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Das Frankfurter Liebieghaus widmet eine großartige Ausstellung dem Thema „Verismus in der Skulptur“

Verwirrspiel der Kunst



Guido Mazzoni, Kopf eines Franziskaners, um 1500

Guido Mazzoni, Kopf eines Franziskaners, um 1500

Manchmal gewinnt man nach beim Besuch einer Ausstellung den Eindruck, ein bestimmter Abschnitt der Kunstgeschichte müsste eigentlich neu geschrieben werden. Der Eindruck relativiert sich zwar oft recht rasch wieder, doch bei der Ausstellung, die das Frankfurter Liebieghaus noch bis zum Sonntag präsentiert, fällt es nicht leicht, sich von den neuen Eindrücken und Erkenntnissen so ohne weiteres zu lösen. Zu umfassend ist der Blick, der hier von einem völlig ungewohnten Standpunkt aus auf eine ganze künstlerische Gattung geworfen wird, zu groß die Fülle an Anregungen, die man aus den Museumsräumen mit nach draußen trägt. Diese Schau hat wirklich das Zeug zu einer veränderten Sicht auf die Kunstgeschichte. – Worum geht es?


Der Titel der Ausstellung lautet: „Die große Illusion“. Der Untertitel verrät mehr: „Veristische Skulpturen und ihre Techniken“ spürt der Frage nach, inwieweit die bildnerischen Künstler zu den verschiedensten Zeiten und in allen Regionen der Erde danach gestrebt haben, mit skulpturalen Mitteln ihre Sujets so echt wie möglich wirken zu lassen. Der Begriff „veristisch“ ist daher bewusst gewählt: Er markiert, bezieht man seine Verwendung etwa in Literatur oder Musik ein, die stärkste Form einer Wirklichkeitsnähe, zu denen „Realismus“ oder „Naturalismus“ allenfalls Vorstufen darstellen. Über das mit diesen Begriffen Umschriebene – und in der Geschichte von Malerei und Plastik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auch in der Kunst Gemeinte – gehen die im Liebieghaus gezeigten Exponate noch weit hinaus.

Bestückt ist die Ausstellung großteils mit Werken der hauseigenen Sammlung und in diese auch integriert. So wird man vor allem in der Antikenabteilung mitunter das eine oder andere Werk antreffen, das sich der veristischen Skulptur nicht so ganz mühelos einordnen lässt, sind doch beispielsweise die Skulpturen der alten Ägypter eher stilisiert als veristisch. Bei den alten Griechen und Römern indessen wird die Sache klarer, schon wenn man die marmornen Büsten mit ihrer lebensnahen Portraithaftigkeit betrachtet. Veristisch ist dies aber noch nicht, denn es fehlt die Bemalung: Man sieht ihnen sofort an, dass es sich um künstlerische – mithin gewissermaßen künstliche – Produkte handelt.

Wie man sich die antiken Skulpturen wirklich vorzustellen hat, wird anhand einer überlebensgroßen Kriegerfigur deutlich, die die Restauratoren auf Basis eines griechischen Originals des fünften vorchristlichen Jahrhunderts rekonstruiert haben. Statt – wie wir es so gern gewohnt sind – die nackte edle Bronze zu bewundern, liebten es die Alten demnach, über dem metallenen Kern die sonnengebräunte Haut zu sehen, wie sie bei lebenden Menschen der Zeit im Mittelmeerraum üblich war. Farbige Steinaugen, Wimpern aus Kupferblech, rote Lippen und Brustwarzen aus Massivkupfer, mit Silberfolie belegte Zähne – so haben wir uns die antiken Skulpturen nach Bericht und Rekonstruktion der Forscher und Restauratoren vorzustellen.

Unsere Auffassung von der antiken Skulptur ist also seit dem 18. Jahrhundert, seit Johann Joachim Winckelmann und seinem Diktum von „Edler Einfalt und stiller Größe“ für immerhin gut zwei Jahrhunderte wohl ziemlich falsch geprägt worden – wie bei den antiken Tempeln, kommt einem da sofort in den Sinn. Dem gleichen Problem ist aber offenbar auch die Skulptur des Mittelalters unterworfen. Über die Jahrhunderte hinweg durch Schmutz, Staub und Ruß abgestumpft, ist das Wenige, was überhaupt die Zeitläufe überstanden hat, seiner ursprünglichen Farbigkeit heute weitgehend beraubt.

Doch ein Glücksfall hat uns den gewaltigen Hochaltar in der Klosterkirche Blaubeuren weitgehend unbeschädigt und fast werkstattfrisch überliefert. Auf Basis einer umfassenden Untersuchung von Technik und chemischer Zusammensetzung seiner Farbfassung sind die Restauratoren erneut tätig geworden und haben eine heilige Barbara nachgemacht. Das Ergebnis: In stahlender Farbenpracht, mit viel Gold und kräftigem Blau glänzte diese – im Mittelalter freilich nur von Sonnen- oder Kerzenlicht erleuchtete – Figur dem Betrachter entgegen. Auch unsere gängigen Vorstellungen vom Aussehen mittelalterlicher Skulpturen werden hier gründlich auf den Kopf gestellt, und vor diesem Hintergrund möchte man sogar den häufig so öligen, aufdringlichen Neufassungen mittelalterlicher Figuren im 19. Jahrhundert zumindest eine gewisse Rehabilitation zubilligen.

Wie weit der Verismus in der Skulptur der Frühen Neuzeit ging, erweist eine ganze Reihe von Beispielen aus Renaissance und Barock: Wachsfiguren mit echten Haaren und Glasaugen, mit denen bestimmte Persönlichkeiten wie Heilige oder Verstorbene des Adels auch über ihren Tod hinaus der Verehrung des Volkes sicher sein konnten; Herrscherfiguren wie diejenige König Philipps II. in vollem Harnisch, bei der sogar die kostbare Silberbüste unter einer farbigen Fassung verschwindet und mit der wohl der Dargestellte auch in seiner Abwesenheit physisch präsent gehalten werden sollte; schließlich Passionsfiguren, bei denen die dem Heiland zugefügte rohe Gewalt so schonungslos und lebensnah verbildlicht ist, dass einem beim Hinschauen fast übel wird. Besonders die Spanier des 16. bis 18. Jahrhunderts offenbarten sich in dieser Hinsicht als ausgesprochen talentiert und zugleich schmerzfrei.

Und die Gegenwart? Auch die fehlt nicht im Liebieghaus. In der Antikensammlung am Ende einer Flucht von drei Sälen erblickt man plötzlich eine nackte Frau mit erhobenen Armen. Man stutzt, bleibt kurz stehen – und stellt halb erleichtert und halb enttäuscht fest, dass es sich um eine lebensgroße Skulptur handelt: John De Andreas „Ariel II“ von 2011, aus Bronze gegossen, aber bemalt wie weiland der alte griechische Krieger ein paar Räume nebenan, so dass das kostbare Grundmaterial einfach unsichtbar wird. Duane Hansons „Seated Child“ von 1974, Ron Muecks „Untitled (Man in a Sheet)“ von 1997 oder Sam Jinks’ „Still Life (Pietà)“ von 2007, das den Künstler mit dem entblößten Leichnam seines Vaters auf dem Schoß zeigt – sie alle greifen auf und entwickeln weiter, was eigentlich schon seit alters her zumindest eines der Anliegen von Skulptur war: dem Betrachter so lebensecht und wirklich wie möglich entgegenzutreten, ihn für das Dargestellte zu fesseln und mitunter sicher auch im Spiel der Kunst zu verwirren.

„Einen fesselnden Einblick in die über 4.000 Jahre alten Bestrebungen von Bildhauern verschiedenster Stilepochen, möglichst lebensnahe skulpturale Wiedergaben des Menschen zu schaffen“ – so wird die mit mehr als fünfzig Exponaten bestückte Ausstellung angekündigt. Damit ist dem Besucher wirklich nicht zu viel versprochen.

Die Ausstellung „Die große Illusion. Veristische Skulpturen und ihre Techniken“ läuft noch bis zum 1. März. Das Liebieghaus Skulpturensammlung hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Der Katalog kostet im Museum 34,90 Euro.

Kontakt:

Liebieghaus - Skulpturensammlung

Schaumainkai 71

DE-60596 Frankfurt am Main

Telefon:+49 (069) 65 00 490

Telefax:+49 (069) 65 00 49 150

E-Mail: info@liebieghaus.de



01.03.2015

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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