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Inspiriert von einem Foto Lucian Freud variiert Jasper Johns das Motiv in unterschiedlichen Medien. Das Ergebnis ist nun im Wiener Belvedere zu sehen

Freud, Deakin, Goya und Bacon



Als Intervention im barocken Kontext zeigt das Obere Belvedere aktuell eine kleine Werkschau von Jasper Johns. Nach Stationen im New Yorker Museum of Modern Art und in der Londoner Courtauld Gallery ist die Ausstellung mit dem Titel „Regrets“ im Wiener Belvedere angekommen. „Regrets“ ist eine der jüngsten Serien des 1930 geborenen US-amerikanischen Künstlers, der Mitte der 1950er Jahre mit seinen Flaggen, Zielscheiben, Zahlen und Landkarten als Wegbereiter der Pop Art Kunstgeschichte schrieb. Angeregt durch ein Fundstück, ein Portraitfoto seines Freundes, des 2011 verstorbenen Malers Lucian Freud, das Jasper Johns im Sommer 2012 in einem Auktionskatalog von Christie’s entdeckte, variierte er das Motiv in verschiedenen Techniken. Bei der Vorlage handelt sich um eine von mehreren Portraitaufnahmen, die der Fotograf John Deakin von Lucian Freud angefertigt hatte. Die Fotos entstanden 1964 im Auftrag von Francis Bacon.


Die Schwarzweißaufnahme aus dem Auktionskatalog, die sich über viele Jahre in Bacons Atelier befand, zeigt Freud in leicht gebückter Haltung und mit übereinander geschlagenen Beinen auf der Matratze eines Messingbettes sitzend. Die Ärmel seines weißen Hemdes hat sich der Maler bis über die Ellbogen hochgekrempelt. Den Kopf seitlich geneigt, entzieht er sich dem direkten Blick des Fotografen, während er sich in nachdenklicher Geste mit der rechten Hand in die dunklen Haare greift. Auf dem Fußboden liegen Zeitungen lose verstreut.

Bacon hatte das Foto als Vorlage für seine „Study for Self-Portrait“ von 1964 genutzt. 50 Jahre später wird die Aufnahme zum zweiten Mal zur Bildvorlage. Allerdings wählte Jasper Johns das Freud-Portrait inklusive der Farbspuren, Risse, Knicke, Abschürfungen und Fehlstellen, die der Aufnahme nachträglich im Atelier von Francis Bacon zugefügt wurden. „Bacon had married Freud’s body with his own face in „Self-Portrait“. This is the one that struck me... Bacon mistreated the photographs – physically, is what it looks like. I just saw that and it caught my eye“, erklärte Johns 2014 in einem Interview mit Julie L. Belcove für die Financial Times.

Zunächst pauste er die sitzende Gestalt mit Bleistift ab, zog die Silhouette nach und überarbeitete diese anschließend mit Aquarell. In der Folge veränderte und abstrahierte Johns die ursprünglich auf dem Bett sitzende Gestalt, reduzierte sie auf geometrische Formen in Gelb, Rot und Blau, entwarf eine Variante mit Tusche auf Plastik, dann wieder verdoppelte er die Figur mittels Spiegelung und entwickelte aus den Leerstellen der ursprünglich beschädigten Aufnahme neue, ungegenständliche Formen.

Johns experimentierte mit unterschiedlichen Techniken: Öl auf Leinwand, Aquarell, Tusche auf Plastik, Kohle, Bleistift, Aquatinta und Kupferplatten. Immer wieder verwandelte er die fotografische Vorlage und lotete neue Bildschwerpunkte aus. Vor allem die geometrische Form, die sich durch die Fehlstelle am linken unteren Bildrand ergibt und die in der Abbildung im Auktionskatalog schwarz hinterlegt wurde, erhält in Johns Variationen eine neue Gewichtung. Sie erfährt durch die rohrschachtestartige Spiegelung neue Interpretationsspielräume. Mittels unterschiedlichster Techniken, Hervorhebungen und Auslöschungen verliert die ursprüngliche dargestellte Atelierszene ihren Raumcharakter. Johns löste Körper und Gegenstände in einem all-over grauer oder farbiger Flächen auf, in denen die realistischen Bezüge nur mehr unter Zuhilfenahme der Originalquelle zu entschlüsseln sind. Mal schraffierte er Motive in parallel angeordneten Strichen, dann wieder legte er farbige Raster oder erprobte in den dunklen Aquatinta-Radierungen unterschiedlichste Nuancen von grauen Farbabstufungen. Die Fotografie als Objekt und das Motiv der Leere sind für Johns ebenso wichtig, wie die Fotografie selbst.

In Kommentaren zu Jasper Johns’ Serie „Regrets“ wurde häufig darauf hingewiesen, dass die Idee von einem Stempel stamme, den der Künstler vor rund fünf Jahren anfertigte. „When people ask me to do things I don’t want, I stamp that“, bekannte Johns im Interview mit Belcove. Der Stempel mit seiner handschriftlichen Signatur, den er ursprünglich benutzte, um zeitsparend Einladungen abzusagen, aber auch um Autogrammsammlern eine ironische Abfuhr zu erteilen, wird nun zum eigenständigen Bildelement. Eingedenk der mehrfachen Bedeutung von „Regrets“, im Sinne von „stampfen“, „kennzeichnen“, aber auch „ausmerzen“ und „unverrückbar in Erinnerung bringen“, setzt Johns seinen eigenen Bildfindungen genau jenen Stempel auf, der vorher dazu diente, Anfragen abzulehnen.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch, dass Jasper Johns die Serie begann, kurz nach dem er erfahren hatte, dass 22 größtenteils unfertige Gemälde aus seinem Atelier von seinem langjährigen Assistenten gestohlen und in einer New Yorker Galerie verkauft worden waren. Es scheint naheliegend, dass Johns – vor diesem persönlichen Hintergrund – grundsätzliche Überlegungen darüber anstellte, wann ein Bild vollendet sei und ob das Unausgearbeitete eines Gemäldes, das Integrieren frei gelassener Stellen ebenso wie die Malerei als ästhetisch überzeugende Qualität eines Werkes angesehen werden kann. Ist das „unvollendete Selbstportrait“, das Bacon 1956 von Lucian Freud malte, nicht gerade so faszinierend, weil es „nicht fertig“ gemalt wurde und ist das „Unvollendete“ bei Paul Cézanne nicht vielleicht das „Vollendete“ schlechthin?

Interessant neben diesen beiden Details ist aber vor allem ein Hinweis, den der Künstler selbst gab. Auf einer der ersten Zeichnungen zur „Regrets“-Serie, einer kleinen Bleistiftskizze aus dem Jahr 2012, in der Johns den Körper Freuds mit nur wenigen Strichen skizzierte, notierte er am rechten unteren Bildrand drei Worte: Goya? Bats? Dreams? – drei Fragezeichen, wie um das Staunen ausdrücken, das Johns empfunden haben muss, als er beim Bearbeiten des vorgegebenen Motivs eine Ähnlichkeit mit Francisco de Goyas in Aquatinta ausgeführter Radierung „Der Schlaf (Traum) der Vernunft gebiert Ungeheuer“ aus der Sammlung der „Caprichos“ entdeckte.

Und in der Tat gibt es eine frappierende Übereinstimmung zwischen Goyas nach vorn gebeugtem Mann mit seiner gesichtsverbergenden Pose und dem auf dem Bett hockenden Lucian Freud auf der Fotografie von Deakin. Eine Übereinstimmung, die – folgt man dem Vergleich – selbst die von Bacon zufällig gesetzten schwarzen Farbflecken auf Deakins Foto wie Fledermäuse erscheinen lassen. Die Stelle am linken unteren Bildrand, wo bei Goyas Capricho Nr. 43 unübersehbar das Motto des Stichs „El sueño de la razón produce monstruos“ eingeschrieben ist, wird in Jasper Johns’ Experimenten zu einer abstrakten Form oder erfährt durch die Spiegelung neue Interpretationsspielräume, die Assoziationen an ein Tor, einen Durchgang oder an einen Totenschädel nahelegen.

Ob Goya die aufklärungskonforme Übersetzung im Sinne hatte – vom „Schlaf der Vernunft, der Monster hervorbringt“ – oder die wie ein Vexierbild erscheinende Variante, wonach es gerade der „Traum von der Vernunft ist, der Monster hervorbringt“, und die so entstandene Doppeldeutigkeit beabsichtigt hatte, ist jedoch ebenso spekulativ wie die Frage, ob Johns sich dieser Ambivalenz bewusst war.

Die Regrets-Serie wurde anlässlich ihrer Präsentationen in New York und London vom dortigen Feuilleton euphorisch gefeiert. In Wien fällt es schwer, in diesen Jubel einzustimmen. Spannungslos wurden die unterschiedlich großen Bildformate nebeneinandergereiht. Von Intervention keine Rede. Auch die Nähe zu Franz Xaver Messerschmidts in unmittelbarer Nachbarschaft platzierten Charakterköpfen lässt keinen nachvollziehbaren Eingriff in einen bestehenden Präsentationszusammenhang erkennen. So obliegt dem Besucher die Aufgabe, sich einzulassen auf das spannende Experiment eines 85jährigen, der sich im hohen Alter von Erfahrung und Erinnerung, Können und Zufall noch einmal treiben und überraschen lässt. Das zu sehen, lohnt allemal.

Die Ausstellung „Jasper Johns: Regrets“ ist bis zum 26. April zu sehen. Das Obere Belvedere hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Euro, ermäßigt 11,50 Euro. Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er kostenlos. Der Katalog kostet 21,90 Euro.

Kontakt:

Österreichische Galerie Belvedere

Prinz Eugen-Straße 27

AT-1030 Wien

Telefon:+43 (01) 79 55 70

Telefax:+43 (01) 79 557 136

E-Mail: info@belvedere.at



03.03.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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Veranstaltung vom:


13.01.2015, Jasper Johns: Regrets

Bei:


Österreichische Galerie Belvedere

Künstler:


Jasper Johns










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