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Die große Retrospektive zu Sigmar Polke hat nach Stationen in New York und London das Kölner Museum Ludwig erreicht

Ankunft in der Heimatstadt



Die Rolle eines Sonderlings zelebrierte Sigmar Polke in Leben und Werkschaffen gleichermaßen. Ähnlich einem Phantom schwer fassbar, plötzlich anwesend und dann doch wieder abwesend, bewegte er sich wie seine Kunst im Flüchtigen, Schleierhaften, Mehrschichtigen. Dies lässt das Kölner Museum Ludwig derzeit seinen Besuchern deutlich in einer Retrospektive spüren: Sie müssen sich permanent auf andere Medien einstellen. Überdies wird ihnen abverlangt, sich konzentriert auf Diffuses einzulassen, das zwischen Realem und Abstraktion oszilliert. Mediale Wechsel und Verknüpfungen beherrschen kontinuierlich den Ausstellungsrundgang vorbei an rund 250 überwiegend großformatigen Bildern, an Zeichnungen, Skizzenbüchern, Objekten, Skulpturen, Collagen, Fotografien, Filmen, Diainstallationen und Fotokopierarbeiten.


Befragt man den Inhalt, outet Sigmar Polke sich als hochpolitischer Künstler. Ironisch und bissig persifliert er Kunst, Politik und Gesellschaft. Seine Gedanken kreisen um die Spießigkeit der Bonner Republik, bemängeln den Umgang mit der eigenen Geschichte oder kommentieren humorvoll bis sarkastisch die künstlerischen Tendenzen der Nachkriegszeit. Nach dem sinnigen Titel „Die drei Lügen der Malerei“, dem die Kuratoren der 1997 in der Bonner Bundeskunsthalle veranstalteten Werkschau verordneten, firmiert die jetzige Retrospektive unter „Alibis“ als Metapher für Polkes künstlerisches Fremdgehen, für seine Seitensprünge und Ausreden.

Sicherlich entspringt dies auch seinen schwierigen Lebensumständen. Schon bald musste der am 13. Februar 1941 im schlesischen Oels Geborene über Thüringen und Berlin nach Düsseldorf fliehen. Hier, im Stadtteil Kaiserswerth, absolvierte Polke ab 1959 in der renommierten Firma Derix eine Mosaik- und Glasmalerlehre, der sich ab 1961 bis 1967 das Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Otto Götz und dann bei Gerhard Hoehme anschloss. Schon während dieser Zeit machte er von sich reden, insbesondere, als er 1963 zusammen mit Gerhard Richter, Konrad Lueg und Manfred Kuttner die Aufbruchsstimmung nutzte, um in einem ausgedienten Metzgerladen auf eigene Faust eine Gruppenausstellung zu organisieren. Hier riefen sie als eigenständige Antwort auf die Pop Art den „Kapitalistischen Realismus“ aus.

Von 1972 bis 1978 lebte und arbeitete Polke auf dem Gaspelshof in Willich im Kreis Neuss, der sich fortan zu einem beliebten Treffpunkt der internationalen Künstlerszene entwickelte. 1978 zog er nach Köln, wo Polke am 10. Juni 2010 starb. Nachhaltig in Erinnerung bliebt er als Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg zwischen 1977 und 1991, als Teilnehmer an der fünften Documenta 1972 sowie Aussteller im deutschen Pavillon auf der 42. Biennale in Venedig im Jahr 1986. Für diese Präsentation erhielt er den Goldenen Löwen. Immer wieder unternahm er längere Reisen insbesondere in asiatische Länder, die er filmisch wie fotografisch erkundete. Wie im gesamten Œuvre interessierten Polke auch hier gesellschaftliche Entwicklungen.

In den Bildern der 1960er Jahre ersann Polke Streifzüge durch die Wohlstandsgesellschaft und nahm das kleinbürgerliche deutsche Wohnzimmer auf die Schippe. Socken, Hemden und Würste etwa stehen für die Warenwelt der Nachkriegszeit. Wie wohl kaum ein anderes Werk der Kölner Ausstellung ist die Installation „Kartoffelhaus“ der Inbegriff kleinbürgerlicher Werte. Gemusterte Stoffe als Hintergrund zerpflücken den pedantischen, in vielen Wohnstuben der Zeit gebräuchlichen Geschmack, decken dessen Spießigkeit und Kitsch auf. Früh positionierte sich Polke als Antikünstler. Immer wieder flossen exotische Sehnsuchtsmotive in seine Kunst ein, etwa Palmen oder Flamingos, die – ironisch gegen den Stoffgrund gekehrt – die Idylle begehrter, aber noch unerreichbarer Fernreisen verdeutlichen. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre reagierte der Künstler auf die Ignoranz und Verdrängung der Geschehnisse vor 1945 mit provokanten Motiven. Immer wieder lassen sich Ausschnitte von Hakenkreuzen entdecken wie in den Bildern „Moderne Kunst“ oder „Konstruktivistisch“, die Polkes Hadern mit der Abstraktion als bedeutenden Stil der Nachkriegsmalerei vermitteln.

Einer der insgesamt elf Abschnitte widmet sich dem künstlerischen Selbstverständnis, den Eingebungen, dem telepathischen Austausch mit William Blake und der Inspiration von Künstlern und Kunstbewegungen um Marcel Duchamp, Dada oder Fluxus. Ergebnisse dieser Prozesse waren absurde Konstruktionen wie der „Apparat mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“. Sigmar Polke verschob Wahrheiten, persiflierte vermeintlich wissenschaftliche Untersuchungen und setzte sich selbst ohne Scheu ironisierend in den Mittelpunkt. Daneben finden politische Verwerfungen, Drogenkultur und der Geschlechterkampf in Collagen, Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken ihren Niederschlag. Wiederholt benutzte Polke dabei Vorlagen aus Magazinen und Zeitungen, sprühte und bemalte sie mit Schablonen. Es entstanden irritierende Schichtungen, Vexierbilder, Sehtäuschungen und Verwandlungen. Als Glasmaler beherrschte er das Zerlegen von Farben, Linien und Flächen.

In den Fotografien, insbesondere in den von Doppelbelichtungen und kontrastreichen Montagen angefüllten Filmen vereinen sich Lust und Lebenspraxis. Bereits von Anbeginn faszinierten Polke optische Apparate und deren trügerische Potentiale. Gerade sie ermöglichten es ihm, Sichtbares mit Mittel seiner Kunst in Frage zu stellen. Neben fotomechanischen Prozessen zogen ihn ungewohnte Malmaterialien und deren chemische Reaktionen magisch an. In den 1980er Jahren experimentierte er mit fluoreszierenden und giftigen Substanzen wie Arsen, ein Grund dafür, dass es ihm in den Jahren vor seinem Tod so verflucht schlecht ging, wie sein Sohn am Rande des Ausstellungsauftakts in Köln anmerkte. Mit der Schütttechnik schuf Polke abstrakte Gemälde. Aus der sechsteiligen Werkgruppe „The Spirits That Lend Strength Are Invisible“ sind zwei Arbeiten in Köln zu sehen, die erstmals in Europa ausgestellt werden. Hier goss Polke Lack in verschiedenen Schichten auf die liegende Leinwand des einen Bildes und schüttete Späne von Meteoroiden darauf. Auf dem anderen Gemälde befestigte er Pfeilspitzen amerikanischer Ureinwohner und streute Blattsilber darüber.

Am Ende der Kölner Ausstellung findet sich der siebenteilige Zyklus großformatiger Hochsitzbilder aus den Jahren 1984 bis 1988. Das auf einer manipulierten Fotografie fußende Sujet des Jägerhochsitzes nimmt Bezug auf die Türme in Gefangenenlagern oder an der Grenze zur DDR. Eine mit „Sonderausweis“ bedruckte Karte ist auf zwei Gemälden zu erkennen und kann wohl mit der staatlichen Überwachung zu Zeiten des RAF-Terrorismus assoziiert werden. Als Malgrund diente ein kitschig gemusterter Stoff, der teils von fotomechanischer Flüssigkeit bedeckt wird, wodurch die schwere Erkennbarkeit resultiert und der Betrachter zur aktiven Wahrnehmung herausgefordert wird. Besonders bewirken dies immer wieder kehrende Raster, die den Künstler bekannt gemacht haben: Der Punkt wurde eines seiner Markenzeichen. Polke vermischte Figuratives und Abstraktes, wodurch er den optischen Eindruck störte oder täuschte.

Bis zuletzt hat Sigmar Polke die Verfahren immer weiter entwickelt, so auch mit Stoffen. In seiner Vielfalt blieb er immer für Überraschungen gut. Verschiedene, entgegen dem Titel unmodisch erscheinende Textilien sind in „Season’s Hottest Trend“ aus dem Jahr 2003 kombiniert. Im letzten großen Bild lenkt Polke die Aufmerksamkeit vollends auf das Material selbst. Ein synthetisches Fell, ein blauer Stoff, Tuch sowie ein durchscheinender, den Blick auf das Rastergestell dahinter frei gebender Vorhangstoff erinnern an monochrome Malerei, triviale Materialien und die von ihm geliebten transparenten Malgründe, so, als ob er sich selbst diffus ins dahinter liegende kleistrige Jenseits verabschieden wollte.

Die Ausstellung „Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive“ ist noch bis zum 5. Juli zu sehen. Das Museum Ludwig hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 9 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der im Museum 39,95 Euro kostet.

Kontakt:

Museum Ludwig Köln

Heinrich Böll Platz

DE-50667 Köln

Telefax:+49 (0221) 221 241 14

Telefon:+49 (0221) 221 261 65



28.06.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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