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Die Geburt der Moderne aus dem Geist des Okkultismus: Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg erklärt das Werk des niederländischen Malers Piet Mondrian aus seiner lebenslangen, durchaus spirituellen Annäherung an die Farbe

Aus der Farbe heraus



in der Ausstellung „Mondrian. Farbe“

in der Ausstellung „Mondrian. Farbe“

Rechte Winkel, schwarze Gitterstrukturen, die Primärfarben Rot, Gelb und Blau sowie Grautöne auf weißem Untergrund. Ein relativ überschaubares malerisches Vokabular, das in unzähligen Variationen immer wieder durchexerziert wird. Die gängige Wahrnehmung verbindet genau diese Konstanten mit der Kunst von Piet Mondrian, einem der wichtigsten Avantgardekünstler des 20. Jahrhunderts, dessen Motive sich bedauerlicherweise in der breiten Öffentlichkeit dadurch abgenutzt haben, dass sie heute massenhaft auf T-Shirts und Turnschuhe, Shampooflaschen und Damenhandtaschen gedruckt werden.


Mit der aktuellen Ausstellung „Mondrian. Farbe“ will das Bucerius Kunst Forum in Hamburg der allzu verkürzten Rezeption dieses Malers entgegenwirken. „Mondrians Werk kam nicht durch Revolution zustande, sondern durch Evolution“, so die Direktorin des Hauses, Ortrud Westheider. Die von ihr kuratierte Schau konfrontiert daher das spätere avantgardistische Werk mit in Deutschland nahezu unbekannten Bildern aus früheren Schaffensphasen. Zu sehen sind 40 zentrale Werke aus dem Gemeentemuseum in Den Haag sowie zehn weitere Leihgaben aus internationalen Sammlungen. Angefangen bei Gemälden von reetgedeckten Bauernhäusern, weidenden Kühen und – in Holland nicht zu vergessen – Windmühlen, zeichnet die Schau Mondrians Weg vom konventionellen Landschaftsmaler zum späteren Hauptrepräsentanten der mit dem Bauhaus verwandten „De–Stijl“-Bewegung nach.

Doch Piet Mondrian, der 1872 in der Kleinstadt Amersfoort bei Utrecht als Sohn eines streng calvinistischen Lehrers zur Welt kam, war kein Mann der spontanen künstlerischen Brüche oder wütenden Manifeste gegen das Bestehende, wie sie zuvor die italienischen Futuristen oder die russischen Suprematisten um Kasimir Malewitsch verfasst hatten. „Das langsame Wachstum hin zum Geistigen“ sah er als das Ziel seines künstlerischen Weges. Das Prozessuale sollte zu seiner Methode werden. Mondrian tastete sich von Bild zu Bild, ja Pinselstrich zu Pinselstrich immer näher an die vollkommene Auflösung des Figurativen zugunsten einer radikalen Abstraktion heran. So mag man denn die auf den frühen Bildern so häufig vorkommenden quadratischen Scheunentore, die im Wind flatternden Bettlaken oder die wie mit dem Lineal durch die flache holländische Landschaft gezogenen Kanäle als frühe Vorläufer seines späteren geometrischen Rigorismus deuten.

Starken Einfluss übte auf ihn aber auch das 1888 erschienene Buch „Geheimlehre“ der deutsch-russischen Okkultistin und Gründerin der „Theosophischen Gesellschaft“ Helena Blavatsky aus. Bilder wie das auratisch aufgeladene 1908 entstandene Mädchenporträt „Andacht“ in leuchtendem Orange huldigen der theosophischen Vorstellung eines im Universellen der Natur aufgehenden Individuums. Im Jahr 1914 ist es dann soweit. 1911 nach Paris umgezogen und beeinflusst von den Kubisten, malt Piet Mondrian sein erstes rein abstraktes Bild: „Komposition im Oval mit Farbfeldern“.

Es ist das unbestreitbare Verdienst der Hamburger Ausstellung, die Genese der abstrakten Kunst Mondrians von der schlammigen Grün-Braun-Skala seiner frühen Landschaften über pointillistische Porträts einfacher Landbewohner, erste Berührungen mit dem Kubismus und die sich anschließende radikale Abkehr vom Gegenstand hin zur reduzierten Farbpalette anhand seiner frühen Bilder und seines geistigen Umfeldes nachzuzeichnen. Die Ausstellung schließt mit Ende der 1930er Jahre entstandenen Schachbrett- und Rasterkompositionen. Piet Mondrian, der die Niederlande in Vorahnung des Zweiten Weltkriegs 1938 verließ, um über London nach New York zu emigrieren, hat auch im amerikanischen Exil, wo er vor genau 70 Jahren am 1. Februar 1944 starb, weitergemalt. Wenigstens eines der dort unter dem Einfluss des Jazz entstandenen stark rhythmisierten Gemälde hätte die sehenswerte Schau perfekt abgerundet.

Die Ausstellung „Mondrian. Farbe“ ist bis zum 11. Mai zu sehen. Das Bucerius Kunst Forum Hamburg hat täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist er frei. Der Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet in der Ausstellung 29 Euro, im Buchhandel 45 Euro.

Kontakt:

Bucerius Kunst Forum

Rathausmarkt 2

DE-20095 Hamburg

Telefon:+49 (040) 360 996 0

Telefax:+49 (040) 360 996 36

E-Mail: info@buceriuskunstforum.de



09.02.2014

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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