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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Das Kunstmuseum Mu.ZEE im belgischen Ostende zeigt die letzte von Jan Hoet konzipierte Ausstellung zum Thema Meer. Nach seinem Tod im Februar 2014 ist sie zu einer Ehrerbietung an den Ausstellungsmacher geworden

Segle weiter



Kris Martin, Altar, 2014

Kris Martin, Altar, 2014

Kunstschaffende ließen sich gerne von den permanent wechselnden Stimmungen, tröstlichen Schönheiten und bedrohlichen Unberechenbarkeiten des Meeres anstecken. Aufbegehrende Wellen aus dicken, teils mit dem Spachtel aufgebrachten Farbschichten führen in Gustave Courbets Gemälde „La vague“ die gewaltige Kraft des Wassers vor Augen. Anders arbeitete sich Tim Eitel am Meer ab. Zwischen zwei Pfeilern bewegt sich sein Kanu hinaus über eine Schwelle ins Nirgendwo. Arnold Böcklins Toteninsel kommt in den Sinn. Auch Alex Katz bleibt im Unbestimmten. Auf seinem großformatigen sand- wie sonnengelben Strandbild geistern nichtssagend Asiaten. Bernd Lohaus vereint aufgespültes Holz oder Taue, die er bei Spaziergängen am Ufer der Schelde fand, zu einem Ensemble. Eigentlich haben die Stücke das Leben bereits hinter sich. Jene Elemente, angereichert durch Algen, Seetang und Muscheln stellt Henri Matisse in seinem „Océanie: la mer“ um 1946 scherenschnittartig zusammen.


Die Mitte der groß angelegten Ausstellung über das Meer im Mu.ZEE in Ostende ist aber ein kleines, dafür umso mehr fesselndes Gemälde Luc Tuymans’. In dem formal reduzierten, grautonigen „Spirit of St. Louis“ lenkt er den berühmten Flieger Charles Lindberghs über das Nichts des Atlantiks, mit dem der berühmte Pilot 1927 erstmals Nonstop in die Neue Welt übersetzte. Als der Ausstellungsmacher Jan Hoet 1988 den Künstler besuchte und das gerade vollendete Gemälde erblickte, erwarb er es auf der Stelle – das erste Bild, was der damals junge, unbekannte Tuymans verkaufte. Hier, im Nukleus der Schau, kumuliert, um was es geht. Um Stürme, Grenzüberschreitungen, Krisenmomente bei Kunst und Künstlern vom 19. Jahrhundert bis heute und um Jan Hoet, der alldem in dieser Ausstellung auf die Spur kommen möchte.

Geboren am 23. Juni 1936 im belgischen Löwen, nahm Hoet schon als Kind Malunterricht und arbeitete nach dem Diplom zunächst als Kunsterzieher. Danach studierte er Kunstgeschichte und Archäologie. Nach der Dissertation vielseitig umtriebig, etablierte er 1975 mit dem „Museum van Hedendaagse Kunst“ in Gent das erste Institut für zeitgenössische Kunst in Belgien. Seit 1999 amtierte er als Direktor des neu eröffneten Stedelijk Museum voor Actuele Kunst in Gent. In Deutschland wurde er als Chef der neunten Documenta 1992 bekannt. Unvergessen bleibt, wie er intuitiv die Neubestimmung des Individuellen verfolgte, schrill, lärmend, ordnungslos Werke etwa von Thomas Schütte, Ilya Kabakov, Bruce Nauman, Tadashi Kawamata oder Rodney Graham inszenierte. Auch für seinen „Ausklang“ bot Deutschland eine Plattform mit dem neuen Museum Marta in Herford, dessen Direktor er von 2003 bis 2009 war.

Auch im Ruhestand unentwegt geschäftig, kuratierte Jan Hoet 2012 in der Genter St.-Bavo-Kathedrale eine Schau über Kunst und Religion, der 2013 eine Ausstellung über Kunst und Psychiatrie im flämischen Ort Geel folgte, in dem er aufgewachsen war. Abschluss der Trilogie sollte die Schau über das Meer werden, die er bis zu seinem plötzlichen Tod am 27. Februar 2014 noch zu rund 70 Prozent konzipieren konnte. Noch vor dem Ableben gab er seine Einwilligung zur Vollendung des Projektes in Ostende, dem er sich sehr verbunden fühlte und wo er sich oft mit Künstlern traf, darunter Joseph Beuys. Als Spross einer Arztfamilie – sein Vater leitete eine psychiatrische Klinik und beherbergte zu Therapiezwecken oft Patienten in der Direktorenvilla – beschäftigten schon den jungen, oft verängstigten Jan Hoet Korrespondenzen von Kreativität, Schizophrenie und Drogen – Grenzfälle, wie sie sich in der Kunst etwa bei Vincent van Gogh oder Edvard Munch offenbaren.

Welche Rolle spielt hier das Meer? Mal mehr, mal weniger offensichtlich durchdringt das von 134 Künstlern gestaltete Panorama aus fast 300 Exponaten die See in unterschiedlichen Varianten. Mit dem Muscheltopf tritt ein Schlüsselwerk des Konzeptkünstlers Marcel Broodthaers auf. Die Muschel verschafft sich ihre eigene Schale, was sie mit einem Kunstwerk verbindet. Ironisch übt der Künstler Kritik an der Rolle der Kunst und des Künstlers in der Gesellschaft. Wie auch hier oszillieren viele Arbeiten zwischen Surrealismus, Dadaismus und Pop Art. Reinhard Mucha kombiniert abstrakte Formen ausrangierter Möbel mit neuen Elementen, die deren Strukturen fortsetzen. Jannis Kounellis fügt seinen „Albatros“ aus vorgefundenen Holzlatten zusammen. Patrick Corillon kreiert in „La dernière corde“ Taustränge zu markanten „Verknüpfungen“. Thomas Schütte flüchtet sich in die Vita des spurlos verschwundenen Seemannes Alain Colas, dessen überlebensgroßes Brustbild er auf einer Palette darbietet. Im Hintergrund zieren 456 von Hanne Darboven beschriebene DIN A 4-Papierbögen die Wände. „Der Sand“, so der Titel ihrer Arbeit, untersucht die Wortbedeutungen, ehe rhythmisch fließende Linien zu abstrakt-konzeptuellen Strängen mutieren.

Auch Anselm Kiefer gehörte zu den von Hoet geschätzten Künstlern. Der gebürtige Donaueschinger ist mit einem Stapel Bleibücher präsent. Auf dem obersten Buch des „Naglfar“ ruht zwischen Zähnen ein Kriegsschiff. Gerhard Richters unscharfe und leicht verzerrte Seestimmung aus dem Jahr 1969 erzeugt eher ein Gefühl der Verfremdung und rückt die bemalten Flächen in den Vordergrund. Komplizierter waren dagegen Hoets Begegnungen mit dem deutschen Maler Sigmar Polke, daher auch dessen auffallendes Fehlen unter den veritablen Namen aktueller Künstler. Nur bei genauem längerem Hinsehen erschließt sich auf Hiroshi Sugimotos völlig abgedunkeltem Ozeanmotiv die Linie des Horizonts.

Klassische Positionen wie William Turners wechselnde, in fast abstrakte poetische Gemälde gefasste Witterungsumstände, James Ensors schleierhaft wie abgründig anmutende surrealen Werke oder das pastose, von tiefen Teerfarben geschwärzte Marinebild des belgischen Expressionisten Constant Permeke stehen im Dialog mit späteren Positionen. Klar und schwungvoll, in hellem Violett aufgebläht erscheinen die Bootssegel in einem 1911 gemalten Bild von Francis Picabia, während bei Pablo Picasso 17 Jahre später dieses Sujet kubische Formen annimmt. Neoklassizistisch und distanziert gibt sich Félix Vallottons „Baigneuse assise sur un rocher“ von 1910, während Henry van de Velde 1888 für seine Strandansicht von Blankenberge pointillistische Stilmittel wählt. „Der Windstoß“ des eher in Belgien bekannten Symbolisten Léon Spilliaert zeigt eine auffällige Nähe zu Edvard Munchs „Der Schrei“.

Der belgischen Landestradition adäquat, sind immer wieder absonderlich bizarre Positionen eingestreut, etwa der an religiöse Kultgegenstände erinnernde, aber aus einem filigranen Stahlmodell zu einer Schnecke gedrehte Pokal „Nautilus“ in gotischen Stilformen von Wim Delvoye bis hin zu seinen am Rechner neu collagierten Fantasielandkarten. Gleich einer Pixelwelt flimmert eine großformatige türkisblaue Rasterlandschaft von Werner Cuvelier dem Besucher vor Augen. Die Amsterdamer Fotografin Rineke Dijkstra fotografiert Jugendliche am Strand, mal unsicher, mal selbstbewusst dreinschauend. Am Ende der Ausstellung steht eine Bank des niederländischen Künstlers Henk Visch, auf der er mit Jan Hoet über die geplante Ausstellung diskutierte. Das filigrane, lange Gestänge besitzt die Form einer Welle.

Jan Hoet war es auch, der die Kunst aus isolierten Museumszonen hinaus in die Öffentlichkeit trug. Wegweisend war die Ausstellung „Chambres d’amis“ im Jahr 1986, als er Genter Bürger überredete, in ihren Privaträumen Kunst auszustellen und Privates ins Öffentliche zu überführen. So greift die Ostender Schau auch weit über das Mu.ZEE hinaus. An zwölf Plätzen beleben Werke die Innenstadt. Am historischen Bahnhofsgebäude hängt John Baldessaris großflächiges Bild „Brain/Cloud“. Über einer Palme und strahlend blauem Meer schwebt eine Wolke in der Form einer Hirnschale als physische Verkörperung kreativen Denkens. Im brutalistischen, heute als Kulturzentrum genutzten ehemaligen Hauptpostgebäude verweist Rodney Graham mit seiner Lichtbox „Lighthouse Keeper With Lighthouse Model“ auf die Automatisierung und damit Überflüssigkeit eines ganzen Berufsstandes.

In der historischen Kapuzinerkirche bringt dann der Magier James Lee Byars mit zwei Mondsicheln Schönheit und Einfachheit in Material und Form zum Ausdruck, ergänzt von bibliophil kostbar gestalteten Briefen an Jan Hoet. In einem ehemaligen Kino wird erneut das Video „The Arc of Ascent“ von Bill Viola aufgeführt, das ebenso wie Byars’ Werke auf Hoets Documenta zu sehen waren. Auch im Kolonnadengang des altehrwürdigen Palasthotels sind einige Arbeiten versammelt, so eine Installation aus 15 dekorativen Gemälden mit Meeresblick, die Hans-Peter Feldmann auf Trödelmärkten erstand. Am Strand davor installierte Kris Martin einen Metallrahmen, der den exakten Umriss des von Hoet so geliebten Genter Altars annimmt. Durch leere Felder schweift der Blick nun in die Weite des Meeres. Zum Abschied flattern bunt bedrucket Wimpel an einem Segelboot im Ostender Hafen Jan Hoet hinterher, gestaltet nach Vorbildern im Genter Museum von Lawrence Weiner und ergänzt um die Worte „Sail on“ – segle weiter Jan Hoet.

Die Ausstellung „Das Meer. The Sea. La Mer. De Zee – Salut d’honneur Jan Hoet“ ist bis zum 19. April zu sehen. Das Mu.ZEE hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 5 Euro, ermäßigt 4 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen, der an der Museumskasse 45 Euro kostet, sowie ein Stadtführer zu den Außenprojekten zu 7 Euro und ein kostenloser Kurzführer.

Kontakt:

Mu.ZEE

Romestraat 11

BE-8400 Oostende

Telefon:+32 (059) 50 81 18

Telefax:+32 (059) 80 56 26

E-Mail: info@muzee.be



15.03.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Félix Vallotton, Baigneuse assise sur un rocher, 1919
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Kris Martin,
 Altar, 2014
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John Baldessari, Brain/Cloud (with Seascape and Palm Tree), 2009
John Baldessari, Brain/Cloud (with Seascape and Palm Tree), 2009

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Gustave
 Courbet, La vague, 1869
Gustave Courbet, La vague, 1869







Félix Vallotton, Baigneuse assise sur un rocher, 1919

Félix Vallotton, Baigneuse assise sur un rocher, 1919

John Baldessari, Brain/Cloud (with Seascape and Palm Tree), 2009

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Gustave Courbet, La vague, 1869

Gustave Courbet, La vague, 1869




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