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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Die Berlinische Galerie lädt zum aktuellen Diskurs über Bauten der 1960er Jahre

Zwischen gleichförmigen Einheitstypen, Skulptur und Utopie



Kolossale lange Hochhausscheiben, glatte monotone Rasterungen, Verzicht auf das Kaschieren grober Betonflächen durch gefälligere Materialien – so abweisend präsentieren sich vielerorts in den 1960er Jahren geplante Bauten. Die maßstabslosen modularen Großformen ohne humane Aufenthaltsqualitäten bieten nicht einmal ansatzweise attraktive Lebensumfelder und sind heute schon technisch-energetisch veraltet. Verstärkt sehen sich jene solitären, einst als ideale wirtschaftliche Sofortlösungen gepriesene Betonfestungen erheblichem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Dies gilt speziell für Berlin, wo der politische Signalcharakter der Architektur besonders stattliche Lösungen zur Folge hatte. So hält denn auch der seit rund zwei Jahrzehnten wie eine Lawine über die deutsche Hauptstadt gewalzte bauliche Wandel auch vor jenen Gebäuden nicht inne, die einst Berlins neue Identität tonangebend symbolisierten. Wie es ihre Aufgabe ist, schaltet sich die Berlinische Galerie mit der Schau „Radikal Modern – Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre“ in aktuelle kulturelle Debatten der Stadt ein und versucht, vor dem Hintergrund künstlerischer Entwicklungen relevante Aspekte für die Wertigkeit dieser Bauten herauszuarbeiten.


„Das war in Wirklichkeit ein Propagandabau, der sich an die Sowjets richtete, die nur einen knappen Kilometer entfernt waren“, stellte Hugh Stubbins, Architekt der Berliner Kongresshalle mit ihrem Spitznamen „Schwangere Auster“, im Nachhinein fest. Bauen in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg war überwiegend ein Wettstreit der Systeme, der zu Zeiten der Teilung nach 1945 zur Hochform auflief. Bei aller Konkurrenz und divergierenden Komponenten entzog sich jedoch keine Seite internationalen Tendenzen und Vorbildern. Im Ergebnis bedeutet dies mehr Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West, als man auf den ersten Blick annimmt.

Bleiben wir im Westen: Fotografien eröffnen im Prolog der Ausstellung die Situation nach 1945. Erschreckend großflächige Brachen beispielsweise um die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zeigen den enormen Bedarf an Stadtreparaturen, die einen nie gekannten Bauboom auslösten. Der Wiederaufbau von Ruinen schien unmöglich und nicht gewollt, Neues sollte den Aufbruch in eine andere Zeit verkörpern. Aus Resten entstand Kühnes, allenfalls wie bei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von kompromissbedingten „Traditionsinseln“ in neue Strukturen eingebettet. Hier demonstrierte Egon Eiermann mit seinen Entwürfen, wie man einfühlsam, originell und zeitgemäß zu respektablen Lösungen gelangen konnte. Paul Baumgartens Eingriffe in das Reichstagsgebäude waren dagegen massiv, außer der Fassade als Wahrung des Scheins erinnerte vor allem innen nichts mehr an den Altbau.

Im Osten wurde Traditionelles noch weiter zurückgedrängt und ideologisch ausgeschlachtet. Das zudem noch zu einem Großteil rekonstruierte Portal IV des alten Berliner Stadtschlosses, vor welchem Karl Liebknecht 1918 die sozialistische Republik ausgerufen hatte, gab die Proportionen für das 1965 eröffnete Staatsratsgebäude von Roland Korn vor. Daher resultieren die sehr eigenwilligen, wie wenig funktionalen Formen.

Neue Gebäude durchsetzten im Osten wie im Westen die Stadträume. Den Breitscheidplatz um die Gedächtniskirche dominiert das 22geschossige Europa-Center von Helmut Hentrich und Hubert Petschnigg. Der überdimensionierte Mercedes-Stern auf der Spitze des Komplexes mit Shopping-Mall und Eislaufbahn krönt das Center als Mitte einer neuen Einkaufsmeile im Westen. Das Scheibenhochhaus eroberte, aus Amerika kommend, auch den europäischen Kontinent; nicht umsonst wird New Yorks Rockefeller Center immer wieder als Vorbild herangezogen.

Bei der Planung der Zentren im Osten stand der Alexanderplatz im Fokus. Das Hotel Stadt Berlin als vertikale Dominante, daneben das Centrum Warenhaus und das 1964 vollendete, von Hermann Henselmann konzipierte Haus des Lehrers mit seiner überkuppelten Kongresshalle bieten auffällige Bezüge zu ähnlichen Formen in den USA sowie zu Oscar Niemeyers Regierungsgebäude in Brasilia. Hier wurde erstmals in der DDR eine Fassade vor ein Stahlbetonskelett gehängt, unterbrochen von einem bildkünstlerischen Wandfries Walter Womackas unter dem Titel „Bildung im Sozialismus“. Die mexikanische Zentralbibliothek stand Pate für diese Art der Kunst am Bau. Die zurückhaltende Farbgebung sowie der sparsame Umgang mit Werbung bei den Bauten im Osten tun sich im Allgemeinen oft positiv hervor.

Viele Exponate unter den rund 300 Modellen, Filmen, Fotografien, Plänen, Collagen und Manuskripten von über 30 Architekten widmen sich Projekten des Verkehrs, verhieß doch das Automobil beiderseits eine bessere Zukunft. Im Westen schon Massenphänomen, war das Auto im Osten noch weitgehend ein Konsumversprechen. Hier herrschten mehr breite, ebenerdige Straßen mit geordnet fließendem Verkehr vor. Im Westteil entstanden Stadtautobahnen mit schwungvoll und elegant gerahmten, Dynamik verkörpernden Tunneleinfahrten. Wie in den USA wurde die Autofahrt stimmungsvoll als Erlebnis inszeniert, gepaart mit dem Gefühl eines Fly-over von Hochstraßen sowie flankiert mit Häusern, die baukünstlerisch aufgewertet wurden: dem UFO-ähnlichen Turmrestaurant, genannt „Bierinsel“, am Autobahnabzweig Steglitz oder der der Pop Art entlehnten Gestaltung der Raststätte „Dreilinden“. Fahrtechnisch ausdrucksvoll inszeniert wurde Deutschlands erster 1965 eröffneter Drive-In-Flughafen in Tegel, geplant von den Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg.

Diese Bauten leiten über zu Techno-Geometrien, serieller Vielfältigkeit und Großsiedlungen. Retortenstädte wie im Märkischen Viertel sollten die Wohnungsnot mildern und wurden begeistert in Anlehnung an Le Corbusiers „Wohnmaschine“ realisiert, doch schon bald klagten die aus der Stadt gedrängten Bewohner über Monotonie und Anonymität. Im Ostteil erzwang die Bauakademie eine rücksichtslose Normierung und Typisierung. Krönung dieser Entwicklung ist die erfreulicherweise Papier gebliebene Entwicklung von maßstabslosen, gigantischen Megastrukturen wie Großhügelhäusern, fliegenden Häuserfabriken in Raumzellenbauweisen aus dem neuen Material Plastik – Raumstädte also, die scheinbar für andere Wesen konzipiert worden waren. Das Abschreckende dieser Entwicklung mündete in eine Wiederentdeckung der Urbanität, in Sanierungen von Altbauten an der Stelle von Abrissen. Mit dem Denkmalschutzjahr 1975 war bereits eine andere Epoche eingeleitet.

Die Ausstellung „Radikal Modern. Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre“ ist bis zum 26. Oktober zu besichtigen. Die Berlinische Galerie hat täglich außer dienstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei. Der umfangreiche Katalog zur Ausstellung kostet im Museum 29,80 Euro.

Kontakt:

Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Photographie und Architektur

Alte Jakobstraße 124-128

DE-10969 Berlin

Telefax:+49 (030) 78 90 27 01

Telefon:+49 (030) 78 90 26 00

E-Mail: bg@berlinischegalerie.de



16.09.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


29.05.2015, Radikal Modern. Planen und Bauen im Berlin der 1960er-Jahre

Bei:


Berlinische Galerie

Variabilder:

Josef Kaiser, Großhügelhaus, 1971
Josef Kaiser, Großhügelhaus, 1971







Josef Kaiser, Großhügelhaus, 1971

Josef Kaiser, Großhügelhaus, 1971




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