flugzeughallen und Abfertigungsgebäude bis hin zum Flughafenrestaurant von Hans Wittwer. Den „Raum von schwebender Leichtigkeit“, wie der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion es einmal formulierte, stellt die Ausstellung als eines von drei Leitprojekten in einem separaten Saal heraus. Großfotografien inszenieren die karge Konstruktion aus mittig gestützten Auslegerträgern, um die ein stützenfreier Glasmantel gestülpt wurde. Noch deutlicher als beim Dessauer Bauhausgebäude wurde hier das Schweben und Fliegen künstlerisch sensationell wie innovativ inszeniert.

Doch leider hat Wittwers 1931 eröffneter „Glanzpunkt deutscher Baukunst“ den letzten Krieg nicht überlebt, was ihn der allgemeinen Betrachtung entzog. In dem knapp, streng, transparent und funktional angelegten Raum – die Heizkörper standen offen und bildeten zugleich die Brüstung – hingen satellitenartige Beleuchtungskörper, entworfen ebenfalls von der Burg und an Schlemmers Figuren im Triadischen Ballett erinnernd. In die Jetztzeit überführt direkt daneben die jüngste Kooperation. Das Unternehmen BMW hatte sich bei der Konzeption des ab 2002 errichteten Leipziger Werkes entschieden, mit der Hochschule gemeinsam gestalterische Lösungen zu schaffen. Maler und Grafiker entwickelten für die neuen Werkshallen ein Farbkonzept. Studierende der Modeklasse entwarfen für die Arbeitskleidung neue ungewöhnliche Formen.

Dieses Spannungsfeld erschließt ganz nebenbei fundamentale Unterschiede zum intellektuelleren, die Abstraktion konsequent vertretenden Bauhaus mit seinen internationalen personellen und publizistischen Vernetzungen. Die Burg Giebichenstein besaß dagegen eine auf die Synthese von Kunst und Handwerk zielende Konzeption mit eher gegenständlich-figürlich arbeitenden Künstlern und nationaler Ausrichtung, was die romantische, dem Hauptsitz geschuldete Namensgebung unterstreicht. Im Kern sicherte dies das Überleben der Schule bis heute.

Als drittes Leitprojekt wartet die Jubiläumsschau mit den von 1917 bis 1933 aufgeführten Puppenspielen auf. Vom Bildhauer Gustav Weidanz geschaffen, entfalten die maskenhaft stilisierten Köpfe eine bestechende bildhauerische Qualität. Ähnlich wie beim Bauhaus sollte das mit geringem Aufwand auszuführende Spiel die Fantasie anregen sowie als Exempel ganzheitlicher Ausdruckskunst Ereignisse pointiert persiflieren.

Im Hauptsaal der Ausstellung schreitet der Besucher verdichtet mit 260 Objekten entlang eines Zeitstrahls die Epochen ab. 1933 wurden aus sogenannten „Sparsamkeitsgründen“ 13 Lehrer entlassen, darunter auch der neue Direktor Gerhard Marcks. Die Arbeit in der nun bis 1945 von Hermann Schiebel geleiteten Hochschule bewegte sich im Sinne eines bodenständigen Handwerks. Man konzentrierte ich auf eigene Potentiale, hielt sich still zurück und arbeitete staatliche Aufträge ab, um sich daneben frei entfalten zu können. Produkte, allen voran Keramiken, offenbaren deutlich den schwerfällig-plumpen Duktus der Zeit.

Auch in den Abschnitten nach 1945 bleibt die Ausstellung bemerkenswert unkritisch. Das handwerkliche Profil wurde forciert, Fachklassen für Architektur oder freie Künste wieder eingerichtet. Mit dem 1948 engagierten Zeichenlehrer Willi Sitte stellte sich ein für die Zukunft bedeutsamer Zuwachs ein. Sein Freundschaftsteppich von 1955 versinnbildlicht symptomatisch das nunmehrige Ziel, „Ideen der werktätigen verständlich zu transportieren“. Der „Burggeist“ pendelte zwischen angepasstem und künstlerischem Denken, steuerte einen eigenen Kurs zwischen Ironie und Unbekümmertheit. Hauptaufgabe war es, Formgestalter für die Industrie auszubilden, wobei sozial orientiertes Design dominierte. Über seine politischen Kontakte konnte Willi Sitte, der von 1975 bis 1987 Direktor der Sektion bildende und angewandte Kunst war, manche Freiheiten heraushandeln.

Werkstattmäßig in großen Holzregalen arrangierte praktische Alltagsprodukte im Duroplast-Kunststoff „Meladur“ orientieren sich formal an der Ästhetik der Vorkriegsmoderne. Ab 1962 wurden unter den Vorzeichen des verstärkten Wohnungsbaus die ersten in modularen Gruppen zusammenfügbaren Systemmöbel kreiert, ein Produkt, bei dem sich Ost und West trafen. 1965 wurde die neue Abteilung für Spielmittelgestaltung aufgebaut, bis heute ein Markenzeichen der Hochschule. In den 1980er Jahren kam dann als Ergänzung der Unterburg noch der nahe Campus Neuwerk hinzu, ein höchst illustres Gebäudeensemble um eine Gründerzeitvilla.

Heute studieren an der Burg Giebichenstein über 1.000 Studenten in 42 Werkstätten, davon allein 398 in freien künstlerischen Fachbereichen. Orientierung geben, Positionen beziehen, Wirkung erzeugen – diesen Problemfeldern versuchen sich Lernende und Lehrende mit Energie zu widmen. Symptomatisch ist dafür auch, dass im Jubeljahr nicht nur eine historische Schau die Vergangenheit resümieren sollte. Eine Zusammenstellung von herausragenden Plakaten der letzten 100 Jahre erinnerte bereits an die reiche, unverwechselbare Plakatkultur der DDR, an der die Burg Giebichenstein erheblichen Anteil besaß. In einem anderen Ausstellungsprojekt ging es um die Integration künstlerischer Arbeiten in der historischen Kunst- und Naturalienkammer der Franckeschen Stiftungen. Ein besonders spannendes Stück Burggeschichte eröffnete im rührigen Kunstverein „Talstrasse“ den Blick auf Werdegänge von Absolventen vor genau 50 Jahren. Fülle und Umfang aller Aktivitäten zielen auf eine Vielfalt und Breite, die auch heute noch das „Burgleben“ auszeichnen.

Die Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“ ist bis zum 14. Februar 2016 zu besichtigen. Das Kunstmuseum Moritzburg hat täglich außer mittwochs von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum 24,50 Euro kostet.

Kontakt:

Kunstmuseum Moritzburg

Friedemann-Bach-Platz 5

DE-06108 Halle an der Saale

Telefon:+49 (0345) 21 25 90

Telefax:+49 (0345) 202 99 90



08.12.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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16.11.2015, Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

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Kunstmuseum Moritzburg - Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Bei:


Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Variabilder:

Vor der Bildhauerwerkstatt in der Unterburg von Giebichenstein
Vor der Bildhauerwerkstatt in der Unterburg von Giebichenstein

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Joachim Skerl, Schrankwandmodell, 1962
Joachim Skerl, Schrankwandmodell, 1962

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In der Druckwerkstatt der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle
In der Druckwerkstatt der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

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Blick vom Campus der Unterburg auf den Bergfried von Burg
 Giebichenstein auf der Oberburg
Blick vom Campus der Unterburg auf den Bergfried von Burg Giebichenstein auf der Oberburg

Variabilder:

in der Ausstellung
 „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“
in der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“

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in der Ausstellung „Moderne in der
 Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“
in der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“







Vor der Bildhauerwerkstatt in der Unterburg von Giebichenstein

Vor der Bildhauerwerkstatt in der Unterburg von Giebichenstein

Joachim Skerl, Schrankwandmodell, 1962

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In der Druckwerkstatt der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

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Blick vom Campus der Unterburg auf den Bergfried von Burg Giebichenstein auf der Oberburg

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in der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“

in der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“

in der Ausstellung „Moderne in der Werkstatt. 100 Jahre Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle“

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