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Die Fondation Fernet-Branca in Saint-Louis präsentiert in einer französisch-deutschen Doppelausstellung die Maler Bernard Frize und Günter Umberg im Dialog

Malerei – was sonst?



Wie kommt die Farbe zum Bild? Welche Beziehungen bestehen zwischen dem Maler, dem Bild und dem Betrachter? Wie radikal kann Malerei sein? Um Fragen wie diese geht es in der Doppelaussstellung „Bernard FrizeGünter Umberg“, mit der die Fondation Fernet-Branca im französischen Saint-Louis unweit von Basel derzeit ihre Räume bespielt. Der Franzose Bernard Frize und der Deutsche Günter Umberg suchen in ihrer Kunst nach Wegen der ganzheitlichen Malerei im philosophischen Sinn. Die Gemälde und Bildserien der beiden Künstler, die auf ein jahrzehntelang gereiftes, großes Œuvre zurückblicken können und die seit vielen Jahren in einer von Respekt, Freundschaft und künstlerischem Austausch geprägten Beziehung zueinander stehen, treten in der Fondation Fernet-Branca in einen ungewöhnlichen Dialog. Auf rund 1.000 Quadratmetern in zehn Räumen zeigen sie eine Auswahl von Werken. Von Frize, der 1954 im französischen Saint-Mandé östlich von Paris geboren ist und heute in Frankreichs Kapitale sowie Berlin lebt, sind Bilder der letzten zwanzig Jahre zu sehen. Der 1942 in Bonn geborene Umberg hingegen, der zwischen Köln und dem kleinen Örtchen Corberon im französischen Burgund pendelt, stellt in Saint-Louis Bilder der letzten vierzig Jahre vor.


Was sind die charakteristischen Merkmale, die die Malerei dieser beiden Vertreter der abstrakten Bildfindung prägen? Beiden geht es generell um das Prozesshafte in der Malerei. Günter Umberg gilt als einer der Hauptvertreter der „Radikalen Malerei“, des „Radical Painting“. In den späten 1970er Jahren bildete sich dieser Stil in den USA und in Westeuropa heraus. In New York traf sich damals eine Gruppe von Künstlern, die sich auf die Suche nach den Wurzeln der Malerei begab. Günter Umberg reiste 1982 zum ersten Mal nach New York und ist seitdem immer wieder dorthin zurückgekehrt. Die radikalen Maler aus den USA und aus Europa tauschten sich intensiv aus, besuchten sich gegenseitig in ihren Ateliers und fanden so etwas wie eine gemeinsame Haltung. „Radical Painting“ war jedoch weniger eine Künstlergruppe als ein gemeinsamer Stil. Den Höhepunkt dieser Kunstströmung bildete 1984 die Ausstellung „Radical Painting“ im Williams College Museum of Art in Williamstown, Massachussetts, die unter anderem von Thomas Krens, dem späteren Direktor des New Yorker Guggenheim Museums, kuratiert wurde. Im Jahr 1986 erschien dann die von Joseph Marioni und Günter Umberg verfasste, manifestartige Schrift „Outside the Cartouche. Zur Frage des Betrachters in der radikalen Malerei“.

Wie nur wenige andere Künstler, setzt sich Umberg auf einer intellektuellen, kunsttheoretischen und nicht zuletzt auch philosophischen Ebene mit grundlegenden Fragestellungen der Malerei auseinander. Dies geschieht einerseits in Form von eigenen Schriften und Gesprächen mit Kritikern, Galeristen und Kunsthistorikern. Andererseits begibt er sich seit den 1980er Jahren auch in die Rolle des Kurators. Im Herbst 1982 rief er den „Raum für Malerei“ in Köln ins Leben, wo er sechs Jahre lang regelmäßig internationale Malereipositionen vorstellte. Keine Ausstellungen im klassischen Sinne, sondern vielmehr subjektive Sichtweisen auf einzelne Bilder. „Der Ausgangspunkt war immer mein Sehen von einzelnen Bildern“, zog Günter Umberg 1994 rückblickend Bilanz. Diese Kölner Plattform für europäische, deutsche und US-amerikanische Künstler wie Robert Ryman, Olle Bærtling, Gotthard Graubner, Raimund Girke oder Keith Sonnier kann im Rückblick als einer der wichtigsten Orte angesehen werden, der Positionen der Farbmalerei, der Monochromie und der Radikalen Malerei vorstellte und diskutierte. 1993 begann Günter Umberg, kontinuierlich in Galerien, Museen und Ausstellungshäusern zu kuratieren und eigene Konzepte für Sammlungsräume zu entwickeln. Hier beschäftigt er sich jedoch nicht ausschließlich mit Malereipositionen, sondern bindet auch Künstler ein, die in anderen Medien arbeiten, wie etwa die Bildhauerin Franka Hörnschemeyer oder die britischen Konzeptkünstler Jonathan Monk und Ceal Floyer.

In der Fondation Fernet-Branca bekam Günter Umberg zusammen mit Bernard Frize abermals die Gelegenheit, seine kuratorische Handschrift zu hinterlassen. Beide Künstler werden seit langem von der renommierten Wiener Galerie nächst St. Stephan vertreten. Ermutigt durch die Galeristin Rosemarie Schwarzwälder und den im November 2013 neu angetretenen Direktor der Fondation Fernet-Branca, Pierre-Jean Sugier, der neuen Schwung und kuratorische Erfahrung aus Paris mitbringt, erhielten Umberg und Frize eine Art „Carte Blanche“. Ihre Bilder in einen Dialog zu bringen und in den Räumen der ehemaligen Magenbitter-Destillerie zu arrangieren, war für beide eine interessante Herausforderung. „Beziehungen zueinander haben mich immer schon interessiert“, sagt Umberg. Und Frize, der seine Bilder nach genau definierten Regeln in einem an industrielle Arbeitsvorgänge erinnernden Prozess von vielen Assistenten herstellen lässt, stellt klar: „Es geht alles um Malerei. Farbe interessiert mich überhaupt nicht. Ich benutze alle Farben der Skala, weil ich keine Entscheidungen treffen will.“

Seit mehr als vierzig Jahren entwickelt sich das malerische Werk von Bernard Frize in einer Meisterschaft. Farbschlingen, organische Formen, abstrakte Wellen in Regenbogenfarben sowie kompositorische Experimente mit einer exakt nach Frizes Vorgaben ausgeführten Pinselführung sind charakeristisch für seine meist in Serien entstehende Malerei. Keine expressiven Gesten, keine Improvisationen auf der Leinwand, keine subjektive Handschrift. Und die schillernde Leuchtkraft der farbintensiven Bilder, die beim Betrachter intuitive, subjektiv unterschiedliche Empfindungen auslösen? „Ich bitte andere, die Farben für meine Bilder nach dem Zufallsprinzip auszuwählen“, erläutert Bernard Frize. „Da gibt es nichts Bedeutungsvolles hinter meinen Bildern.“

Auch Günter Umberg negiert „Komposition“ als Begriff für seine Malerei. Für ihn hat Malerei eher eine immaterielle Dimension. Seit den 1970er Jahren malt er monochrome Bilder in verschiedenen Formaten. Zunächst benutzte er grobkörnige Grafitpigmente, die er schichtweise auf konisch geschnittene, dünne Aluminium- oder Holzträger aufbrachte. Durch das langsame Auftragen und Abschleifen von bis zu hundert Schichten entsteht eine unbegreifliche Tiefenwirkung. Keine Malspuren sind erkennbar, keine Handschrift des Künstlers. Über die Jahre experimentierte Umberg mit Asphaltlack, Dammarharz, Wachs und Paraffin. In den 1980er Jahren entdeckte Umberg dann schwarzes Pigment als Ausgangsmaterial, das er weder verreibt, noch verflüssigt oder verdünnt. Jede inhaltliche Assoziation zu seinen monochromen schwarzen Bildern lehnt er jedoch ab. Lesarten, die den Tod, das Absolute oder das Nichts in seine Bilder hineininterpretieren, lässt er nicht gelten. „Schwarz interessiert mich überhaupt nicht“, stellt er fast provokativ klar.

Was ihn jedoch interessiert, ist die Verwendung der Nichtfarbe Schwarz in kunsthistorischen Zusammenhängen, etwa in der Malerei von Andrea Mantegna, Francisco de Goya oder Edouard Manet. Seit Mitte der 1990er Jahre öffnet Günter Umberg seine Farbpalette und verwendet auch Pigmente in Orange-, Grün-, Blau- oder Ockertönen. Auf seinen samtmatten Bildern finden sich jedoch weder abbildende noch figurative Elemente. Vielmehr geht es ihm um die Auseinandersetzung mit Material und Oberfläche. „Meine Malerei hat keine Bedeutung, sie existiert aus sich selbst heraus“, sagt Günter Umberg. Eine nicht messbare Größe und eine nicht greifbare Tiefe in seiner Malerei konfrontiert den Betrachter unmittelbar, geradezu physisch.

Die Präsenz des Betrachters spielt für Günter Umberg ebenso wie für Bernard Frize bei der Konzeption der Ausstellung eine große Rolle. „Ein Bild muss einen Ort haben“, sagt Günter Umberg. „Es hängt nicht einfach nur an zwei Nägeln.“ So stößt der Betrachter in der Fondation Fernet-Branca auf dem in zwei Richtungen begehbaren Parcours durch die zehn ineinander übergehenden Räume abwechselnd auf einzeln und in Gruppen präsentierte Werke des deutschen und des französischen Malers. Die verschiedenen Bildserien des Franzosen treten in einen Dialog mit den sogenannten „Territorien“ des deutschen Radikalmalers. So bezeichnet Günter Umberg eine von ihm konzipierte Art der Hängung von einzelnen Bildern in verschiedenen Formaten und Farbtönen über- und nebeneinander in einer offen gehaltenen Ordnung, die nichts Endgültiges hat.

„Von allen Gemälden bietet das radikale Gemälde die wenigste Information und die meiste sinnliche Erfahrung“, schrieb Günter Umberg bereits 1986 in seiner Schrift „Outside the Cartouche“. „Wenig an ihm kann sinnlich wiedergegeben werden; es kann nur schwerlich erklärt werden, da die Begegnung mit ihm nicht der Kommunikationsform entspricht, die wir Sprache nennen.“ Was Worte nicht zu sagen vermögen, lässt sich dennoch physisch und unmittelbar bei einem Besuch der Doppelausstellung in der Fondation Fernet-Branca erfahren. Gelegenheit dazu besteht noch bis Anfang Oktober.

Die Ausstellung „Bernard Frize – Günter Umberg“ läuft bis zum 4. Oktober. Die Fondation Fernet-Branca hat mittwochs bis sonntags von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, emäßigt 6 Euro; für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist er kostenlos.

Kontakt:

Fondation Fernet-Branca

2, rue du Ballon

FR-68300 Saint-Louis

Telefon:+33 (0389) 69 10 77

E-Mail: info@fondationfernet-branca.org



03.09.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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