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Kym IV, 1999 / K. O. (Karl Otto) Götz

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Im Park von Schloss Mainberg bei Schweinfurt, 1874  / Hans Thoma

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Das Baseler Museum Tinguely verleitet das Publikum mit Spielobjekten zu einer aktiven Rolle beim Museumsbesuch

Frei, lebendig, aktuell



Wer derzeit das Museum Tinguely in Basel betritt, findet sich unversehens in einem riesigen Netz wieder. Mittendrin steht ein schwarzes technoides Konstrukt mit einem großen Rüssel. Dieses trichterförmige Rohr ist dazu da, zugespielte Bälle hineinzuwerfen, die dann über einen maschinellen Kreislauf von neuem auf das Spielfeld zurückgeschleudert werden. „Rotozaza No. 1“ titulierte Jean Tinguely sein 1967 kreiertes Werk aus Eisenstangen, Stahlplatten, Holz- und Metallrädern, Gummiriemen und Elektromotoren, mit dem er kritisch den Produktionskreislauf einer ökonomisch rentablen Maschine hinterfragt. Die furiose Ballmaschine des berühmten Schweizers bildet den Auftakt einer herausfordernden Schau aus 99 Arbeiten von 48 Künstlern, die die Verbindung von Spiel und einer Kunst der Möglichkeiten darlegen. Wohl kein anderes als das Baseler Museum Tinguely mit der von Mario Botta für die weltweit größte Kollektion kinetischer Maschinenplastiken des Hauspatrons so großzügig konzipierten Architektur kann einen besseren Rahmen vorgeben als für die Präsentation von „Spielobjekten“.


„Spielen ist Kunst – infolgedessen spiele ich“. Dieses Statement Jean Tinguelys offenbart die grundlegende Gemeinsamkeit zwischen Kunst und Spiel. Beide Sparten sind in geschützten Bereichen frei von äußeren moralischen Zwängen und wissenschaftlich-rationalen Zwecken angesiedelt, folgen eigenen Gesetzen, unterwerfen sich subjektiven Urteilen und führen eine freie Existenz. Die Kunstform der „Spielobjekte“, für die auch Titulierungen wie „Variationsobjekte“ oder „Partizipationsobjekte“ kursieren, hatte ihre Blütezeit in den 1950er bis beginnenden 1970er Jahren. Die chronologisch gestaltete Schau setzt aber schon in den 1930er Jahren ein. Alexander Calder oder Alberto Giacometti schufen damals bereits Spielobjekte und gelten mit ihnen als Pioniere der Kinetik. Als frühestes Exponat der Baseler Auswahl führt eine Gipsplastik des Schweizers Hans Erni die Anfänge vor Augen. „Halbkugel im Spiegel“, so der Titel dreier per Hand verstellbarer, auf Achsen gegenüberstehend montierter Formen des seinerzeitigen Mitglieds der Pariser Künstlervereinigung „Abstraction-Création“, datiert ins Jahr 1934.

Viele Spielobjekte schufen Künstler in der Nachkriegszeit. Neu erlangte Freiheiten, aber auch beginnende Brüche mit überkommenen institutionellen Strukturen und gesellschaftlichen Mustern schlugen sich auch in der Kunstproduktion nieder. Mit teils politischer Aussage versuchten Künstler klassischen Rezeptionsweisen neue Verhaltensmuster entgegen zu setzen. Ihre Objekte intendierten eine aktive Beteiligung der Betrachter, was zum Teil zur Überforderung des klassischen Publikums führte. Zu den originellsten Arbeiten der 1950er Jahre zählen jene des in Palästina geborenen Rabbinersohns Yaacov Agam, der die Veränderbarkeit seiner Arbeiten auch aus seinem jüdischen Glauben ableitete. Seine auf Spiralfedern einer Holzplatte montierten Blechkapseln vibrieren nicht nur, sondern erzeugen auch noch Klänge. Außerdem lassen sich seine auf einer durchlöcherten schwarzen Holzrückwand gesteckte Farbholzplättchen vom Betrachter zu neuen poetischen Bildern verändern.

Die Überwindung des etablierten Dualismus aus dem betrachtenden Subjekt und dem betrachteten Objekt setzt Karl Gerstner mit dem großen Gleitspiegelbild aus 48 farbigen Aluminiumlammellen fort. Mittels Magneten fixiert, erlauben sie verschiedene Konstellationen. Besonders Spielobjekte von Dieter Roth dürften viele Besucher anregen, etwa das durch Verspannen von Gummibändern am Nagelbrett eine unendliche Vielfalt an Mustern und Formen erlaubende „Gummibandbild“ von 1961, bei dem jeder selbst zum Künstler werden kann. Paul Talman schuf „Kugelteppiche“ mit halbseitig schwarz oder weiß gefärbten, in Holzplatten eingelassenen Kunststoffkugeln. Bei Drehungen einzelner Kugeln kann der Besucher zahllose Varianten erzeugen. Jene in den 1960er Jahren gestalteten Arbeiten entsprechen prinzipiell dem Geist der 68er-Bewegung. Grenzen zu sprengen, den Kunstbegriff zu erweitern, Forderungen nach Demokratisierung und optionaler Teilhabe aller sind zeitadäquate Ideen, die auch in der Kunstproduktion ihren Niederschlag fanden.

Von 1968 bis 1973 waren Kunst und Kunstmarkt vom relativ neuen Phänomen des Multiples geprägt. In Auflagen hergestellte, für jeden erschwingliche Kunst bediente sich großteils vorgefundener Massengüter aus Bauläden. Besonders Rolf Glasmeier wurde durch die Verwertung industriell produzierter Artikel wie Fenstergriffe oder Briefkastenklappen bekannt. Diese eigentlich nicht für künstlerische Zwecke geschaffenen Module aus Metall montierte er in großer Zahl auf Metallplatten, so dass der Betrachter Klappen oder Griffe nach seinem Gutdünken verändern konnte. Problemlose Vervielfältigung und geringer Kostenaufwand für den Künstler heizten kurzweilig die Bestrebungen zur Multiplizierung der Kunst an, entsprechend der damals rasch wachsenden Konsumgesellschaft. Charlotte Posenenske verweist mit ihren zu individuellen Großskulpturen zusammenfügbaren Bauelementen aus brauner Wellpappe auf die zunehmende Wegwerfgesellschaft und untergräbt dezidiert die Tradition, Kunst für die Ewigkeit zu schaffen.

Ein weiterer ausführlich in der Ausstellung behandelter Aspekt ist das im Kollektiv diskutierte und geschaffene Werk, etwa der „Gruppo N“ aus Padua. Linkspolitischen Ideologien adäquat trat das Künstler-Individuum zugunsten von Gemeinschaft und Zusammenarbeit zurück, ein Prinzip, das ja auch im Spielobjekt wirksam wird. Folglich bildeten sich Werke, die ohne individuelle, emotionale Botschaften und Handschriften universellen und logischen Prinzipien folgten. Bruno Munari verwendete dafür kalte, kunstferne Materialien wie Aluminium, Plexiglas, Gummi oder Schaumstoff. Kunst war für ihn Forschung, war Werkzeug zur eigenen Erkenntnisgewinnung. Jeder sollte die Wirkungen seiner Arbeiten selbst erfahren können. Die Kunst für alle richtete sich gegen die Idee des Künstlergenies, gegen eine egozentrische Selbstbezogenheit der Künste.

Nach einem Popularitätshöhepunkt um 1969 überlebte das Spielobjekt die 1970er Jahre nicht. Politische Wirkungslosigkeit, Scheitern der Multiple-Idee, ein passives, nur oberflächlich, destruktiv oder falsch agierendes Publikum führten dazu, dass Spielobjekte nach 1975 langsam in Vergessenheit gerieten. Neue Tendenzen lösten sich in mehrere ästhetische Strömungen und Kunstrichtungen auf.

Am Ende der Ausstellung kann der Besucher selbst zur Tat schreiten. 300 weiße, an einer Ecke angeschnittene Pappwürfel können von jedermann zu einer eigenen Skulptur zusammengefügt werden. Nach der „Intervention Impact“ von Jeppe Hein aus dem Jahr 2004 folgt der gleißend weiße „obliteration room“ der Japanerin Yayoi Kusama, die als „Tupfenprinzessin“ seit 40 Jahren Kunstwerke mit Punkten entwickelt. Der Besucher darf die aseptischen Möbel, Regale, Wände und Leuchten des Raumes mit leuchtend farbigen Klebepunkten versehen und somit in ein buntes Tupfenkunstwerk verwandeln.

Die Ausstellung „Spielobjekte. Die Kunst der Möglichkeiten“ ist noch bis zum 11. Mai zu sehen. Das Museum Tinguely täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Franken, ermäßigt 10 Franken. Zur Ausstellung ist ein variabler, wie ein Spielobjekt zu handhabender dreiteiliger Katalog im Schuber erschienen, der im Museum 48 Franken kostet.

Kontakt:

Museum Tinguely

Paul-Sacher-Anlage 1

CH-4058 Basel

Telefax:+41 (061) 68 19 321

Telefon:+41 (061) 68 19 320



07.05.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Veranstaltung vom:


19.02.2014, Spielobjekte - Die Kunst der Möglichkeiten

Bei:


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