Die Kunst, online zu lesen.

Home


Magazin

News


Marktberichte


Ausstellungen


Journal


Portraits


Top Event


Netzkunst





Kunst kaufen
Werben

Translation EnglishFrench

Auktionsanzeige

Am 30.05.2020 Auktion 1153: Alte Kunst - Kunst des 19. Jahrhunderts

© Kunsthaus Lempertz

Anzeige

Am Badestrand / Otto Pippel

Am Badestrand / Otto Pippel
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Anzeige

Kentaur, 1891/93 / Franz von  Stuck

Kentaur, 1891/93 / Franz von Stuck
© Kunsthandel Ron & Nora Krausz


Anzeige

Stehender Mädchenakt vor Rot, 1954 / Karl Hofer

Stehender Mädchenakt vor Rot, 1954 / Karl Hofer
© Galerie Neher - Essen


Newsmailer Eintrag

Bestellen Sie bitte hier:


Suchen mit Google

Google
WWW
kunstmarkt.com

Ausstellungen

Aktuellzum Archiv:Ausstellung

Die charismatische Renée Sintenis setzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts avanciert ihre eigenen künstlerischen Vorstellungen um und hoffte darauf, den Geschmack von Sammlern anzusprechen. Tier und Mensch in Bewegung gehörten zu ihren Lieblingsmotiven. Nun ist eine Werkschau ihrer Arbeiten in Würzburg zu sehen

Die Unsterblichkeit des Bären



2013 jährte sich der Geburtstag der 1888 in Schlesien geborenen und zeitlebens in Berlin ansässigen Bildhauerin Renée Sintenis zum 125. Mal. Für den Kulturspeicher Würzburg ist das Anlass, an die Künstlerin zu erinnern und ihre plastischen Zeugnisse mit einer umfangreichen Schau zu würdigen. Sintenis’ autonome Arbeitsweise ist, gesehen im Kontext ihrer Zeit, bemerkenswert, fast revolutionär. Schon allein die Tatsache, dass sie neben Emy Roeder und Marg Moll zu den wenigen Bildhauerinnen gehörte, die im frühen 20. Jahrhundert in diese Männerdomäne vordrangen, verdient Beachtung. Als Künstlerin konnte und wollte sie nicht auf öffentliche Aufträge bauen, sondern ihre eigenen Vorstellungen nachdrücklich durchsetzen. Das gelang ihr auch; denn mit ihren Bronzen von Mensch und Tier eroberte sie sich souverän ihren Platz in der Kunstwelt der Zwischenkriegszeit, vertrat damit den neuen eigenständig arbeitenden Bilderhauertypus und gehörte zu den bestbezahlten Künstlerinnen Berlins.


Renée Sintenis stammte aus einer wohl situierten Familie hugenottischen Ursprungs. Zunächst noch in Stuttgart ansässig, zog die Familie circa 1903 nach Berlin, wo ihr Vater als Rechtsanwalt am Kammergericht zugelassen wurde. Als Neunzehnjährige begann sie ein Studium an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums und besuchte dort die Klasse für „Dekorative Plastik“. Im fünften Semester brach sie ihr Studium trotz guter Leistungen vorzeitig ab. Dies lag nicht nur an der dort hauptsächlich praktizierten Denkmalplastik, die im Kontrast zu Sintenis’ eigenen künstlerischen Bedürfnissen lag. Auch die Erziehung der Eltern war es, die sie als Sekretärin im Anwaltsbüro ihres Vaters sehen wollte. Diesem vorbestimmten Werdegang entzog sich die junge Künstlerin abrupt und radikal: Sie verließ ihre Arbeitsstelle und brach mit ihren Eltern.

Von Zukunftsängsten und Depressionen geplagt, machte sie 1910 zufällig Bekanntschaft mit dem Bildhauer Georg Kolbe. Sie stand Modell für den Aktkünstler und erhielt dabei wertvolle Einblicke in seine Arbeitsweise. Bald begann sie selbst, kleinformatige Akte zu modellieren. Bereits kurz nach ihren ersten eigenen künstlerischen Gehversuchen lernte sie ihren zukünftigen Mann Emil Rudolf Weiß kennen, der zu dieser Zeit Lehrer an der Kunstgewerbeschule war, jener Einrichtung, in der Sintenis Jahre zuvor Schülerin war. Als sein Lieblingsmodell brachte der Maler sie unzählige Male auf die Leinwand. Von wertvollen Eindrücken und Inspiration genährt, gelang es Sintenis bereits kurze Zeit später, eigene Gipsplastiken in der Berliner Herbstausstellung des Jahres 1913 zu zeigen. Die Veranstalter der Schau waren Anhänger der „Freien Secession“, jener modernen Künstlervereinigung, die die junge talentierte Renée Sintenis mit offenen Armen empfing. In den Folgejahren stellte sie hier öfters ihre Arbeiten der Öffentlichkeit vor.

In der Zeit um 1915 fand sie ihr künstlerisches Hauptthema: Die Tierplastik. Schon als Kind stark mit der Natur und ihren vielseitigen Facetten verbunden, liebte die schüchterne verträumte Renée das Beobachten und die zeichnerische Umsetzung von Tieren, von Rehen, Ziegen, Eseln, Hunden und besonders das Studium der Bewegung des Pferdes. Gerade junge Tiere und die tapsig verspielte Art ihrer unfertig gewachsenen Körper faszinierten Sintenis. Das kesse Minenspiel selbstbewusster Fohlen als Zeugnis kindlich-naiven Übermuts forderte die Künstlerin in ihrer plastischen Arbeit heraus. Sie formulierte ihr Ziel darin, dem Material soviel Lebendigkeit zu verleihen, dass der Anblick lebhafter Jungtiere den Betrachter berührt und mit Vitalität erfüllt. Sie wollte in ihm das Bedürfnis wecken, die Skulptur anzufassen, in die Hand zu nehmen und die modellierte Bewegung zu erfühlen. Durch ihre Bekanntschaften in der Berliner Künstlerszene gelang sie an die Bildgießerei Noack, in der ihre ersten Bronzen entstanden. Nicht nur öffentliche Ausstellungen nutze sie, um ihre Plastiken zu zeigen. Zunehmend waren es auch Kunsthandlungen und Galerien, die sich für das Werk der jungen Frau interessierten. Auf diese Weise kam sie zu ihrem ersten Galeristen Wolfgang Gurlitt.

Doch um sich in der Szene und vor allem bei Sammlern und Kunstinteressierten einen Namen zu machen, musste sich Sintenis klar werden, wie ihre Kunst aussehen sollte. Keinesfalls wollte sie sich in die gering geschätzte „Ladenbronze“ einreihen, jene vielfach reproduzierten Statuetten, die Privatsammlern zu Dekorationszwecken dienten. Sie entschloss sich daher zu einer limitierten Auflage ihrer qualitativ hochwertig gefertigten Arbeiten. Diese Methode hob Sintenis’ Werke deutlich von der Massenware ab. Durch ihren Ehemann Emil Rudolf Weiß sowie die Bekanntschaft mit namhaften Galeristen oder die Freundschaft zu Rainer Maria Rilke waren die Bedingungen günstig, ihre Figuren dem interessierten Publikum nahe zu bringen. Nicht nur ihr herausragendes künstlerisches Talent verhalf ihr zu jenen Kontakten, sondern auch ihr schüchternes, aber doch authentisches, willenstarkes Wesen und ihre hochgewachsene Erscheinung brachten ihre die nötige Aufmerksamkeit.

Mit ihrer androgynen Ausstrahlung und ihrer modischen Erscheinung samt dem Bubikopf war die „Riesin mit dem Kleintierzoo“, wie Renée Sintenis humorvoll bezeichnet wurde, geradezu der Prototyp der emanzipierten „Neue Frau“ der Zwischenkriegsära. Sie fuhr einen Studebaker, ritt auf ihrem Hengst Horaz durch den Grunewald und verkehrte in den Künstler- und Literatenzirkeln Berlins. So erfreute sie sich gerade unter ihren privaten Freundschaften einer großen Beliebtheit. 1917 schrieb Rilke an den Bankier und seinen Freund Karl von der Heydt: „Wenn Ihre jetzigen berliner Tage Ihnen Raum dafür lassen, eine Stunde in der ‚freien secession‘ (kurfürstendamm 208) zuzubringen, so möchte ich die Arbeiten von Frl. Renée Sintenis ihrer Aufmerksamkeit ganz besonders anempfehlen.“ Solche Empfehlungen waren entscheidend für ihre Karriere, und Karl von der Heydt erwarb immerhin drei von fünf der in der Secession ausgestellten Plastiken.

Der Wechsel von der Galerie Gurlitt zu dem renommierten Düsseldorfer Galeristen Alfred Flechtheim im Jahr 1922 lag in unüberwindbaren Auseinandersetzungen mit Ersterer begründet. Verursacht durch nicht konkret vertraglich geregelte Absprachen, geriet Sintenis unter Gurlitt zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, da er die Bildhauerin nicht über die Auflagenhöhe unterrichtete und für verkaufte Stücke nicht angemessen bezahlte. Bei Flechtheim war die wenig wirtschaftlich versierte Sintenis besser aufgehoben. Er gab bebilderte kleine Kataloge zu ihren Ausstellungen heraus, wie den 1925 erschienenen Œuvrekatalog, der den Grundstein für weitere Publikationen zu Sintenis’ Werk legte. Im Gegensatz zu Gurlitt setzte Flechtheim genau limitierte Auflagen ihrer Arbeiten fest. Sie wurde zur Paradekünstlerin Flechtheims und konnte sich größter Fürsorge und Unterstützung seitens des Galeristen erfreuen. Eingangszier der Galerie war ab 1927 ihr grasendes Fohlen, außerdem bekam sie eine eigene Vitrine für ihre Kleinplastiken.

Aus dem Kreis ihrer Sammler gingen zahlreiche Aufträge an Renée Sintenis; es entstanden große Liebhabersammlungen. Schließlich gaben Sintenis-Kunden zusätzlich Portraitarbeiten, beispielsweise von Familienmitgliedern, in Auftrag. Sie bemühten sich bei ihr nicht nur um die Anfertigung von speziellen Kunstwerken, sondern auch um die Vergrößerung von bereits vorhandenen Werken. Hinzu kamen mehr und mehr die hochgeschätzten, aus der Aktmodellierung abgeleiteten Sportlerplastiken, die wie ihre Tiermotive durch maximale Bewegung und Vitalität bestechen. Der Sportsgeist und die visualisierte körperliche Ertüchtigung sprachen viele Kunstliebhaber eines neuen Freizeitverständnisses an. Für Renée Sintenis war die Zeit der Weimarer Republik von großer Akzeptanz und Entfaltungsfreiheit geprägt. Sie stellte auch in Paris, Brüssel, London oder New York aus und wurde 1931 – als erste Bildhauerin und nach Käthe Kollwitz als zweite Künstlerin – Mitglied in der Sektion bildende Kunst der Preußischen Akademie der Künste.

Nicht verwunderlich, dass mit dem Beginn des Nazi-Regimes Einbußen künstlerischer Freiheit auf Sintenis zukamen. Alfred Flechtheim war mit seiner modernen Galerie bald Hauptangriffziel im Kampf gegen die „Entartete Kunst“. Sintenis musste aufgrund der jüdischen Herkunft ihrer Großeltern die Akademie der Künste wieder verlassen. Weitere größere Repressalien seitens der Nationalsozialisten gab es nicht, da Sintenis mit Hans Hinkel einen mächtigen Fürsprecher im Propagandaministerium hatte. Doch Flechtheims Lage spitze sich zu. Er geriet in finanzielle Schwierigkeiten und gab daraufhin seine Galerie im Jahr 1934 an Alex Vömel ab. Jener wurde von da an Sintenis’ Haupthändler, der wie seine Vorgänger weiterhin bei Noack gießen ließ. So konnte Sintenis die NS-Zeit überstehen, ohne jemals ihr Kunstschaffen vollständig eingestellt, geschweige denn die Hauptstadt verlassen zu haben. Tiefpunkte erlebte sie trotzdem, nicht nur, dass ihr Mann im Jahr 1942 überraschend starb. Teilweise wurde ihr auch das Bronzegießen verboten, da das Metall kriegswichtiges Material war. Ihr Jahreseinkommen schrumpfte von 8.000 auf 3.000 Reichsmark. 1944 trafen Bomben die Gießerei Noack, wo Teile von Sintenis’ Werk gelagert waren. Hermann Noack konnte glücklicherweise Modelle verstecken und vor den Flammen retten, indem er sie in einer Gussgrube deponierte. Sintenis’ Atelier wurde durch Bombenangriffe zerstört. Der Großteil der Gussmodelle blieb glücklicherweise erhalten.

Trotz der Leiden konnte die willenstarke Bildhauerin nach Kriegsende an ihre früheren Erfolge anknüpfen. 1932 bereits als zierliche Statuette geschaffen, machte sie in den 1950er Jahren weitere Güsse eines jungen Bären. Dieses auf zwei Beinen stehende Tier sollte alsbald Symbolfigur für die Stadt Berlin werden. Zunächst diente der kleine Bär als besonderes Geschenk für ehrenwerte Stadtbesucher. So bekam John F. Kennedy bei seinem legendären Berlin-Besuch ebenfalls ein Exemplar von Sintenis’ Bronze überreicht. Es kam zu einer „Bären-Initiative“, die dazu führte, dass Reliefs der kleinen Tiere zunächst an sämtlichen Autobahnen angebracht wurden, um die Entfernung nach Berlin anzugeben. Außerdem wurde der Bär ab 1953 zur Siegestrophäe der Berliner Filmfestspiele, dem „Goldenen Bären“, dessen Gestalt bis heute Sintenis’ Handschrift trägt. Der Bärenerfolg sollte weiter ansteigen. Ein großer Bruder der kleinen Bronzefigur sollte her. So wurde 1957 eine lebensgroße Statue des Berliner Bären auf dem Mittelstreifen der Berliner Autobahn zwischen Dreilinden und Zehlendorf aufgestellt; weitere Exemplare folgten in Düsseldorf und München. Bis heute wird Sintenis’ Figur des Bären unmittelbar mit der Hauptstadt verbunden.

Mit der vom Berliner Georg-Kolbe-Museum erarbeiteten Ausstellung zu Renée Sintenis hat der Würzburger Kulturspeicher eine umfangreiche Präsentation mit mehr als 150 Arbeiten zu Gast, die sich zum Ziel gesetzt hat, das reichhaltige Gesamtwerk der Bildhauerin mit all seinen Facetten zusammenzutragen. In beachtlicher Weise fokussiert die Schau parallel persönliche, historische und kulturelle Entwicklungen, die maßgeblich mit dem Werk Sintenis’ zusammenhängen. Zahlreiche Fotos, die die Künstlerin in verschiedenen Schaffensphasen und Umgebungen zeigen, geben wertvolle Einblicke in das private und berufliche Leben der ungewöhnlichen Frau und tragen zum Verständnis dieser emanzipierten Protagonistin der Berliner Kunstszene der Weimarer Republik bei.

Die Ausstellung „Renée Sintenis – Bildhauerin“ ist bis zum 22. Juni zu sehen. Das Museum im Kulturspeicher hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, dienstags erst ab 13 Uhr und donnerstags zusätzlich bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 3,50 Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog mit neuem Werkverzeichnis erschienen, der im Museum 59 Euro kostet.

Kontakt:

Museum im Kulturspeicher

Oskar-Laredo-Platz 1

DE-97080 Würzburg

Telefon:+49 (0931) 322 250

Telefax:+49 (0931) 322 25 18



12.06.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Claudia Rauth

Drucken

zurück zur Übersicht


Empfehlen Sie den Artikel weiter:
an


Weitere Inhalte:

Veranstaltung vom:


12.04.2014, Renée Sintenis – Bildhauerin

Bei:


Museum im Kulturspreicher Würzburg

Variabilder:

Renée Sintenis, 1930er Jahre
Renée Sintenis, 1930er Jahre

Künstler:


Renée Sintenis







Renée Sintenis, 1930er Jahre

Renée Sintenis, 1930er Jahre




Copyright © '99-'2020
Kunstmarkt Media
Alle Rechte vorbehalten


Impressum





Zum Seitenanfang Magazin

 Amazon export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce  Amazon ebay rakuten yatego meinpaket export/import Schnittstelle xt:commerce u. oscommerce