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Mit schonungslos realistischen Bildern aus den Randzonen des sowjetischen und postsowjetischen Alltags hat sich der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov längst einen Platz in der Kunstgeschichte erobert. Jetzt wurde er in Goslar für sein Lebenswerk mit dem renommierten Kaiserring ausgezeichnet

Die Evidenz des Unübersehbaren



Ein bärtiger Mann mit weitaufgerissenem Mund, in dem nur noch ein einzelner, einsamer Zahn steckt. Kahlgeschorene, abgemagerte, kaum zehnjährige Jungen, barfuß und verdreckt, die Klebstoff aus rosa Plastiktüten schnüffeln. Eine Gruppe vorwiegend älterer Frauen, die einen jungen Mann mit bloßem Oberkörper, einer Kreuzabnahme gleich, auf den von Schnee bedeckten Boden legen. Die rund 400 farbigen Aufnahmen aus dem Bilderzyklus „Case History“ – etwa „Fallstudien“ oder „Krankengeschichte“ –, die der ukrainische Fotograf Boris Mikhailov zwischen 1997 und 1999 in seiner Heimatstadt Charkow gemacht hat, zeigen auf schonungslose Art die Lebensrealität von Obdachlosen, chronisch Kranken, Verstümmelten und anderen Randexistenzen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Doch Mikhailov ist kein klassischer Dokumentarfotograf. Auf seinen zum Teil bis ins Detail durchchoreographierten Aufnahmen inszeniert er die zuweilen entblößten, häufig entstellten oder ausgezehrten Körper seiner Protagonisten. Parallelen zur christlichen Ikonografie, zu Passionsszenen und Märtyrerdarstellungen sind unübersehbar. Er setzt uns den direkt in die Kamera gerichteten Blicken seiner Protagonisten unmittelbar aus. Ecce homo – seht euch diesen Menschen an, scheint jede der drastischen Aufnahmen sagen zu wollen. Für viele Betrachter sind diese Bilder kaum zu ertragen.


Boris Mikhailov erläutert dazu: „Obdachlose sind keine Helden, auf die eine Gesellschaft stolz ist, geht man einmal davon aus, dass Helden ein Ideal darstellen, nach dem sich eine Gesellschaft sehnt. Obdachlose wollen die einen nicht sehen, die anderen schämen sich ihrer, und die dritten verachten sie sogar.“ Die Entwürdigung des Menschen durch Armut, Krankheit und soziale Ausgrenzung hat wohl kaum ein postsowjetischer Fotograf ungeschönter und evidenter offenbar werden lassen als Mikhailov. Unter anderem diese Serie hat die Jury des Goslarer Kaiserrings auch dazu bewogen, die diesjährige Auszeichnung an den heute in Berlin und Charkow lebenden Fotografen zu vergeben.

Nach der Bekanntgabe des Preisträgers im Januar erfolgte jetzt die feierliche Übergabe der Auszeichnung in der Goslarer Kaiserpfalz. Und wie immer in der nunmehr 40jährigen Geschichte des in seiner Bedeutung häufig mit dem Literaturnobelpreis verglichenen Kaiserrings wird aus diesem Anlass im Mönchehaus Museum Goslar eine große Überblicksschau zum Werk des Preisträgers gezeigt. Die mit deutschen und internationalen Museumsdirektoren besetzte Jury unter dem Vorsitz von Wulf Herzogenrath, ehemals Direktor der Kunsthalle Bremen und heute Direktor der Sektion Bildende Künste der Akademie der Künste in Berlin, hebt Mikhailov als den „bedeutendsten Chronisten der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft“ hervor. Doch die umfangreiche Ausstellung im Mönchehaus Museum macht auch deutlich, dass Mikhailovs konzeptuell unterfüttertes Werk bei aller vordergründigen Drastik und Schmerzhaftigkeit auch über andere Qualitäten wie Humor, Subversion und Experimentierlust verfügt.

Boris Mikhailov wurde 1938 im ukrainischen Charkow geboren. Beide Eltern waren Ingenieure, und so studierte auch er zunächst Ingenieurwissenschaften. Nach Beendigung seines Studiums arbeitete er ab 1962 für die städtischen Verkehrsbetriebe seiner Heimatstadt und später in einer Fabrik für Raketenbau. Seine damalige Arbeit empfand er jedoch schnell als eine Mischung aus „Langeweile und Routine“. Mikhailov, der bereits sehr früh begonnen hatte, nebenbei das Leben des Normalbürgers im sowjetischen Alltag zu fotografieren, widmete sich ab 1968 ganz der Fotografie. Zuvor war er auf Druck des KGB entlassen worden weil, er Aktfotos von seiner Frau gemacht hatte. Worum es ihm zu Sowjetzeiten ging, das war, den einzig erlaubten offiziellen Bildern eine Art private und subversive Geschichtsschreibung entgegen zu setzen.

„Wahrscheinlich hat die Erkenntnis, dass durch die sowjetischen Verbote ganz viele wichtige Lebensäußerungen unserer Kultur nicht dokumentiert wurden, mich zur Kamera greifen lassen. Ich wollte einfach das Leben fotografieren. Nicht das Außergewöhnliche, das nichts über den Ort und die Zeit meines Lebens aussagt, sondern das Gewöhnliche. Ich suchte nicht nach dem Einzigartigen, sondern praktizierte eine Schnappschussfotografie. Sie war schnell getan und zeigte das alltägliche Leben der Menschen. Das war mir wichtig“, so Mikhailov.

Die Ausstellung im Mönchehaus Museum weist auch auf die vielen unterschiedlichen Richtungen hin, in die sich sein Werk in den vergangenen fünf Jahrzehnten aufgefächert hat. In der Serie „Red“ von 1968/75 etwa persifliert er das hohle Pathos der offiziellen Staatsfotografie, indem er die symbolträchtige rote Farbe der Sowjetmacht in vollkommen profanen, teils auch erotisch aufgeladenen Situationen herausarbeitet. Die in geradezu deprimierendem Blau eingefärbten Abzüge der 1993 entstandenen Serie „Dämmerung“ wiederum wirken in ihrer winterlichen Tristesse wie Bilder aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Ganz anders dann die kurzweilige Diaschau „Yesterday’s Sandwich/Butterbrot“, die im Filmraum des Mönchehaus Museums präsentiert wird. Zum Sound von Pink Floyd werden jeweils zwei aus den 1960er und 1970er Jahren stammende Dias übereinander projiziert. Das Resultat ist eine mitunter surreal anmutende Kombinatorik, etwa dann, wenn zwei ins Gespräch vertiefte ältere Herren von einem riesigen Ohr belauscht werden.

Dass Boris Mikhailov auch heute noch mit wachem Blick das Zeitgeschehen in seiner Heimat fotografiert, vermitteln die Bilder aus seiner 2014 entstandenen Serie „The Theatre of War“. In monumentalen Formaten zeigt er uns hier, symbolgeladenen Historienbildern gleich, die Geschehnisse auf dem Maidan in Kiew während der blutigen Proteste gegen den Präsidenten Viktor Janukowitsch. Wesentlich leichter wiederum kommt seine theatralisch aufgeladene Serie „Tea, Coffee, Cappuccino“ von 2000/10 daher, in der er auf humorvolle Weise die Begeisterung seiner Landsleute für die Verlockungen der westlichen Warenwelt festhält. Mikhailovs Aufnahmen wollen nicht einfach nur registriert und an der Museumswand abgeschritten oder beim Durchblättern eines seiner Fotobücher beiläufig konsumiert werden: Sie erheben beim Betrachter den Anspruch auf Wirkmächtigkeit und Evidenz. Ihnen mit Gleichgültigkeit zu begegnen, ist nahezu unmöglich.

Die Ausstellung „Boris Mikhailov – Kaiserringträger der Stadt Goslar 2015“ ist bis zum 30. Januar 2016 zu sehen. Das Mönchehaus Museum hat dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, für Jugendliche 1,50 Euro. Der Katalog liegt als Holzkassette mit sieben broschierten Einzelkatalogen für 28 Euro vor.

Kontakt:

Mönchehaus Museum für moderne Kunst Goslar

Mönchestraße 1

DE-38640 Goslar

Telefax:+49 (05321) 42 199

Telefon:+49 (05321) 29 570



12.10.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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10.10.2015, Boris Mikhailov – Kaiserringträger der Stadt Goslar 2015

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Boris Mikhailov – Träger des Goslarer Kaiserrings 2015
Boris Mikhailov – Träger des Goslarer Kaiserrings 2015

Künstler:

Boris Mikhailov







Boris Mikhailov – Träger des Goslarer Kaiserrings 2015

Boris Mikhailov – Träger des Goslarer Kaiserrings 2015




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