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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Das Olympische Museum im schweizerischen Lausanne widmet sich in der Schau „Wettlauf mit der Zeit“ dem Thema Zeit als kulturgeschichtlichem Phänomen. Neben Beispielen aus dem Sport werden auch philosophische, soziale, technische und künstlerische Aspekte beleuchtet

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit



Chronofotografie von Étienne-Jules Marey

Chronofotografie von Étienne-Jules Marey

Bevor es Uhren oder Smartphones gab, orientierten sich die Menschen am Lauf der Sonne und den Phasen des Mondes, sie legten ihrem subjektiven Zeitempfinden die eigenen Schlaf- und Wachrhythmen ebenso zugrunde wie die Gezeiten oder den Lauf der Jahreszeiten. Spätestens seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hat sich diese zyklische Auffassung von Zeit zumindest in den urbanen und zivilisierten Gesellschaften gründlich überlebt. Mit dem Aufkommen der ersten Pendeluhren um 1800 und mit der rasant fortschreitenden Miniaturisierung und der zunehmenden Verbreitung der mobilen Zeitmessung mit Hilfe der Taschenuhr veränderte sich die Wahrnehmung des Phänomens Zeit dramatisch. Pünktlichkeit oder die Dauer einer erbrachten Arbeitsleistung konnten jetzt genau bemessen werden. Das Dogma von der linearen Zeit war geboren.


Philosophen und Naturforscher wie Sir Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz stritten zwar darüber, ob die Zeit nun ein allen Dingen innewohnendes, universelles und von Gott gesetztes Prinzip (Newton) sei oder eher eine „Idee des reinen Verstandes“ (Leibniz), also ein Phänomen, das allein dem menschlichen Bewusstsein entspringt. Einig waren sie sich jedoch darin, dass die feinmechanische Präzisierung der Zeitmessung, die Möglichkeit, erstmals in der Geschichte der Menschheit Minuten und Sekunden genau erfassen zu können, einen Quantensprung für die Entwicklung des ganzen Planeten bedeutete.

Was ist das überhaupt, was wir mit dem Begriff „Zeit“ bezeichnen? Wie kam die Zeit in die Welt? Wie hat sich unsere Zeitwahrnehmung von der Antike bis heute gewandelt? Und wie hat das scheinbar immer knapper und kostbarer werdende Gut Zeit nach und nach unser tägliches Leben unterwandert? Das Olympische Museum in Lausanne versucht jetzt, diesen und vielen anderen Fragen in einem in neun Themengebiete unterteilten Ausstellungsparcours auf den Grund zu gehen. Die aus der Zusammenarbeit von Soziologen, Philosophen, Szenografen und Sportwissenschaftlern entwickelte Ausstellung „Wettlauf mit der Zeit“ versammelt Exponate aus Archäologie, Technikgeschichte, Fotografie, bildender Kunst und natürlich auch aus dem Sport.

Kath Woodward, Soziologieprofessorin an der britischen Open University und Kuratorin der Schau, hat bereits mehrere Untersuchungen über Zeit und Zeitlichkeit der Olympischen Spiele veröffentlicht. Den Auftakt ihrer multimedial aufbereiteten Schau bildet eine gepolsterte Liegewiese in Schneckenform. Dermaßen relaxt und ausgestreckt, kann der Besucher auf einer kreisförmigen Leinwand über seinem Kopf Tages- und Jahreszeiten im Zeitraffer betrachten und sich so in eine Menschheitsepoche weit vor der kapitalistischen Zeitökonomie zurückversetzen lassen, die noch ganz von der zyklischen Zeit geprägt war. Auch die sportlichen Wettkämpfe der Antike folgten einem ganz einfachen Prinzip: Wer als erster im Ziel war, hatte gewonnen. Der erste objektiv messbare Weltrekord musste viele Jahrhunderte auf sich warten lassen.

Étienne-Jules Marey, ein französischer Physiologe und Pionier der Chronofotografie, dessen frühe Zeitrafferaufnahmen von rennenden Athleten oder von Fechtsportlern später die Kunst der italienischen Futuristen beeinflussten, gelang es, lange vor der Erfindung des Kinos, die lineare Zeit visuell greifbar zu machen. Etliche seiner kleinen Vorführapparate mit Stroboskopeffekt können in der Schau benutzt werden. Im frühindustriell geprägten London des 19. Jahrhunderts kulminierte der neue Kult um die Zeitmessung. Begriffe wie Produktivität, Effizienz oder Rationalisierung kamen auf. Und rasch wurde, was sich in der Arbeitswelt bewährt hatte, auch auf den Sport übertragen. Den ersten gemessenen Rekord über 100 Meter der Herren machten 1864 Studenten des Exeter College in Oxford untereinander aus. 1873 schickte Jules Verne seinen englischen Exzentriker Phileas Fogg auf seine „Reise um die Erde in 80 Tagen“. Neben der ersten Stoppuhr, dem „Zeitschreiber“, den der französische Uhrmacher Nicolas-Mathieu Rieussec 1821 erfand, um die Zeit bei Pferderennen auf eine Fünftelsekunde genau zu stoppen und mechanisch aufzuzeichnen, präsentiert die Schau auch zahlreiche speziell für bestimmte olympische Disziplinen wie Schwimmwettkämpfe oder Eisschnelllauf entwickelte Präzisionszeitmessgeräte aus neuerer Zeit.

Legendäre Weltrekordler wie der Brite Roger Bannister, der 1954 eine Meile erstmals in drei Minuten und 59,4 Sekunden lief und damit die als unüberwindbar geltende 4-Minuten-Grenze knackte, werden in der Ausstellung ausführlich gewürdigt. Bannister ist sogar ein eigenes Kunstwerk gewidmet. Das nahezu raumfüllende und bunt bemalte elektrische Klavier mit dem Titel „4’33’’ (Prepared Pianola for Roger Bannister)“, 2012 von der britischen Künstlerin Mel Brimfield als Hommage an den Nationalhelden geschaffen, kommt als verspätete Fluxus-Skulptur daher und spielt auf Knopfdruck ein abwechslungsreiches Medley aus Stadiongeräuschen, Nationalhymnen und Sportreportagen ab. Die Dauer von vier Minuten und 33 Sekunden spielt natürlich auf das 1952 uraufgeführte Stück „4’33’’“ des Fluxus- und Avantgarde-Komponisten John Cage an, in dem wohl erstmals in der Musikgeschichte kein einziger Ton zu hören war. Dass Musik und Zeit einander perfekt ergänzen, demonstriert die Schau dann eine Etage höher mit der Installation der Arbeit „Poème Symphonique“ für 100 Metronome von György Ligeti aus dem Jahr 1962. In Gang gesetzt werden müssen die 100 Metronome gleichzeitig von zehn Performern. Das Stück endet mit dem letzten „Tic Tac“ des langsamsten Metronoms und gemahnt uns so an die Vergänglichkeit allen Lebens.

Passend dazu sind hier auch die einfühlsamen Schwarz-Weiß-Porträts des 1971 geborenen Polen Tomasz Gudzowaty zu sehen. Gudzowaty hat überwiegend in den 1930er Jahren geborene osteuropäische Ex-Olympioniken gebeten, ihre alten Trikots noch einmal überzuziehen und mit ihren Medaillen zu posieren. Eine stille und würdevolle Hommage an Ausnahme-Athleten und ihre alternden Körper. Den programmatischen Abschluss der Schau bildet wiederum ein symbolisch besetztes Kunstwerk: Die Installation „Der Etrusker“ des italienischen Arte Povera-Künstlers Michelangelo Pistoletto aus dem Jahr 1976. Eine lebensgroße Männergestalt aus Bronze steht vor einem überdimensionalen Spiegel. Der Betrachter begegnet hier gleich drei Dimensionen der linearen Zeit: Der Vergangenheit, repräsentiert durch den Etrusker selbst, der Gegenwart, repräsentiert durch das eigene Spiegelbild, und der Zukunft in Form der angedeuteten Unendlichkeit, die aus dem Spiegel hinausführt.

Wohl in keinem anderen soziokulturellen Umfeld, noch nicht einmal an der Börse, spielt die genaue Zeit – mittlerweile könnten sogar Zehntausendstel Sekunden präzise gemessen werden – eine derart entscheidende Rolle. Sieg oder Niederlage. Gold, Silber, Bronze oder gar keine Medaille. Bei den Olympischen Spielen ist der Wettlauf mit der Zeit so symbolisch besetzt wie kaum irgendwo anders. Das Reglement vieler Sportarten sieht jedoch eine Beschränkung auf Hundertstel Sekunden vor, denn größere Präzision führt nicht unbedingt zu größerer Gerechtigkeit. Ein Kapitel der Schau widmet sich denn auch den ethischen Aspekten der hochpräzisen Zeitmessung. Für Sportler entscheidet Zeit über den Fortgang oder das frühe Ende ihrer Karriere. Zusammen mit vielen weiteren Faktoren wie Kondition, Ausdauer oder Qualität und Belastbarkeit ihres Materials.

Für den deutschen Kultursoziologen Norbert Elias war Zeit hingegen in erster Linie eine der größten Syntheseleistungen des menschlichen Bewusstseins: „Das Wort ‚Zeit’, so könnte man sagen, ist ein Symbol für eine Beziehung, die eine Menschengruppe, also eine Gruppe von Lebewesen mit der biologisch gegebenen Fähigkeit zur Erinnerung und zur Synthese, zwischen zwei oder mehreren Geschehensabläufen herstellt, von denen sie einen als Bezugsrahmen oder Maßstab für den oder die anderen standardisiert.“ So einfach und doch so kompliziert ist das.

Die Ausstellung „Wettlauf mit der Zeit“ ist bis zum 18. Januar 2015 zu sehen. Das Olympische Museum hat bis zum 14. Oktober täglich von 9 bis 18 Uhr, danach täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Am ersten Weihnachtstag und Neujahr bleibt das Haus geschlossen.

Kontakt:

Olympisches Museum

Quai d’Ouchy 1

CH-1006 Lausanne

Telefon:+41 (021) 621 65 11

Telefax:+41 (021) 621 65 75



17.06.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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05.06.2014, Wettlauf mit der Zeit

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Olympisches Museum

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Chronofotografien von Étienne-Jules Marey
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Olympische Spiele 2008 in Peking:
 Fotofinish an der Ziellinie des 100-Meter-Laufs
Olympische Spiele 2008 in Peking: Fotofinish an der Ziellinie des 100-Meter-Laufs

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Lukanische Vasenmalerei des Malers Amykos, um 420-400
 vor Christus
Lukanische Vasenmalerei des Malers Amykos, um 420-400 vor Christus

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Nicolas-Mathieu Rieussec, Chronograph, um 1825
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Omega Swim-O-Matic (OSM 5), 1977
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Auf die Zehntelsekunde exakter Chronograph von
 Omega, Kaliber 24, 1930
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Chronofotografie von Étienne-Jules Marey
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Chronofotografien von Étienne-Jules Marey

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Olympische Spiele 2008 in Peking: Fotofinish an der Ziellinie des 100-Meter-Laufs

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Lukanische Vasenmalerei des Malers Amykos, um 420-400 vor Christus

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Nicolas-Mathieu Rieussec, Chronograph, um 1825

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Omega Swim-O-Matic (OSM 5), 1977

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Auf die Zehntelsekunde exakter Chronograph von Omega, Kaliber 24, 1930

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in der Ausstellung „Wettlauf mit der Zeit“

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