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Das Palais des Beaux-Arts veranstaltet in Brüssel eine umfangreiche Ausstellung zur verschlüsselten Kunst des belgischen Malers Michaël Borremans

Am Scheuen muss jeder vorbei



Der etwas schmuddelig aussehende, schlanke Mann mit dem jugendlichen Gesicht, wilden braunen Haar und Vollbart strahlt einen doch erstaunlich sympathischen Eindruck aus. Bei unterschiedlich hoch gekrempelter weißer Hose steht er barfuss da, trägt ein liebreizend anmutendes rosafarbenes Hemd und ein seidenes Halstuch, hat die rechte Hand waagerecht vorgestreckt und stützt sich auf einen Ast mit abgeschnittenen Zweigen. Worauf wartet er so schüchtern? Welche Rolle nimmt die Person ein? Im Habitus ein wenig unterwürfig, könnte er den Studenten eines Jugendcamps mimen, der auf eine Weisung wartet. Hoch aufrecht stehend blickt er über die Besucher hinweg, die derzeit die Schau zum Schaffen Michaël Borremans’ im Brüsseler Palais des Beaux-Arts betreten. Das hochrechteckige Bildnis ist gigantisch: Über dreieinhalb Meter hoch, fast zwei Meter breit. Hinter dem kolossalen Auftritt erschließen sich weitere Details. Ein schwarzer, unnatürlich nach links aus dem Bild schweifender Schattenwurf der rechten Hand steht ebenso für eine Bewegung wie das fiktive Spiegelbild des Stocks ohne Zweigansätze und in Schrägstellung. Zudem flankieren die Figur beidseitig gespensterhafte Schatten.


Michaël Borremans, der Maler dieses Bildes, lässt uns darüber im Unklaren, wer der „Avoider“ ist. Mit Realitätsverdrehungen deformiert Borremans hier wie auch in vielen weiteren Gemälden dingliche Sujets und hält den Betrachter zum Narren. „Bilder sind Lügen“ wird Borremans oft zitiert. Aber nicht nur dies. Seine Szenarien decken sich zudem noch mit jenen älterer berühmter Meister. Im Falle des „Avoider“ von 2006 sticht die Nähe zu Gustave Courbets „Die Begegnung – Bonjour, Monsieur Courbet“ aus dem Jahr 1854 hervor. Hier inszeniert sich der Franzose ähnlich als umherziehender Gesell mit Rauschebart und Wanderstock. Auch Edouard Manet, Diego Velázquez, Francisco de Goya und nicht zuletzt René Magritte inspirieren Borremans. Ähnlich wie Magritte sagt auch Borremans nichts Genaues, ist dem Betrachter gegenüber im Ergebnis wenig mitteilsam. Er formuliert auf seine Weise das surreale Erbe Belgiens weiter. Dies bewerkstelligt er deutlich selbstbewusster, vielschichtiger und unideologischer als sein etwas älterer Landsmann und Kollege Luc Tuymans. Denn Borremans konzeptionelle Vorgehensweise ist tiefgreifender.

Michaël Borremans wurde 1963 im flandrischen Geraardsbergen geboren; heute lebt und arbeitet er in Gent. Während des Studiums an der flämischen katholischen Hochschule für Kunst und Werkschaffen Sint-Lukas in Brüssel absolvierte er eine Ausbildung zum Fotografen und arbeitete anschließend als Lehrer am städtischen Kulturinstitut in Gent. Als er sich Mitte der 1990er Jahre als bis dato vornehmlich zeichnerisch Tätiger der Malerei zuwandte und damit rasch erfolgreich wurde, konzentrierte er sich fortan ausschließlich auf seine rein künstlerische Professionen. Er arbeitet als Fotograf, Filmemacher, Zeichner und Maler und verknüpft alle Disziplinen in seinem Schaffen.

In der 103 Arbeiten umfassenden Retrospektive im Bozar stellen Gemälde den Hauptanteil, gefolgt von Zeichnungen und einigen wenigen Filmen und Modellen. Dieser mediale Mix ist sinnvoll, um die Herangehensweise des Künstlers bei der Motivfindung zu verstehen. Ideen und Eindrücke werden zuerst fotografisch fixiert, dann unter Zuhilfenahme von filmischen Sequenzen, Zeichnungen und Modellen weiter entwickelt und verfremdet. So gleicht Borremans Atelier in der Genter Vorstadt eher einer Bildmanufaktur mit langen Fluren, an denen sich separate Säle fürs Zeichnen, Filmaufnahmen oder Malen aufreihen. Partiell meint der Betrachter, in den Werken die Absonderung, Zurückgezogenheit, Einsamkeit der geschützten Atmosphäre des Ateliers spüren zu können.

Ausnehmend große Formate wechseln sich mit kleinen ab. „Totes Huhn“, an sich ein etabliertes Stilllebenmotiv in der Malerei des 17. Jahrhunderts, greift auch Borremans auf. Im Rahmen einer kleinformatigen Ölstudie kommt es ihm vor allem auf Formen an, die ein Moment toter Natur bereit hält. Zugleich erinnert er subtil an die vielen tödlichen Legebatteriefarmen. Immer wieder fließt die Natur mit ein, sei es durch merkwürdige inszenierte und Schatten werfende Zweige oder andere verwirrende Elemente. „Ziegelstein und ein Schuh“ tituliert der Künstler ein von ihm sehr geschätztes Stillleben, ein seltsames Paar in kuriosen Abtönungen, mit vielen hintergründigen Interpretationsansätzen.

Durchgängig beschäftigen Michaël Borremans aber Menschen. „Das Gehör“, ein ebenfalls kleinformatiges Ölbild, porträtiert eine Dame seitlich von hinten mit aufgedunsenem Haarknoten und betont hellem Ohrläppchen, vielleicht eine literarische Beschreibung für das, was sich hinter einem Image verbirgt. In Grisaillefarben abgetönt, präsentiert sich „Die Konservierung“. Einer jungen Frau wird hier eine Klarsichthaube über den Kopf gezogen. Immer wieder begegnet man Figuren, die auf tablettartigen Böden inszeniert sind, quasi als fremdbestimmte Spielbälle anderer. Einen Schlüssel zum Verständnis bildet der Film „Wiegen“, in dem ein Mädchen mit streng gefalztem Faltenrock sich um die eigene Achse dreht. Platziert auf einem Präsentierbrett und am Rocksaum abgeschnitten, ist die Unterleibslose halb Spiel-, halb Schachfigur. Zahlreiche kleinformatige Studien dazu extrahieren Details, allen voran den streng gelegten Rock als faszinierendes Faltwerk. Beim „Automat“ greift Borremans das Motiv wieder auf.

Vorbei am einigen Videoinstallationen, allem voran am „Sturm“ von 2006, in dem in einem Loop drei weiß bekleidete Männer dunkler Hautfarbe wartend in einem dunklen Raum ihr Dasein fristen, endet die Schau mit dem „House of Opportunity“. Zahlreiche Zeichnungen, kleine Ölstudien sowie ein Modell variieren dieses Gedankengebäude. Wie ein Bienenstock, übersät mit unzähligen, mechanisch gereihten Öffnungen, hat Borremans ein unreales Konstrukt entwickelt, vor dem sich unproportional gestaltete Personen bewegen. Auch diese Parallelwelt erschließt sich nicht näher. „Red Light, Green Light, Red Hand, Green Hand“, wie benannt so gemalt, sind zwei magische, in Grün und Rot getauchte Hände. Borremans hat dieses entkörperlicht eingesetzte Sujet weniger in der Malerei, vielmehr in Filmen, speziell Horrorkrimis, gefunden. Auch hier bietet sich indirekt ein mediales Crossover, bei dem der Einsatz von Fotografien und filmischen Sequenzen bei der Motivfindung deutlich wird. In den letzten Jahren gewinnt die malerische Präsentation an Bedeutung. Großformatig gestaltete Borremans 2013 „The Angel“, eine im rosafarbenem Ballkleid auftretende Diva mit brauner Maske, oder „The Devil’s Dress“ im Jahr 2011, eine scheinbar tot auf dem Boden liegende Frau mit steifem, übergroßem, rhombenförmigem, knallrotem Rock.

Borremans, der die Absurdität des Lebens in einer eindrucksvollen, ironischen Art und Weise aufgedeckt und seine Fantasie in den Dienst einer subversiven Malerei stellt, gehört zu den in Amerika populären Künstlern zeitgenössischer bildender Kunst. In Deutschland hatte er mit der Berlin Biennale 2006 seinen Durchbruch, in deren Folge Überblicksausstellungen in der Hannoveraner Kestnergesellschaft im Jahr 2009 und im Württembergischen Kunstverein Stuttgart im Jahr 2011 sein Werk vorstellten. Bedingt durch hochschulpolitische Ränkespiele war es dem Frontmann der Feierabendjazzband „Singing Painters“ leider nicht vergönnt, den Lehrstuhl von Neo Rauch in Leipzig zu übernehmen. So wird die Brüsseler Ausstellung anschließend auch nicht nach Deutschland, sondern ins Tel Aviv Museum of Art und ins Dallas Museum of Art weiterwandern.

Die Ausstellung „Michaël Borremans. So angenehm wie es geht“ ist bis zum 3. August zu besichtigen. Das Bozar – Palais des Beaux-Arts hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 10 Euro beziehungsweise 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog in englischer Sprache erschienen. Er kostet im Museum 49 Euro.

Kontakt:

Palais des Beaux-Arts

23, rue Ravenstein

BE-1000 Brüssel

Telefax:+32 (02) 513 21 65

Telefon:+32 (02) 507 84 44



20.07.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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